Archiv: März, 2012
Mrz 31, 2012 - Reiseleben    8 Kommentare

Die perfekte Welle

Wel­len­rei­ten auf Deutsch­lands Sofas: Couch­sur­fing hat meine Reise bereichert.

Es gibt Dinge, die klin­gen in der Theo­rie so ein­leuch­tend wie das kleine Ein­mal­eins — in der Pra­xis jedoch ent­spre­chen sie gewis­ser­ma­ßen einer Divi­sion durch Null. Will hei­ßen: Sie schei­tern kläg­lich. Der Kom­mu­nis­mus ist so ein Bei­spiel, ebenso Mon­ta­ge­an­lei­tun­gen von IKEA. Oder das Prin­zip von Couch­sur­fing — so dachte ich bis vor weni­gen Wochen.

Wieso sollte jemand seine Woh­nung für einige Tage mit Frem­den tei­len — und das ohne Gegen­leis­tung? Wie neun­und­neun­zig Pro­zent aller Nicht-Couchsurfer konnte auch ich diese Frage nicht zufrie­den­stel­lend beant­wor­ten. Damals. Inzwi­schen jedoch habe ich diese Art des Rei­sens ken­nen und schät­zen gelernt; Zeit für eine erste Bilanz.

Was ist Couchsurfing?

Couch­sur­fing ist ein sozia­les Netz­werk im Inter­net mit Pro­fi­len, Freun­des­lis­ten und Foto­al­ben, also durch­aus ähnlich zu Face­book. Im Zen­trum steht aber ein ande­rer Gedanke: Mit­glie­der las­sen andere Couch­sur­fer, die auf Rei­sen sin, für einige Zeit kos­ten­frei bei sich woh­nen (oft auf der Couch — daher der Name). Die Nut­zer sind aber nicht ver­pflich­tet, eine Unter­kunft zur Ver­fü­gung zu stel­len. Sie kön­nen alter­na­tiv auch anbie­ten, sich mit ande­ren Mit­glie­dern auf einen Kaf­fee oder zum Stadt­rund­gang zu treffen.

Ist das nicht gefährlich?

So lau­tet die Stan­dard­frage von Außen­ste­hen­den — und zwar sowohl an Hosts (die­je­ni­gen, die eine Unter­kunft anbie­ten) als auch an Sur­fer (die Rei­sen­den). Schließ­lich lasse man Wild­fremde bei sich über­nach­ten bzw. näch­tige bei ihnen. Was da alles pas­sie­ren kann…

Die Ant­wort ist: eine Menge — allein die Wahr­schein­lich­keit ist kaum höher als bei der Über­nach­tung im Hotel. Ich will jetzt nicht den stets zitier­ten Ver­gleich mit den Tau­sen­den Ver­kehrs­to­ten bemü­hen. Daher nur so viel: Wenn man ein paar Dinge beach­tet, ist das Risiko beim Couch­sur­fing mini­mal, der Nut­zen jedoch groß — doch dazu gleich mehr.

Wie wäh­len Sur­fer ihre Hosts aus — und umgekehrt?

Über eine Such­funk­tion erhält der Sur­fer eine Liste mit Hosts, die in der betref­fen­den Stadt ihre Couch anbie­ten. Nun kann er eine Anfrage abschi­cken, die der Ange­schrie­bene wie­derum anneh­men oder ableh­nen kann. Das heißt: Nie­mand ist ver­pflich­tet, irgend­je­mand bei sich aufzunehmen.

Doch wie lässt sich die andere Per­son ein­schät­zen? Da ist ers­tens das für alle Mit­glie­der ein­seh­bare Pro­fil mit Fotos, Hob­bys etc., das bereits einen guten Ein­druck über den Nut­zer ver­mit­telt — und zudem, zwei­tens, via Kre­dit­karte veri­fi­ziert wer­den kann. Drit­tens ent­hält die Pro­fil­seite kurze Refe­ren­zen von ande­ren Mit­glie­dern, wel­che die jewei­lige Per­son als Host bzw. Sur­fer ken­nen­ge­lernt haben (ähnlich zu Ebay-Bewertungen). Und vier­tens muss jede Couch-Anfrage ein Anschrei­ben mit Infor­ma­tio­nen zu Rei­sen­dem und Hin­ter­grund der Reise enthalten.

Was bringt Couchsurfing?

Eine kos­ten­lose Unter­kunft: So wird die Ant­wort in neun von zehn Fäl­len lau­ten — aller­dings nur, wenn man Nicht-Mitglieder fragt. Für Couch­sur­fer selbst hin­ge­gen spielt der Geld-Faktor meist eine unter­ge­ord­nete Rolle; in vie­len Pro­fi­len steht sogar aus­drück­lich: „Bitte keine Anfra­gen von Nut­zern, die nur ein kos­ten­lo­ses Quar­tier suchen.“

Doch woher kommt dann die Moti­va­tion? In mei­nen Augen gibt es zwei zen­trale Aspekte. Ers­tens der Beweg­grund, des­sent­we­gen auch ich mich für Couch­sur­fing ent­schie­den habe: inter­es­sante Men­schen ken­nen­ler­nen. Schließ­lich will ich auf mei­ner Reise nicht nur erkun­den, wie Deutsch­land isst, son­dern auch, wie es ist. Im Falle der meis­ten Couchsurfing-Hosts beschränkt sich dies natür­lich nicht auf Deutsch­land — im Gegen­teil. „Wenn ich selbst gerade nicht durch die Welt reise“, for­mu­liert es etwa meine Gast­ge­be­rin Gabi, „dann kann ich durch Couch­sur­fing die Welt zu mir nach Cott­bus holen“.

Zwei­tens gibt es einen Beweg­grund, den vor allem Sur­fer schät­zen — und den ich vor mei­ner Deutsch­land­tour über­haupt nicht bedacht hatte: Dank Couch­sur­fing kön­nen Rei­sende ihren Rei­se­ort nicht nur klas­sisch als Tou­rist erle­ben, son­dern auch ein­tau­chen in die Welt der Men­schen vor­ort. Tat­säch­lich habe ich durch meine Hosts Orte, Spei­sen und Men­schen ent­deckt, die mir als Hotel­rei­sen­der ver­bor­gen geblie­ben wären. So war ich mit einer Gast­ge­be­rin samt Töch­ter­chen im Kin­der­thea­ter, habe eine Sän­ge­rin zur Band­probe beglei­tet, von einem Schau­spie­ler Ein­bli­cke in den Über­le­bens­kampf vie­ler Thea­ter im Osten bekom­men und in der Studenten-WG Bier um Bier geleert. Ganz zu schwei­gen von den vie­len, vie­len Sight­see­ing– und Restauranttipps.

Wer ist der typi­sche Couchsurfer?

Ich habe bei einem jun­gen Paar mit Klein­kin­dern gewohnt, bei einer Leh­re­rin, bei Stu­den­ten, bei der allein­er­zie­hen­den Mut­ter, beim alter­na­ti­ven Hippie-Pärchen und, und, und. Will hei­ßen: Der typi­sche Couch­sur­fer exis­tiert nicht. Ten­den­zi­ell sind unter den welt­weit rund vier Mil­lio­nen Mit­glie­dern aber über­pro­por­tio­nal viele Stu­den­ten; zudem sind Couch­sur­fer eher jün­ger und selbst viel gereist. Und zumin­dest nach mei­nem Ein­druck gehö­ren auch ein Schuss Gut­men­schen­tum, große Tole­ranz sowie Neu­gier auf andere Kul­tu­ren zu typi­schen Wesenszügen.

Gibt es Nachteile?

Natür­lich. Bei­spiels­weise sollte man als Couchsurfing-Gast eher nicht nur in Unter­buxe zum Früh­stück erschei­nen. Zudem kommt es vor, dass einen mor­gens nicht der Duft fri­schen Kaf­fees son­dern Kin­der­ge­schrei weckt — oder schon des Nachts ein allzu zudring­li­cher Hund („Der wollte nur spie­len…“). Auch in Sachen Hygie­ne­emp­fin­den kommt es vor, dass der Host von den eige­nen Stan­dards in etwa so weit ent­fernt ist wie die FDP der­zeit von der Fünf­pro­zent­hürde. Und wie im hei­mi­schen All­tag trifft man mit­un­ter auf nerv­tö­tende, dumme und müf­felnde Men­schen — oder sol­che, die eben diese Eigen­schaf­ten der eige­nen Per­son attes­tie­ren. Kurzum: Couch­sur­fing ist im Grunde wie das Rei­sen selbst: meist auf­re­gend, bis­wei­len anstren­gend, sel­ten ärger­lich — aber alles in allem sehr, sehr lohnenswert!

(Mehr Infos auf der Couchsurfing-Webseite)

Mrz 29, 2012 - Brandenburg    1 Kommentar

Nachtrag: Beim Knieperfuchs

Ich (rechts) habe Horst Fenske (links) besucht, um mehr über den Knie­per­kohl (Mitte) zu erfahren.

In die­sem Blog schreibe ich über Essen und über Men­schen — mal nett, mal weni­ger nett. Umso gespann­ter war ich, als ver­gan­gene Woche ein­mal über mich und meine Reise geschrie­ben wurde. Bernd Atzen­roth von der Mär­ki­schen All­ge­mei­nen Zei­tung (MAZ) hat einen Arti­kel über mei­nen Besuch in Pritz­walk bei Knie­per­fuchs Horst Fenske ver­fasst (zum Bericht in mei­nem Blog).

Weil ich dabei fast ebenso gut weg­komme wie das lokale Lieb­lings­es­sen, der Knie­per­kohl, will ich euch den Arti­kel nicht vor­ent­hal­ten — auch wenn Herr Atzen­roth ein reich­lich über­flüs­si­ges c in mei­nen Namen geschum­melt hat…

 

Sät­ti­gend und gar nicht sauer

Knie­per­kohl kam beim Essens­test gut weg / Patrick Stäbler ver­fasst Buch über regio­nale Gerichte

Von Bernd Atzenroth

PRITZWALK — Damit hatte Patrick Stäbler nicht gerech­net. „Ich dachte, auf mich war­tet so etwas ähnli­ches wie Sau­er­kraut“, erzählte er über seine erste Erfah­rung mit Knie­per­kohl, „aber es war ganz anders und hatte einen wohl­tu­end eige­nen Geschmack.“ Was wohl auch am Koch liegt: Horst Fenske ser­vierte sei­nem Gast am ver­gan­ge­nen Sams­tag Knie­per mit Kohl­wurst und Kar­tof­feln – eine sehr sät­ti­gende Mahl­zeit, wie Stäbler auch bemerkte. „Sauer Knie­per heißt ja nicht, dass das Knie­per­ge­richt sauer sein muss“, erklärte Fenske, wie es zu der etwas ande­ren Erwar­tungs­hal­tung Stäblers kam. Fenske selbst sorgt mit sei­ner Zube­rei­tung dafür, dass das Gericht so schmeckt, wie sich die meis­ten Prignit­zer das wünschen.

Patrick Stäbler bereist seit dem 1. März ganz Deutsch­land auf der Suche nach lan­des­ty­pi­schen Gerich­ten. Aus­gangs­punkt war für ihn Mün­chen. Der Jour­na­list will ein Buch schrei­ben über die deut­sche Küche, das aber eher so etwas wie ein kuli­na­ri­scher Rei­se­be­richt sein wird. „Ich will Spei­sen vor­stel­len, die außer­halb der jewei­li­gen Region nicht so bekannt sind.“ Dafür ist er jetzt drei Monate lang land­auf landab unterwegs.

Natür­lich hat er vor­her recher­chiert und ist dabei „irgend­wann über den Knie­per­kohl gestol­pert“. Als er sich dann tief­ge­hen­der mit der Mate­rie beschäf­tigte, stieß er auf Horst Fenske.

„Er ist ja wirk­lich ein Hort des Wis­sens“, meinte Stäbler aner­ken­nend im MAZ-Interview nach dem Ter­min im „Deut­schen Haus“. Es sei wirk­lich span­nend gewe­sen, was Horst Fenske alles zum Prignit­zer Leib– und Magen­ge­richt erzäh­len konnte.

Drei Stun­den lang hat sich Fenske am Sams­tag – dann ist Ruhe­tag im „Deut­schen Haus“ – Zeit für den Gast aus Süd­deutsch­land genom­men, der vor­her schon ein­mal die „Knie­per­fi­bel gewälzt“ hat, um sich auf das Zusam­men­tref­fen vor­zu­be­rei­ten. „Es ist toll, wenn die Men­schen sich für so etwas ein­set­zen“, lobte Stäbler wei­ter. Dass sich der Gast­wirt etwa aus lau­ter Begeis­te­rung für das Lokal­ge­richt sogar in das Knieperfuchs-Kostüm zwängte und ent­schei­dend das Vor­ha­ben „Knie­per­stadt Pritz­walk“ ange­scho­ben hat, nötigt dem Autor Respekt ab.

„Es ist nun­mal mein Ste­cken­pferd“, meint der so Gelobte dazu. So konnte er sei­nem Gast viel über die unter­schied­li­chen Kohl­sor­ten erklä­ren und über die Zube­rei­tung. Dass sich gerade jetzt jemand für den Knie­per­kohl auf diese Weise inter­es­siert, führt Fenske auf die viel­fäl­ti­gen Akti­vi­tä­ten zurück, die zusam­men mit dem Tou­ris­mus­ver­band jetzt ange­scho­ben wor­den sind. Fenske freut sich auch, dass West– und Ost­p­rignit­zer in die­ser Sache zuneh­mend zusam­men agieren.

Patrick Stäbler wie­derum wird dem­nächst seine Erfah­run­gen schil­dern, nach­zu­le­sen zunächst auf sei­ner Seite im welt­wei­ten Netz deutschland-isst.info. Schließ­lich will er sei­nen „Rei­se­be­richt mit Rezep­ten“ auch als Buch veröffentlichen.

(Den Arti­kel ver­öf­fent­li­che ich hier mit der freund­li­chen Erlaub­nis von Bernd Atzen­roth von der MAZ. Auch Knie­per­fuchs Horst Fenske hat über mei­nen Besuch auf sei­ner Web­seite und sei­ner Facebook-Fanseite kurz berichtet. )

Mrz 29, 2012 - Berlin, Brandenburg    Kein Kommentar

One-Man-Show im klapprigen Dacia

On the road again… Am mor­gi­gen Frei­tag war­tet auf mei­nen Dau­men wie­der ein­mal Schwerst­ar­beit. Von Schwe­rin will ich nach Stral­sund an die Ost­see­küste tram­pen, und gerade beim Blick auf die grau­triste Wet­ter­vor­sage könnte das eine müh­se­lige Ange­le­gen­heit wer­den. Den­noch will ich nicht auf Mit­fahr­zen­trale oder Zug aus­wei­chen, denn das Rei­sen per Anhal­ter mag mit­un­ter beschwer­lich sein — span­nend und ereig­nis­reich ist es allemal.

Über eine beson­ders denk­wür­dige Anhalt­er­fahrt nach Ber­lin habe ich bereits in mei­nem Blog berich­tet. Nun widme ich auch meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur die­ser „One-Man-Show im klapp­ri­gen Dacia“. (Lesehin­weis: Am bes­ten durch einen Klick auf das unten ste­hende Bild zum Arti­kel sprin­gen — und dann noch mal das Bild anklicken)

Mrz 26, 2012 - Brandenburg    Kein Kommentar

Zu Besuch beim Knieperfuchs

Es ist die erste Frage, die den Knie­per­fuchs ins Grü­beln bringt. „Warum ich mich so für den Knie­per­kohl ein­setze?“, wie­der­holt Horst Fenske und blickt mich einen Augen­blick lang ver­dutzt an. In den ver­gan­ge­nen drei Stun­den hat der 68-Jährige wort­reich die Geschichte die­ses außer­ge­wöhn­li­chen Gerichts vor­ge­tra­gen, seine Rolle in der Region Prignitz in Nordwest-Brandenburg erklärt, seine Zube­rei­tung erläu­tert, ja sogar Gedichte zu Ehren der Spe­zia­li­tät rezi­tiert. Und natür­lich hat Fenske mir eine reich­li­che Por­tion Knie­per­kohl auf­ge­tischt, mit Lun­gen­wurst und Kar­tof­feln — ebenso vor­züg­lich wie hab­haft, sodass ich erst am andern Tag wie­der ans Essen den­ken werde.

Warum also kämpft Horst Fenske seit fast zwei Jahr­zehn­ten so lei­den­schaft­lich für den Knie­per­kohl wie Alice Schwar­zer für die Rechte der Frauen? „Zunächst ein­mal inter­es­siere ich mich gene­rell für Geschichte“, beginnt er zag­haft. „Auß­der­dem liegt mir die Region am Her­zen.“ Und dann nennt Fenske noch einen Punkt, der mir auf mei­ner kuli­na­ri­schen Reise bereits mehr­fach begeg­net ist — sei es beim Mutzbraten-König aus Schmölln, beim Rübchen-Papst aus Tel­tow oder bei Spreewald-Koch Peter Franke: „Ich will den Knie­per­kohl und seine Tra­di­tion für die kom­men­den Gene­ra­tio­nen bewah­ren.“ Schließ­lich sei Knie­per­kohl ein wun­der­ba­res Gericht, „und es wäre trau­rig, wenn er in Ver­hes­sen­heit gera­ten würde“.

Des­halb hat Horst Fenske aus Pritz­walk Tage, Monate, Jahre für den Knie­per­kohl geop­fert — und ist sogar in ein Fuchs­kos­tüm geschlüpft. Doch dazu spä­ter mehr; zunächst die Fak­ten: Knie­per­kohl hat sei­nen Ursprung im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg (1618 — 1648). Nach einer ver­hee­ren­den Schlacht in der Prignitz war die Nah­rung knapp und die Men­schen ver­zwei­felt. Ein fin­di­ger Land­wirt kam daher auf die Idee, den bis dato als Vieh­fut­ter genutz­ten Braun­kohl sauer ein­zu­le­gen. Im Laufe der Jahre kamen Weiß– und Grün­kohl hinzu, sodass der Knie­per­kohl inzwi­schen aus drei gesäu­er­ten Kohl­sor­ten besteht.

Heute könnte man mit dem Zir­kel einen 20 Kilo­me­ter wei­ten Kreis um die Prignitz zie­hen — außer­halb der Linie dürfte der Begriff Knie­per­kohl nur rat­lo­ses Schul­ter­zu­cken her­vor­ru­fen. Doch selbst in sei­ner Hei­mat drohte das Tra­di­ti­ons­ge­richt in den Neun­zi­ger­jah­ren in Ver­ges­sen­heit zu gera­ten, wes­halb Horst Fenske die Initia­tive ergreift. Für sei­nen Imbiss und spä­ter für seine Gast­stätte „Deut­sches Haus“ stellt er schon län­ger Knie­per­kohl her — nun kommt das offen­sive Mar­ke­ting hinzu.

Fenske holt den Tou­ris­mus­ver­ein ins Boot, ver­an­stal­tet Knie­per­feste und Knie­per­tou­ren, ver­legt eine Knie­per­fi­bel, sorgt für den Schrift­zug „Knie­per­stadt“ auf dem Orts­schild und sichert die Mar­ken­rechte am Wort Knie­per­kohl. Zudem gibt er sich selbst den Namen Knie­per­fuchs, bekommt von der Schwes­ter ein Kos­tüm geschenkt und streift die­ses fortan bei allen Ver­an­stal­tun­gen über. „Anfangs habe ich gesagt, dass ich mich nie in die­sem Kos­tüm zum Affen mache“, erin­nert sich Fenske und grinst. „Aber dann hab ich’s doch gemacht — für den Knie­per­kohl und natür­lich auch für meine Gaststätte.“

Mehr noch: In Archi­ven forscht Fenske nach der Geschichte des Knie­per­kohls. Über das Inter­net ver­kauft er Knieperkohl-Konserven nach ganz Deutsch­land; zudem kre­iert er neue Gerichte wie Knie­per­brot, Knie­per­roll­bra­ten oder Knie­per­sülze. Immer wie­der berich­ten Zei­tung und Fern­se­hen über Fens­kes Trei­ben — und sein schrä­ges Alter Ego, den Knieperfuchs.

Wir haben die Grund­lage geschaf­fen, dass auch die kom­men­den Gene­ra­tio­nen Knie­per­kohl  ken­nen und genie­ßen kön­nen“, sagt Fenske nicht ohne Stolz. Und so lässt sich auch seine Moti­va­tion mit einem Satz zusam­men­fas­sen, den mir Spreewald-Koch Peter Franke bei mei­nem Besuch dik­tiert hat: „Mein Ziel lässt sich am bes­ten wie folgt beschrei­ben: Bewah­ren durch essen.“

Hier noch ein paar Bil­der von mei­nen Besuch beim Knieperfuchs:

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Eigent­lich heißt die Gast­stätte in Pritz­walk (Nordwest-Brandenburg) „Deut­sches Haus“. Doch fast bekann­ter ist der inof­fi­zi­elle Name, der bereits über der Ein­gangs­tür prangt: Zum Knieperfuchs.

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Drin­nen emp­fängt mich sogleich der Knie­per­fuchs, mit bür­ger­li­chem Namen: Horst Fenske. Er hat sich das Werbe-Maskottchen für den Knie­per­kohl ausgedacht…

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… und schlüpft sogar bis­wei­len in ein manns­gro­ßes Fuchs­kos­tüm. Inzwi­schen jedoch über­neh­men seine Frau und sein Sohn zuneh­mend diese Auf­gabe — so wie auf die­sem Bild.

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Ich (rechts) habe Horst Fenske (links) besucht, um mehr über den Knie­per­kohl (Mitte) zu erfahren.

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… zusam­men mit Kar­tof­feln und einer Lun­gen­wurst. Schmeckt ebenso vor­züg­lich wie hab­haft — die fol­gen­den 24 Stun­den werde ich nicht ein­mal ans Essen denken.

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Fenske wirbt mit einer Lei­den­schaft für den Knie­per­kohl, die sei­nes­glei­chen sucht: Da gibt es das Knieperfuchs-Mobil…

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… den Knieperfuchs-Schlüsselanhänger und den Knie­per­li­kör für die Verdauung…

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… und natür­lich ver­treibt Horst Fenske via Inter­net­shop auch Knieperkohl-Konserven.

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Und weil Fenske den Knie­per­kohl für die kom­men­den Gene­ra­tio­nen bewah­ren will, steht am Aus­gang ein Körb­chen mit Braunkohl-Samen. Damit viel­leicht der ein oder andere Gar­ten­lieb­ha­ber die­sen Haupt­be­stand­teil des Knie­per­kohls für sich entdeckt.

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Mrz 24, 2012 - Brandenburg, Rezepte    1 Kommentar

Zum Nachkochen (4): Buttermilch-Plinsen

Spreewald-Koch Peter Franke.

200 Tage im Jahr ist Peter Franke als Spreewald-Koch unter­wegs, um in ganz Deutsch­land die Wer­be­trom­mel für die Küche sei­ner Wahl­hei­mat zu rüh­ren — auf Mes­sen, bei Fes­ten, in Kauf­häu­sern. Mein Glück, dass ich Franke in sei­nem Land­gast­hof in Wer­ben (Spree­wald) antraf. Und noch glück­li­cher war ich, als bereits nach zehn Minu­ten das erste Schman­kerl vor mir auf dem Tisch stand: zwei damp­fende Plin­sen, wie der Pfannkuchen/Eierkuchen in die­ser Region heißt.

Das Beson­dere daran: Franke hat das Rezept von sei­ner Schwie­ge­roma, die neben Voll­milch auch But­ter­milch in den Teig gibt. „Das macht die Plin­sen locke­rer“, behaup­tet der Spreewald-Koch. „Und außer­dem sind sie dadurch län­ger haltbar.“

Hier das Rezept zum Nachkochen.

Zuta­ten:

  • 500 ml Milch (Voll­milch / Buttermilch)
  • 4 Eier
  • 1 Mes­ser­spitze Salz
  • 250g Mehl

Zube­rei­tung:

  1. Alle Zuta­ten mit einem Schnee­be­sen gut verrühren
  2. Öl (im Spree­wald gerne Leinöl) in der Pfanne erhit­zen und je eine Schöpf­kelle Teig in die Pfanne geben und gold­gelb von bei­den Sei­ten backen
  3. Mit Mar­me­lade, Honig, Früch­ten etc. servieren

Guten Appe­tit!

Buttermilch-Plinsen.

(Die Fotos habe ich von Peter Franke und zeige sie hier mit sei­ner freund­li­chen Erlaubnis.)

Mrz 23, 2012 - Reiseleben    Kein Kommentar

Speiseplan 2.0

Nach mehr als drei Wochen habe ich nun erst­mals meine Route aktua­li­siert. Zum einen in Rich­tung Ver­gan­gen­heit — also Gerichte, die ich auf mei­ner bis­he­ri­gen Reise ent­deckt habe. Zum ande­ren in Rich­tung Zukunft — also jene regio­nale Spe­zia­li­tä­ten, die ich auf­grund von Freun­des­tipps anpei­len werde. Dazu gehö­ren etwa Pfef­fer­pott­hast (Danke Jan!), Stop­sel (Danke Uli!) und das Zun­gen­ra­gout (Danke liebe Anhal­te­rin aus Mag­de­burg mit den roten Haaren!).

Doch wei­ter­hin gilt: Meine Route ist nicht in Stein gemei­ßelt. Habt Ihr noch wei­tere Gerichte, die ich unbe­dingt auf mei­nen Spei­se­plan set­zen sollte? Dann gebt Bescheid! (zur Kon­takt­seite)

Mrz 22, 2012 - Thüringen    2 Kommentare

Aus dem Leben des Mutzbraten-Königs

Nen­nen Sie ein typisch deut­sches Gericht?“ Käme diese Frage bei „Fami­li­en­du­ell“ (gibt’s das noch?), dürfte die Ant­wort Eis­bein ganz oben auf­tau­chen — und das, obwohl Spa­ghetti, Reis­pfanne oder Pizza den Klas­si­ker längst aus der Esstisch-Bundesliga ver­drängt haben. Ich selbst habe noch kein ein­zi­ges Eis­bein ver­speist, doch das wird sich heute Abend ändern: In Mag­de­burg, wo Eis­bein Bötel heißt und mit Lehm (Erbs­brei) und Stroh (Kraut) ser­viert wird, besu­che ich die Bötel­stube und gehe dem Schwein auf die Knochen.

Von mei­nen Ein­drü­cken werde ich als­bald berich­ten, doch zuvor bli­cke ich zurück nach Schmölln in Thü­rin­gen. Dort gibt es mit dem Mutz­bra­ten so unge­fähr den Gegen­pol zum Eis­bein — außer­halb der Region kaum bekannt, dafür aber umso schmack­haf­ter. Und als wäre das noch nicht genug, durfte ich den Mutz­bra­ten auch noch im Besein des Mutzbraten-Königs genie­ßen, dem ich dar­auf­hin meine sams­täg­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur gewid­met habe.

Lese­freund­li­cher steht der Text wie immer auf der Merkur-Webseite; zudem hat die Landkreis-Redaktion auch eine eigene Facebook-Seite.

Mrz 20, 2012 - Berlin    2 Kommentare

Drei Tage Döner en masse

Mit der Schwar­min­tel­li­genz ist das so eine Sache. Die Masse hört Morningshows im Pri­vat­ra­dio — obwohl Musik und Mode­ra­to­ren so ver­gnüg­lich sind wie ein Bar­fuß­spa­zier­gang im Nadel­wald. Die Masse lacht über Mario Barth — der unge­fähr so lus­tig ist wie Über­stun­den im Büro. Und die Masse liest Bild — eine Zei­tung, die es mit der Wahr­heit so genau nimmt wie die Barone Münch­hau­sen und zu Gut­ten­berg. Kurzum: Die Masse irrt oft — doch nicht im Fall des Ber­li­ner Döner.

Drei Tage lang habe ich mich durch die Kebap­bu­den der Haupt­stadt pro­biert: von Rind– bis Kalb­fleisch, von Hähn­chendö­ner bis zur vega­ni­schen Vari­ante. Sie­ben Läden habe ich getes­tet, und mit Abstand am bes­ten schmeckte es bei „Mustafa’s Gemü­se­kebap“: zart­wür­zi­ges Hähn­chen­fleisch im kros­sen Fla­den­brot, dazu Auber­gi­nen, Zuc­chini, Kar­tof­feln, Karot­ten und Ret­tich, dar­über reich­lich Schafs­käse, Gur­ken, Toma­ten, Salat, Zwie­beln, zwei­er­lei Kraut, Früh­lings­zwie­beln, fri­sche Kräu­ter von Minze bis Knob­lauch, eine for­mi­da­ble Joghurts­oße, etwas scharfe Chil­isoße und oben­auf ein paar Sprit­zer Zitro­nen­saft… oder kurz gesagt: G R O S S A R T I G !

Und damit zur Masse: Mustafa’s zählt über 10.000 Fans bei Face­book, hat einen eige­nen Video­spot, eine glit­zer­blink­tö­nende Web­seite, taucht bei der Google-Suche nach „Ber­lin Döner“ ganz oben auf — und all das, obwohl die win­zige Bude am Meh­ring­damm in Kreuz­berg bewusst mit ihrem Gemü­se­dö­ner wirbt.

Drei Mal habe ich Mustafa’s immer zu unter­schied­li­chen Tages­zei­ten besucht, und drei Mal war die Schlange län­ger als vor jeder Damen-Toilette im Wiesn-Zelt am Sams­tag­abend. Die Masse — zumin­dest in die­sem Fall liegt sie gold­rich­tig. Und daran werde ich den­ken, wenn Mario Barth dem­nächst in der Morningshow aus der Bild vorliest.

 

Hier noch ein paar Bil­der von mei­nen sie­ben Döner-Stationen:

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Das Döner-Quartett sollte mein kuli­na­ri­scher Rei­se­füh­rer für Ber­lin sein. Dafür nahm ich sogar die ungläu­bi­gen Bli­cke der hüb­schen Ver­käu­fe­rin im Buch­la­den in Kauf.

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Die ers­ten bei­den Quar­tett­kar­ten erwie­sen sich jedoch als Rein­fall: Die dort ange­ge­be­nen Döner­bu­den gab es nicht mehr. Erst bei Num­mer drei wurde ich fün­dig: „Ali Baba“ im Prenz­lauer Berg, das einst unter dem Namen „Ali Baba und die 40 Hähn­chen“ firmierte.

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Kaum über­ra­schend bekam ich dort einen Hähn­chendö­ner ser­viert sowie selbst­ge­mach­ten Ayran. Bei­des schmeckte vor­züg­lich, doch noch mehr beein­druckte mich eine andere Geschichte: Das „Ali Baba“ wird tat­säch­lich von acht (!) Brü­dern geführt — im Quar­tett­spiel ein unschlag­ba­rer Wert.

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Noch am glei­chen Abend ging’s zum „Mega Grill“ nach Fried­richs­hain — ein Laden, der laut Quar­tett­karte schon seit 1985 Döner serviert.

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Trotz Spiel­au­to­ma­ten, trotz Essens­bil­dern an den Wän­den und trotz des wan­ken­den Alko­ho­li­kers an der Theke orderte ich einen Döner — die mau­este Teig­ta­sche mei­ner Tour. Kurz dar­auf stellte sich her­aus: Vor eini­gen Jah­ren hat der Besit­zer gewech­selt — offen­bar mit ungu­ten Folgen…

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Zwei­ter Tag, drit­ter Döner: Bei „Imren“ in Kreuz­berg schich­ten die Mit­ar­bei­ter die Fleisch­spieße noch selbst und ver­wen­den dabei aus­schließ­lich Rindfleisch.

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Wie­der gab’s haus­ge­mach­ten Ayran dazu — das per­fekte Getränk zum Döner. Mein Fazit hier: Der Kebap beschränkt sich auf das Wesent­li­che — Brot, Fleisch, Toma­ten, Salat, Zwie­beln, Soße — und ist sehr, sehr lecker.

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Döner Num­mer vier gab’s im „Istan­bul Bis­tro“ — eine von außen eher schä­big aus­se­hende Bude direkt am U-Bahn-Aufgang Hal­le­sches Tor in Kreuz­berg. Ich rech­nete mit dem Schlimmsten…

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… und wurde posi­tiv über­rascht. Auf meine inzwi­schen schon geübte Bestel­lung „Döner kräuter-scharf“ bekam ich einen Kebap ser­viert, den ich als Berlin-Standard bezeich­nen würde: kross gegrill­tes, dün­nes Fla­den­brot, wür­zi­ges Fleisch, fri­scher Salat, Zwie­beln, Blau­kraut, Toma­ten und zwei­er­lei leckere aber nicht zu domi­nante Soßen, die übri­gens anders als etwa in Mün­chen vor den wei­te­ren Zuta­ten ins Brot kommen.

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Der Fol­ge­tag begann dann mit einer Döner-Institution in Ber­lin: einem der sechs Hasir-Restaurants am Kott­bus­ser Tor in Kreuz­berg. Hier soll Meh­met Aygün Anfang der Sieb­zi­ger­jahre angeb­lich als ers­ter in Deutsch­land den Döner im Fla­den­brot ver­kauft haben.

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Eigent­lich hatte ich gehofft, mit dem Döner-Erfinder zu spre­chen. Doch nach unzäh­li­gen Tele­fo­na­ten stellte sich her­aus: Aygün weilt der­zeit in der Tür­kei. Aus Ärger hatte ich mir eigent­lich vor­ge­nom­men, den Hasir-Döner über­haupt nicht zu mögen. Aber das stellte sich als unmög­lich her­aus. Denn auch für diese Fleisch­ta­sche gilt: ein sehr essens­wer­ter Gaumenschmaus.

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Das Wort Gau­men­schmaus würde ich für den danach fol­gen­den Döner nicht unbe­dingt ver­wen­den: den vega­ni­schen Seitan-Kebap von Vöner in Fried­richs­hain. Für alle Nicht-Ökos: Sei­tan ist laut Wiki­pe­dia „ein Pro­dukt aus Weiz­en­ei­weiß (Glu­ten) mit flei­schähn­li­cher Konsistenz“.

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Mein Fazit zum Vegan-Döner: Schmeckte weit bes­ser als erwar­tet — aber bei wei­tem nicht so gut wie die Fleisch­kol­le­gen zuvor.

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Und damit zum Sie­ger mei­nes klei­nen Döner-Tests: „Mustafah’s Gemü­se­kebap“ direkt am Meh­ring­damm in Kreuz­berg. Und mit mei­ner Mei­nung bin ich nicht alleine: Vor der Bude von Tarik Kara bil­det sich zur Mit­tags­zeit eine bis zu 30 Meter lange Schlange.

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Zart­wür­zi­ges Hähn­chen­fleisch, dazu frit­tierte Auber­gi­nen, Zuc­chini, Kar­tof­feln, Karot­ten und Ret­tich, dar­über reich­lich Schafs­käse, Gur­ken, Toma­ten, Salat, Zwie­beln, zwei­er­lei Kraut, Früh­lings­zwie­beln, fri­sche Kräu­ter von Minze bis Knob­lauch, eine for­mi­da­ble Joghurts­oße, etwas scharfe Chil­isoße und oben­auf ein paar Sprit­zer Zitro­nen­saft… oder kurz gesagt: G R O S S A R T I G !

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Bei „Mustafah’s“ gibt’s übri­gens sowohl vege­ta­ri­schen Gemü­se­kebap (€2,60) als auch eine Ver­sion mit Gemüse und Hühn­chen (€2,90), für die ich mich ent­schie­dene habe. Mein Tipp für alle Ber­li­ner und Berlin-Urlauber: Geht hin!

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Mrz 18, 2012 - Berlin, Brandenburg    1 Kommentar

Der Nazi pisst sich in die Hose!“

Anhalter

Über­ra­schungsei Anhal­ter­reise: Wer den Dau­men reckt, weiß nie, was einen im Auto erwartet.

Die hier habe ich immer dabei“, sagt Tunis, greift hin­ter sich, angelt ein paar schwarze Leder­hand­schuhe her­vor — und don­nert sie kra­chend aufs Arma­tu­ren­brett. Kra­chend? „Da ist Quarz­sand ein­ge­näht“, ver­rät der 39-Jährige und grinst mich an. „Damit ich mich bei Schlä­ge­reien nicht mehr selbst verletze.“

Nun wird mir doch etwas mul­mig auf dem Bei­fah­rer­sitz. Mein Blick wan­dert zur Hand­bremse; im Geiste sehe ich mich wie James Bond aus dem fah­ren­den Auto hech­ten. „Ich habe mir näm­lich schon oft beim Zuschla­gen die Fin­ger gebro­chen“ — zum Beweis wedelt Tunis seine Hand vor mei­nen Augen auf und ab. „Und auch hier am Kopf habe ich Wunden.“ Tunis wischt sein peni­bel gestyl­tes Haar aus der Stirn, beugt sich zu mir und prä­sen­tiert seine Nar­ben — bei 140 Stun­den­ki­lo­me­tern auf der Auto­bahn. „Ich schlage näm­lich mit Fäus­ten und Kopf zu. Mach ich immer so“, sagt Tunis. 

Rück­blende: Am Stadt­rand von Cott­bus stoppt ein klapp­ri­ger Dacia neben mei­nem aus­ge­streck­ten Dau­men. „Ber­lin? Klar, steig ein“, ruft Tunis durchs Fens­ter. „Ich bin gerade arbeits­los und fahre da hin, weil mir lang­wei­lig ist.“ Ich ver­staue also mei­nen Ruck­sack auf der Rück­bank neben dem Kin­der­sitz, schnalle mich an — und werde in den fol­gen­den 90 Minu­ten Zeuge eines ein­ma­li­gen Schau­spiels: Tunis‘ One-Man-Show, bei der ich ledig­lich als Stich­wort­ge­ber diene in einem an Inhalts­fülle und Tempo beein­dru­cken­den Monolog.

Wenn Tunis in sei­nem Misch­masch aus Ber­li­ne­risch, Cott­bus­se­risch, Hoch­deutsch und Deutsch­tür­kisch los­legt, klingt das unge­fähr so: „Isch­hab­mit­den­Na­zis­kee­ne­Pro­bleme, weißte, die­las­sen­michin­Ruhe. Nure­en­mal, weißte, dahat­sone­Glatze, hatsoausdemAutogebrüllt, weißte, brüll­terso Ver­schwin­de­du­Aus­län­der geh­zu­rück­wo­d­u­her­kommst undso. Also­zie­hich­mein­eLe­der­ja­cke­aus, sone­schwer­eLe­der­ja­cke, weißte. Und­da­sa­gich, sozuihm, Stei­gaus­du­scheiss­Nazi!, weißte. TraudichdochduSchwein!“ 

Ich sollte anmer­ken: Für diese fünf Sätze braucht Tunis höchs­tens zwei Sekun­den — und das, obwohl er seine Geschichte mit Hän­den, Füßen, Ges­ten, Geräu­schen und wech­seln­den Stimm­la­gen unter­malt. „Und­weißte, daste­heich­dann­vor­de­m­Auto, weißte, ste­hichda. Und­was­mach­ter? Der­Na­zi­pisst­sichin­die­Hose. Pisst­sichin­die­Hose!“ Tunis schüt­telt sich vor Lachen. Er blickt zu mir, sieht mein Grin­sen, lacht noch lau­ter. „Die­ser­Na­zi­ware­in­Schrank, weißte, sogroßund­fett, weißte, und­dann­fährt­der­ein­fach­da­von. ZiehtdenSchwanzein!“

Wäre ich ARD-Chef — Tunis hätte eine eigene Late-Night-Show sicher. Mühe­los springt er in sei­ner Lebens­ge­schichte hin und her, erzählt von den elf Jah­ren als Ver­käu­fer in Anta­lya („Da hab ich gelo­gen, dass sich die Bal­ken bie­gen.“), von sei­ner Frau („Die ist Beam­tin, die hat sich an den Staat ver­kauft.“), von sei­nem Ein­bür­ge­rungs­ver­such („Die woll­ten, dass ich einen Sprach­test mache. Ich! Also bin ich Türke geblie­ben. Was bringt mir ein deut­scher Pass?“), von sei­nen Träu­men („Bis 50 will ich so hun­dert­tau­send Euro bei­seite geschafft haben — Bank­über­fall, Lotto oder Spa­ren, egal. Und dann wan­dern wir nach Anta­lya aus.“) und von sei­ner Toch­ter, die jüngste Abge­ord­nete aller Zei­ten im Cott­bus­ser Stadt­rat. („Inzwi­schen hat sie ihr Amt nie­der­ge­legt, weil sie wegen ihres Stu­di­ums keine Zeit mehr hat. Die ist ein­fach zu ehr­lich für einen Poli­ti­ker. Das hat sie vom Großvater.“)

Ein­ein­halb Stun­den spä­ter zieht Tunis sei­nen Dacia rechts ran, direkt am Her­mann­platz, Ber­lin Neu­kölln. Ich bin nahe dran, ihn zu bit­ten, noch ein paar Run­den — und damit ein paar Anek­do­ten lang — zu dre­hen. Doch ich mich ent­scheide dage­gen, steige aus und ver­ab­schiede mich von Tunis, der mir so offen und aus­führ­lich aus sei­nem Leben erzählt hat.

Und damit ist er nicht allein: Als würde mit mei­nem Zustei­gen der Fah­rer­sitz zur Psych­ia­ter­couch, schüt­ten viele Anhal­ter dem unbe­kann­ten Tram­per ihr Herz vor die Füße. Etwa der lie­bens­wür­dige Alten­bur­ger, der mich auf dem Heim­weg vom Grab sei­ner Ehe­frau auf­ga­belte. Sie sei erst vor drei Wochen gestor­ben, berich­tete er offen­her­zig, und erzählte mir im fol­gen­den Gespräch von sei­nem See­len­le­ben nach dem Tod.

Oder der Unter­neh­mer in lila Cord­hose, der kurz vor Cott­bus auf seine Mili­tär­zeit in der DDR zu spre­chen kam: „Ich war auch an der Grenze. Ich musste zum Glück nie auf jeman­den schie­ßen. Aber wenn es dazu gekom­men wäre, weiß ich nicht, was ich getan hätte. Viel­leicht hätte ich absicht­lich dane­ben gezielt, viel­leicht auch nicht. Das kann jetzt kei­ner sagen.“

Oft frei­lich sind es weit weni­ger dra­ma­ti­sche Berichte, son­dern kurze Ein­bli­cke in die eigene Lebens­ge­schichte. Oder län­gere — wie in Tunis‘ Fall. Erst als am Stra­ßen­rand bereits die Neu­köll­ner Döber­bu­den auf­tau­chen - nach einem fuß­ball­spiel­lan­gen Rede­schwall — wen­det er sich erst­mals an mich: „Wat­machst­ndu­ei­gent­lichso?“ Wor­auf­hin ich mei­nen ers­ten voll­stän­di­gen Satz sage: „Ich bin Journalist.“

Jour­na­list?“ Tunis wie­der­holt das Wort lang­sam. Mehr nicht. Und für einen kur­zen Moment herrscht tat­säch­lich Ruhe.

Mrz 16, 2012 - Rezepte, Sachsen    1 Kommentar

Zum Nachkochen (3): Teichelmauke

Peter Bes­ser mit einem Tel­ler Teichelmauke.

Vom Namen her sicher das schönste Gericht auf mei­nem Spei­se­plan: Die Ober­lau­sit­zer Tei­chel­mauke ist ein Ring aus Kar­tof­fel­brei, in des­sen Mitte Rind­fleisch, Sau­er­kraut und reich­lich Brühe thro­nen. Hier das Rezept von Peter Bes­ser vom Wirts­haus Zum Alten Sack in Zit­tau.

Zuta­ten:

  • 1,5 Kilo Kartoffeln
  • 6 Piment­kör­ner
  • 500 Gramm Koch­fleisch vom Rind
  • 1 Sup­pen­ge­müse
  • Majo­ran
  • 1 Zwie­bel
  • Salz
  • Rin­der­brühe
  • Sau­er­kraut

Zube­rei­tung:

  1. Kar­tof­feln schä­len, kochen, zer­stü­ckeln und danach mit Salz, Majo­ran und etwas Brühe zerstampfen
  2. Sau­er­kraut kochen
  3. Aus Fleisch, Sup­pen­ge­müse, Zwie­bel, Salz und Piment­kör­nern eine kräf­tige Brühe kochen
  4. Kno­chen ent­fer­nen und Fleisch in kleine Stü­cke schneiden
  5. Kar­tof­fel­brei (die „Mauke“) auf einem Tel­ler anrich­ten und in der Mitte eine Ver­tie­fung drü­cken. Dort hin­ein kom­men dann Fleisch, Kraut und reich­lich Brühe, sodass ein klei­ner Teich ent­steht („Teichel“)

Guten Appe­tit!

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