Mrz 31, 2012 - Reiseleben    8 Kommentare

Die perfekte Welle

Wel­len­rei­ten auf Deutsch­lands Sofas: Couch­sur­fing hat meine Reise bereichert.

Es gibt Dinge, die klin­gen in der Theo­rie so ein­leuch­tend wie das kleine Ein­mal­eins — in der Pra­xis jedoch ent­spre­chen sie gewis­ser­ma­ßen einer Divi­sion durch Null. Will hei­ßen: Sie schei­tern kläg­lich. Der Kom­mu­nis­mus ist so ein Bei­spiel, ebenso Mon­ta­ge­an­lei­tun­gen von IKEA. Oder das Prin­zip von Couch­sur­fing — so dachte ich bis vor weni­gen Wochen.

Wieso sollte jemand seine Woh­nung für einige Tage mit Frem­den tei­len — und das ohne Gegen­leis­tung? Wie neun­und­neun­zig Pro­zent aller Nicht-Couchsurfer konnte auch ich diese Frage nicht zufrie­den­stel­lend beant­wor­ten. Damals. Inzwi­schen jedoch habe ich diese Art des Rei­sens ken­nen und schät­zen gelernt; Zeit für eine erste Bilanz.

Was ist Couchsurfing?

Couch­sur­fing ist ein sozia­les Netz­werk im Inter­net mit Pro­fi­len, Freun­des­lis­ten und Foto­al­ben, also durch­aus ähnlich zu Face­book. Im Zen­trum steht aber ein ande­rer Gedanke: Mit­glie­der las­sen andere Couch­sur­fer, die auf Rei­sen sin, für einige Zeit kos­ten­frei bei sich woh­nen (oft auf der Couch — daher der Name). Die Nut­zer sind aber nicht ver­pflich­tet, eine Unter­kunft zur Ver­fü­gung zu stel­len. Sie kön­nen alter­na­tiv auch anbie­ten, sich mit ande­ren Mit­glie­dern auf einen Kaf­fee oder zum Stadt­rund­gang zu treffen.

Ist das nicht gefährlich?

So lau­tet die Stan­dard­frage von Außen­ste­hen­den — und zwar sowohl an Hosts (die­je­ni­gen, die eine Unter­kunft anbie­ten) als auch an Sur­fer (die Rei­sen­den). Schließ­lich lasse man Wild­fremde bei sich über­nach­ten bzw. näch­tige bei ihnen. Was da alles pas­sie­ren kann…

Die Ant­wort ist: eine Menge — allein die Wahr­schein­lich­keit ist kaum höher als bei der Über­nach­tung im Hotel. Ich will jetzt nicht den stets zitier­ten Ver­gleich mit den Tau­sen­den Ver­kehrs­to­ten bemü­hen. Daher nur so viel: Wenn man ein paar Dinge beach­tet, ist das Risiko beim Couch­sur­fing mini­mal, der Nut­zen jedoch groß — doch dazu gleich mehr.

Wie wäh­len Sur­fer ihre Hosts aus — und umgekehrt?

Über eine Such­funk­tion erhält der Sur­fer eine Liste mit Hosts, die in der betref­fen­den Stadt ihre Couch anbie­ten. Nun kann er eine Anfrage abschi­cken, die der Ange­schrie­bene wie­derum anneh­men oder ableh­nen kann. Das heißt: Nie­mand ist ver­pflich­tet, irgend­je­mand bei sich aufzunehmen.

Doch wie lässt sich die andere Per­son ein­schät­zen? Da ist ers­tens das für alle Mit­glie­der ein­seh­bare Pro­fil mit Fotos, Hob­bys etc., das bereits einen guten Ein­druck über den Nut­zer ver­mit­telt — und zudem, zwei­tens, via Kre­dit­karte veri­fi­ziert wer­den kann. Drit­tens ent­hält die Pro­fil­seite kurze Refe­ren­zen von ande­ren Mit­glie­dern, wel­che die jewei­lige Per­son als Host bzw. Sur­fer ken­nen­ge­lernt haben (ähnlich zu Ebay-Bewertungen). Und vier­tens muss jede Couch-Anfrage ein Anschrei­ben mit Infor­ma­tio­nen zu Rei­sen­dem und Hin­ter­grund der Reise enthalten.

Was bringt Couchsurfing?

Eine kos­ten­lose Unter­kunft: So wird die Ant­wort in neun von zehn Fäl­len lau­ten — aller­dings nur, wenn man Nicht-Mitglieder fragt. Für Couch­sur­fer selbst hin­ge­gen spielt der Geld-Faktor meist eine unter­ge­ord­nete Rolle; in vie­len Pro­fi­len steht sogar aus­drück­lich: „Bitte keine Anfra­gen von Nut­zern, die nur ein kos­ten­lo­ses Quar­tier suchen.“

Doch woher kommt dann die Moti­va­tion? In mei­nen Augen gibt es zwei zen­trale Aspekte. Ers­tens der Beweg­grund, des­sent­we­gen auch ich mich für Couch­sur­fing ent­schie­den habe: inter­es­sante Men­schen ken­nen­ler­nen. Schließ­lich will ich auf mei­ner Reise nicht nur erkun­den, wie Deutsch­land isst, son­dern auch, wie es ist. Im Falle der meis­ten Couchsurfing-Hosts beschränkt sich dies natür­lich nicht auf Deutsch­land — im Gegen­teil. „Wenn ich selbst gerade nicht durch die Welt reise“, for­mu­liert es etwa meine Gast­ge­be­rin Gabi, „dann kann ich durch Couch­sur­fing die Welt zu mir nach Cott­bus holen“.

Zwei­tens gibt es einen Beweg­grund, den vor allem Sur­fer schät­zen — und den ich vor mei­ner Deutsch­land­tour über­haupt nicht bedacht hatte: Dank Couch­sur­fing kön­nen Rei­sende ihren Rei­se­ort nicht nur klas­sisch als Tou­rist erle­ben, son­dern auch ein­tau­chen in die Welt der Men­schen vor­ort. Tat­säch­lich habe ich durch meine Hosts Orte, Spei­sen und Men­schen ent­deckt, die mir als Hotel­rei­sen­der ver­bor­gen geblie­ben wären. So war ich mit einer Gast­ge­be­rin samt Töch­ter­chen im Kin­der­thea­ter, habe eine Sän­ge­rin zur Band­probe beglei­tet, von einem Schau­spie­ler Ein­bli­cke in den Über­le­bens­kampf vie­ler Thea­ter im Osten bekom­men und in der Studenten-WG Bier um Bier geleert. Ganz zu schwei­gen von den vie­len, vie­len Sight­see­ing– und Restauranttipps.

Wer ist der typi­sche Couchsurfer?

Ich habe bei einem jun­gen Paar mit Klein­kin­dern gewohnt, bei einer Leh­re­rin, bei Stu­den­ten, bei der allein­er­zie­hen­den Mut­ter, beim alter­na­ti­ven Hippie-Pärchen und, und, und. Will hei­ßen: Der typi­sche Couch­sur­fer exis­tiert nicht. Ten­den­zi­ell sind unter den welt­weit rund vier Mil­lio­nen Mit­glie­dern aber über­pro­por­tio­nal viele Stu­den­ten; zudem sind Couch­sur­fer eher jün­ger und selbst viel gereist. Und zumin­dest nach mei­nem Ein­druck gehö­ren auch ein Schuss Gut­men­schen­tum, große Tole­ranz sowie Neu­gier auf andere Kul­tu­ren zu typi­schen Wesenszügen.

Gibt es Nachteile?

Natür­lich. Bei­spiels­weise sollte man als Couchsurfing-Gast eher nicht nur in Unter­buxe zum Früh­stück erschei­nen. Zudem kommt es vor, dass einen mor­gens nicht der Duft fri­schen Kaf­fees son­dern Kin­der­ge­schrei weckt — oder schon des Nachts ein allzu zudring­li­cher Hund („Der wollte nur spie­len…“). Auch in Sachen Hygie­ne­emp­fin­den kommt es vor, dass der Host von den eige­nen Stan­dards in etwa so weit ent­fernt ist wie die FDP der­zeit von der Fünf­pro­zent­hürde. Und wie im hei­mi­schen All­tag trifft man mit­un­ter auf nerv­tö­tende, dumme und müf­felnde Men­schen — oder sol­che, die eben diese Eigen­schaf­ten der eige­nen Per­son attes­tie­ren. Kurzum: Couch­sur­fing ist im Grunde wie das Rei­sen selbst: meist auf­re­gend, bis­wei­len anstren­gend, sel­ten ärger­lich — aber alles in allem sehr, sehr lohnenswert!

(Mehr Infos auf der Couchsurfing-Webseite)

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