Kategorie: "Berlin"
Apr 5, 2012 - Berlin    1 Kommentar

Berlins Döner-König macht in Gemüse

Etwa 20.000 Kebap­bu­den gibt es in Deutsch­land laut dem Ver­ein Tür­ki­scher Döner­her­stel­ler in Europa. Pro Tag ver­kau­fen sie knapp 400 Ton­nen Fleisch, und die gesamte Döne­r­in­dus­trie gene­riert einen Umsatz von rund 2,5 Mil­li­ar­den Euro. Zum Ver­gleich: McDonald’s zählt etwa 1400 Filia­len in Deutsch­land, die einen Umsatz von gut 3,0 Mil­li­ar­den Euro erwirtschaften.

Keine Frage: Der Döner ist aus der deut­schen Ess­kul­tur nicht mehr weg­zu­den­ken. Und ganz beson­ders gilt das für Ber­lin, der inof­fi­zi­el­len Kebap-Hauptstadt des Lan­des. Hier gibt es Kalbs-, Puten-, Hähn­chen– und Rin­derdö­ner, die bil­ligs­ten Fleisch­ta­schen wer­den für 1,99 Euro feil­ge­bo­ten, kein Ber­li­ner wohnt wei­ter als fünf Geh­mi­nu­ten von einem Dreh­spieß ent­fernt, und mit mehr als 1000 Buden soll Ber­lin sogar Istan­bul aus­ste­chen.

Die Kon­kur­renz ist dem­nach gewal­tig, und doch gibt es eine Insti­tu­tion, die getrost als bekann­teste Döner­bude Ber­lins bezeich­net wer­den darf — und das, obwohl sie win­zig klein ist, erst seit sechs Jah­ren exis­tiert und aus­ge­rech­net mit ihrem Gemü­se­dö­ner wirbt. Ich habe Mustafa’s Gemü­se­kebap am Meh­ring­damm besucht, mit Inha­ber Tarik Kara gespro­chen und die Ein­drü­cke in mei­ner sams­täg­li­chen Kolumne im Münch­ner Mer­kur fest­ge­hal­ten. (Lesehin­weis: Am bes­ten per Klick zum Arti­kel sprin­gen und dann zur Groß­an­sicht noch ein­mal auf das Foto klicken)

Übri­gens: In mei­nem Archiv gibt es den Bericht zu mei­nem umfas­sen­den Döner-Test in Berlin.

Mrz 29, 2012 - Berlin, Brandenburg    Kein Kommentar

One-Man-Show im klapprigen Dacia

On the road again… Am mor­gi­gen Frei­tag war­tet auf mei­nen Dau­men wie­der ein­mal Schwerst­ar­beit. Von Schwe­rin will ich nach Stral­sund an die Ost­see­küste tram­pen, und gerade beim Blick auf die grau­triste Wet­ter­vor­sage könnte das eine müh­se­lige Ange­le­gen­heit wer­den. Den­noch will ich nicht auf Mit­fahr­zen­trale oder Zug aus­wei­chen, denn das Rei­sen per Anhal­ter mag mit­un­ter beschwer­lich sein — span­nend und ereig­nis­reich ist es allemal.

Über eine beson­ders denk­wür­dige Anhalt­er­fahrt nach Ber­lin habe ich bereits in mei­nem Blog berich­tet. Nun widme ich auch meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur die­ser „One-Man-Show im klapp­ri­gen Dacia“. (Lesehin­weis: Am bes­ten durch einen Klick auf das unten ste­hende Bild zum Arti­kel sprin­gen — und dann noch mal das Bild anklicken)

Mrz 20, 2012 - Berlin    2 Kommentare

Drei Tage Döner en masse

Mit der Schwar­min­tel­li­genz ist das so eine Sache. Die Masse hört Morningshows im Pri­vat­ra­dio — obwohl Musik und Mode­ra­to­ren so ver­gnüg­lich sind wie ein Bar­fuß­spa­zier­gang im Nadel­wald. Die Masse lacht über Mario Barth — der unge­fähr so lus­tig ist wie Über­stun­den im Büro. Und die Masse liest Bild — eine Zei­tung, die es mit der Wahr­heit so genau nimmt wie die Barone Münch­hau­sen und zu Gut­ten­berg. Kurzum: Die Masse irrt oft — doch nicht im Fall des Ber­li­ner Döner.

Drei Tage lang habe ich mich durch die Kebap­bu­den der Haupt­stadt pro­biert: von Rind– bis Kalb­fleisch, von Hähn­chendö­ner bis zur vega­ni­schen Vari­ante. Sie­ben Läden habe ich getes­tet, und mit Abstand am bes­ten schmeckte es bei „Mustafa’s Gemü­se­kebap“: zart­wür­zi­ges Hähn­chen­fleisch im kros­sen Fla­den­brot, dazu Auber­gi­nen, Zuc­chini, Kar­tof­feln, Karot­ten und Ret­tich, dar­über reich­lich Schafs­käse, Gur­ken, Toma­ten, Salat, Zwie­beln, zwei­er­lei Kraut, Früh­lings­zwie­beln, fri­sche Kräu­ter von Minze bis Knob­lauch, eine for­mi­da­ble Joghurts­oße, etwas scharfe Chil­isoße und oben­auf ein paar Sprit­zer Zitro­nen­saft… oder kurz gesagt: G R O S S A R T I G !

Und damit zur Masse: Mustafa’s zählt über 10.000 Fans bei Face­book, hat einen eige­nen Video­spot, eine glit­zer­blink­tö­nende Web­seite, taucht bei der Google-Suche nach „Ber­lin Döner“ ganz oben auf — und all das, obwohl die win­zige Bude am Meh­ring­damm in Kreuz­berg bewusst mit ihrem Gemü­se­dö­ner wirbt.

Drei Mal habe ich Mustafa’s immer zu unter­schied­li­chen Tages­zei­ten besucht, und drei Mal war die Schlange län­ger als vor jeder Damen-Toilette im Wiesn-Zelt am Sams­tag­abend. Die Masse — zumin­dest in die­sem Fall liegt sie gold­rich­tig. Und daran werde ich den­ken, wenn Mario Barth dem­nächst in der Morningshow aus der Bild vorliest.

 

Hier noch ein paar Bil­der von mei­nen sie­ben Döner-Stationen:

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Das Döner-Quartett sollte mein kuli­na­ri­scher Rei­se­füh­rer für Ber­lin sein. Dafür nahm ich sogar die ungläu­bi­gen Bli­cke der hüb­schen Ver­käu­fe­rin im Buch­la­den in Kauf.

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Die ers­ten bei­den Quar­tett­kar­ten erwie­sen sich jedoch als Rein­fall: Die dort ange­ge­be­nen Döner­bu­den gab es nicht mehr. Erst bei Num­mer drei wurde ich fün­dig: „Ali Baba“ im Prenz­lauer Berg, das einst unter dem Namen „Ali Baba und die 40 Hähn­chen“ firmierte.

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Kaum über­ra­schend bekam ich dort einen Hähn­chendö­ner ser­viert sowie selbst­ge­mach­ten Ayran. Bei­des schmeckte vor­züg­lich, doch noch mehr beein­druckte mich eine andere Geschichte: Das „Ali Baba“ wird tat­säch­lich von acht (!) Brü­dern geführt — im Quar­tett­spiel ein unschlag­ba­rer Wert.

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Noch am glei­chen Abend ging’s zum „Mega Grill“ nach Fried­richs­hain — ein Laden, der laut Quar­tett­karte schon seit 1985 Döner serviert.

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Trotz Spiel­au­to­ma­ten, trotz Essens­bil­dern an den Wän­den und trotz des wan­ken­den Alko­ho­li­kers an der Theke orderte ich einen Döner — die mau­este Teig­ta­sche mei­ner Tour. Kurz dar­auf stellte sich her­aus: Vor eini­gen Jah­ren hat der Besit­zer gewech­selt — offen­bar mit ungu­ten Folgen…

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Zwei­ter Tag, drit­ter Döner: Bei „Imren“ in Kreuz­berg schich­ten die Mit­ar­bei­ter die Fleisch­spieße noch selbst und ver­wen­den dabei aus­schließ­lich Rindfleisch.

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Wie­der gab’s haus­ge­mach­ten Ayran dazu — das per­fekte Getränk zum Döner. Mein Fazit hier: Der Kebap beschränkt sich auf das Wesent­li­che — Brot, Fleisch, Toma­ten, Salat, Zwie­beln, Soße — und ist sehr, sehr lecker.

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Döner Num­mer vier gab’s im „Istan­bul Bis­tro“ — eine von außen eher schä­big aus­se­hende Bude direkt am U-Bahn-Aufgang Hal­le­sches Tor in Kreuz­berg. Ich rech­nete mit dem Schlimmsten…

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… und wurde posi­tiv über­rascht. Auf meine inzwi­schen schon geübte Bestel­lung „Döner kräuter-scharf“ bekam ich einen Kebap ser­viert, den ich als Berlin-Standard bezeich­nen würde: kross gegrill­tes, dün­nes Fla­den­brot, wür­zi­ges Fleisch, fri­scher Salat, Zwie­beln, Blau­kraut, Toma­ten und zwei­er­lei leckere aber nicht zu domi­nante Soßen, die übri­gens anders als etwa in Mün­chen vor den wei­te­ren Zuta­ten ins Brot kommen.

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Der Fol­ge­tag begann dann mit einer Döner-Institution in Ber­lin: einem der sechs Hasir-Restaurants am Kott­bus­ser Tor in Kreuz­berg. Hier soll Meh­met Aygün Anfang der Sieb­zi­ger­jahre angeb­lich als ers­ter in Deutsch­land den Döner im Fla­den­brot ver­kauft haben.

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Eigent­lich hatte ich gehofft, mit dem Döner-Erfinder zu spre­chen. Doch nach unzäh­li­gen Tele­fo­na­ten stellte sich her­aus: Aygün weilt der­zeit in der Tür­kei. Aus Ärger hatte ich mir eigent­lich vor­ge­nom­men, den Hasir-Döner über­haupt nicht zu mögen. Aber das stellte sich als unmög­lich her­aus. Denn auch für diese Fleisch­ta­sche gilt: ein sehr essens­wer­ter Gaumenschmaus.

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Das Wort Gau­men­schmaus würde ich für den danach fol­gen­den Döner nicht unbe­dingt ver­wen­den: den vega­ni­schen Seitan-Kebap von Vöner in Fried­richs­hain. Für alle Nicht-Ökos: Sei­tan ist laut Wiki­pe­dia „ein Pro­dukt aus Weiz­en­ei­weiß (Glu­ten) mit flei­schähn­li­cher Konsistenz“.

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Mein Fazit zum Vegan-Döner: Schmeckte weit bes­ser als erwar­tet — aber bei wei­tem nicht so gut wie die Fleisch­kol­le­gen zuvor.

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Und damit zum Sie­ger mei­nes klei­nen Döner-Tests: „Mustafah’s Gemü­se­kebap“ direkt am Meh­ring­damm in Kreuz­berg. Und mit mei­ner Mei­nung bin ich nicht alleine: Vor der Bude von Tarik Kara bil­det sich zur Mit­tags­zeit eine bis zu 30 Meter lange Schlange.

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Zart­wür­zi­ges Hähn­chen­fleisch, dazu frit­tierte Auber­gi­nen, Zuc­chini, Kar­tof­feln, Karot­ten und Ret­tich, dar­über reich­lich Schafs­käse, Gur­ken, Toma­ten, Salat, Zwie­beln, zwei­er­lei Kraut, Früh­lings­zwie­beln, fri­sche Kräu­ter von Minze bis Knob­lauch, eine for­mi­da­ble Joghurts­oße, etwas scharfe Chil­isoße und oben­auf ein paar Sprit­zer Zitro­nen­saft… oder kurz gesagt: G R O S S A R T I G !

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Bei „Mustafah’s“ gibt’s übri­gens sowohl vege­ta­ri­schen Gemü­se­kebap (€2,60) als auch eine Ver­sion mit Gemüse und Hühn­chen (€2,90), für die ich mich ent­schie­dene habe. Mein Tipp für alle Ber­li­ner und Berlin-Urlauber: Geht hin!

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Mrz 18, 2012 - Berlin, Brandenburg    1 Kommentar

Der Nazi pisst sich in die Hose!“

Anhalter

Über­ra­schungsei Anhal­ter­reise: Wer den Dau­men reckt, weiß nie, was einen im Auto erwartet.

Die hier habe ich immer dabei“, sagt Tunis, greift hin­ter sich, angelt ein paar schwarze Leder­hand­schuhe her­vor — und don­nert sie kra­chend aufs Arma­tu­ren­brett. Kra­chend? „Da ist Quarz­sand ein­ge­näht“, ver­rät der 39-Jährige und grinst mich an. „Damit ich mich bei Schlä­ge­reien nicht mehr selbst verletze.“

Nun wird mir doch etwas mul­mig auf dem Bei­fah­rer­sitz. Mein Blick wan­dert zur Hand­bremse; im Geiste sehe ich mich wie James Bond aus dem fah­ren­den Auto hech­ten. „Ich habe mir näm­lich schon oft beim Zuschla­gen die Fin­ger gebro­chen“ — zum Beweis wedelt Tunis seine Hand vor mei­nen Augen auf und ab. „Und auch hier am Kopf habe ich Wunden.“ Tunis wischt sein peni­bel gestyl­tes Haar aus der Stirn, beugt sich zu mir und prä­sen­tiert seine Nar­ben — bei 140 Stun­den­ki­lo­me­tern auf der Auto­bahn. „Ich schlage näm­lich mit Fäus­ten und Kopf zu. Mach ich immer so“, sagt Tunis. 

Rück­blende: Am Stadt­rand von Cott­bus stoppt ein klapp­ri­ger Dacia neben mei­nem aus­ge­streck­ten Dau­men. „Ber­lin? Klar, steig ein“, ruft Tunis durchs Fens­ter. „Ich bin gerade arbeits­los und fahre da hin, weil mir lang­wei­lig ist.“ Ich ver­staue also mei­nen Ruck­sack auf der Rück­bank neben dem Kin­der­sitz, schnalle mich an — und werde in den fol­gen­den 90 Minu­ten Zeuge eines ein­ma­li­gen Schau­spiels: Tunis‘ One-Man-Show, bei der ich ledig­lich als Stich­wort­ge­ber diene in einem an Inhalts­fülle und Tempo beein­dru­cken­den Monolog.

Wenn Tunis in sei­nem Misch­masch aus Ber­li­ne­risch, Cott­bus­se­risch, Hoch­deutsch und Deutsch­tür­kisch los­legt, klingt das unge­fähr so: „Isch­hab­mit­den­Na­zis­kee­ne­Pro­bleme, weißte, die­las­sen­michin­Ruhe. Nure­en­mal, weißte, dahat­sone­Glatze, hatsoausdemAutogebrüllt, weißte, brüll­terso Ver­schwin­de­du­Aus­län­der geh­zu­rück­wo­d­u­her­kommst undso. Also­zie­hich­mein­eLe­der­ja­cke­aus, sone­schwer­eLe­der­ja­cke, weißte. Und­da­sa­gich, sozuihm, Stei­gaus­du­scheiss­Nazi!, weißte. TraudichdochduSchwein!“ 

Ich sollte anmer­ken: Für diese fünf Sätze braucht Tunis höchs­tens zwei Sekun­den — und das, obwohl er seine Geschichte mit Hän­den, Füßen, Ges­ten, Geräu­schen und wech­seln­den Stimm­la­gen unter­malt. „Und­weißte, daste­heich­dann­vor­de­m­Auto, weißte, ste­hichda. Und­was­mach­ter? Der­Na­zi­pisst­sichin­die­Hose. Pisst­sichin­die­Hose!“ Tunis schüt­telt sich vor Lachen. Er blickt zu mir, sieht mein Grin­sen, lacht noch lau­ter. „Die­ser­Na­zi­ware­in­Schrank, weißte, sogroßund­fett, weißte, und­dann­fährt­der­ein­fach­da­von. ZiehtdenSchwanzein!“

Wäre ich ARD-Chef — Tunis hätte eine eigene Late-Night-Show sicher. Mühe­los springt er in sei­ner Lebens­ge­schichte hin und her, erzählt von den elf Jah­ren als Ver­käu­fer in Anta­lya („Da hab ich gelo­gen, dass sich die Bal­ken bie­gen.“), von sei­ner Frau („Die ist Beam­tin, die hat sich an den Staat ver­kauft.“), von sei­nem Ein­bür­ge­rungs­ver­such („Die woll­ten, dass ich einen Sprach­test mache. Ich! Also bin ich Türke geblie­ben. Was bringt mir ein deut­scher Pass?“), von sei­nen Träu­men („Bis 50 will ich so hun­dert­tau­send Euro bei­seite geschafft haben — Bank­über­fall, Lotto oder Spa­ren, egal. Und dann wan­dern wir nach Anta­lya aus.“) und von sei­ner Toch­ter, die jüngste Abge­ord­nete aller Zei­ten im Cott­bus­ser Stadt­rat. („Inzwi­schen hat sie ihr Amt nie­der­ge­legt, weil sie wegen ihres Stu­di­ums keine Zeit mehr hat. Die ist ein­fach zu ehr­lich für einen Poli­ti­ker. Das hat sie vom Großvater.“)

Ein­ein­halb Stun­den spä­ter zieht Tunis sei­nen Dacia rechts ran, direkt am Her­mann­platz, Ber­lin Neu­kölln. Ich bin nahe dran, ihn zu bit­ten, noch ein paar Run­den — und damit ein paar Anek­do­ten lang — zu dre­hen. Doch ich mich ent­scheide dage­gen, steige aus und ver­ab­schiede mich von Tunis, der mir so offen und aus­führ­lich aus sei­nem Leben erzählt hat.

Und damit ist er nicht allein: Als würde mit mei­nem Zustei­gen der Fah­rer­sitz zur Psych­ia­ter­couch, schüt­ten viele Anhal­ter dem unbe­kann­ten Tram­per ihr Herz vor die Füße. Etwa der lie­bens­wür­dige Alten­bur­ger, der mich auf dem Heim­weg vom Grab sei­ner Ehe­frau auf­ga­belte. Sie sei erst vor drei Wochen gestor­ben, berich­tete er offen­her­zig, und erzählte mir im fol­gen­den Gespräch von sei­nem See­len­le­ben nach dem Tod.

Oder der Unter­neh­mer in lila Cord­hose, der kurz vor Cott­bus auf seine Mili­tär­zeit in der DDR zu spre­chen kam: „Ich war auch an der Grenze. Ich musste zum Glück nie auf jeman­den schie­ßen. Aber wenn es dazu gekom­men wäre, weiß ich nicht, was ich getan hätte. Viel­leicht hätte ich absicht­lich dane­ben gezielt, viel­leicht auch nicht. Das kann jetzt kei­ner sagen.“

Oft frei­lich sind es weit weni­ger dra­ma­ti­sche Berichte, son­dern kurze Ein­bli­cke in die eigene Lebens­ge­schichte. Oder län­gere — wie in Tunis‘ Fall. Erst als am Stra­ßen­rand bereits die Neu­köll­ner Döber­bu­den auf­tau­chen - nach einem fuß­ball­spiel­lan­gen Rede­schwall — wen­det er sich erst­mals an mich: „Wat­machst­ndu­ei­gent­lichso?“ Wor­auf­hin ich mei­nen ers­ten voll­stän­di­gen Satz sage: „Ich bin Journalist.“

Jour­na­list?“ Tunis wie­der­holt das Wort lang­sam. Mehr nicht. Und für einen kur­zen Moment herrscht tat­säch­lich Ruhe.