Kategorie: "Baden-Württemberg"
Jun 13, 2012 - Baden-Württemberg    Kein Kommentar

Im Ländle der Legenden

Ein Ort für Wut­bür­ger, Kaf­fee­süch­tige — und Buchschreiber.

Rein phy­sisch bin ich seit über einer Woche wie­der im hei­mat­li­chen Mün­chen. Meine Gedan­ken jedoch sind meist noch bei den zurück­lie­gen­den drei Mona­ten und mei­ner kuli­na­ri­schen Deutsch­land­reise — und hin­ken somit ebenso hin­ter­her wie meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur, die ich an die­ser Stelle stets mit Ver­zö­ge­rung ver­öf­fent­li­che. Dies­mal geht’s um drei Legen­den aus dem Ländle: Maul­ta­sche, Gais­bur­ger Marsch und Schwarz­wäl­der Kirschtorte.

Der Arti­kel stellt den Abschluss mei­ner Merkur-Kolumne dar; ein letz­ter Arti­kel über meine Tour folgt an die­sem Frei­tag (15. Juni) im Bayern-Teil. Für die Schwä­bi­sche Zei­tung werde ich das Rei­se­re­sü­mee selbst schrei­ben (und hier ver­öf­fent­li­chen). Eine Über­sicht über alle Zei­tungs­ar­ti­kel, die ich von unter­wegs geschrie­ben habe und die über mich geschrie­ben wur­den, steht neu­er­dings recht­er­hand unter dem Menü­punkt Berichte & Co. Er ersetzt an die­ser Stelle die Rubrik Liebe Ver­lage - doch mehr dazu später.

Ansons­ten sitze ich seit einer Woche im Win­ter­gar­ten (siehe Foto oben), blät­tere in mei­nen Auf­zeich­nun­gen, kli­cke mich durch meine Fotos und krame in mei­nem Gedächt­nis. Das Ziel: Meine kuli­na­ri­schen und kul­tu­rel­len Erleb­nisse in einer halb­wegs les­ba­ren und unter­halt­sa­men Ver­sion auf Papier zu brin­gen. Aktu­el­ler Stand: Drei Kapi­tel ste­hen (mehr oder weni­ger) — drei­zehn wei­tere sol­len noch fol­gen. Und wenn ich mei­nem bis­he­ri­gen Schnitt treu bleibe, habe ich nach Voll­en­dung den Com­pu­ter unge­fähr acht­tau­send­mal ange­brüllt und vier­und­drei­ßig Hek­to­li­ter Kaf­fee getrun­ken, was wie­derum so viel ist wie zwei­ein­halb­mal das Saar­land plus vier Fuß­ball­fel­der. Zumin­dest ungefähr.

(Lesehinweis: Erst auf das unten ste­hende Foto kli­cken, um zum Arti­kel zu gelan­gen — und dann erneut dar­auf kli­cken, um ihn zu vergrößern.)

Interviews im Dutzend (4): Die Maultaschen-Erna

Frédé­ric Bier­brauer (links) und und Flo­rian Romer sind Erna & Co.

Die Idee kommt nahezu jedem Schwa­ben irgend­wann im Leben — spä­tes­tens nach dem drit­ten Glas Trol­lin­ger: Warum nicht einen Imbiss mit regio­na­len Gerich­ten auf­ma­chen? So eine Art McDonald’s mit Cheese­spätzle und McMaul­ta­sche. In der Regel blei­ben der­lei Pläne Hirn­ge­spinste, die spä­tes­tens am nächs­ten Mor­gen ihren Platz im trol­lin­ger­schwe­ren Schwa­ben­kopf wie­der räu­men müs­sen — nicht so bei Frédé­ric Bier­brauer und Flo­rian Romer.

Die bei­den Freunde aus Stutt­gart ver­zich­ten nach dem BWL-Studium auf lukra­tive Jobs in der Indus­trie. Statt­des­sen tüf­teln sie neun Monate an der per­fek­ten Maul­ta­sche, fei­len am Busi­ness­plan für ihren Imbiss­wa­gen und eröff­nen im März 2011 schließ­lich Erna & Co. — „hand­ge­machte schwä­bi­sche Küche in einem fri­schen, moder­nen und mobi­len Ambi­ente“, wie es auf der Web­seite heißt. Im Inter­view erzählt Frédé­ric von gro­ßen Zie­len, der Bench­mark Mama, und was Imbiss­be­trei­ber von McDonald’s ler­nen können.

 

Ein Park­platz im Her­zen von Stutt­gart, die Mit­tags­sonne strahlt mit dem schnie­ken, rot-weißen Imbiss­wa­gen um die Wette. Strah­lend ist auch das Lächeln von Frédé­ric Bier­brauer bei der Begrü­ßung. Im Hin­ter­grund schau­felt Kol­lege Flo­rian Romer Kar­tof­fel­sa­lat, brut­zelt Maul­ta­schen, kleckst Soße — und, na klar, strahlt.

Keine Frage, die bei­den Jungs kom­men im Imbiss so gut rüber wie Flo­rian Sil­be­rei­sen bei der Gene­ra­tion Sil­ber­haar. Und nicht nur sie: Von den Pro­dukt­fo­tos in Hoch­glanz bis zum auf­wän­di­gen Pro­spekt, von den modisch geschnit­te­nen Ver­käu­fers­hirts bis zum SLS-Menü (Spätzle, Lin­sen, Sai­ten­würstle) — alles an Erna & Co. wirkt so akri­bisch durch­dacht, als stünde den Jung­un­ter­neh­mern das Apple-Marketingteam zur Seite. Doch ein Jour­na­list darf sich von all dem nicht beein­dru­cken las­sen. Daher nun zwölf knall­harte Fra­gen an die Maul­ta­schen­meis­ter und Spätzlespezialisten.

1. Wie schmeckt die per­fekte Maultasche?

Frédé­ric: Nach wirk­li­chem Fleisch — und nicht nur nach Brät. Außer­dem sollte man die ein­zel­nen Zuta­ten in der Fül­lung schme­cken und erken­nen. Das darf keine unde­fi­nier­bare Ein­heits­masse sein.

2. Warum hei­ßen Spätzle, Lin­sen und Sai­ten­würstle bei euch SLS-Menü und nicht Spätzle, Lin­sen und Saitenwürstle?

Frédé­ric: Ers­tens soll es unsere Kun­den zum Schmun­zeln brin­gen. Zwei­tens ist die For­mu­lie­rung ein­gän­gig, sodass sich die Leute beim nächs­ten Besuch daran erin­nern. Und drit­tens beschleu­nigt es die Bestel­lung, wenn man ein­fach nur ein SLS ordert. Obwohl: Erst letz­tens hat­ten wir eine Dame, die das ein biss­chen durch­ein­an­der gebracht hat. Die hat näm­lich LSD bestellt…

3. Wieso rackert man bis zu 14 Stun­den am Tag im Imbiss statt halb so lange in Büro vom Daim­ler — wofür es aber dop­pelt so viel Geld geben würde?

Frédé­ric: Weil wir hier unsere Vision ver­wirk­li­chen kön­nen. Und als Moti­va­tion dient uns der Aus­blick auf das, was noch kom­men wird. Schließ­lich wol­len wir bald unse­ren ers­ten Erna-Laden eröff­nen, und das Kon­zept dann als Fran­chise auf ganz Deutsch­land, viel­leicht sogar auf die ganze Welt aus­wei­ten. Der Wagen in Stutt­gart ist unser Ver­suchs­bal­lon: Wenn wir es hier bei den kri­ti­schen Schwa­ben schaf­fen, dann schaf­fen wir es über­all. Und momen­tan sieht es gut aus. Außer­dem muss ich eines ehr­lich sagen: Nur Flo hatte nach dem Stu­dium ein Ange­bot von Daim­ler — ich nicht. Für ihn war es also viel schwe­rer, sich für Erna & Co. zu entscheiden.

Die letz­ten Sätze sei­nes Kom­pa­gnons hat Flo­rian nicht mit­be­kom­men. Er wer­kelt im Imbiss, berei­tet sich auf den mit­ta­g­li­chen Ansturm vor. Ihm zur Seite steht die Freun­din von Frédé­ric, der wie­derum läs­sig am Wagen lehnt und meine Fra­gen beant­wor­tet. Ein rich­ti­ges klei­nes Fami­li­en­un­ter­neh­men. Sym­pa­thisch. Sehr sogar. Doch Moment­chen: Lasse ich mich gerade um den Fin­ger wickeln von die­sem höf­li­chen, elo­quen­ten, jun­gen Herrn, bei dem sogar die Prise Grö­ßen­wahn lie­bens­wert daher­kommt? Wo ist der knall­harte Jour­na­list in mir?

4. Wie of isst Du selbst Erna-Essen?

Frédé­ric: Jeden Tag — allein schon wegen der Qualitätskontrolle.

5. Das schönste Lob von einem Kunden?

Frédé­ric: Das fal­len mir zwei Dinge ein. Zum einen, wenn es heißt: Bei euch schmeckt’s wie bei Mut­tern. Denn die Mut­ter ist in der schwä­bi­schen Küche der Benchmark.

Bench­mark, schwä­bisch und Mut­ter in einem Satz! Ich liebe den Jungen!

Frédé­ric: Zum ande­ren ist ein gro­ßer schwä­bi­scher Maul­ta­schen­fa­bri­kant auf uns zuge­kom­men und hat vor­ge­schla­gen, dass wir künf­tig seine Maul­ta­schen ver­kau­fen. Das war auch eine Art von Lob — aber wir haben natür­lich abge­lehnt und blei­ben bei unse­rer eige­nen Maultasche.

6. Was kann jeder Imbiss­be­sit­zer von McDonald’s lernen?

Frédé­ric: Stan­dar­di­sierte Pro­zesse. Da ist alles exakt vor­ge­ge­ben — von der Zeit, wie lange die Pom­mes in der Frit­teuse hän­gen, bis zur Menge des Ketch­ups auf dem Cheeseburger.

7. Und was sollte man nicht so machen wie McDonald’s?

Frédé­ric: Das ist schwer zu sagen. Da fällt mir spon­tan gar nichts ein… Hey Flo! Was macht McDonald’s falsch? Gibt’s da was?

Flo­rian Romer beugt sich zu uns nach drau­ßen, legt die Schöpf­kelle aus der Hand und seine Stirn in Falten.

Flo­rian: Puh, schwie­rig. Bei der Qua­li­tät kann man eigent­lich nichts sagen, denn da ach­tet McDonald’s sehr drauf. Viel­leicht bei der Her­stel­lung: Die könnte etwas weni­ger indus­tri­ell sein und etwas mehr Liebe zum Pro­dukt ver­tra­gen. Aber mehr fällt mir auch nicht ein.

8. Wie erkenne ich einen guten Imbiss auf den ers­ten Blick?

Frédé­ric: An der Sau­ber­keit. Und auch die Ver­käu­fer soll­ten gepflegt sein. Das ist das Wich­tigste. In mei­ner Stamm-Currywurstbude habe ich ein­mal eine Kaker­lake über den Tre­sen krab­beln sehen. Danach bin ich da nie wie­der hin.

9. Apro­pos: Wann nehmt ihr end­lich die Cur­ry­wurst ins Sor­ti­ment auf?

Frédé­ric: Nie! Auch wenn wir das am Anfang oft von Kun­den gefragt wur­den. Aber das würde nicht zu Erna pas­sen. Wir machen schwä­bi­sches Essen!

Herr­lich! So ein Satz — und das von zwei poly­glot­ten BWL-Absolventen, die in Bang­kok, Nizza und New York stu­diert haben, deren Geschäfts­idee in Kanada gebo­ren wurde, die eine Imbiss­bude 2.0 mit eige­nem Blog und 1500 Facebook-Fans betrei­ben. Kein Wun­der, dass hier im Maul­ta­schen­dampf bereits zig Repor­ter vor mir stan­den — von ZDF bis SWR, von Stutt­gar­ter Zei­tung bis Essen & Trin­ken. Ob die wohl auch pro­bie­ren durf­ten? Wie das duftet…

Frédé­ric: Flo, mach doch mal einen Pro­bier­tel­ler für Patrik.

Kann der sogar Gedan­ken lesen? Bes­ser schnell meine rest­li­chen Fra­gen raus­feu­ern, bevor’s um meine Objek­ti­vi­tät ganz gesche­hen ist.

10. Wer von euch zwei ist der bes­sere Koch?

Frédé­ric: Ganz ehr­lich: Wir sind beide keine guten Köche. Aber wir kön­nen sagen, was gut schmeckt und was ankommt. Vor der Eröff­nung von Erna & Co. haben wir mona­te­lang an den Rezep­ten gefeilt, Freunde zum Test­es­sen ein­ge­la­den und nahezu alle Metz­ge­reien in Stutt­gart abge­klap­pert. Denn am Ende ent­schei­det immer die Qua­li­tät des Essens — das hat uns auch der Stutt­gar­ter Ster­ne­koch Mar­tin Öxle bestä­tigt, dem wir unsere Imbiss-Idee vor­ge­stellt haben.

11. Warum setzt ihr für die Zukunft auf Läden und nicht auf wei­tere Imbisswägen?

Frédé­ric: Weil wir dafür keine Mit­ar­bei­ter fin­den wür­den. In unse­ren Imbiss­wa­gen muss man so viel Zeit und Ener­gie ste­cken — das macht kein Ange­stell­ter. Im Laden hin­ge­gen ist man immer am glei­chen Ort, kann Sachen lagern und bes­ser pla­nen. Das ist für uns die Zukunft… Ah, da kommt ja dein Essen.

Eine Frage zu früh ste­hen plötz­lich zwei damp­fende Plas­tik­schüs­seln vor mir: Spätzle, Lin­sen, Sai­ten in der einen — Maul­ta­sche, Fleisch­küchle, Kar­tof­fel­sa­lat in der ande­ren. Ob Frédé­ric die Spei­chel­fä­den auf­fal­len, die von mei­nen Mund­win­keln trop­fen? Egal, bloß noch eine Frage. Irgendeine!

12. Wieso der Name Erna & Co.?

Frédé­ric: Ja, das fra­gen immer alle…

Mir egal, ich habe Hun­ger! Und wie das duf­tet! Meine Nase, meine Augen, mein Gau­men und mein Magen schi­cken quasi im Chor einen Hil­fe­schrei in Rich­tung Gehirn: ISS! JETZT! SOFORT!

Frédé­ric: Erna ist ein sym­pa­thi­scher Name, der für die schwä­bi­sche Küche ste­hen soll — und das „& Co.“ für unser moder­nes Betriebs­kon­zept. Unter dem Namen kann sich fast jeder etwas vor­stel­len, der Name bleibt im Kopf und außer­dem kann man ihn über­all auf der Welt ohne Pro­bleme aussprechen.

Ich geb’s zu: Die letzte Ant­wort habe ich mir im Nach­hin­ein zusam­men­ge­reimt. Denn sobald mich Hun­ger über­kommt und Essen im Blick­feld auf­taucht, schal­tet mein Gehirn auto­ma­tisch auf Stand-by-Modus. Kaum hat Frédé­ric den Satz been­det — oder wollte er nur Luft holen? — greife ich zur Gabel und ver­drü­cke den Inhalt der bei­den Schüs­seln bis zur letz­ten Linse — unter­bro­chen von gele­gent­li­chen Lustgrunzern.

Erst als ich die Gabel zur Seite lege, wacht mein Gehirn all­mäh­lich aus sei­ner Lethar­gie auf. Und für einen lich­ten Augen­blick sehe ich mich selbst, wie ich satt und strah­lend vor dem rot-weißen Imbiss­wa­gen stehe — gekom­men als knall­har­ter Jour­na­list, geblie­ben als but­ter­wei­cher Erna-Fan.

Der Imbiss­wa­gen von Erna & Co. fährt jede Woche fünf ver­schie­dene Stand­orte in Stutt­gart an.

Mit auf­wän­di­gen Hoch­glanz­fo­tos wer­den die unter­schied­li­chen Spei­sen vorgestellt.

Das mit Abstand meist­ver­kaufte Gericht bei Erna & Co. sind die hand­ge­mach­ten Maultaschen.

Essens­lieb­ha­ber unter sich: Deutschland-isst trifft Erna & Co.

Von Märchenmönchen und marschierenden Maultaschen

Wer hat’s erfun­den? Der Legende nach stammt die Maul­ta­sche aus Maulbronn.

Man nehme ein gro­ßes Stück Fleisch, eine Prise Reli­gion, reich­lich Trick­se­rei — und voilà: Fer­tig ist eine Geschichte, die ebenso glaub­haft klingt wie gern erzählt wird. Spiel­stätte ist in die­sem Fall das Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter im schwä­bi­schen Maul­bronn. Dort sol­len die Mön­che der­einst ein beson­ders lecke­res Stück Fleisch als Geschenk erhal­ten haben. Der Haken: Es ist Fas­ten­zeit, wes­halb den Brü­dern fleisch­li­ches Ver­gnü­gen im Wort­sinn ver­bo­ten ist. Eigent­lich. Denn die fin­di­gen Mön­che ver­men­gen das Fleisch kur­zer­hand mit Gemüse und Brot und ver­ste­cken es im Teig­man­tel. Die Maul­ta­sche (von Maulbronn) ist gebo­ren, daher auch Herr­gotts­be­schei­ßerle genannt.

Man nehme Spätzle und Kar­tof­feln, eine Prise Mili­tär, reich­lich Lokal­ko­lo­rit — und voilà: Fer­tig ist eine Geschichte, die ebenso glaub­haft klingt wie gern erzählt wird. Dies­mal sind wir im Stutt­gar­ter Stadt­teil Gais­burg, wo der­einst eine bekannte Wirt­schaft namens Bäcker­schmide (sic) einen Fleisch­ein­topf mit Kar­tof­fel­schnit­zen und Spätzle ser­viert. Der mun­det der­art köst­lich, dass die Offi­ziers­an­wär­ter der nahen Berg­ka­serne regel­mä­ßig zu der Gast­stätte zie­hen — und das in mili­tä­ri­scher Mar­sch­ord­nung. So heißt das Gericht als­bald: Gais­bur­ger Marsch.

Wer hat’s erfun­den? Der Legende nach stammt der Name Gais­bur­ger Marsch von hung­ri­gen Soldaten.

Diese bei­den schwä­bi­schen Gschichtle sind selbst mir als Kurzzeit-Neigschmecktem geläu­fig. Schließ­lich wer­den sie an Stamm­ti­schen erzählt, in Büchern ver­brei­tet und sogar bei Wiki­pe­dia erwähnt (Gais­bur­ger Marsch & Maul­ta­sche). Wie viel Wahr­heit in Mönchs­maul­ta­sche und Mili­tär­marsch steckt? Diese Frage stelle ich mir erst auf mei­ner kuli­na­ri­schen Reise — und muss Erstaun­li­ches erfahren.

So treffe ich in Stuttgart-Gaisburg den His­to­ri­ker Ulrich Gohl. In der Gast­stätte Schur­wald übri­gens, und damit genau an jenem Ort, wo der Mann vom Stutt­gar­ter Muse­ums­ver­ein Muse-o im Jahr 2008 mit Jür­gen Brand von der Stutt­gar­ter Zei­tung zusam­men­sitzt, und beide fol­gende Über­le­gung anstel­len: Warum nicht eine Aus­stel­lung zum Gais­bur­ger Marsch kon­zi­pie­ren? Und dabei zugleich mit den zahl­lo­sen Legen­den rund um die Namens­ge­bung aufräumen.

Denn Gohl und Brand haben eine eigene Theo­rie: Im Jahr 1909 eroff­net in Gais­burg ein rie­si­ger Schlacht­hof; somit ist Fleisch­brühe als wich­tige Zutat für den Gais­bur­ger Marsch erst­mals für wenig Geld und in hoher Qua­li­tät erhält­lich. Hier, so ver­mu­te­ten sie, müsse der Ursprung des Namens lie­gen. „Und prak­ti­scher­weise hätte der Gais­bur­ger Marsch im Fol­ge­jahr sei­nen 100. Geburts­tag fei­ern kön­nen“, erzählt Brand und grinst. Denn das würde bedeu­ten: famose Wer­bung für Aus­stel­lung, Gericht und Stadtteil.

Doch dann kommt alles ganz anders. Nach wochen­lan­ger Recher­che, dem Wäl­zen alter Zei­tungs­jahr­gänge und Koch­bü­cher sowie Auf­ru­fen in den Medien sei ihre Hypo­these nicht län­ger halt­bar gewe­sen, erzählt Gohl. Ebenso wenig die Legende mit den Sol­da­ten: „Diese Geschichte hat der bekannte schwä­bi­sche Mund­art­dich­ter Thad­däus Troll in einem sei­ner Werke ver­öf­fent­licht, und danach haben alle von ihm abgeschrieben.“

Statt­des­sen drängt sich eine Annahme auf, die kaum einer erwar­tet und nie­mand erhofft hat: Der Name Gais­bur­ger Marsch ent­stammt wahr­schein­lich dem Nazi-Sprech. Denn erst­mals taucht der Begriff 1933 in Zusam­men­hang mit den Ein­topf­sonn­ta­gen des NS-Winterhilfswerks auf. Die geplante Geburts­tags­party fällt gewis­ser­ma­ßen ins braune Wasser.

Als Gohl seine Ergeb­nisse im Rah­men der Aus­stel­lung ver­öf­fent­lich, berich­ten die Stutt­gar­ter Zei­tun­gen und der SWR — der ganz große Auf­schrei aber bleibt aus. Dies mag unter ande­rem daran lie­gen, dass die Stadt Stutt­gart das Gericht kaum ein­mal offen­siv bewor­ben hat. So kennt zwar fast jeder Deut­sche den Gais­bur­ger Marsch — aber dass Gais­burg ein Stadt­teil von Stutt­gart ist, würde bei Wer wird Mil­lio­när zur 500.000-Euro-Frage taugen.

Anders in Maul­bronn, jenem klei­nen Ort mit dem groß­ar­ti­gen Klos­ter zwi­schen Stutt­gart und Karls­ruhe. „Die meis­ten Besu­cher ken­nen die Ver­bin­dung und kom­men extra zu uns, um Maul­ta­schen zu essen“, sagt Karl Schempf. Und dar­auf hat sich der Küchen­chef der Klos­ter­schmiede ein­ge­stellt: Auf sei­ner Karte fin­den sich hand­ge­machte Maul­ta­schen, wahl­weise mit Fleisch, Lachs oder Gemüse, die der Gast zudem im Vaku­um­beu­tel mit­neh­men kann. Und auch die Mönchs­le­gende wird dort noch ein­mal erzählt. Ob Schempf selbst daran glaubt, dass die Herr­gotts­bschei­ßerl einst in Maul­bronn erfun­den wur­den? „Die Geschichte klingt zumin­dest glaub­haft“, sagt der 50-Jährige. „Und solange jemand das Gegen­teil beweist, blei­ben wir dabei.“

Ohne­hin steht die Qua­li­tät der Schempf’schen Maul­ta­schen außer Frage: herr­lich biss­fest, lockere Fül­lung, gute Würze und die ein­zel­nen Zuta­ten klar iden­ti­fi­zier­bar — zwei­fels­frei die leckers­ten Tascherl, die mir je zwi­schen die Zähne gekom­men sind. Ähnlich glück­lich hat mich übri­gens der deftig-köstliche Gais­bur­ger Marsch in der Gast­stätte Schur­wald gestimmt — jen­seits aller Anek­do­ten. Dort darf ich Wir­tin Nicole Stei­ner bei der Zube­rei­tung über die Schul­ter bli­cken, und schon beim Zwie­bel­sch­nib­beln kom­men auch wir auf den Namen Gais­bur­ger Marsch zu sprechen.

Da gibt es diese Geschichte mit den Sol­da­ten…“, beginnt die Wir­tin. An die­ser Stelle sollte ich sie eigent­lich unter­bre­chen, von Ulrich Gohl erzäh­len, den Ein­topf­sonn­ta­gen, den Nazis, viel­leicht sogar von der Flei­sches­lust der Mön­che und dem mär­chen­haf­ten Maul­ta­schen­my­thos. Doch dann besinne ich mich eines Bes­se­ren, schweige, nicke freund­lich und bli­cke vol­ler Vor­freude in den gro­ßen Topf mit Gais­bur­ger Marsch.

Es ist doch so — frei nach Kohl: Ent­schei­dend ist, was oben reinkommt.

Nicole Stei­ner bringt in der Gast­stätte Schur­wald einen deftig-köstlichen Gais­bur­ger Marsch auf den Tisch.

Maultaschen-Experte aus Maul­bronn: Karl Schempfs hand­ge­machte Herr­gotts­bschei­ßerle fin­den einen dank­ba­ren Esser.

 

Zum Nach­ko­chen (16): Maultaschen

(Die­ses Rezept aus der Klos­ter­schmiede Maul­bronn ver­öf­fent­li­che ich hier mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Küchen­chef Karl Schempf)

Zuta­ten:

(für ca. 25 Maultaschen)

  • 300 Gramm gemisch­tes Hackfleisch
  • 300 Gramm fei­nes Brät
  • 150 Gramm gekoch­tes Rindfleisch
  • 50 Gramm geräu­cher­ter Bauchspeck
  • 500 Gramm Nudelteig
  • 2 Bröt­chen vom Vortag
  • 400 Gramm Blattspinat
  • 1 Stange Lauch
  • 1 Karotte
  • 1 Ess­löf­fel Butter
  • 1 Bund Petersilie
  • 3 Eier
  • 1 Eigelb
  • Salz, Pfef­fer, Majo­ran, Muskat

Zube­rei­tung:

  1. Rind­fleisch und Speck würfeln
  2. Lauch und Karotte wür­feln und in But­ter andünsten
  3. Spi­nat in kochen­dem Was­ser blan­chie­ren, danach abschrecken
  4. Bröt­chen in Was­ser ein­wei­chen und ausdrücken
  5. Fleisch, Speck, Gemüse, Peter­si­lie und Bröt­chen durch die feine Scheibe des Fleisch­wolfs drehen
  6. Masse mit Brät, Hack­fleisch und Eiern ver­men­gen, danach mit Salz, Pfef­fer, Majo­ran und Mus­kat abschmecken
  7. Nudel­teig dünn aus­rol­len, Fül­lung dar­auf ver­tei­len, Rän­der frei las­sen und mit Eigelb bestreichen
  8. Teig überein­an­der klap­pen, Maul­ta­schen abtren­nen und in kochen­der Fleisch­brühe 10 bis 15 Minu­ten zie­hen lassen

Guten Appe­tit!