Archiv: Mai, 2012
Mai 31, 2012 - Hessen    Kein Kommentar

Über sieben Kräuter musst du gehen

Bor­retsch, Ker­bel, Kresse, Peter­si­lie, Pim­pi­nelle, Sau­er­amp­fer und Schnitt­lauch. Ich habe extra noch ein­mal bei Wiki­pe­dia nach­ge­schaut: Das sind die sie­ben Kräu­ter, die tra­di­tio­nell in die Frank­fur­ter Grüne Soße kom­men. Und denen mei­nes Wis­sens kei­ner­lei berau­schende Wir­kung nach­ge­sagt wird.

So suche ich wei­ter nach einer Erklä­rung für die über­bor­dende Stim­mung beim gro­ßen Finale des Grüne-Soße-Festivals in Frank­furt — eine an sich schon reich­lich skur­rile Ver­an­stal­tung. Irgendwo zwi­schen Okto­ber­fest und Musi­kan­ten­stadl — mit einer Prise LSD. Und damit genau das Rich­tige für meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Merkur.

Mehr Fotos vom Grüne-Soße-Festival gibt’s übri­gens auf der Facebook-Seite von Deutschland-isst — und zwar ver­mengt mit Auf­nah­men von einer wei­te­ren durch­aus eigen­wil­li­gen Frank­fur­ter Ver­bin­dung. Titel der Bil­der­stre­cke: Occupy Grüne Soße.

(Und wer den fol­gen­den Arti­kel tat­säch­lich in vol­ler Länge lesen will: Erst auf das Foto kli­cken, um zum Arti­kel zu gelan­gen — und dann erneut dar­auf kli­cken, um ihn zu vergrößern.)

Interviews im Dutzend (4): Die Maultaschen-Erna

Frédé­ric Bier­brauer (links) und und Flo­rian Romer sind Erna & Co.

Die Idee kommt nahezu jedem Schwa­ben irgend­wann im Leben — spä­tes­tens nach dem drit­ten Glas Trol­lin­ger: Warum nicht einen Imbiss mit regio­na­len Gerich­ten auf­ma­chen? So eine Art McDonald’s mit Cheese­spätzle und McMaul­ta­sche. In der Regel blei­ben der­lei Pläne Hirn­ge­spinste, die spä­tes­tens am nächs­ten Mor­gen ihren Platz im trol­lin­ger­schwe­ren Schwa­ben­kopf wie­der räu­men müs­sen — nicht so bei Frédé­ric Bier­brauer und Flo­rian Romer.

Die bei­den Freunde aus Stutt­gart ver­zich­ten nach dem BWL-Studium auf lukra­tive Jobs in der Indus­trie. Statt­des­sen tüf­teln sie neun Monate an der per­fek­ten Maul­ta­sche, fei­len am Busi­ness­plan für ihren Imbiss­wa­gen und eröff­nen im März 2011 schließ­lich Erna & Co. — „hand­ge­machte schwä­bi­sche Küche in einem fri­schen, moder­nen und mobi­len Ambi­ente“, wie es auf der Web­seite heißt. Im Inter­view erzählt Frédé­ric von gro­ßen Zie­len, der Bench­mark Mama, und was Imbiss­be­trei­ber von McDonald’s ler­nen können.

 

Ein Park­platz im Her­zen von Stutt­gart, die Mit­tags­sonne strahlt mit dem schnie­ken, rot-weißen Imbiss­wa­gen um die Wette. Strah­lend ist auch das Lächeln von Frédé­ric Bier­brauer bei der Begrü­ßung. Im Hin­ter­grund schau­felt Kol­lege Flo­rian Romer Kar­tof­fel­sa­lat, brut­zelt Maul­ta­schen, kleckst Soße — und, na klar, strahlt.

Keine Frage, die bei­den Jungs kom­men im Imbiss so gut rüber wie Flo­rian Sil­be­rei­sen bei der Gene­ra­tion Sil­ber­haar. Und nicht nur sie: Von den Pro­dukt­fo­tos in Hoch­glanz bis zum auf­wän­di­gen Pro­spekt, von den modisch geschnit­te­nen Ver­käu­fers­hirts bis zum SLS-Menü (Spätzle, Lin­sen, Sai­ten­würstle) — alles an Erna & Co. wirkt so akri­bisch durch­dacht, als stünde den Jung­un­ter­neh­mern das Apple-Marketingteam zur Seite. Doch ein Jour­na­list darf sich von all dem nicht beein­dru­cken las­sen. Daher nun zwölf knall­harte Fra­gen an die Maul­ta­schen­meis­ter und Spätzlespezialisten.

1. Wie schmeckt die per­fekte Maultasche?

Frédé­ric: Nach wirk­li­chem Fleisch — und nicht nur nach Brät. Außer­dem sollte man die ein­zel­nen Zuta­ten in der Fül­lung schme­cken und erken­nen. Das darf keine unde­fi­nier­bare Ein­heits­masse sein.

2. Warum hei­ßen Spätzle, Lin­sen und Sai­ten­würstle bei euch SLS-Menü und nicht Spätzle, Lin­sen und Saitenwürstle?

Frédé­ric: Ers­tens soll es unsere Kun­den zum Schmun­zeln brin­gen. Zwei­tens ist die For­mu­lie­rung ein­gän­gig, sodass sich die Leute beim nächs­ten Besuch daran erin­nern. Und drit­tens beschleu­nigt es die Bestel­lung, wenn man ein­fach nur ein SLS ordert. Obwohl: Erst letz­tens hat­ten wir eine Dame, die das ein biss­chen durch­ein­an­der gebracht hat. Die hat näm­lich LSD bestellt…

3. Wieso rackert man bis zu 14 Stun­den am Tag im Imbiss statt halb so lange in Büro vom Daim­ler — wofür es aber dop­pelt so viel Geld geben würde?

Frédé­ric: Weil wir hier unsere Vision ver­wirk­li­chen kön­nen. Und als Moti­va­tion dient uns der Aus­blick auf das, was noch kom­men wird. Schließ­lich wol­len wir bald unse­ren ers­ten Erna-Laden eröff­nen, und das Kon­zept dann als Fran­chise auf ganz Deutsch­land, viel­leicht sogar auf die ganze Welt aus­wei­ten. Der Wagen in Stutt­gart ist unser Ver­suchs­bal­lon: Wenn wir es hier bei den kri­ti­schen Schwa­ben schaf­fen, dann schaf­fen wir es über­all. Und momen­tan sieht es gut aus. Außer­dem muss ich eines ehr­lich sagen: Nur Flo hatte nach dem Stu­dium ein Ange­bot von Daim­ler — ich nicht. Für ihn war es also viel schwe­rer, sich für Erna & Co. zu entscheiden.

Die letz­ten Sätze sei­nes Kom­pa­gnons hat Flo­rian nicht mit­be­kom­men. Er wer­kelt im Imbiss, berei­tet sich auf den mit­ta­g­li­chen Ansturm vor. Ihm zur Seite steht die Freun­din von Frédé­ric, der wie­derum läs­sig am Wagen lehnt und meine Fra­gen beant­wor­tet. Ein rich­ti­ges klei­nes Fami­li­en­un­ter­neh­men. Sym­pa­thisch. Sehr sogar. Doch Moment­chen: Lasse ich mich gerade um den Fin­ger wickeln von die­sem höf­li­chen, elo­quen­ten, jun­gen Herrn, bei dem sogar die Prise Grö­ßen­wahn lie­bens­wert daher­kommt? Wo ist der knall­harte Jour­na­list in mir?

4. Wie of isst Du selbst Erna-Essen?

Frédé­ric: Jeden Tag — allein schon wegen der Qualitätskontrolle.

5. Das schönste Lob von einem Kunden?

Frédé­ric: Das fal­len mir zwei Dinge ein. Zum einen, wenn es heißt: Bei euch schmeckt’s wie bei Mut­tern. Denn die Mut­ter ist in der schwä­bi­schen Küche der Benchmark.

Bench­mark, schwä­bisch und Mut­ter in einem Satz! Ich liebe den Jungen!

Frédé­ric: Zum ande­ren ist ein gro­ßer schwä­bi­scher Maul­ta­schen­fa­bri­kant auf uns zuge­kom­men und hat vor­ge­schla­gen, dass wir künf­tig seine Maul­ta­schen ver­kau­fen. Das war auch eine Art von Lob — aber wir haben natür­lich abge­lehnt und blei­ben bei unse­rer eige­nen Maultasche.

6. Was kann jeder Imbiss­be­sit­zer von McDonald’s lernen?

Frédé­ric: Stan­dar­di­sierte Pro­zesse. Da ist alles exakt vor­ge­ge­ben — von der Zeit, wie lange die Pom­mes in der Frit­teuse hän­gen, bis zur Menge des Ketch­ups auf dem Cheeseburger.

7. Und was sollte man nicht so machen wie McDonald’s?

Frédé­ric: Das ist schwer zu sagen. Da fällt mir spon­tan gar nichts ein… Hey Flo! Was macht McDonald’s falsch? Gibt’s da was?

Flo­rian Romer beugt sich zu uns nach drau­ßen, legt die Schöpf­kelle aus der Hand und seine Stirn in Falten.

Flo­rian: Puh, schwie­rig. Bei der Qua­li­tät kann man eigent­lich nichts sagen, denn da ach­tet McDonald’s sehr drauf. Viel­leicht bei der Her­stel­lung: Die könnte etwas weni­ger indus­tri­ell sein und etwas mehr Liebe zum Pro­dukt ver­tra­gen. Aber mehr fällt mir auch nicht ein.

8. Wie erkenne ich einen guten Imbiss auf den ers­ten Blick?

Frédé­ric: An der Sau­ber­keit. Und auch die Ver­käu­fer soll­ten gepflegt sein. Das ist das Wich­tigste. In mei­ner Stamm-Currywurstbude habe ich ein­mal eine Kaker­lake über den Tre­sen krab­beln sehen. Danach bin ich da nie wie­der hin.

9. Apro­pos: Wann nehmt ihr end­lich die Cur­ry­wurst ins Sor­ti­ment auf?

Frédé­ric: Nie! Auch wenn wir das am Anfang oft von Kun­den gefragt wur­den. Aber das würde nicht zu Erna pas­sen. Wir machen schwä­bi­sches Essen!

Herr­lich! So ein Satz — und das von zwei poly­glot­ten BWL-Absolventen, die in Bang­kok, Nizza und New York stu­diert haben, deren Geschäfts­idee in Kanada gebo­ren wurde, die eine Imbiss­bude 2.0 mit eige­nem Blog und 1500 Facebook-Fans betrei­ben. Kein Wun­der, dass hier im Maul­ta­schen­dampf bereits zig Repor­ter vor mir stan­den — von ZDF bis SWR, von Stutt­gar­ter Zei­tung bis Essen & Trin­ken. Ob die wohl auch pro­bie­ren durf­ten? Wie das duftet…

Frédé­ric: Flo, mach doch mal einen Pro­bier­tel­ler für Patrik.

Kann der sogar Gedan­ken lesen? Bes­ser schnell meine rest­li­chen Fra­gen raus­feu­ern, bevor’s um meine Objek­ti­vi­tät ganz gesche­hen ist.

10. Wer von euch zwei ist der bes­sere Koch?

Frédé­ric: Ganz ehr­lich: Wir sind beide keine guten Köche. Aber wir kön­nen sagen, was gut schmeckt und was ankommt. Vor der Eröff­nung von Erna & Co. haben wir mona­te­lang an den Rezep­ten gefeilt, Freunde zum Test­es­sen ein­ge­la­den und nahezu alle Metz­ge­reien in Stutt­gart abge­klap­pert. Denn am Ende ent­schei­det immer die Qua­li­tät des Essens — das hat uns auch der Stutt­gar­ter Ster­ne­koch Mar­tin Öxle bestä­tigt, dem wir unsere Imbiss-Idee vor­ge­stellt haben.

11. Warum setzt ihr für die Zukunft auf Läden und nicht auf wei­tere Imbisswägen?

Frédé­ric: Weil wir dafür keine Mit­ar­bei­ter fin­den wür­den. In unse­ren Imbiss­wa­gen muss man so viel Zeit und Ener­gie ste­cken — das macht kein Ange­stell­ter. Im Laden hin­ge­gen ist man immer am glei­chen Ort, kann Sachen lagern und bes­ser pla­nen. Das ist für uns die Zukunft… Ah, da kommt ja dein Essen.

Eine Frage zu früh ste­hen plötz­lich zwei damp­fende Plas­tik­schüs­seln vor mir: Spätzle, Lin­sen, Sai­ten in der einen — Maul­ta­sche, Fleisch­küchle, Kar­tof­fel­sa­lat in der ande­ren. Ob Frédé­ric die Spei­chel­fä­den auf­fal­len, die von mei­nen Mund­win­keln trop­fen? Egal, bloß noch eine Frage. Irgendeine!

12. Wieso der Name Erna & Co.?

Frédé­ric: Ja, das fra­gen immer alle…

Mir egal, ich habe Hun­ger! Und wie das duf­tet! Meine Nase, meine Augen, mein Gau­men und mein Magen schi­cken quasi im Chor einen Hil­fe­schrei in Rich­tung Gehirn: ISS! JETZT! SOFORT!

Frédé­ric: Erna ist ein sym­pa­thi­scher Name, der für die schwä­bi­sche Küche ste­hen soll — und das „& Co.“ für unser moder­nes Betriebs­kon­zept. Unter dem Namen kann sich fast jeder etwas vor­stel­len, der Name bleibt im Kopf und außer­dem kann man ihn über­all auf der Welt ohne Pro­bleme aussprechen.

Ich geb’s zu: Die letzte Ant­wort habe ich mir im Nach­hin­ein zusam­men­ge­reimt. Denn sobald mich Hun­ger über­kommt und Essen im Blick­feld auf­taucht, schal­tet mein Gehirn auto­ma­tisch auf Stand-by-Modus. Kaum hat Frédé­ric den Satz been­det — oder wollte er nur Luft holen? — greife ich zur Gabel und ver­drü­cke den Inhalt der bei­den Schüs­seln bis zur letz­ten Linse — unter­bro­chen von gele­gent­li­chen Lustgrunzern.

Erst als ich die Gabel zur Seite lege, wacht mein Gehirn all­mäh­lich aus sei­ner Lethar­gie auf. Und für einen lich­ten Augen­blick sehe ich mich selbst, wie ich satt und strah­lend vor dem rot-weißen Imbiss­wa­gen stehe — gekom­men als knall­har­ter Jour­na­list, geblie­ben als but­ter­wei­cher Erna-Fan.

Der Imbiss­wa­gen von Erna & Co. fährt jede Woche fünf ver­schie­dene Stand­orte in Stutt­gart an.

Mit auf­wän­di­gen Hoch­glanz­fo­tos wer­den die unter­schied­li­chen Spei­sen vorgestellt.

Das mit Abstand meist­ver­kaufte Gericht bei Erna & Co. sind die hand­ge­mach­ten Maultaschen.

Essens­lieb­ha­ber unter sich: Deutschland-isst trifft Erna & Co.

Von Märchenmönchen und marschierenden Maultaschen

Wer hat’s erfun­den? Der Legende nach stammt die Maul­ta­sche aus Maulbronn.

Man nehme ein gro­ßes Stück Fleisch, eine Prise Reli­gion, reich­lich Trick­se­rei — und voilà: Fer­tig ist eine Geschichte, die ebenso glaub­haft klingt wie gern erzählt wird. Spiel­stätte ist in die­sem Fall das Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter im schwä­bi­schen Maul­bronn. Dort sol­len die Mön­che der­einst ein beson­ders lecke­res Stück Fleisch als Geschenk erhal­ten haben. Der Haken: Es ist Fas­ten­zeit, wes­halb den Brü­dern fleisch­li­ches Ver­gnü­gen im Wort­sinn ver­bo­ten ist. Eigent­lich. Denn die fin­di­gen Mön­che ver­men­gen das Fleisch kur­zer­hand mit Gemüse und Brot und ver­ste­cken es im Teig­man­tel. Die Maul­ta­sche (von Maulbronn) ist gebo­ren, daher auch Herr­gotts­be­schei­ßerle genannt.

Man nehme Spätzle und Kar­tof­feln, eine Prise Mili­tär, reich­lich Lokal­ko­lo­rit — und voilà: Fer­tig ist eine Geschichte, die ebenso glaub­haft klingt wie gern erzählt wird. Dies­mal sind wir im Stutt­gar­ter Stadt­teil Gais­burg, wo der­einst eine bekannte Wirt­schaft namens Bäcker­schmide (sic) einen Fleisch­ein­topf mit Kar­tof­fel­schnit­zen und Spätzle ser­viert. Der mun­det der­art köst­lich, dass die Offi­ziers­an­wär­ter der nahen Berg­ka­serne regel­mä­ßig zu der Gast­stätte zie­hen — und das in mili­tä­ri­scher Mar­sch­ord­nung. So heißt das Gericht als­bald: Gais­bur­ger Marsch.

Wer hat’s erfun­den? Der Legende nach stammt der Name Gais­bur­ger Marsch von hung­ri­gen Soldaten.

Diese bei­den schwä­bi­schen Gschichtle sind selbst mir als Kurzzeit-Neigschmecktem geläu­fig. Schließ­lich wer­den sie an Stamm­ti­schen erzählt, in Büchern ver­brei­tet und sogar bei Wiki­pe­dia erwähnt (Gais­bur­ger Marsch & Maul­ta­sche). Wie viel Wahr­heit in Mönchs­maul­ta­sche und Mili­tär­marsch steckt? Diese Frage stelle ich mir erst auf mei­ner kuli­na­ri­schen Reise — und muss Erstaun­li­ches erfahren.

So treffe ich in Stuttgart-Gaisburg den His­to­ri­ker Ulrich Gohl. In der Gast­stätte Schur­wald übri­gens, und damit genau an jenem Ort, wo der Mann vom Stutt­gar­ter Muse­ums­ver­ein Muse-o im Jahr 2008 mit Jür­gen Brand von der Stutt­gar­ter Zei­tung zusam­men­sitzt, und beide fol­gende Über­le­gung anstel­len: Warum nicht eine Aus­stel­lung zum Gais­bur­ger Marsch kon­zi­pie­ren? Und dabei zugleich mit den zahl­lo­sen Legen­den rund um die Namens­ge­bung aufräumen.

Denn Gohl und Brand haben eine eigene Theo­rie: Im Jahr 1909 eroff­net in Gais­burg ein rie­si­ger Schlacht­hof; somit ist Fleisch­brühe als wich­tige Zutat für den Gais­bur­ger Marsch erst­mals für wenig Geld und in hoher Qua­li­tät erhält­lich. Hier, so ver­mu­te­ten sie, müsse der Ursprung des Namens lie­gen. „Und prak­ti­scher­weise hätte der Gais­bur­ger Marsch im Fol­ge­jahr sei­nen 100. Geburts­tag fei­ern kön­nen“, erzählt Brand und grinst. Denn das würde bedeu­ten: famose Wer­bung für Aus­stel­lung, Gericht und Stadtteil.

Doch dann kommt alles ganz anders. Nach wochen­lan­ger Recher­che, dem Wäl­zen alter Zei­tungs­jahr­gänge und Koch­bü­cher sowie Auf­ru­fen in den Medien sei ihre Hypo­these nicht län­ger halt­bar gewe­sen, erzählt Gohl. Ebenso wenig die Legende mit den Sol­da­ten: „Diese Geschichte hat der bekannte schwä­bi­sche Mund­art­dich­ter Thad­däus Troll in einem sei­ner Werke ver­öf­fent­licht, und danach haben alle von ihm abgeschrieben.“

Statt­des­sen drängt sich eine Annahme auf, die kaum einer erwar­tet und nie­mand erhofft hat: Der Name Gais­bur­ger Marsch ent­stammt wahr­schein­lich dem Nazi-Sprech. Denn erst­mals taucht der Begriff 1933 in Zusam­men­hang mit den Ein­topf­sonn­ta­gen des NS-Winterhilfswerks auf. Die geplante Geburts­tags­party fällt gewis­ser­ma­ßen ins braune Wasser.

Als Gohl seine Ergeb­nisse im Rah­men der Aus­stel­lung ver­öf­fent­lich, berich­ten die Stutt­gar­ter Zei­tun­gen und der SWR — der ganz große Auf­schrei aber bleibt aus. Dies mag unter ande­rem daran lie­gen, dass die Stadt Stutt­gart das Gericht kaum ein­mal offen­siv bewor­ben hat. So kennt zwar fast jeder Deut­sche den Gais­bur­ger Marsch — aber dass Gais­burg ein Stadt­teil von Stutt­gart ist, würde bei Wer wird Mil­lio­när zur 500.000-Euro-Frage taugen.

Anders in Maul­bronn, jenem klei­nen Ort mit dem groß­ar­ti­gen Klos­ter zwi­schen Stutt­gart und Karls­ruhe. „Die meis­ten Besu­cher ken­nen die Ver­bin­dung und kom­men extra zu uns, um Maul­ta­schen zu essen“, sagt Karl Schempf. Und dar­auf hat sich der Küchen­chef der Klos­ter­schmiede ein­ge­stellt: Auf sei­ner Karte fin­den sich hand­ge­machte Maul­ta­schen, wahl­weise mit Fleisch, Lachs oder Gemüse, die der Gast zudem im Vaku­um­beu­tel mit­neh­men kann. Und auch die Mönchs­le­gende wird dort noch ein­mal erzählt. Ob Schempf selbst daran glaubt, dass die Herr­gotts­bschei­ßerl einst in Maul­bronn erfun­den wur­den? „Die Geschichte klingt zumin­dest glaub­haft“, sagt der 50-Jährige. „Und solange jemand das Gegen­teil beweist, blei­ben wir dabei.“

Ohne­hin steht die Qua­li­tät der Schempf’schen Maul­ta­schen außer Frage: herr­lich biss­fest, lockere Fül­lung, gute Würze und die ein­zel­nen Zuta­ten klar iden­ti­fi­zier­bar — zwei­fels­frei die leckers­ten Tascherl, die mir je zwi­schen die Zähne gekom­men sind. Ähnlich glück­lich hat mich übri­gens der deftig-köstliche Gais­bur­ger Marsch in der Gast­stätte Schur­wald gestimmt — jen­seits aller Anek­do­ten. Dort darf ich Wir­tin Nicole Stei­ner bei der Zube­rei­tung über die Schul­ter bli­cken, und schon beim Zwie­bel­sch­nib­beln kom­men auch wir auf den Namen Gais­bur­ger Marsch zu sprechen.

Da gibt es diese Geschichte mit den Sol­da­ten…“, beginnt die Wir­tin. An die­ser Stelle sollte ich sie eigent­lich unter­bre­chen, von Ulrich Gohl erzäh­len, den Ein­topf­sonn­ta­gen, den Nazis, viel­leicht sogar von der Flei­sches­lust der Mön­che und dem mär­chen­haf­ten Maul­ta­schen­my­thos. Doch dann besinne ich mich eines Bes­se­ren, schweige, nicke freund­lich und bli­cke vol­ler Vor­freude in den gro­ßen Topf mit Gais­bur­ger Marsch.

Es ist doch so — frei nach Kohl: Ent­schei­dend ist, was oben reinkommt.

Nicole Stei­ner bringt in der Gast­stätte Schur­wald einen deftig-köstlichen Gais­bur­ger Marsch auf den Tisch.

Maultaschen-Experte aus Maul­bronn: Karl Schempfs hand­ge­machte Herr­gotts­bschei­ßerle fin­den einen dank­ba­ren Esser.

 

Zum Nach­ko­chen (16): Maultaschen

(Die­ses Rezept aus der Klos­ter­schmiede Maul­bronn ver­öf­fent­li­che ich hier mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Küchen­chef Karl Schempf)

Zuta­ten:

(für ca. 25 Maultaschen)

  • 300 Gramm gemisch­tes Hackfleisch
  • 300 Gramm fei­nes Brät
  • 150 Gramm gekoch­tes Rindfleisch
  • 50 Gramm geräu­cher­ter Bauchspeck
  • 500 Gramm Nudelteig
  • 2 Bröt­chen vom Vortag
  • 400 Gramm Blattspinat
  • 1 Stange Lauch
  • 1 Karotte
  • 1 Ess­löf­fel Butter
  • 1 Bund Petersilie
  • 3 Eier
  • 1 Eigelb
  • Salz, Pfef­fer, Majo­ran, Muskat

Zube­rei­tung:

  1. Rind­fleisch und Speck würfeln
  2. Lauch und Karotte wür­feln und in But­ter andünsten
  3. Spi­nat in kochen­dem Was­ser blan­chie­ren, danach abschrecken
  4. Bröt­chen in Was­ser ein­wei­chen und ausdrücken
  5. Fleisch, Speck, Gemüse, Peter­si­lie und Bröt­chen durch die feine Scheibe des Fleisch­wolfs drehen
  6. Masse mit Brät, Hack­fleisch und Eiern ver­men­gen, danach mit Salz, Pfef­fer, Majo­ran und Mus­kat abschmecken
  7. Nudel­teig dünn aus­rol­len, Fül­lung dar­auf ver­tei­len, Rän­der frei las­sen und mit Eigelb bestreichen
  8. Teig überein­an­der klap­pen, Maul­ta­schen abtren­nen und in kochen­der Fleisch­brühe 10 bis 15 Minu­ten zie­hen lassen

Guten Appe­tit!

Mai 23, 2012 - Nordrhein-Westfalen    Kein Kommentar

Leichenschmaus im Sauerbratenpalast

Heinz Lenz erzählt die Geschichte wie folgt: Bei ihm im Sau­er­bra­ten­pa­last habe das Tele­fon geklin­gelt. Am Appa­rat: der dama­lige Ober­bür­ger­meis­ter von Aachen. „Der wollte am Mitt­woch mit einem Kame­ra­team vor­bei­kom­men. Das war irgend­so­ein Film über die Stadt.“ Doch aus­ge­rech­net mitt­wochs ist Ruhe­tag im Sau­er­bra­ten­pa­last und so erwi­dert Lenz dem Rat­haus­chef rund­her­aus: „Dar­aus wird lei­der nichts. Suchen Sie sich bitte einen ande­ren Tag.“

Was der Wirt eigent­lich mit der Geschichte sagen will: Da hätte auch ein Tri­um­vi­rat aus Franz Becken­bauer, Heidi Klum und Hel­mut Schmidt daher­kom­men kön­nen: Im Sau­er­bra­ten­pa­last gel­ten eigene Gesetze. Und das für alle — unab­hän­gig von Namen, Alter oder sonst­was. Denn wie es in jeder Spei­se­karte in den „zehn Gebo­ten des Wir­tes“ heißt: „Du sollst dei­nem Wirt glau­ben! Du sollst dei­nem Wirt loben und preisen!“

Keine Frage, der Sau­er­bra­ten­pa­last ist anders als gewöhn­li­che Gast­stät­ten — und pflegt diese Ein­zig­ar­tig­keit. So gibt es bei­spiels­weise keine Reser­vie­run­gen. „Ent­we­der ist ein Tisch frei oder man war­tet an der Theke“, sagt Betrei­be­rin und Bedie­nung Else Lenz. „Des­halb soll­ten die Gäste Zeit mit­brin­gen, wenn sie zu uns kommen.“

Min­des­tens ebenso ver­pönt wie Reser­vie­run­gen ist in dem Aache­ner Kult­lo­kal alles, was mit dem Inter­net zu tun hat. Eine eigene Web­seite für den Sau­er­bra­ten­pa­last? „Bloß nicht!“ Else macht aus ihrer Abnei­gung kei­nen Hehl. „Ich hasse das Inter­net. Was die jun­gen Leute da machen, mit die­sem Face­book und so, das finde ich grau­sam.“ Dass es den­noch eine eigene Fan­seite für den Sau­er­bra­ten­pa­last im Netz gibt, lasse ich an die­ser Stelle uner­wähnt. Genauso wie die zig über­schwäng­li­chen Refe­ren­zen auf den diver­sen Bewertungsportalen.

Nun könnte sich der Sau­er­bra­ten­pa­last all diese Spleens kaum leis­ten, gäbe es dort nicht eines: schlicht her­vor­ra­gen­des Essen. In ers­ter Linie trifft das — Über­ra­schung! — auf das Aus­hän­ge­schild der Gast­stätte zu, den Sau­er­bra­ten. Zwar ste­hen auf der sehr über­sicht­li­chen Karte auch noch eine Hand­voll andere Gerichte. Aber letzt­lich geht es in neun­zig Pro­zent der Bestel­lun­gen nur um das Bei­werk zum Sau­er­bra­ten. Nudeln oder Pom­mes, par­don: Fri­tü­ren, wie es hier heißt. Dazu Rot­kohl, Apfel­kom­pott oder einen Salat. O-Ton Else: „‚n Salät­schen oder ‚n Kom­pött­schen dabeii?“

Mich selbst hat es in Aachen gleich an zwei Aben­den in den Sau­er­bra­ten­pa­last gezo­gen: zwei­mal Sau­er­bra­ten, zwei­mal haus­ge­machte Fri­tü­ren, zwei­mal diese herrlich-süßliche Soße — zwei­mal wollte ich Else ob des famo­sen Geschmacks auf der Stelle einen Hei­ats­an­trag machen.

Hab ich dann doch nicht — und statt­des­sen die­sen ebenso skur­ri­len wie wun­der­vol­len Ort in mei­ner wöchent­li­chen Rei­se­ko­lumne für den Münch­ner Mer­kur gepriesen.

(Lese­freund­li­cher gibt’s den Text wie immer auf der Merkur-Webseite. Und über ihr sons­ti­ges Tun infor­miert die Landkreis-Redaktion auf ihrer Facebook-Seite)

Mai 21, 2012 - Rheinland-Pfalz    1 Kommentar

Ein Kohl für alle Fälle

Hier muss ihm also immer das Was­ser im Mund zusam­men­ge­lau­fen sein, dem Hel­mut Kohl. Das Kanz­ler­was­ser sozu­sa­gen. Hier im Neon­licht, inmit­ten von Steaks, Salami und Schwei­ne­bauch, umwabert von einer Wolke aus Wurst­ge­ruch. So denke ich — bis Klaus Ham­bel mir meine Illu­sio­nen raubt: „Hel­mut Kohl ist selbst nie in den Laden gekom­men“, stellt der Metz­ger aus dem Pfäl­zer Örtchen Wachen­heim an der Wein­straße klar. „Der hat immer in der Limou­sine gewar­tet und sei­nen Chauf­feur rein­ge­schickt, den Ecki Seeber.“

Nun lässt sich über Hel­mut Kohl vie­les erzäh­len — durch­aus auch Kri­ti­sches. Doch ein Meis­ter­stück des Lothar Mat­thäus der deut­schen Poli­tik steht außer Frage, ja muss rück­bli­ckend sogar als his­to­risch bewer­tet wer­den: Hel­mut Kohl hat quasi im Allein­gang den Pfäl­zer Sau­ma­gen aus den Glossa­ren der Oma-Kochbücher auf die kuli­na­ri­sche Welt­bühne gehievt. Kein Staats­ban­kett ohne das Pfäl­zer Natio­nal­ge­richt; und wann immer Gorbi, Mag­gie & Co. im Dei­des­hei­mer Hof abstie­gen, um mit dem Kanz­ler die Wel­t­en­läufte zu len­ken, musste zur Stär­kung ein Sau­ma­gen von Ster­ne­koch Man­fred Schwarz bereit stehen.

Wer sich damals ein wenig geschickt ange­stellt hat, konnte im Fahr­was­ser von Hel­mut Kohl sehr viel pro­fi­tie­ren“, sagt Klaus Ham­bel — und macht kei­nen Hehl dar­aus, dass seine Metz­ge­rei zu die­ser Gruppe gehört. „Wir müs­sen Hel­mut Kohl ewig dank­bar dafür sein, was er für den Sau­ma­gen getan. Das war als Wer­bung unbe­zahl­bar.“ Vor allem für einen wie Ham­bel, der sei­nen Sau­ma­gen nicht nur an zahl­rei­che Gas­tro­no­men lie­fert, son­dern jah­re­lang auch direkt an das Hause Kohl.

Dabei hat Ham­bel den Sau­ma­gen gar nicht im Ange­bot, als er 1985 die Metz­ge­rei von Vater Wal­ter über­nimmt. Erst als der Kohl-Boom ein­setzt und die Nach­frage nach des Kanz­lers Leib­ge­richt steigt, nimmt er das Pfäl­zer Natio­nal­ge­richt ins Sor­ti­ment auf. „Anfangs habe ich den Sau­ma­gen bei einem ande­ren Metz­ger gekauft“, erzählt Ham­bel. Doch als er eines Tages 200 Mark für sechs Sau­mä­gen hin­blät­tert, fasst er einen Ent­schluss: „Da war für mich klar, dass ich das bes­ser selbst mache.“

Eine Ent­schei­dung mit Fol­gen, denn heute fer­tigt Ham­bel in sei­ner Metz­ge­rei den wohl bekann­tes­ten Sau­ma­gen der Repu­blik. Und mehr als das: Immer auf der Suche nach neuen Krea­tio­nen hat der Metz­ger sein Ange­bot kon­ti­nu­ier­lich erwei­tert — um Sau­ma­gen mit Kas­ta­nien, mit Schafs­käse oder mit Pfif­fer­lin­gen. Dazu gibt es die belieb­ten Saumagen-Maultaschen sowie ganz neu: Sau­ma­gen im Blät­ter­teig. Und sai­so­nale Ange­bote — von Sau­ma­gen mit Spar­gel über Sau­ma­gen mit Fei­gen und Port­wein bis hin zu Sau­ma­gen mit Äpfel, Pflau­men und Rum im Winter.

Ver­kaufs­ren­ner bleibt aber der klas­si­sche Sau­ma­gen, von dem Ham­bel bis zu 1,5 Ton­nen pro Woche pro­du­ziert, ver­kauft und nach ganz Deutsch­land aus­lie­fert. Und manch­mal sogar dar­über hin­aus:  So hängt im Vor­raum der Metz­ge­rei eine Welt­karte mit all jenen Orten, an denen der Hambel’sche Sau­ma­gen im Men­schen­ma­gen gelan­det ist.

Beson­ders gerne erzählt der Metz­ger dabei die Geschichte aus dem Jahr 1996, als Deutsch­land bei der Uno-Vollversammlung in New York ein Pfäl­zer Abend­es­sen aus­rich­ten sollte. „Und bei Hel­mut Kohl durfte es kein Ban­kett ohne Sau­ma­gen geben.“ Also wurde die  Spe­zia­li­tät aus den Hause Ham­bel nach Ame­rika geflo­gen — mit den Flug­zeu­gen der Bundesluftwaffe.

Zuletzt noch ein­mal Kohl und ein ver­brei­te­ter Irr­tum, der wohl auch durch die Phä­no­me­no­lo­gie des Ex-Kanzler begüns­tigt wird. Denn ein Dick­ma­cher sei der Sau­ma­gen nicht, betont Ham­bel. „Wir las­sen unse­ren Sau­ma­gen zwei­mal im Jahr che­misch unter­su­chen, und der Fett­an­teil liegt dabei immer unter fünf Prozent.“

Hier noch einige Bild von mei­nem Besuch in der Metz­ge­rei Hambel:

1_MetzgereiAussen

Im 4700-Seelen-Ort Wachen­heim ver­steckt in einer Straße namens Hin­ter­gasse liegt eine der bekann­tes­ten Metz­ge­reien der Repu­blik: Von dort hat Klaus Ham­bel jah­re­lang das Haus von Ex-Kanzler Hel­mut Kohl im nahen Ludwigshafen-Oggershein mit Pfäl­zer Sau­ma­gen beliefert.

2_SchuldAussen

Wenig Pro­dukte, aber die qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig: Nach die­ser Maxime stellt die Metz­ge­rei gerade ein­mal sechs Wurst­wa­ren selbst her: Leber– und Blut­wurst, Schwar­ten­ma­gen, Leber­knö­del, Brat­wurst und — natür­lich — Saumagen.

3_Weltkarte

Von Wachen­heim in die ganze Welt: Auf einer Karte im Vor­raum der Metz­ge­rei sind all jene Orte gekenn­zeich­net, wo der Hambel’sche Sau­ma­gen bereits im Men­schen­ma­gen gelan­det ist.

7_FreitagShow-NEU

Immer frei­tags wird der Sau­ma­gen in der Metz­ge­rei gefer­tigt. Dann dür­fen sogar Tou­ris­ten kom­men, Klaus Ham­bel beim Stop­fen über die Schul­ter bli­cken und her­nach bei einem Glas Sekt eine Scheibe verkosten.

4_SaumagenTopf

Lei­der fiel mein Besuch auf einen Diens­tag. Doch eigens für den Gast aus Mün­chen ließ Ham­bel einen Sau­ma­gen auf­fah­ren. Die­ser wird bei 72 Grad rund drei bis vier Stun­den lang gekocht und danach in Schei­ben geschnit­ten. Sie kön­nen ent­we­der direkt ver­speist oder — und das ist mein Favo­rit — in der Pfanne ange­bra­ten werden.

5_Hambel

Wer übri­gens selbst mal stop­fen will: erst Darm– und Spei­se­röh­ren­öff­nung zubin­den, dann mit­tels einer drit­ten, künst­li­chen Öffnung den Magen umstül­pen und stopfen.

6_SaumagenNah-NEU

Die klas­si­sche Fül­lung eines Sau­ma­gens besteht ausz je einem Drit­tel Kar­tof­feln, Brät und Fleisch — im Falle der Metz­ge­rei Ham­bel Schwei­ne­nuss. Dazu kom­men Salz, Pfef­fer, Majo­ran, Mus­kat, Kori­an­der und Nelke.

8_Maultaschen

Vor sechs Jah­ren hat Klaus Ham­bel die Saumagen-Maultasche erfun­den. „Gerade den Jün­ge­ren gefällt das, weil man den Sau­ma­gen hier nicht so sieht.“ Inzwi­schen ist die Sau­ta­sche ein Ren­ner: Bis zu 100 Kilo stel­len Ham­bel und sein Team in der Woche her.

9_Maultasche2

Frisch aus dem Was­ser­bad durfte ich eine Saumagen-Maultasche pro­bie­ren. Und ich muss ehr­lich sagen: Lecker war’s. Lei­der schon aus­ver­kauft war hin­ge­gen Ham­bels jüngste Krea­tion: Sau­ma­gen im Blätterteig.

Im 4700-Seelen-Ort Wachenheim versteckt in einer Straße namens Hintergasse liegt eine der bekanntesten Metzgereien der Republik: Von dort hat Klaus Hambel jahrelang das Haus von Ex-Kanzler Helmut Kohl im nahen Ludwigshafen-Oggershein mit Pfälzer Saumagen beliefert.Wenig Produkte, aber die qualitativ hochwertig: Nach dieser Maxime stellt die Metzgerei gerade einmal sechs Wurstwaren selbst her: Leber- und Blutwurst, Schwartenmagen, Leberknödel, Bratwurst und - natürlich - Saumagen.Von Wachenheim in die ganze Welt: Auf einer Karte im Vorraum der Metzgerei sind all jene Orte gekennzeichnet, wo der Hambel'sche Saumagen bereits im Menschenmagen gelandet ist.Immer freitags wird der Saumagen in der Metzgerei gefertigt. Dann dürfen sogar Touristen kommen, Klaus Hambel beim Stopfen über die Schulter blicken und hernach bei einem Glas Sekt eine Scheibe verkosten.Leider fiel mein Besuch auf einen Dienstag. Doch eigens für den Gast aus München ließ Hambel einen Saumagen auffahren. Dieser wird bei 72 Grad rund drei bis vier Stunden lang gekocht und danach in Scheiben geschnitten. Sie können entweder direkt verspeist oder - und das ist mein Favorit - in der Pfanne angebraten werden.Wer übrigens selbst mal stopfen will: erst Darm- und Speiseröhrenöffnung zubinden, dann mittels einer dritten, künstlichen Öffnung den Magen umstülpen und stopfen.Die klassische Füllung eines Saumagens besteht ausz je einem Drittel Kartoffeln, Brät und Fleisch - im Falle der Metzgerei Hambel Schweinenuss. Dazu kommen Salz, Pfeffer, Majoran, Muskat, Koriander und Nelke.Vor sechs Jahren hat Klaus Hambel die Saumagen-Maultasche erfunden. "Gerade den Jüngeren gefällt das, weil man den Saumagen hier nicht so sieht." Inzwischen ist die Sautasche ein Renner: Bis zu 100 Kilo stellen Hambel und sein Team in der Woche her.Frisch aus dem Wasserbad durfte ich eine Saumagen-Maultasche probieren. Und ich muss ehrlich sagen: Lecker war's. Leider schon ausverkauft war hingegen Hambels jüngste Kreation: Saumagen im Blätterteig.
Mai 18, 2012 - Niedersachsen    3 Kommentare

Beim Künstlertreff gibt’s Wurstebrot

Die unver­gess­li­chen Schla­ger­bar­den Cliff & Rexo­nah fan­den einst ihr ganz gro­ßes Glück in Osna­brück. Ganz so weit würde ich in mei­nem Fall nicht gehen — doch immer­hin habe ich in der nie­der­säch­si­schen Frie­dens­stadt der­art inter­es­sante Men­schen getrof­fen, dass ich dar­über in die­sem Blog ähnlich pene­trant berich­tet habe wie das Cliff & Rexonah’sche Gedu­del heute anmu­tet - ohne den vor­he­ri­gen Genuss von reich­lich Rauschmitteln.

Ein kur­zer Rückblick:

  • In Osna­brück traf ich den Jour­na­list Daniel Hop­kins, der als Extreme-Couch-Hopper in 80 Tagen auf 80 Cou­ches um die Welt gereist ist. Hier geht’s zu mei­nem Inter­view mit Daniel.
  • Daniel wie­derum hat über mei­nen Besuch in sei­nem Blog bei Stern.de berich­tet — unter dem schö­nen Titel „Des Couch­sur­fers Stopsel“
  • Und zuletzt hat Daniel auch noch für die Neue Osna­brü­cker Zei­tung eine Geschichte über meine Essens­reise geschrie­ben (mit klei­ner Bilderstrecke)

Als wäre all das noch nicht genug, habe ich nun auch meine wöchent­li­che Rei­se­ko­lumne beim Münch­ner Mer­kur den Osna­brü­cker Bekannt­schaf­ten gewid­met. Lese­freund­li­cher gibt’s den Text wie immer auf der Merkur-Homepage. Mehr Infor­ma­tio­nen zur Landkreis-Redaktion fin­det ihr auf deren Facebook-Seite.

 

Mai 16, 2012 - Hessen    Kein Kommentar

Occupy Grüne Soße

Kurz vor Mit­ter­nacht fällt die Ent­schei­dung — und die Sie­ger auf die Knie, von den Gefüh­len danie­der gedrückt. Oli­ver Weiß und Franco Somma vom Restau­rant „Gol­de­ner Apfel“ hei­ßen die Grüne-Soße-Champions 2012, gekürt vom Publi­kum beim Grüne Soße Fes­ti­val - jener ein­wö­chi­gen kul­tu­rel­len und kuli­na­ri­schen Extra­va­ganza, die sich allein um das Frank­fur­ter Natio­nal­ge­richt dreht.

Am Ende des vier­stün­di­gen Fina­les lie­gen sich die Gewin­ner in den Armen; die von Grüne Soße, Frei­bier und Frei­wein berausch­ten Gäste schun­keln im Takt, und auf der Bühne sin­gen Frank­fur­ter Künst­ler zur Melo­die von „Hey Jude“: Naaa, naa, naa, na-na-na-naa, na-na-na-naa, Grie Soß. (Erklä­rung für Nicht-Hessen: Grie Soß = Grüne Soße)

Ich könnte viele Worte ver­lie­ren über die­sen ebenso bizar­ren wie beein­dru­cken­den Abend. Statt­des­sen jedoch zeige ich lie­ber ein paar Bil­der — und mische diese mit mei­nen Auf­nah­men von einer ande­ren Ver­an­stal­tung, gerade ein­mal 500 Meter Luft­li­nie vom Fes­ti­val­ge­lände ent­fernt: das Lager von Occupy Frank­furt. Mit­ten im Her­zen des Ban­ken­vier­tels unter der sym­bolkräf­ti­gen Euro-Skulptur cam­pie­ren näm­lich immer noch ein paar Hart­ge­sot­tene, um die Machen­schaf­ten der Finanz­welt anzu­pran­gern und für eine gerech­tere Gesell­schaft zu protestieren.

In die­sem Sinne eine Foto­stre­cke unter dem Motto: Occupy Grüne Soße

1GSAussen

Am Roß­markt im Her­zen der Stadt steigt 2012 zum fünf­ten Mal das Grüne Soße Fes­ti­val. Eine Woche lang dreht sich dort alles um das Frank­fur­ter Natio­nal­ge­richt, das tra­di­tio­nell aus sie­ben Kräu­tern gemischt wird: Bor­retsch, Ker­bel, Kresse, Peter­si­lie, Pim­pi­nelle, Sau­er­amp­fer und Schnittlauch.

2_CampTotal

Nur etwa 500 Meter ent­fernt cam­pie­ren seit rund acht Mona­ten Anhän­ger der welt­wei­ten Occupy-Initiative. Ihre Zahl hat sich seit dem Höhe­punkt der Bewe­gung vor etwa einem hal­ben Jahr deut­lich redu­ziert, doch noch immer hal­ten rund 50 bis 60 Zelte die Stellung.

3_Bissenich

Tags­über kön­nen die Besu­cher auf dem Festival-Markt natür­lich diverse Grüne Soßen pro­bie­ren. Und lasst euch durch den däm­li­chen Gesichts­aus­druck nicht täu­schen: Rich­tig zube­rei­tet und haus­ge­macht schmeckt die kalte Kräu­ter­tunke auf Kar­tof­feln mit Ei hervorragend.

4_Stundenplan

So ein Occupy-Aktivist hat einen stren­gen Stun­den­plan: Tag für Tag sind Ver­an­stal­tun­gen — vom Arbeits­kreis Respekt bis zur wöchent­li­chen Voll­ver­samm­lung. Was gerade ansteht, ent­nimmt der Akti­vist dem Schwar­zen Brett am Camp-Eingang.

5_GSshow

Die Abend­ver­an­stal­tun­gen beim Grüne Soße Fes­ti­val sind dann eine Mischung aus Koch­wett­be­werb, Kaba­rett und Kon­zert. An die 500 Zuschauer fasst das Zelt; für 50 Euro das Ticket kön­nen sie die Show ver­fol­gen, die Grü­nen Soßen diver­ser Frank­fur­ter Köche ver­kos­ten — und bei kos­ten­freiem Bier und Wein dem Alko­hol kräf­tig zusagen.

6_Dalai_Spruch

Im Occupy-Camp gibt es auch ein Infor­ma­ti­ons­zelt, das bei unse­rem Besuch lei­der unbe­setzt war. Dafür fin­det der Suchende dort reich­lich weise Rat­schläge — etwa das Para­do­xon des Dalai Lamas.

7_7glaeser

Sie­ben Grüne Soßen.

8_Spruch

Zufäl­lig kom­men wir im Occupy-Camp mit einem Akti­vis­ten ins Gespräch, der das Lager nach meh­re­ren Mona­ten ent­täuscht ver­lässt. Sein Vor­wurf: „Wir haben es auf dem Höhe­punkt der media­len Auf­merk­sam­keit nicht geschafft, uns auf ein gemein­sa­mes Mini­mal­ziel zu eini­gen.“ Jetzt sei die Luft raus, die Zahl der ech­ten Akti­vis­ten geschrumpft und das Camp zu 80 Pro­zent von Obdach­lo­sen bewohnt, so seine Kri­tik. Eine Mini­mal­for­de­rung habe ich zwi­schen Blu­men­kü­beln entdeckt.

9_GlaeserKart

Zu den sie­ben Grü­nen Soßen wer­den tra­di­tio­nell Kar­tof­feln und hart­ge­kochte Eier gereicht. Doch wehe man fragt nach Salz — so wie es ein nai­ver Gast aus Mün­chen tat, der hier unge­nannt blei­ben soll. „Haben wir nicht“, faucht die sonst zucker­süße Bedie­nung. „Das würde den Geschmack der Final-Soßen verfälschen.“

10_Euro

Aug in Aug mit dem Feind: Die Occupy-Aktivisten haben ihr Camp unmit­tel­bar neben der Euro-Skulptur auf­ge­schla­gen, mit­ten im Her­zen des Frank­fur­ter Bankenviertels.

11_Rezept

Von den Fina­lis­ten wollte mir — ver­ständ­li­cher­weise — kei­ner sein Grüne-Soße-Rezept ver­ra­ten. Doch dank inves­ti­ga­ti­ver Recher­che bin ich doch noch an eines gekommen…

12_Zelt

Dem rich­ti­gen Rezept sind auch die Occupy-Aktivisten auf der Spur — jedoch nicht für schnöde Kräu­ter­soße, son­dern für eine bes­sere Welt. Denn auch wenn ein gemein­sa­mes Ziel fehlt, sind sich dort alle Akti­vis­ten einig: So wie es aktu­ell läuft, darf es nicht weitergehen.

Am Roßmarkt im Herzen der Stadt steigt 2012 zum fünften Mal das Grüne Soße Festival. Eine Woche lang dreht sich dort alles um das Frankfurter Nationalgericht, das traditionell aus sieben Kräutern gemischt wird:  Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch.Nur etwa 500 Meter entfernt campieren seit rund acht Monaten Anhänger der weltweiten Occupy-Initiative. Ihre Zahl hat sich seit dem Höhepunkt der Bewegung vor etwa einem halben Jahr deutlich reduziert, doch noch immer halten rund 50 bis 60 Zelte die Stellung.Tagsüber können die Besucher auf dem Festival-Markt natürlich diverse Grüne Soßen probieren. Und lasst euch durch den dämlichen Gesichtsausdruck nicht täuschen: Richtig zubereitet und hausgemacht schmeckt die kalte Kräutertunke auf Kartoffeln mit Ei hervorragend.So ein Occupy-Aktivist hat einen strengen Stundenplan: Tag für Tag sind Veranstaltungen - vom Arbeitskreis Respekt bis zur wöchentlichen Vollversammlung. Was gerade ansteht, entnimmt der Aktivist dem Schwarzen Brett am Camp-Eingang.Die Abendveranstaltungen beim Grüne Soße Festival sind dann eine Mischung aus Kochwettbewerb, Kabarett und Konzert. An die 500 Zuschauer fasst das Zelt; für 50 Euro das Ticket können sie die Show verfolgen, die Grünen Soßen diverser Frankfurter Köche verkosten - und bei kostenfreiem Bier und Wein dem Alkohol kräftig zusagen.Im Occupy-Camp gibt es auch ein Informationszelt, das bei unserem Besuch leider unbesetzt war. Dafür findet der Suchende dort reichlich weise Ratschläge - etwa das Paradoxon des Dalai Lamas.Sieben Grüne Soßen.Zufällig kommen wir im Occupy-Camp mit einem Aktivisten ins Gespräch, der das Lager nach mehreren Monaten enttäuscht verlässt. Sein Vorwurf: "Wir haben es auf dem Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit nicht geschafft, uns auf ein gemeinsames Minimalziel zu einigen." Jetzt sei die Luft raus, die Zahl der echten Aktivisten geschrumpft und das Camp zu 80 Prozent von Obdachlosen bewohnt, so seine Kritik. Eine Minimalforderung habe ich zwischen Blumenkübeln entdeckt.Zu den sieben Grünen Soßen werden traditionell Kartoffeln und hartgekochte Eier gereicht. Doch wehe man fragt nach Salz - so wie es ein naiver Gast aus München tat, der hier ungenannt bleiben soll. "Haben wir nicht", faucht die sonst zuckersüße Bedienung. "Das würde den Geschmack der Final-Soßen verfälschen."Aug in Aug mit dem Feind: Die Occupy-Aktivisten haben ihr Camp unmittelbar neben der Euro-Skulptur aufgeschlagen, mitten im Herzen des Frankfurter Bankenviertels.Von den Finalisten wollte mir - verständlicherweise - keiner sein Grüne-Soße-Rezept verraten. Doch dank investigativer Recherche bin ich doch noch an eines gekommen...Dem richtigen Rezept sind auch die Occupy-Aktivisten auf der Spur - jedoch nicht für schnöde Kräutersoße, sondern für eine bessere Welt. Denn auch wenn ein gemeinsames Ziel fehlt, sind sich dort alle Aktivisten einig: So wie es aktuell läuft, darf es nicht weitergehen.

Von diabolisch bis geheim: Schmankerl aus unbekannten Landen

Auf mei­ner Reise geht es mir um drei Dinge. Ers­tens: Essen! Auf Platz zwei: Essen! Und eben­falls nicht unwich­tig, drit­tens: Essen!

Das gesagt, freue ich mich auch über Begeg­nun­gen mit net­ten Men­schen, über aben­teu­er­li­che Rei­se­ge­schich­ten wie jüngst im aus­weg­lo­sen Saar­land und nicht zuletzt dar­über, dass ich end­lich mehr von Deutsch­land sehe.

Denn meine Hei­mat habe ich bis­lang sträf­lich ver­nach­läs­sigt: Hier mal eine Woche Ber­lin, einige Tage Ham­burg, Kurz­trips in den Harz oder nach Regens­burg und ein paar Besu­che in Dres­den — das war’s dann auch fast. Ansons­ten ver­irrte ich mich kaum ein­mal nörd­lich des Weißwurst-Äquators — bis zu mei­ner kuli­na­ri­schen Reise.

So habe ich unlängst gleich drei Pre­mie­ren bin­nen zehn Tagen gefei­ert: erst­mals im Ruhr­ge­biet, erst­mals in Rheinland-Pfalz, erst­mals im Saar­land. Und in allen drei Fäl­len habe ich mir eines fest vor­ge­nom­men: wie­der­zu­kom­men. Denn Land und Leute (zuge­ge­ben: auch das Essen) tau­gen alle­mal zu mehr als nur einer Drei-Tages-Stippvisite.

Begin­nen wir mit dem Ruhr­pott, fünf Mil­lio­nen Men­schen auf engs­tem Raum, eine Hand­voll zusam­men­ge­wach­se­ner Groß­städte, die mehr oder min­der am Struk­tur­wan­del knab­bern, für Fuß­ball bren­nen und hoch ver­schul­det sind. Zugleich gibt es dort nicht erst seit der RUHR.2010 (Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas) eine leben­dige Kul­tur­szene, meh­rere alter­na­tive Stadt­vier­tel und junge Men­schen, die etwas bewe­gen wollen.

Ich selbst will dort in ers­ter Linie eines: Essen — und damit ist nicht die Stadt gemeint. Von mei­ner Jagd nach der bes­ten Cur­ry­wurst im Pott habe ich bereits aus­führ­lich berich­tet. Für­der­hin steht ein echt tra­di­tio­nel­les Gericht auf mei­nem Spei­se­plan: Pfef­fer­pott­hast. Die­ser vor allem in Dort­mund popu­läre Ein­topf besteht aus ebenso viel Rind­fleisch wie Zwie­beln, dazu reich­lich Pfef­fer, und wird mit Kar­tof­feln und Essig­gur­ken serviert.

Ein Töpf­chen Pfef­fer­pott­hast mit Essiggurken.

Einen schmack­haf­ten Pfef­fer­pott­hast ver­speise ich in der Gast­stätte Zum Alten Markt — also an jenem Platz, wo die Dort­mun­der BVB-Fans zuletzt so regel­mä­ßig zum Jubeln zusam­men­ka­men. An sol­chen schwarz-gelben Fei­er­ta­gen ist übri­gens weni­ger Pfef­fer­pott­hast gefragt, son­dern eine andere Spe­zia­li­tät des Hau­ses: Dort­mun­der Salz­ku­chen. Die­ses Bröt­chen in Bagel­form wird dick mit Mett, Schwar­te­ma­gen oder Käse belegt — und ins Loch kom­men eine Hand­voll rohe Zwie­beln. „Am Heim­spie­len ver­kau­fen wir davon 500 bis 600 Stück“, ver­si­chert Betrei­ber Frank Jülich. „Die schme­cken her­vor­ra­gend und pas­sen ein­fach ideal zum Bier.“

Treff­punkt vie­ler BVB-Fans vor Heim­spie­len: die Gast­stätte Zum Alten Markt.

Vom Land der Bier­trin­ker reise ich wei­ter ins Land der Wein­schme­cker — nach Plat­ten, ein 900-Einwohner-Dorf nahe Witt­lich in einem Sei­ten­tal der Mosel. Das Örtchen emp­foh­len hat mir eine alte Schul­freun­din (Danke Eva!), die dort im Urlaub auf den Teu­fels­bra­ten gesto­ßen ist. Dabei han­delt es sich um gegrill­ten Schwei­nen­a­cken, der zuvor in Mosel­wein und einem spe­zi­el­len Teu­fels­bra­ten­ge­würz ein­ge­legt wird.

Schwei­nen­a­cken in Mosel­wein, Zwie­beln und spe­zi­el­len Gewür­zen ein­ge­legt: Das ist der Plat­te­ner Teufelsbraten.

Einen Haken aber hat die Sache: Trotz inten­si­ver Web-Recherche kann ich kein Gast­haus in Plat­ten fin­den, das mir einen Teu­fels­bra­ten ser­vie­ren würde. In mei­ner Not wende ich mich an die Gemeinde und erhalte zwei Tage spä­ter einen Anruf von einem gewis­sen Herr Kuh­nen. Er könne da etwas für mich orga­ni­sie­ren, erzählt er zu mei­ner gro­ßen Freude. Es gebe eine Win­ze­rin im Ort, die mir sicher gerne einen Teu­fels­bra­ten vor­set­zen würde. Ich bedanke mich über­schwäng­lich, lege auf und werfe sogleich einen Blick auf die Home­page von Plat­ten. Dort stellt sich zu mei­ner Über­ra­schung her­aus: Mein Herr Kuh­nen ist nicht etwa ein Mit­ar­bei­ter der Gemeinde, son­dern ihr Bürgermeister.

Drei Tage spä­ter sitze ich mit dem Orts­ober­haupt und der Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger in deren uri­gen Wein­kel­ler, nippe an einem deli­ka­ten Dorn­fel­der und kaue genüss­lich am zwei­ten Stück Teu­fels­bra­ten. Der Mosel­wein ist noch deut­lich zu erschme­cken, ebenso Pfef­fer; doch die genaue Zusam­men­set­zung der Würz­mi­schung wol­len meine Gast­ge­ber nicht preisgeben.

Dafür erzählt Alfons Kuh­nen jene Sage, die den inzwi­schen ver­stor­be­nen Heinz Her­ges in den Acht­zi­ger­jah­ren zur Erfin­dung des Teu­fels­bra­tens inspi­rierte. Dem­nach gab es vor 200 Jah­ren einen Wirt mit Namen „Däwel“, bei dem die Plat­te­ner stets nach dem Got­tes­dienst ein­kehr­ten. Dar­aus ent­wi­ckelte sich der Aus­druck „Bei dä Dei­wel (Teu­fel)“ in Plat­ten. Aus­führ­li­cher hat das Her­ges selbst ein­mal dem SWR erzählt — hier geht’s zum Mit­schnitt (zur Ver­fü­gung gestellt von Alfons Kuhnen).

Brut­zeln extra für den Gast aus Mün­chen Plat­te­ner Teu­fels­bra­ten: Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger und Orts­bür­ger­meis­ter Alfons Kuhnen.

Doch so lecker Pfef­fer­pott­hast und Teu­fels­bra­ten waren — mit mei­nem Spei­se­plan im Saar­land kön­nen sie nicht mit­hal­ten. Dort gibt’s zunächst eben­falls Gegrill­tes, näm­lich den Schwenk­bra­ten — eine Art Iden­ti­täts­my­thos in der Region. „Der Rest der Welt grillt, doch der Saar­län­der schwenkt“, erklärt mir Klaus-Günter Koch, der in der Bau­ern­stube Saar­brü­cken seit mehr als 35 Jah­ren Schwei­nen­a­cken über dem Buchen­holz­feuer schaukelt.

Direkt aus dem Buchen­holz­rauch auf mei­nen Tel­ler: ein ori­gi­nal Saar­län­der Schwenkbraten.

Den Schwen­ker (der Grill) in der Bau­ern­stube hat der sym­pa­thi­sche 61-Jährige wie jeder echte Saar­län­der selbst gebaut — unter ande­rem aus dem Motor eines Beton­mi­schers. Pri­vat jedoch macht Koch einen gro­ßen Bogen um jedes Grill­feuer. „Ich stehe sechs Tage in der Woche sechs Stun­den lang im Fleisch­ge­ruch. Da esse ich daheim nicht auch noch Gegrill­tes, son­dern lie­ber vege­ta­risch.“ Und dann gibt mir Koch noch einen Satz mit auf den Weg, den mir — unge­lo­gen! — jeder Saar­län­der in ver­schwö­re­ri­schem Ton­fall zuflüs­tert: „Schwen­ker hat bei uns drei Bedeu­tun­gen. So heißt sowohl der Grill, als auch das Fleisch, als auch die Per­son am Feuer.“ Ergo: Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker. Noch was? Ach ja: Sehr, sehr lecker hat’s geschmeckt.

Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker: In die­sem Fall Klaus-Günter Koch von der Bau­ern­stube Saarbrücken.

Was mich zum zwei­ten Saarland-Gericht bringt: dem Dib­belab­bes. Bevor ich lange Lobes­hym­nen auf die­sen knusp­ri­gen Kar­tof­felt­raum halte (und dabei die Tas­ta­tur hier im Inter­net­café unge­büh­rend bespei­chele), erkläre ich lie­ber kurz und sach­lich, was sich hin­ter die­sem herr­li­chen Namen ver­birgt: geras­pelte rohe Kar­tof­feln mit reich­lich Lauch, Dörr­fleisch und Ei — in der Pfanne durch ste­tes Wen­den von allen Sei­ten knusp­rig gebraten.

Das beste Dib­belab­bes in Saar­brü­cken bringt nach land­läu­fi­ger Mei­nung die Gast­stätte La Bas­tille auf den Tisch — und genau dort werde ich äußerst freund­lich vom Ehe­paar Gro­lier emp­fan­gen. (Am Rande bemerkt: Diese immense Gast­freund­schaft habe ich im Saar­land vie­ler­orts ange­trof­fen, auch wenn mein letz­ter Arti­kel anders inter­pre­tiert wer­den könnte…) Die Pfäl­ze­rin und der Fran­zose betrei­ben das Restau­rant mit fran­zö­si­schem Flair seit 20 Jah­ren — und ebenso lange ist Dib­belab­bes das Aus­hän­ge­schild und meist­be­stellte Gericht.

Das „La Bas­tille“ gilt als Hei­mat des bes­ten Dib­belab­bes in Saarbrücken.

Gerne ver­ra­ten wir Ihnen unser Rezept“, sagt Vic­tor Gro­lier, klopft mir freund­schaft­lich auf die Schul­ter und grinst schel­misch. „Bis auf zwei Zuta­ten. Die blei­ben geheim. Das ist wie bei der Coca-Cola-Rezeptur.“

Doch Gro­lier hat nicht mit einem weit­ge­reis­ten Gour­met wie mir gerech­net, mit mei­nem fei­nen Gau­men, mit mei­ner Erfah­rung in Sachen regio­nale Spe­zia­li­tä­ten. Und so knab­bere ich behut­sam am ers­ten Bis­sen, lasse die brei­ige Masse lang­sam über meine Geschmacks­knos­pen glei­ten. Es folgt ein freu­di­ger Schrei der Ent­zü­ckung, noch ein Bis­sen, ein zufrie­de­ner Seuf­zer, zwei wei­tere Bis­sen, jetzt mit Apfel­mus, ist das lecker!, schnell noch drei Bis­sen, ein Schlück­chen vom Wein, lieb­lich!, noch ein paar Bis­sen… und ehe ich’s ver­sehe, ist der Tel­ler leer, ich satt, zufrie­den — und ohne jed­wege Ahnung, was die ver­schwie­ge­nen Zuta­ten sein könnten.

Doch sei’s drum, so muss das Rezept (siehe unten) eben ohne das Haus­ge­heim­nis aus­kom­men. Ohne­hin wollte ich in die­ser Geschichte eigent­lich weni­ger übers Essen, son­dern viel­mehr über die Reize dreier mir bis­lang unbe­kann­ten Ecken Deutsch­lands berich­ten. Doch wenn ich den Text jetzt über­fliege, dann habe ich diese Vor­gabe unge­fähr so folg­sam ein­ge­hal­ten wie der­einst Adam & Eva das Apfel­ver­bot. Daher noch dies: Ruhr­pott = span­nend, Mosel = idyl­lisch, Saar­brü­cken = lie­bens­wert. Mehr nicht, man soll ja Prio­ri­tä­ten set­zen — und wo meine lie­gen, habe ich bereits zu Beginn dargelegt.

Knusp­ri­ger Kar­tof­felt­raum aus dem Saar­land: Dibbelabbes.

Zum Nach­ko­chen (15): Dibbelabbes

Zuta­ten:

  • 2 Kilo Kar­tof­feln (mehlig)
  • 2 Stan­gen Lauch
  • 250 Gramm Dörrfleisch
  • 2 Eier
  • Salz, Pfef­fer, Muskat
  • But­ter­schmalz zum Anbraten

Zube­rei­tung:

  1. Kar­tof­feln schä­len und fein reiben
  2. Eier und Lauch in fei­nen Rin­gen zu den Kar­tof­feln geben
  3. Hälfte des Dörr­fleischs wür­feln, eben­falls zur Kar­tof­fel­masse geben und mit Salz, Pfef­fer, Mus­kat kräf­tig abschmecken
  4. Andere Hälfte des Dörr­fleischs in einer hei­ßen Pfanne mit But­ter­schmalz knusp­rig anbraten
  5. Kar­tof­fel­masse in die Pfanne geben und ca. 20–30 Minu­ten bra­ten. Wich­tig: Stän­dig umschich­ten, damit sich auf allen Sei­ten eine Kruste bildet

Ser­viert wird Dib­belab­bes mit Apfel­mus (oder mit Salat).

Guten Appe­tit!

Mai 11, 2012 - Hessen, Reiseleben, Saarland    12 Kommentare

Dummheit tut weh

Nette Auto­fah­rer. Das wäre heute hilf­reich gewe­sen — ers­tens. Zwei­tens: etwas weni­ger Dumm­heit auf mei­ner Seite. Drit­tens eben­falls nicht zur Hand, obgleich drin­gend nötig: eine Son­nen­creme. Vier­tens: weni­ger Dumm­heit, fünf­tens: das rich­tige Gepäck und schließ­lich sechs­tens: weni­ger Dummheit.

Da jedoch die­ses halbe Dut­zend mir am heu­ti­gen Tag so schmerz­lich abgeht wie einem rei­sen­den Bay­ern eine ordent­li­che Bre­zen — daher also sitze ich jetzt ent­kräf­tet, ver­brannt und frus­triert in einer Bäcke­rei in Kai­sers­lau­tern und warte auf meine Mit­fahr­ge­le­gen­heit nach Frank­furt. Mit­fahr­ge­le­gen­heit? Ja, denn nach gut sie­ben Stun­den und mage­ren 36 Kilo­me­tern habe ich mei­nen  Anhal­ter­dau­men für heute in den Fei­er­abend geschickt.

Dabei ver­lange ich kei­nes­wegs Unmög­li­ches von ihm, als mein Anhal­ter­tag heute um neun Uhr in Saar­brü­cken star­tet. Das Ziel: Frank­furt — laut Google Maps gerade ein­mal ein 184 Kilo­me­ter lan­ger Kat­zen­sprung. Im Geiste sehe ich mich schon um die Mit­tags­zeit in Hes­sen, wäh­rend ich den ers­ten Autos gut gelaunt mei­nen Dau­men entgegenstrecke. 

600 vor­bei­don­nernde Fahr­zeuge und zwei Stun­den spä­ter ist meine Laune rezi­prok pro­por­tio­nal zur Außen­tem­pe­ra­tur gefal­len. Will hei­ßen: Wäh­rend mein Gemüts­zu­stand im Per­ma­frost bib­bert, treibt mir die bren­nende Sonne Schweiß­per­len auf die Stirn. Son­nen­creme? Ja, das wäre jetzt nicht schlecht. Ebenso wie eine kurze Hose. Statt­des­sen habe ich dicke Socken und die lange Unter­buxe im Ruck­sack, der oben­drein von aller­lei Nutz­lo­sem beschwert wird — doch dazu spä­ter mehr.

Denn zunächst naht Ret­tung in Gestalt einer net­ten Rus­sin, die mir einen Lift nach Neunkirchen/Saar anbie­tet. Einen flüch­ti­gen Blick auf die Karte gewor­fen: Ja, das liegt irgendwo im Nord­os­ten von Saar­brü­cken, ten­den­zi­ell Rich­tung Frank­furt, also hopps eingestiegen.

Erst in Neun­kir­chen — 20 Minu­ten und eine nette Unter­hal­tung spä­ter — stu­diere ich die Karte genauer und muss ent­de­cken: Statt wie erhofft an der A6 Rich­tung Kai­sers­lau­tern stehe ich an der A8. Bedeu­tet: Erst über das nahe Kreuz käme ich auf die gewünschte Auto­bahn. Doch damit nicht genug: Auch die Auf­fahrt in Neun­kir­chen erweist sich für Anhal­ter als so prak­tisch wie eine Blei­weste als Schwimmhilfe. 

Und so brüte ich erst eine halbe Stunde ver­geb­lich in der Sonne — kein ein­zi­ges Auto hält. Dann ver­su­che ich mein Glück an der nahen Tank­stelle mit direk­tem Anspre­chen — doch nie­mand fährt in meine Rich­tung (oder will einen ver­schwitz­ten und inzwi­schen wohl auch müf­feln­den Tram­per in sei­nem Wagen). Ent­nervt stelle ich mich schließ­lich an die Land­straße und hoffe über die­sen Umweg schnel­ler auf die A6 zu gelangen.

Dies­mal habe ich zum Glück einen Schat­ten­platz, doch inzwi­schen sind die Tem­pe­ra­tu­ren der­art geklet­tert, dass mir den­noch Schweiß­bä­che den Rücken hin­un­ter­rin­nen. Wohl auch, weil erneut ein paar Hun­dert Auto­fah­rer mit regungs­lo­sem Gesicht an mei­nem Dau­men vor­bei­bret­tern. Was ist nur mit den Saar­län­dern los, die ich bis­her als so herz­lich und hilfs­be­reit ken­nen­ge­lernt habe?

Dann end­lich stoppt ein Wagen. Und auch wenn ich nur zwei Hand­voll Saar­län­der kenne, wage ich zu behaup­ten: In Sachen Ver­rückt­heit gehört die­ser etwa 45-jährige Mann zur abso­lu­ten Elite des Lan­des. Gerade ein­mal acht Minu­ten sitze ich sei­nem Auto, doch das ist genug für ihn, um zunächst drei geschmack­lose Witze über Homo­se­xu­elle zu rei­ßen. Und dann einen Schwank aus sei­nem Lie­bes­le­ben zu erzäh­len, wobei es irgend­wie um Gum­mi­dil­dos, drei Nym­pho­ma­nin­nen, seine Spiel­sucht und Poli­zei­raz­zien geht. Ein Glück habe ich so meine Pro­bleme mit dem saar­län­di­schen Akzent, sodass mir der grö­ßere Zusam­men­hang des wir­ren Gefa­sels erspart bleibt. Und so nicke ich nur mono­ton, wäh­rend er von Fot­zen, Schwän­zen und Oral­sex schwa­dro­niert — in einem Ton, als berichte er vom jüngs­ten Familienausflug.

So, hier musst du raus!“, sagt’s, schubst mich bei­nahe vom Bei­fah­rer­sitz und braust davon. Erst der Blick aufs Handy ver­rät mir: Ich bin in Lim­bach, immer noch im Saar­land, immer­hin aber nahe der Auf­fahrt zur A6. Und so schul­tere ich mei­nen Ruck­sack und stapfe durch den Ort. Ach ja, habe ich erwähnt, dass es 35 Grad im Schat­ten hat? Und dass ein 20-Kilo-Rucksack auf dem Rücken die gefühlte Tem­pe­ra­tur locker noch ein­mal um fünf­zehn Grad erhöht?

An einer Kreu­zung recke ich erneut mei­nen Dau­men in die Luft — und bin fast über­rascht, dass es dies­mal nur 15 Minu­ten dau­ert, ehe ein jun­ger Bur­sche anhält. „Zur Auto­bahn­auf­fahrt? Ja, da kann ich dich hin­brin­gen.“ Erleich­tert sacke ich in den Bei­fah­rer­sitz und ver­su­che das üble Bren­nen in Gesicht und Nacken zu igno­rie­ren. Sollte die­ser grau­en­volle Tag doch noch ein gutes Ende fin­den? (Du, lie­ber und auf­merk­sa­mer Leser, kennst die Ant­wort bereits aus der Ein­gangs­se­quenz: Nein!)

Direkt an der Auto­bahn­auf­fahrt lässt mich der Junge unter einer Brü­cke aus­stei­gen. „Da hast du sogar Schat­ten“, sagt er zum Abschied. Ich nicke erleich­tert, winke ihm nach, drehe mich um, bli­cke auf das Auto­bahn­schild — und lasse im nächs­ten Moment einen Wut­schrei los, als hätte mir ein Arzt eröff­net, dass ich all­er­gisch gegen Scho­ko­lade sei. Denn: Ich stehe nicht etwa an der A6, son­dern wie­der an der A8! Heißt: In den letz­ten drei Stun­den habe ich einen gro­ßen Bogen ums Auto­bahn­kreuz gezo­gen, nur um jetzt erneut an der fal­schen Auto­bahn zu ste­hen. Und pas­send dazu bret­tern die Autos mit 70 Stun­den­ki­lo­me­tern auf die Auf­fahrt zu — Anhal­ter­chance gleich null.

Als ich ein wei­te­res Mal den Ruck­sack schul­tere, ist mir nach lau­tem, aus­gie­bi­gem Flu­chen zumute — allein mir fehlt die Kraft. Das War­ten, die Sonne, der Irre, der Durst und die Dumm­heit: Sie haben mich der­art aus­ge­zehrt, dass ich nur stumm wei­ter stapfe, wei­ter schwitze, wei­ter leide. Da taucht in der Ferne eine Bus­hal­te­stelle auf; eine halbe Stunde spä­ter stehe ich am Bahn­hof von Hom­burg. Vor sie­ben Stun­den bin ich in Saar­brü­cken auf­ge­bro­chen — und noch immer im klei­nen Saarland. 

Ein letz­tes Mal wider­stehe ich dem ver­lo­cken­den Schnell­zug nach Kai­sers­lau­tern und schleppe mei­nen Ruck­sack und mich 20 Minu­ten lang zur Orts­aus­fahrt­straße. Von hier — so ver­heißt es die Karte — soll­ten die Chan­cen groß sein, einen Lift auf die A6 zu bekom­men. Denke ich. Doch das Den­ken ist (an die­sem Tag) nicht meine Stärke. Tat­säch­lich ent­puppt sich die Straße als zwei­spu­ri­ges Mons­trum — weit und breit keine Hal­te­bucht, weit und breit kein Schatten. 

Dafür bin ich kom­plett durch­ge­schwitzt, hum­mer­rot und erle­digt, als ich 45 Minu­ten spä­ter im Zug sitze. In Kai­sers­lau­tern ange­kom­men, krame ich meine Stra­ßen­karte noch nicht mal aus dem Ruck­sack. Statt­des­sen greife ich zum Handy und arran­giere eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit nach Frankfurt. 

Die Zeit bis zur Abfahrt über­brü­cke ich in einer Bäcke­rei am Bahn­hof. Dort schütte ich Was­ser um Was­ser in mich hin­ein und tippe diese Zei­len. Und auch wenn ihr’s nicht glau­ben wer­det: Gerade als ich mir Gedan­ken um das pas­sende Ende die­ser Geschichte mache, ertönt im Radio ein Lied von Xavier Nai­doo: „Die­ser Weg wird kein leich­ter sein.“ 

Mai 10, 2012 - Niedersachsen, Rezepte    1 Kommentar

Im Land der sonderbaren Ostfriesen

Das Otto-Huus in Emden ehrt den wohl bekann­tes­ten Ost­frie­sen: Otto Waalkes.

Ich kenne nahezu jeden Witz, könnte vie­les Wort für Wort mit­spre­chen, sogar die Satz­me­lo­die habe ich über die Jahre nicht ver­ges­sen. Kurzum: Es ist erschre­ckend. Sehr sogar. Und ein Stück weit pein­lich. Dass ich so etwas in mei­ner Jugend tat­säch­lich lus­tig fand!

Eine Mischung aus Fas­zi­na­tion und Scham steigt in mir auf, wäh­rend ich alleine in die­sem Mini-Kino sitze und gebannt ver­folge, was da über die Lein­wand fla­ckert: Otto Waal­kes, in Schleife, eine Best-of-DVD mit Auf­trit­ten aus ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahr­zehn­ten. Otto spielt fla­che Sket­che, Otto reißt nive­auf­reie Kalauer, Otto träl­lert grau­en­volle Lied­chen — und die Zuschauer schüt­teln sich vor lachen. So wie ich mich damals schüt­telte, als ich Otto Anfang der Neun­zi­ger­jahre für den lus­tigs­ten Men­schen der Welt hielt. Und „Otto — Der Außer­frie­si­sche“ für ein Werk voll­en­de­ter Filmkunst.

Inzwi­schen hat sich das glück­li­cher­weise geän­dert — und doch kann ich bei mei­nem Besuch in Emden das Otto-Huus nicht ein­fach unbe­se­hen links lie­gen las­sen. Ein gan­zes Museum nur für Otto Waal­kes? Hatte der Fah­rer, der mich in Olden­burg auf­ge­ga­belt hat, etwa doch Recht mit sei­ner War­nung: „Du willst nach Ost­fries­land? Da musst du auf­pas­sen. Die Leute dort sind komisch!“

Nach vier Tagen Ost­fries­land habe ich mir ein eige­nes Bild von die­sem Land­strich und den Men­schen dort gemacht — und bin um zwei Erkennt­nisse rei­cher. Ers­tens: Das Otto-Huus ver­dient den Namen Museum nicht wirk­lich; viel­mehr ist es ein Sou­ve­nir­shop, dem ein Raum mit Requi­si­ten aus diver­sen Otto-Filmen sowie das ange­spro­chene Mini-Kino ange­glie­dert ist. Und zwei­tens: Ost­frie­sen sind tat­säch­lich son­der­bar — und das in zwei­er­lei Hinsicht.

Wel­che Eigen­ar­ten das sind, steht in mei­ner jüngs­ten Reise-Kolumne für den Münch­ner  Mer­kur. Lese­freund­li­cher gibt es den Arti­kel auf der Merkur-Webseite (oder auf das unten ste­hende Bild kli­cken). Auch dies­mal will ich nicht ver­säu­men, in die­sem Zusam­men­hang auf die Facebook-Seite der Landkreis-Redaktion hinzuweisen.

Zum Nach­ko­chen (14): Mehl­pütt mit Vanil­le­soße

Und weil’s so lecker war, hier noch das Rezept für Mehl­pütt, das ich hier mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung von Ines Kor­des vom Kul­tur­café Emden im Pel­zer­haus ver­öf­fent­li­che.

a) Mehl­pütt

Zuta­ten:

  • 30 Gramm Hefe
  • 1 Tee­löf­fel Zucker
  • 4 Ess­löf­fel Milch
  • 800 Gramm Mehl
  • 3 Eier
  • 05, Liter Milch
  • 1 Eßlöf­fel Schmalz (oder Butter)
  • 1 Prise Salz

Zube­rei­tung:

  1. Hefe mit Zucker und lau­war­mer Milch verrühren
  2. Mehl in eine Schüs­sel geben und lau­warme Milch, Eier, Schmalz (But­ter), Salz und Hefe vermengen
  3. Tüch­tig kneten
  4. Teig auf ein bemehl­tes Tuch legen und abde­cken (Teig sollte ca 1 Stunde aufgehen)
  5. Teig mit einem Tuch lose unter einen Topf­de­ckel bin­den und über dem Was­ser­dampf etwa 45 Minu­ten garen las­sen (Wich­tig: Der Pütt darf nicht im Was­ser hängen!)

(Rezept aus dem Ost­frie­si­schem Koch­buch von Anne­lene von der Haar)

b) Vanil­le­soße

Zuta­ten:

  • 1 Liter Milch
  • 125 Gramm Zucker
  • 1Vanillescote
  • 4 Eigelb
  • 20 Gramm Speisestärke

Zube­rei­tung:

  1. Spei­se­stärke mit etwas Milch anrühren
  2. Eigelb dazu geben und bei­des gut mit­ein­an­der vermengen
  3. Vanil­le­schote aus­krat­zen und alles mit der Milch und dem Zucker zum Kochen bringen
  4. Speisestärke/Eigelbmasse dazu­ge­ben und noch ein­mal auf­ko­chen lassen

(Rezept Ines Kordes)

Guten Appe­tit!

Ebenso süß wie lecker: Mehl­pütt mit Vanil­le­soße und Birnen.

Ines Kor­des, Küchen­che­fin im Kul­tur­café Emden, kocht Mehl­pütt. Die­ser Hefe­kloß wird im Was­ser­dampf gegart und ist ein tra­di­tio­nel­les ost­frie­si­sches Gericht.

Die Lei­te­rin des Tee­mu­se­ums in Leer, Celia Hübl, wiegt Tee­blät­ter ab. Neben ihr steht die Menge an Tee, die ein Ost­friese durch­schnitt­lich im Jahr trinkt: genug für 300 Liter.

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