Archiv: April, 2013
Apr 15, 2013 - Bloggen, Buch    1 Kommentar

Reif fürs Museum

Is(s) was! Essen und Trin­ken in Deutsch­land“ heißt eine Wech­sel­aus­stel­lung im Haus der Geschichte — mit mei­ner Reise. (Foto by Cle­mens Pfeif­fer, CC-BY-SA-2.0-at)

Die­ses Inter­net ist ein Hort des Bösen, ich weiß, ich weiß. Zuvor­derst sind da die Aus­späh­ha­lun­ken von Google, gefolgt von den datens­ti­bit­zen­den Face­boo­kianern sowie eini­gen ande­ren Iden­ti­täts­kra­ken, Jugend­ver­dum­mern und Welt­un­ter­gangs­be­schleu­ni­gern. Das liest man ja stän­dig. Im Spie­gel. Beim Focus. Im Stern.

Den­noch ging ich vor mei­ner kuli­na­ri­schen Deutsch­land­reise den Pakt mit den Teu­feln ein: Ich schrieb über meine Erleb­nisse auf einer eige­nen Home­page, teilte Fotos und Ein­drü­cke über meine Face­book­seite, ja sogar bei Twit­ter zwit­scherte ich flei­ßig, was mir so unter­wegs wider­fuhr und auf die Tel­ler kam. Denn, so meine Über­le­gung vor der Abreise: Je mehr Men­schen von mei­ner Jagd nach lan­des­ty­pi­schen, regio­na­len Gerich­ten erfah­ren, desto besser.

Doch nie­mals, wirk­lich nie­mals hätte ich zu träu­men gewagt, was mir meine flei­ßige Online­schrei­be­rei alles ein­brin­gen würde. Näm­lich: unschätz­bar hilf­rei­che Tipps von Lesern, ein Buch­ver­trag beim Rowohlt-Verlag sowie nun sogar einen Platz im Haus der Geschichte, einem der meist­be­such­ten Museen in Deutsch­land. Doch der Reihe nach.

Dia­log mit dem Leser

Da waren also zunächst ein­mal die vie­len Kom­men­tare, Tipps und Anre­gun­gen mei­ner Leser wäh­rend der Reise. Bei­spiels­weise hätte ich ohne diese Hin­weise weder Osna­brück noch die kleine pfäl­zi­sche Gemeinde Plat­ten besucht — wodurch mir zwei unver­gess­li­che Rei­se­er­leb­nisse ver­wehrt geblie­ben wären (Osna­brück, Plat­ten). Und die neben­bei bemerkt zusam­men fast ein gan­zes Kapi­tel in mei­nem Buch ausmachen.

Zwei­tens: der Buch­ver­trag. Denn auf­ge­bro­chen bin ich auf eigene Faust und ohne einen Ver­lag im Rücken. Nichts­des­to­we­ni­ger hatte ich die feste Absicht, die kul­tu­rel­len und kuli­na­ri­schen Erleb­nisse mei­ner Anhal­ter­reise in Buch­form nie­der­zu­schrei­ben — und wenn meine Mut­ter her­nach die Ein­zige gewe­sen wäre, die das Werk je liest. Doch so weit kam es zum Glück nicht: Etwa drei Wochen vor Ende mei­ner Tour flat­terte die Mail einer jun­gen Dame in mein Post­fach. Meine Reise und die Idee dahin­ter fände sie sehr char­mant, und tat­säch­lich könne sie sich vor­stel­len, dass dar­aus ein Buch werde. Ob wir uns nicht mal ganz unver­bind­lich unter­hal­ten wol­len? Ach ja: Die junge Dame war damals Lek­to­rin beim Rowohlt-Verlag und lei­tet dort heute die Sachbuch-Sparte bei den Taschenbüchern.

Buch­ver­trag ohne Probelesen

Ohne einen ein­zi­gen Ver­lag selbst anzu­schrei­ben, unter­zeich­nete ich einen Monat spä­ter mei­nen Buch­ver­trag — und das, ohne dass die Frau je eine Zeile des Buches gele­sen hätte. Offen­bar reich­ten ihr allein meine Berichte im Blog und bei Face­book, denn als ich sie wenig spä­ter fragte, wie sie auf meine Reise gesto­ßen sei, ant­wor­tete sie: „Ganz genau kann ich das gar nicht mehr rekon­stru­ie­ren. Ich bin beim Sur­fen durch Zufall auf ein Couchsurfer-Interview gesto­ßen und von dort auf Ihre Seite gekommen.“

Nun erscheint mein Buch im Juni also in einem der renom­mier­tes­ten Ver­lage Deutsch­lands — Google, Face­book und Co. sei Dank.

Erst Leip­zig, dann Bonn

Und das ist noch nicht alles: Im Sep­tem­ber — ich hatte gerade rund die Hälfte des Buches zu Papier gebracht — erhielt ich wie­der eine Mail, dies­mal aus Leip­zig, von einem Mit­ar­bei­ter des dor­ti­gen Haus der Geschichte. „Wir berei­ten zur­zeit eine große Wech­sel­aus­stel­lung mit dem Titel „Is(s) was! Essen und Trin­ken in Deutsch­land“ vor“, schrieb er. Diese werde zunächst von Mai bis Okto­ber 2013 in Zeit­ge­schicht­li­chen Forum in Leip­zig zu sehen sein, und danach von Novem­ber 2013 bis April 2014 im Schwes­ter­mu­seum, dem Bon­ner Haus der Geschichte.

Er selbst, so der Mit­ar­bei­ter wei­ter, sei dabei für einen Raum zustän­dig, der das Thema „Rück­be­sin­nung und Regio­na­li­sie­rung der Ess­kul­tur“ auf­greife und habe nun von mei­ner Reise gele­sen. Wo? Da reicht ein Blick auf den Namen der Aus­stel­lung und auf die Adresse mei­ner Web­seite. Kon­kret gesagt: Wer bei Google nach „Is(s) was! Essen und Trin­ken in Deutschland“ sucht, erhält als erste Tref­fer zwei Links zur Aus­stel­lung, und schon danach folgt meine Web­seite — noch vor der Wiki­pe­dia.

Zuge­ge­ben: Meine Reise war ziem­lich genau das, wonach die Aus­stel­lungs­ma­cher für die­sen (klei­nen) Teil der Schau gesucht hat­ten. Doch ohne meine Web­seite, ohne meine Berichte und ohne Google hätte der Mit­ar­bei­ter wohl nie davon erfahren.

Aus­stel­lungs­er­öff­nung im Mai

Zahl­lose Tele­fo­nate, etli­che E-Mails, einen Besuch des jun­gen Herrn in Mün­chen und einen Trip mei­ner­seits nach Leip­zig spä­ter sind die Pla­nun­gen bezüg­lich „mei­ner“ Vitrine in der Aus­stel­lung inzwi­schen weit­ge­hend abge­schlos­sen. In ihr wer­den neun eher unbe­kannte Gerichte vor­ge­stellt, die ich auf mei­ner Reise ver­drückt habe; dazu gibt’s Expo­nate von unter­wegs sowie ein Video­in­ter­view mit mir; und auch mein Rei­se­ta­ge­buch sowie das Buch „Spei­sende soll man nicht auf­hal­ten“ wer­den eine Rolle in der Aus­stel­lung spielen.

Mehr sei an die­ser Stelle noch nicht ver­ra­ten, doch sobald ich von der Aus­stel­lungs­er­öff­nung Mitte Mai zurück bin, werde ich das Ganze noch ein­mal aus­führ­lich in Text, Bild und Video vor­stel­len — in die­sem bösen Inter­net, ver­steht sich. Das mir also (bis­lang) reich­lich Rei­s­ein­spi­ra­tion, einen Buch­ver­trag und eine Muse­ums­vi­trine beschert hat. Was ich dafür im Gegen­zug preis­ge­ge­ben habe? Meine per­sön­li­chen Daten — des­sen bin ich mir sehr wohl bewusst. Es kann also gut sein, dass bei Face­book künf­tig Anzei­gen für Koch­bü­cher und Pfan­nen auf mich ein­pras­seln anstatt Wer­bung für Sin­gle­bör­sen und Damenbinden.

Ich glaube, das werde ich verkraften.