Dez 10, 2013 - Buch, Weihnachtsaktion    1 Kommentar

Türchen 10 — Todeskuss der Löschtaste

Ihr braucht noch ein Weih­nachts­ge­schenk für einen Essens­lieb­ha­ber, Hobby-Koch oder Rei­se­en­thu­si­as­ten? Bis Hei­lig Abend ver­schi­cke ich signierte Exem­plare von „Spei­sende soll man nicht auf­hal­ten“ — und das ver­sand­kos­ten­frei (mehr dazu hier). Um diese Weih­nachts­ak­tion zu bewer­ben, schnüre ich einen Advents­ka­len­der: Von Mon­tag bis Frei­tag gibt es täg­lich eine Anek­dote rund um mein Buch — bei­spiels­weise, wie es zu dem Titel kam, wie viele Exem­plare ich bereits ver­kauft und wel­che Unsum­men ich damit ver­dient habe. Heute: Todeskuss der Löschtaste.


Eine Anhaltergeschichte aus dem schönen Rheinland-Pfalz musste leider dem Rotstift weichen.

Eine Anhal­ter­ge­schichte in Rheinland-Pfalz fiel der Lösch­taste zum Opfer.

Spä­tes­tens seit dem Sie­ges­zug der DVD weiß auch Otto-Normal-Filmgucker: Nicht alle Sze­nen, die für einen Kino­strei­fen auf­ge­zeich­net wer­den, lan­den her­nach auch im fer­ti­gen Werk. Statt­des­sen fal­len ganze Sequen­zen dem Schnitt zum Opfer — und tau­chen spä­ter als soge­nannte „dele­ted sce­nes“ im Bonus-Material der DVD wie­der auf.

Ob die Bezeich­nung „gelöschte Sze­nen“ nicht einer gewis­sen Sinn­haf­tig­keit ent­behrt, soll an die­ser Stelle nicht erör­tert wer­den. Viel­mehr geht es um die „dele­ted sce­nes“ in mei­nem Buch, die zwi­schen­zeit­lich zwar im Manu­skript auf­tauch­ten, bis zur fina­len Ver­sion jedoch der Lösch­taste zum Opfer fielen.

    Tram­pen oder Couchsurfing

Eine Stelle, mit der ich beson­ders lange geha­dert habe, war der Ein­stieg in das Kapi­tel über Rheinland-Pfalz. Bevor es in die Gemeinde Plat­ten und zum dor­ti­gen Teu­fels­bra­ten ging, stan­den zwei Mög­lich­kei­ten zur Aus­wahl: ent­we­der ein Bericht über die (durch­aus müh­same) Anreise oder eine Schil­de­rung des gemein­sa­men Abend­es­sens mit mei­nen (etwas gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen) Couchsurfing-Gastgebern. Weil ich mich par­tout nicht ent­schei­den konnte, for­mu­lierte ich beide Pas­sa­gen aus, ehe ich mich für die Couchsurfing-Variante ent­schied. Warum? Haupt­säch­lich, weil ich bereits an ande­ren Stel­len im Buch von miss­glück­ten Anhal­ter­rei­sen berichte und befürch­tete, dass der Leser die­ses The­mas über­drüs­sig wer­den könne.

Da ich bezweifle, dass es jemals eine Ver­fil­mung, geschweige denn ein DVD von „Spei­sende soll man nicht auf­hal­ten“ geben wird, will ich zumin­dest in die­sem Advents­ka­len­der jene Epi­sode erzäh­len, die gewis­ser­ma­ßen im Recall die Rote Karte sah (um ein­mal die sel­tene Kom­bi­na­tion von Cas­ting­show und Fuß­ball zumin­dest sprach­lich zusammenzubringen).

Hier also, was ich schrieb — und dann löschte:

 

Rheinland-Pfalz: Sau­ma­gen macht den Kohl nicht fett

Es gibt eigent­lich nur eine Sache, die für Anhal­ter schlim­mer ist, als stun­den­lang an einem Fleck aus­zu­har­ren, in der Kälte zu bib­bern, den klam­men Dau­men zu schwen­ken und den­noch Auto um Auto vor­bei­brau­sen zu sehen. Näm­lich: stun­den­lang an einem Fleck aus­har­ren, in der Kälte bib­bern, den klam­men Dau­men schwen­ken und den­noch Auto um Auto vor­bei­brau­sen sehen – bei Regen.

Für sol­che Situa­tio­nen hat der kluge Anhal­ter eine was­ser­dichte Jacke im Gepäck, sodass er zumin­dest eini­ger­ma­ßen tro­cken bleibt. In mei­nem Ruck­sack jedoch suche ich an die­sem Tag ver­geb­lich nach einer sol­chen – dafür bau­melt daran ein was­ser­dich­tes Zelt, das noch immer auf sei­nen ers­ten Ein­satz war­tet. Und so stehe ich mit durch­näss­ter Jacke, durch­näss­ten Klei­dern und durch­näss­ten Schu­hen hier im Nir­gendwo und flu­che leise vor mich hin.

Am Vor­mit­tag hat mich mein Dau­men recht zügig von Aachen über Köln bis in den Nord­wes­ten der Eifel gebracht. Doch quasi mit dem ein­set­zen­den Regen scheint auch die Mit­nah­me­lust der Auto­fah­rer hin­weg­ge­spült, und so stehe ich nun seit einer gefühl­ten Ewig­keit an die­ser Land­straße am Orts­rand von Blan­ken­heim. Mein Ziel, die kleine Gemeinde Plat­ten an der Mosel, dürfte noch etwa acht­zig Kilo­me­ter ent­fernt sein, wie mir der Blick auf die Karte gezeigt hat. Genauer gesagt war der Blick äußerst flüch­tig, wor­über ich mich spä­ter noch im Stile des HB-Männchens auf­re­gen werde.

Doch im Moment beschäf­tigt mich nur eine Frage: Soll ich meine Schuhe aus­zie­hen, die Socken aus­wrin­gen und ein fri­sches Paar aus dem Ruck­sack über­zie­hen? Oder wäre das ver­geb­li­che Mühe, weil auch der fri­sche Stoff nach zwei Minu­ten wie­der durch­nässt ist? Gerade als ich zum Schuh grei­fen will, hält plötz­lich ein nagel­neuer Klein­bus mit hol­län­di­schem Kenn­zei­chen neben mir. Ich stutze: Ist die­ses Gefährt nicht soeben an mir vor­bei­ge­don­nert? „Ja, das stimmt“, bestä­tigt Ruud, nach­dem ich mich, mei­nen Ruck­sack und gefühlte zwei Liter Regen­was­ser auf die Rück­bank gehievt habe. „Wir haben die­sen Bus erst seit kur­zem und total ver­ges­sen, dass wir jetzt genug Platz haben, um Anhal­ter mit­zu­neh­men.“ Ruud grinst, seine Frau Rita lacht. Die bei­den machen auf Anhieb einen freund­li­chen Ein­druck, was sich im Laufe unse­rer Fahrt bestä­ti­gen wird.

Wie so viele Nie­der­län­der spricht auch die­ses Ehe­paar her­vor­ra­gend Deutsch, sodass wir uns als­bald ange­regt unter­hal­ten. Ja sogar ein Stück selbst­ge­ba­cke­nen Kuchen samt Man­da­ri­nen­saft reicht mir Rita, wäh­rend wir über Land­stra­ßen durch die ebenso grüne wie ver­reg­nete Eifel kur­ven. Die bei­den wol­len nach Cochem an der Mosel, etwa fünf­zig Kilo­me­ter fluss­ab­wärts von mei­nem heu­ti­gen Etap­pen­ziel. „Die­ses Plat­ten, wo du hin musst“, fragt Ruud nach etwa einer Vier­tel­stunde, „wo genau liegt das denn?“

Eine ehr­li­che Ant­wort würde lau­ten: Genau weiß ich das nicht. Doch ich plap­pere ein­fach drauf los: „Das ist gleich bei Traben-Trarbach um die Ecke“ – weil ich das bei mei­nem flüch­ti­gen Kar­ten­blick so erkannt haben will. Ruud wech­selt einige Sätze mit sei­ner Frau in Hol­län­disch, dann dreht sich Rita zu mir um: „Weißt du was? Wir fah­ren dich bis nach Traben-Trarbach.“ Ich bin ver­blüfft: „Aber das ist doch ein Rie­sen­um­weg für euch!“ Um genau zu sein etwa acht­zig Kilo­me­ter, wie ich spä­ter fest­stel­len werde. „Das ist kein Pro­blem“, winkt Ruud ab. „Wir müs­sen nicht vor heute Abend in Cochem sein. Und bei dem Wet­ter könn­ten wir ohne­hin nichts unternehmen.“

Eine Stunde spä­ter bringt Ruud den Klein­bus im Zen­trum von Traben-Trarbach zum Ste­hen. Es hat inzwi­schen auf­ge­hört zu reg­nen; hin­ter den Wol­ken spitzt sogar ab und zu die Sonne her­vor. „Und du bist sicher, dass du von hier nach Plat­ten lau­fen kannst?“, fragt Rita besorgt. Einen kur­zen Moment über­lege ich, die Karte her­vor­zu­kra­men – doch dann schiebe ich die­sen Gedan­ken bei­seite: „Ja, das ist kein Pro­blem. Ganz lie­ben Dank für eure Hilfe.“

Ich winke den bei­den zum Abschied und stapfe los. An einer Bus­hal­te­stelle ent­de­cke ich einen Umge­bungs­plan und steuere dar­auf zu – nur zur Sicher­heit, mur­mele ich leise. Doch schon im nächs­ten Moment ist es vor­bei mit der Ruhe. Statt­des­sen schleu­dere ich dem Plan mit hoch­ro­tem Kopf eine Schimpf­ti­rade ent­ge­gen, deren Wort­laut ich an die­ser Stelle nicht wie­der­ho­len will. Denn: Plat­ten ist tat­säch­lich einen Fuß­marsch von Traben-Trarbach ent­fernt – aller­dings nur, wenn man unter Fuß­marsch auch eine vier­stün­dige Wan­de­rung versteht.

Warum nur habe ich im Klein­bus nicht auf die Karte geschaut?, flu­che ich immer noch in einer Laut­stärke, dass sich ein Spa­zier­gän­ger mit Hund erstaunt zu mir umdreht. Weil ich mir sicher war? Mit­nich­ten! Viel­mehr wollte ich mir wohl keine Blöße geben, meine Unwis­sen­heit kaschie­ren und den erfah­re­nen Tram­per mimen. Seit län­ge­rer Zeit muss ich wie­der ein­mal an Schwe­rin, Katha­rina und ihre Tugend­karte den­ken: Wäre auch hier etwas mehr Inte­gri­tät ange­bracht gewesen?

Drei Stun­den und drei Fah­rer spä­ter errei­che ich schließ­lich mein heu­ti­ges Etap­pen­ziel. Meine Schuhe sind immer noch feucht und meine Laune immer noch ver­reg­net, sodass ich mich nach dem gemein­sa­men Abend­es­sen mit mei­nem Couchsurfing-Gastgeber früh ins Bett ver­ab­schiede. Dort gehe ich die­sen Anhal­ter­tag noch ein­mal in Gedan­ken durch und komme zu dem Schluss: Womög­lich wäre heute etwas mehr Inte­gri­tät wirk­lich hilf­reich gewe­sen, aber min­des­tens ebenso drin­gend hätte ich etwas nut­zen sol­len, das ich auch ohne Karte stets dabei habe —  näm­lich mei­nen Kopf.

Bis­her im Adventskalender:

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