Jan 14, 2014 - Buch, Lesungen    Kein Kommentar

Wer kommt zur Lesung — und wenn ja, wie viele?

Einer spricht, alle lauschen - im Idealfall. (Quelle: Zeitgeschichtliches Forum Leipzig)

In Leip­zig habe ich vor einem Ozean aus Leere gele­sen — mit ver­ein­zel­ten Besu­cher­bo­jen. (Quelle: Zeit­ge­schicht­li­ches Forum Leipzig)

Meine erste Lesung im Zeit­ge­schicht­li­chen Forum in Leip­zig. Ein rie­si­ger Saal, alles hoch­mo­dern, Ton­check, Lichtar­ran­ge­ment, Mikro­fone, Steh­pult, das obli­ga­to­ri­sche Was­ser­glas und davor fest bestuhlte Sitz­rei­hen für 250 Menschen. „Aber seien Sie nicht ent­täuscht, wenn es nicht ganz voll wird“, sagt die freund­li­che, junge Dame von der Pressestelle.

Wenig spä­ter weiß ich: Ihre War­nung ist wie der Hin­weis eines Zahn­arz­tes vor der Wur­zel­be­hand­lung, dass es nun „etwas unge­müt­lich“ wer­den könne. Denn tat­säch­lich sit­zen bei Lesungs­be­ginn höchs­tens 20 Mensch­lein im Raum — ver­spren­kelt wie Bojen in einem Ozean aus Leere.

Ich selbst bin frei­lich viel zu auf­ge­regt, um ent­täuscht zu sein. Da gibt es wirk­lich Men­schen, die hören wol­len, wie ich aus mei­nem Buch lese — obgleich wir mei­nes Wis­sens weder ver­wandt sind, noch haben sie dafür Geld erhal­ten. Also lese ich, wie ich seit dem Vor­le­se­wett­be­werb in der 3. Klasse nicht mehr gele­sen hatte — mit reich­lich Verve, noch mehr Ver­has­plern, aber unbän­di­ger Freude.

  Warum kom­men sie? Und wenn ja, wie viele?

Erst einige Wochen spä­ter, beim Blick auf die Bil­der des muse­ums­ei­ge­nen Foto­gra­fen, der es auf sei­nen Auf­nah­men tat­säch­lich geschafft hat, die Besu­cher­bo­jen wie eine Art Publi­kum wir­ken zu las­sen — da also stelle ich mir fol­gende Frage: Wieso sind nur so wenige Men­schen zu der Lesung erschie­nen? Oder sind 20 Besu­cher gar nicht wenig, son­dern viel­mehr ein Erfolg? Und was muss man tun, um mehr Leute anzulocken?

Meh­rere Monate und knapp ein Dut­zend Ver­an­stal­tun­gen spä­ter habe ich auf all diese Fra­gen eine klare Ant­wort: Keine Ahnung!

Sicher: Per­sön­li­che Kon­takte am Ver­an­stal­tungs­ort sind hilf­reich. Ebenso Ankün­di­gun­gen in den Medien. Aber…

  • … in Ravens­burg habe ich ein Jahr gelebt, pflege noch Kon­takte zu Freun­den und Ver­wand­ten, dazu wird die Lesung mit einem rie­si­gen Bild in der örtli­chen Mono­pol­zei­tung ange­kün­digt — und den­noch ver­ir­ren sich gerade ein­mal 20 Men­schen zu der Ver­an­stal­tung. Und das bei kos­ten­freiem Eintritt!
  • … in Sig­ma­rin­gen hin­ge­gen erschei­nen deut­lich mehr Besu­cher — obgleich ich dort nie zuvor gewe­sen bin und die Tickets immer­hin acht Euro kosten.
  • … in Stutt­gart wird meine Lesung in diver­sen Medien ange­kün­digt — und doch sitze ich dort vor gerade ein­mal 15 Zuhörern.
  • … in Gar­ching hin­ge­gen erscheint nur eine Mel­dung in Lokal­zei­tung und Anzei­gen­blatt — und doch lau­schen dort mehr als 60 Men­schen mei­nen Wor­ten in der Stadtbibliothek.

Kurzum: Für mich ist und bleibt es ein Rät­sel, warum jemand zu (m)einer Lesung kommt — und wenn ja, wie viele? Umso gespann­ter bin ich nun auf die Ver­an­stal­tun­gen in der kom­men­den Woche, die mich unter ande­rem in den äußers­ten Osten der Repu­blik führen:

  •  In Nürn­berg lese ich am Diens­tag, 21. Januar, um 19 Uhr in der Schäu­fe­le­wärt­s­chaft — Hei­mat der Freunde des Frän­ki­schen Schäu­fele. Letz­tere las­sen es sich selbst­ver­ständ­lich nicht neh­men, den Gäs­ten ein ofen­fri­sches Schäu­fele mit Kloß & Soß zu ser­vie­ren (vege­ta­ri­sche Alter­na­tive: Gemü­se­auf­lauf). Wei­tere Infos ste­hen auf der Face­book­seite des Ver­eins.
  • In Schmölln lese ich am Mitt­woch, 22. Januar, um 19 Uhr im Reus­si­schen Hof. Dort setzt sich meine kuli­na­ri­sche Deutsch­land­reise auf dem Menü­plan fort: In den Lese­pau­sen kön­nen sich die Besu­cher selbst vom Geschmack von Grüne Soße, Mehl­pütt und Co. überzeugen.
  • In Zit­tau lese ich am Don­ners­tag, 23. Januar, um 19 Uhr im Wirts­haus Zum Alten Sack. Im Bei­sein von Wirt Peter Bes­ser geht es dort unter ande­rem um das Natio­nal­ge­richt der Region: die Ober­lau­sit­zer Teichelmauke.

Nach einer ein­wö­chi­gen Ver­schnauf­pause folgt Anfang Februar meine vor­erst letzte Lese­tour — in den fer­nen Wes­ten, in die Pfalz und nach Saar­brü­cken. Danach war­ten noch ver­ein­zelte Ver­an­stal­tun­gen in und um Mün­chen, aber all das werde ich an die­ser Stelle bei­zei­ten noch ein­mal gebüh­rend auswalzen.

P.S. Die­ser Bei­trag könnte beim geneig­ten Leser den Ein­druck erwe­cken, ich würde den Erfolg einer Lesung aus­schließ­lich an der Besu­cher­zahl mes­sen — was ich hier­mit aus­drück­lich ver­neine. Viel wich­ti­ger ist mir oft­mals das Ambi­ente, die Stim­mung, die Laune der Gäste, das Wie­der­se­hen von bekann­ten Gesich­tern, die Zahl der ver­kauf­ten Bücher und — natür­lich — das anschlie­ßende Essen.

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