Kategorie: "Brandenburg"
Jan 28, 2013 - Brandenburg, Niedersachsen    2 Kommentare

Lieber Knieperfuchs als Hasselhoff

Wir Deut­sche lie­ben Würste und David Has­sel­hoff, haben im Schnitt so viel Humor wie eine Scheibe Zwie­back, sind Frem­den gegen­über reser­viert bis ableh­nend und gehen am Ende eines Spiels mit 22 Leu­ten immer als Sie­ger vom Platz. So weit die liebs­ten Klischees. Dass einige von ihnen in der Rea­li­tät schnel­ler zer­brö­seln als Vam­pire im Son­nen­licht, soll­ten wir spä­tes­tens seit den jüngs­ten Fuß­ball­welt– und Euro­pa­meis­ter­schaf­ten wissen. Und noch ein wei­te­res Vor­ur­teil ist — zumin­dest nach mei­ner Erfah­rung — mei­len­weit von der Wahr­heit ent­fernt: näm­lich das vom unter­kühl­ten, unfreund­li­chen Deutschen.

Tat­säch­lich habe ich auf mei­ner kuli­na­ri­schen Deutsch­land­reise mehr offene, auf­ge­schlos­sene und extrem hilfs­be­reite Men­schen getrof­fen, als ich in mei­nem Leben Scho­ko­rie­gel ver­drückt habe — und glaubt mir, das ist eine erschre­ckend große Menge. Da waren etwa die 97 Auto­fah­rer, die mich fast 3.900 Kilo­me­ter durch die ganze Repu­blik kut­schiert haben. Oder die 27 Couch­sur­fer, die mich ohne Gegen­leis­tung bei sich zu Hause beher­bergt haben. Ganz zu schwei­gen von den aber­dut­zen­den Gast­wir­ten, Hob­by­kö­chen, Koch­buch­au­to­ren und Essens­lieb­ha­bern, die ihre Zeit für mich geop­fert und ihre Rezepte, ihr Küchen­wis­sen und fast immer auch eine Kost­probe mit mir geteilt haben.

Deutsch­land und Gast­freund­schaft? Seit mei­ner Reise weiß ich: Das passt so gut zusam­men wie Cur­ry­wurst und Pom­mes frites.

Drei beson­ders hilfs­be­reite und lie­bens­wür­dige Men­schen habe ich dabei in Bran­den­burg und in Nie­der­sach­sen getrof­fen — und von ihnen gibt es nun Neues zu berich­ten. Da ist zunächst ein­mal Horst Fenske vom Deut­schen Haus in Pritz­walk — der Knie­per­fuchs, wie er sich nennt, der seit Jahr­zehn­ten für den Knie­per­kohl kämpft und auch mir eine deftig-leckere Por­tion auf­ge­tischt hat. Um für sei­nen Knie­per­kohl zu wer­ben, schlüpft Fenske bis­wei­len in ein manns­gro­ßen Fuchs­kos­tüm, was ich bei mei­nem Besuch natür­lich nur zu gerne erlebt hätte. Lei­der war der Plü­sch­an­zug damals in der Wäsche, doch für die RBB-Sendung Zibb ist der Wirt nun in das tie­ri­sche Dress gestie­gen. Hier geht’s zum fünf­mi­nü­ti­gen Knieperfuchs-Beitrag, der außer­dem viel Wis­sens­wer­tes rund um den Knie­per­kohl enthält.

Ebenso herz­lich wie in Pritz­walk wurde ich auch in Osna­brück begrüßt, wo ich einen der denk­wür­digs­ten Abende mei­ner Reise erlebte. Zunächst setzte mir der Metall­künst­ler Jona­than ein durch­aus aben­teu­er­li­ches Gericht namens Wurste­brot vor, und danach saß ich mit dem Jour­na­lis­ten und Couch­sur­fer Daniel Hop­kins bis spät in die Nacht bei reich­lich Bier & Schnaps zusam­men. (zum Bericht im Blog)

Schon damals erzähl­ten Jona­than und Daniel von ihrem Plan, die aben­teu­er­li­che Lebens­ge­schichte des Künst­lers in einem Buch nie­der­zu­schrei­ben. Nun wird das Werk im März 2013 erschei­nen; bei Ama­zon kön­nen bereits Vor­be­stel­lun­gen hin­ter­legt wer­den. Ich selbst habe noch keine Zeile von dem Buch gele­sen, und doch durfte ich einen Nach­mit­tag lang Jona­thans Erzäh­lun­gen lau­schen und bin mir daher sicher: „Und Sirius hat es gese­hen — Vom Leben ver­ge­wal­tigt“ (Link zu Ama­zon) ist abso­lut lesenswert.

Auch mein Buch „Spei­sende soll man nicht auf­hal­ten“ kann man inzwi­schen bei Ama­zon vor­be­stel­len — gerne über das Wer­be­ban­ner in der rech­ten Spalte (Warum?). Darin berichte ich aus­führ­lich von mei­nen Tref­fen mit dem Knie­per­fuchs, mit Jona­than und Daniel und mit den vie­len ande­ren hilfs­be­rei­ten Deut­schen, die ich auf mei­ner kuli­na­ri­schen Tour getrof­fen habe. Außer­dem geht’s um Würste, und das nicht zu knapp. Und sogar der Fuß­ball taucht am Rande mal auf.

Nur David Has­sel­hoff konnte ich lei­der auf den rund 260 Sei­ten nicht unter­brin­gen. Doch gedenkt man sei­nes Tête-à-têtes mit einem Cheese­bur­ger, ist das — zumin­dest aus kuli­na­ri­scher Sicht — kein gro­ßer Verlust.

Mit dem Künstler Jonathan beim Wurstebrotessen in Osnabrück. Seine Lebensgeschichte erscheint nun als Buch.

Mit dem Künst­ler Jona­than beim Wurste­bro­tes­sen in Osna­brück. Seine Lebens­ge­schichte erscheint nun als Buch von Autor Daniel Hopkins.

Horst Fenske ist für den RBB in Knieperfuchskostüm geschlüpft.

Horst Fenske ist für den RBB ins Knie­per­fuchs­kos­tüm geschlüpft.

Apr 11, 2012 - Brandenburg    1 Kommentar

Dem Plüsch-Fuchs auf der Spur

Zum drit­ten und letz­ten Mal wende ich mich dem Knie­per­fuchs und sei­nem Knie­per­kohl zu. Nach dem Bericht in mei­nem Blog und dem Arti­kel über mei­nen Pritzwalk-Besuch in der Mär­ki­schen All­ge­mei­nen folgt nun abschlie­ßend meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur, die sich eben­falls die­sem außer­ge­wöhn­li­chen Gericht mit­samt sei­nem außer­ge­wöhn­li­chen Vor­kämp­fer widmet.

Lese­freund­li­cher fin­det ihr die Geschichte auf der Web­seite des Münch­ner Mer­kur; außer­dem hat die Landkreis-Redaktion auch eine Prä­senz bei Face­book.

Mrz 29, 2012 - Brandenburg    1 Kommentar

Nachtrag: Beim Knieperfuchs

Ich (rechts) habe Horst Fenske (links) besucht, um mehr über den Knie­per­kohl (Mitte) zu erfahren.

In die­sem Blog schreibe ich über Essen und über Men­schen — mal nett, mal weni­ger nett. Umso gespann­ter war ich, als ver­gan­gene Woche ein­mal über mich und meine Reise geschrie­ben wurde. Bernd Atzen­roth von der Mär­ki­schen All­ge­mei­nen Zei­tung (MAZ) hat einen Arti­kel über mei­nen Besuch in Pritz­walk bei Knie­per­fuchs Horst Fenske ver­fasst (zum Bericht in mei­nem Blog).

Weil ich dabei fast ebenso gut weg­komme wie das lokale Lieb­lings­es­sen, der Knie­per­kohl, will ich euch den Arti­kel nicht vor­ent­hal­ten — auch wenn Herr Atzen­roth ein reich­lich über­flüs­si­ges c in mei­nen Namen geschum­melt hat…

 

Sät­ti­gend und gar nicht sauer

Knie­per­kohl kam beim Essens­test gut weg / Patrick Stäbler ver­fasst Buch über regio­nale Gerichte

Von Bernd Atzenroth

PRITZWALK — Damit hatte Patrick Stäbler nicht gerech­net. „Ich dachte, auf mich war­tet so etwas ähnli­ches wie Sau­er­kraut“, erzählte er über seine erste Erfah­rung mit Knie­per­kohl, „aber es war ganz anders und hatte einen wohl­tu­end eige­nen Geschmack.“ Was wohl auch am Koch liegt: Horst Fenske ser­vierte sei­nem Gast am ver­gan­ge­nen Sams­tag Knie­per mit Kohl­wurst und Kar­tof­feln – eine sehr sät­ti­gende Mahl­zeit, wie Stäbler auch bemerkte. „Sauer Knie­per heißt ja nicht, dass das Knie­per­ge­richt sauer sein muss“, erklärte Fenske, wie es zu der etwas ande­ren Erwar­tungs­hal­tung Stäblers kam. Fenske selbst sorgt mit sei­ner Zube­rei­tung dafür, dass das Gericht so schmeckt, wie sich die meis­ten Prignit­zer das wünschen.

Patrick Stäbler bereist seit dem 1. März ganz Deutsch­land auf der Suche nach lan­des­ty­pi­schen Gerich­ten. Aus­gangs­punkt war für ihn Mün­chen. Der Jour­na­list will ein Buch schrei­ben über die deut­sche Küche, das aber eher so etwas wie ein kuli­na­ri­scher Rei­se­be­richt sein wird. „Ich will Spei­sen vor­stel­len, die außer­halb der jewei­li­gen Region nicht so bekannt sind.“ Dafür ist er jetzt drei Monate lang land­auf landab unterwegs.

Natür­lich hat er vor­her recher­chiert und ist dabei „irgend­wann über den Knie­per­kohl gestol­pert“. Als er sich dann tief­ge­hen­der mit der Mate­rie beschäf­tigte, stieß er auf Horst Fenske.

„Er ist ja wirk­lich ein Hort des Wis­sens“, meinte Stäbler aner­ken­nend im MAZ-Interview nach dem Ter­min im „Deut­schen Haus“. Es sei wirk­lich span­nend gewe­sen, was Horst Fenske alles zum Prignit­zer Leib– und Magen­ge­richt erzäh­len konnte.

Drei Stun­den lang hat sich Fenske am Sams­tag – dann ist Ruhe­tag im „Deut­schen Haus“ – Zeit für den Gast aus Süd­deutsch­land genom­men, der vor­her schon ein­mal die „Knie­per­fi­bel gewälzt“ hat, um sich auf das Zusam­men­tref­fen vor­zu­be­rei­ten. „Es ist toll, wenn die Men­schen sich für so etwas ein­set­zen“, lobte Stäbler wei­ter. Dass sich der Gast­wirt etwa aus lau­ter Begeis­te­rung für das Lokal­ge­richt sogar in das Knieperfuchs-Kostüm zwängte und ent­schei­dend das Vor­ha­ben „Knie­per­stadt Pritz­walk“ ange­scho­ben hat, nötigt dem Autor Respekt ab.

„Es ist nun­mal mein Ste­cken­pferd“, meint der so Gelobte dazu. So konnte er sei­nem Gast viel über die unter­schied­li­chen Kohl­sor­ten erklä­ren und über die Zube­rei­tung. Dass sich gerade jetzt jemand für den Knie­per­kohl auf diese Weise inter­es­siert, führt Fenske auf die viel­fäl­ti­gen Akti­vi­tä­ten zurück, die zusam­men mit dem Tou­ris­mus­ver­band jetzt ange­scho­ben wor­den sind. Fenske freut sich auch, dass West– und Ost­p­rignit­zer in die­ser Sache zuneh­mend zusam­men agieren.

Patrick Stäbler wie­derum wird dem­nächst seine Erfah­run­gen schil­dern, nach­zu­le­sen zunächst auf sei­ner Seite im welt­wei­ten Netz deutschland-isst.info. Schließ­lich will er sei­nen „Rei­se­be­richt mit Rezep­ten“ auch als Buch veröffentlichen.

(Den Arti­kel ver­öf­fent­li­che ich hier mit der freund­li­chen Erlaub­nis von Bernd Atzen­roth von der MAZ. Auch Knie­per­fuchs Horst Fenske hat über mei­nen Besuch auf sei­ner Web­seite und sei­ner Facebook-Fanseite kurz berichtet. )

Mrz 29, 2012 - Berlin, Brandenburg    Kein Kommentar

One-Man-Show im klapprigen Dacia

On the road again… Am mor­gi­gen Frei­tag war­tet auf mei­nen Dau­men wie­der ein­mal Schwerst­ar­beit. Von Schwe­rin will ich nach Stral­sund an die Ost­see­küste tram­pen, und gerade beim Blick auf die grau­triste Wet­ter­vor­sage könnte das eine müh­se­lige Ange­le­gen­heit wer­den. Den­noch will ich nicht auf Mit­fahr­zen­trale oder Zug aus­wei­chen, denn das Rei­sen per Anhal­ter mag mit­un­ter beschwer­lich sein — span­nend und ereig­nis­reich ist es allemal.

Über eine beson­ders denk­wür­dige Anhalt­er­fahrt nach Ber­lin habe ich bereits in mei­nem Blog berich­tet. Nun widme ich auch meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur die­ser „One-Man-Show im klapp­ri­gen Dacia“. (Lesehin­weis: Am bes­ten durch einen Klick auf das unten ste­hende Bild zum Arti­kel sprin­gen — und dann noch mal das Bild anklicken)

Mrz 26, 2012 - Brandenburg    Kein Kommentar

Zu Besuch beim Knieperfuchs

Es ist die erste Frage, die den Knie­per­fuchs ins Grü­beln bringt. „Warum ich mich so für den Knie­per­kohl ein­setze?“, wie­der­holt Horst Fenske und blickt mich einen Augen­blick lang ver­dutzt an. In den ver­gan­ge­nen drei Stun­den hat der 68-Jährige wort­reich die Geschichte die­ses außer­ge­wöhn­li­chen Gerichts vor­ge­tra­gen, seine Rolle in der Region Prignitz in Nordwest-Brandenburg erklärt, seine Zube­rei­tung erläu­tert, ja sogar Gedichte zu Ehren der Spe­zia­li­tät rezi­tiert. Und natür­lich hat Fenske mir eine reich­li­che Por­tion Knie­per­kohl auf­ge­tischt, mit Lun­gen­wurst und Kar­tof­feln — ebenso vor­züg­lich wie hab­haft, sodass ich erst am andern Tag wie­der ans Essen den­ken werde.

Warum also kämpft Horst Fenske seit fast zwei Jahr­zehn­ten so lei­den­schaft­lich für den Knie­per­kohl wie Alice Schwar­zer für die Rechte der Frauen? „Zunächst ein­mal inter­es­siere ich mich gene­rell für Geschichte“, beginnt er zag­haft. „Auß­der­dem liegt mir die Region am Her­zen.“ Und dann nennt Fenske noch einen Punkt, der mir auf mei­ner kuli­na­ri­schen Reise bereits mehr­fach begeg­net ist — sei es beim Mutzbraten-König aus Schmölln, beim Rübchen-Papst aus Tel­tow oder bei Spreewald-Koch Peter Franke: „Ich will den Knie­per­kohl und seine Tra­di­tion für die kom­men­den Gene­ra­tio­nen bewah­ren.“ Schließ­lich sei Knie­per­kohl ein wun­der­ba­res Gericht, „und es wäre trau­rig, wenn er in Ver­hes­sen­heit gera­ten würde“.

Des­halb hat Horst Fenske aus Pritz­walk Tage, Monate, Jahre für den Knie­per­kohl geop­fert — und ist sogar in ein Fuchs­kos­tüm geschlüpft. Doch dazu spä­ter mehr; zunächst die Fak­ten: Knie­per­kohl hat sei­nen Ursprung im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg (1618 — 1648). Nach einer ver­hee­ren­den Schlacht in der Prignitz war die Nah­rung knapp und die Men­schen ver­zwei­felt. Ein fin­di­ger Land­wirt kam daher auf die Idee, den bis dato als Vieh­fut­ter genutz­ten Braun­kohl sauer ein­zu­le­gen. Im Laufe der Jahre kamen Weiß– und Grün­kohl hinzu, sodass der Knie­per­kohl inzwi­schen aus drei gesäu­er­ten Kohl­sor­ten besteht.

Heute könnte man mit dem Zir­kel einen 20 Kilo­me­ter wei­ten Kreis um die Prignitz zie­hen — außer­halb der Linie dürfte der Begriff Knie­per­kohl nur rat­lo­ses Schul­ter­zu­cken her­vor­ru­fen. Doch selbst in sei­ner Hei­mat drohte das Tra­di­ti­ons­ge­richt in den Neun­zi­ger­jah­ren in Ver­ges­sen­heit zu gera­ten, wes­halb Horst Fenske die Initia­tive ergreift. Für sei­nen Imbiss und spä­ter für seine Gast­stätte „Deut­sches Haus“ stellt er schon län­ger Knie­per­kohl her — nun kommt das offen­sive Mar­ke­ting hinzu.

Fenske holt den Tou­ris­mus­ver­ein ins Boot, ver­an­stal­tet Knie­per­feste und Knie­per­tou­ren, ver­legt eine Knie­per­fi­bel, sorgt für den Schrift­zug „Knie­per­stadt“ auf dem Orts­schild und sichert die Mar­ken­rechte am Wort Knie­per­kohl. Zudem gibt er sich selbst den Namen Knie­per­fuchs, bekommt von der Schwes­ter ein Kos­tüm geschenkt und streift die­ses fortan bei allen Ver­an­stal­tun­gen über. „Anfangs habe ich gesagt, dass ich mich nie in die­sem Kos­tüm zum Affen mache“, erin­nert sich Fenske und grinst. „Aber dann hab ich’s doch gemacht — für den Knie­per­kohl und natür­lich auch für meine Gaststätte.“

Mehr noch: In Archi­ven forscht Fenske nach der Geschichte des Knie­per­kohls. Über das Inter­net ver­kauft er Knieperkohl-Konserven nach ganz Deutsch­land; zudem kre­iert er neue Gerichte wie Knie­per­brot, Knie­per­roll­bra­ten oder Knie­per­sülze. Immer wie­der berich­ten Zei­tung und Fern­se­hen über Fens­kes Trei­ben — und sein schrä­ges Alter Ego, den Knieperfuchs.

Wir haben die Grund­lage geschaf­fen, dass auch die kom­men­den Gene­ra­tio­nen Knie­per­kohl  ken­nen und genie­ßen kön­nen“, sagt Fenske nicht ohne Stolz. Und so lässt sich auch seine Moti­va­tion mit einem Satz zusam­men­fas­sen, den mir Spreewald-Koch Peter Franke bei mei­nem Besuch dik­tiert hat: „Mein Ziel lässt sich am bes­ten wie folgt beschrei­ben: Bewah­ren durch essen.“

Hier noch ein paar Bil­der von mei­nen Besuch beim Knieperfuchs:

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Eigent­lich heißt die Gast­stätte in Pritz­walk (Nordwest-Brandenburg) „Deut­sches Haus“. Doch fast bekann­ter ist der inof­fi­zi­elle Name, der bereits über der Ein­gangs­tür prangt: Zum Knieperfuchs.

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Drin­nen emp­fängt mich sogleich der Knie­per­fuchs, mit bür­ger­li­chem Namen: Horst Fenske. Er hat sich das Werbe-Maskottchen für den Knie­per­kohl ausgedacht…

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… und schlüpft sogar bis­wei­len in ein manns­gro­ßes Fuchs­kos­tüm. Inzwi­schen jedoch über­neh­men seine Frau und sein Sohn zuneh­mend diese Auf­gabe — so wie auf die­sem Bild.

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Ich (rechts) habe Horst Fenske (links) besucht, um mehr über den Knie­per­kohl (Mitte) zu erfahren.

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… zusam­men mit Kar­tof­feln und einer Lun­gen­wurst. Schmeckt ebenso vor­züg­lich wie hab­haft — die fol­gen­den 24 Stun­den werde ich nicht ein­mal ans Essen denken.

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Fenske wirbt mit einer Lei­den­schaft für den Knie­per­kohl, die sei­nes­glei­chen sucht: Da gibt es das Knieperfuchs-Mobil…

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… den Knieperfuchs-Schlüsselanhänger und den Knie­per­li­kör für die Verdauung…

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… und natür­lich ver­treibt Horst Fenske via Inter­net­shop auch Knieperkohl-Konserven.

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Und weil Fenske den Knie­per­kohl für die kom­men­den Gene­ra­tio­nen bewah­ren will, steht am Aus­gang ein Körb­chen mit Braunkohl-Samen. Damit viel­leicht der ein oder andere Gar­ten­lieb­ha­ber die­sen Haupt­be­stand­teil des Knie­per­kohls für sich entdeckt.

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Mrz 24, 2012 - Brandenburg, Rezepte    1 Kommentar

Zum Nachkochen (4): Buttermilch-Plinsen

Spreewald-Koch Peter Franke.

200 Tage im Jahr ist Peter Franke als Spreewald-Koch unter­wegs, um in ganz Deutsch­land die Wer­be­trom­mel für die Küche sei­ner Wahl­hei­mat zu rüh­ren — auf Mes­sen, bei Fes­ten, in Kauf­häu­sern. Mein Glück, dass ich Franke in sei­nem Land­gast­hof in Wer­ben (Spree­wald) antraf. Und noch glück­li­cher war ich, als bereits nach zehn Minu­ten das erste Schman­kerl vor mir auf dem Tisch stand: zwei damp­fende Plin­sen, wie der Pfannkuchen/Eierkuchen in die­ser Region heißt.

Das Beson­dere daran: Franke hat das Rezept von sei­ner Schwie­ge­roma, die neben Voll­milch auch But­ter­milch in den Teig gibt. „Das macht die Plin­sen locke­rer“, behaup­tet der Spreewald-Koch. „Und außer­dem sind sie dadurch län­ger haltbar.“

Hier das Rezept zum Nachkochen.

Zuta­ten:

  • 500 ml Milch (Voll­milch / Buttermilch)
  • 4 Eier
  • 1 Mes­ser­spitze Salz
  • 250g Mehl

Zube­rei­tung:

  1. Alle Zuta­ten mit einem Schnee­be­sen gut verrühren
  2. Öl (im Spree­wald gerne Leinöl) in der Pfanne erhit­zen und je eine Schöpf­kelle Teig in die Pfanne geben und gold­gelb von bei­den Sei­ten backen
  3. Mit Mar­me­lade, Honig, Früch­ten etc. servieren

Guten Appe­tit!

Buttermilch-Plinsen.

(Die Fotos habe ich von Peter Franke und zeige sie hier mit sei­ner freund­li­chen Erlaubnis.)

Mrz 18, 2012 - Berlin, Brandenburg    1 Kommentar

Der Nazi pisst sich in die Hose!“

Anhalter

Über­ra­schungsei Anhal­ter­reise: Wer den Dau­men reckt, weiß nie, was einen im Auto erwartet.

Die hier habe ich immer dabei“, sagt Tunis, greift hin­ter sich, angelt ein paar schwarze Leder­hand­schuhe her­vor — und don­nert sie kra­chend aufs Arma­tu­ren­brett. Kra­chend? „Da ist Quarz­sand ein­ge­näht“, ver­rät der 39-Jährige und grinst mich an. „Damit ich mich bei Schlä­ge­reien nicht mehr selbst verletze.“

Nun wird mir doch etwas mul­mig auf dem Bei­fah­rer­sitz. Mein Blick wan­dert zur Hand­bremse; im Geiste sehe ich mich wie James Bond aus dem fah­ren­den Auto hech­ten. „Ich habe mir näm­lich schon oft beim Zuschla­gen die Fin­ger gebro­chen“ — zum Beweis wedelt Tunis seine Hand vor mei­nen Augen auf und ab. „Und auch hier am Kopf habe ich Wunden.“ Tunis wischt sein peni­bel gestyl­tes Haar aus der Stirn, beugt sich zu mir und prä­sen­tiert seine Nar­ben — bei 140 Stun­den­ki­lo­me­tern auf der Auto­bahn. „Ich schlage näm­lich mit Fäus­ten und Kopf zu. Mach ich immer so“, sagt Tunis. 

Rück­blende: Am Stadt­rand von Cott­bus stoppt ein klapp­ri­ger Dacia neben mei­nem aus­ge­streck­ten Dau­men. „Ber­lin? Klar, steig ein“, ruft Tunis durchs Fens­ter. „Ich bin gerade arbeits­los und fahre da hin, weil mir lang­wei­lig ist.“ Ich ver­staue also mei­nen Ruck­sack auf der Rück­bank neben dem Kin­der­sitz, schnalle mich an — und werde in den fol­gen­den 90 Minu­ten Zeuge eines ein­ma­li­gen Schau­spiels: Tunis‘ One-Man-Show, bei der ich ledig­lich als Stich­wort­ge­ber diene in einem an Inhalts­fülle und Tempo beein­dru­cken­den Monolog.

Wenn Tunis in sei­nem Misch­masch aus Ber­li­ne­risch, Cott­bus­se­risch, Hoch­deutsch und Deutsch­tür­kisch los­legt, klingt das unge­fähr so: „Isch­hab­mit­den­Na­zis­kee­ne­Pro­bleme, weißte, die­las­sen­michin­Ruhe. Nure­en­mal, weißte, dahat­sone­Glatze, hatsoausdemAutogebrüllt, weißte, brüll­terso Ver­schwin­de­du­Aus­län­der geh­zu­rück­wo­d­u­her­kommst undso. Also­zie­hich­mein­eLe­der­ja­cke­aus, sone­schwer­eLe­der­ja­cke, weißte. Und­da­sa­gich, sozuihm, Stei­gaus­du­scheiss­Nazi!, weißte. TraudichdochduSchwein!“ 

Ich sollte anmer­ken: Für diese fünf Sätze braucht Tunis höchs­tens zwei Sekun­den — und das, obwohl er seine Geschichte mit Hän­den, Füßen, Ges­ten, Geräu­schen und wech­seln­den Stimm­la­gen unter­malt. „Und­weißte, daste­heich­dann­vor­de­m­Auto, weißte, ste­hichda. Und­was­mach­ter? Der­Na­zi­pisst­sichin­die­Hose. Pisst­sichin­die­Hose!“ Tunis schüt­telt sich vor Lachen. Er blickt zu mir, sieht mein Grin­sen, lacht noch lau­ter. „Die­ser­Na­zi­ware­in­Schrank, weißte, sogroßund­fett, weißte, und­dann­fährt­der­ein­fach­da­von. ZiehtdenSchwanzein!“

Wäre ich ARD-Chef — Tunis hätte eine eigene Late-Night-Show sicher. Mühe­los springt er in sei­ner Lebens­ge­schichte hin und her, erzählt von den elf Jah­ren als Ver­käu­fer in Anta­lya („Da hab ich gelo­gen, dass sich die Bal­ken bie­gen.“), von sei­ner Frau („Die ist Beam­tin, die hat sich an den Staat ver­kauft.“), von sei­nem Ein­bür­ge­rungs­ver­such („Die woll­ten, dass ich einen Sprach­test mache. Ich! Also bin ich Türke geblie­ben. Was bringt mir ein deut­scher Pass?“), von sei­nen Träu­men („Bis 50 will ich so hun­dert­tau­send Euro bei­seite geschafft haben — Bank­über­fall, Lotto oder Spa­ren, egal. Und dann wan­dern wir nach Anta­lya aus.“) und von sei­ner Toch­ter, die jüngste Abge­ord­nete aller Zei­ten im Cott­bus­ser Stadt­rat. („Inzwi­schen hat sie ihr Amt nie­der­ge­legt, weil sie wegen ihres Stu­di­ums keine Zeit mehr hat. Die ist ein­fach zu ehr­lich für einen Poli­ti­ker. Das hat sie vom Großvater.“)

Ein­ein­halb Stun­den spä­ter zieht Tunis sei­nen Dacia rechts ran, direkt am Her­mann­platz, Ber­lin Neu­kölln. Ich bin nahe dran, ihn zu bit­ten, noch ein paar Run­den — und damit ein paar Anek­do­ten lang — zu dre­hen. Doch ich mich ent­scheide dage­gen, steige aus und ver­ab­schiede mich von Tunis, der mir so offen und aus­führ­lich aus sei­nem Leben erzählt hat.

Und damit ist er nicht allein: Als würde mit mei­nem Zustei­gen der Fah­rer­sitz zur Psych­ia­ter­couch, schüt­ten viele Anhal­ter dem unbe­kann­ten Tram­per ihr Herz vor die Füße. Etwa der lie­bens­wür­dige Alten­bur­ger, der mich auf dem Heim­weg vom Grab sei­ner Ehe­frau auf­ga­belte. Sie sei erst vor drei Wochen gestor­ben, berich­tete er offen­her­zig, und erzählte mir im fol­gen­den Gespräch von sei­nem See­len­le­ben nach dem Tod.

Oder der Unter­neh­mer in lila Cord­hose, der kurz vor Cott­bus auf seine Mili­tär­zeit in der DDR zu spre­chen kam: „Ich war auch an der Grenze. Ich musste zum Glück nie auf jeman­den schie­ßen. Aber wenn es dazu gekom­men wäre, weiß ich nicht, was ich getan hätte. Viel­leicht hätte ich absicht­lich dane­ben gezielt, viel­leicht auch nicht. Das kann jetzt kei­ner sagen.“

Oft frei­lich sind es weit weni­ger dra­ma­ti­sche Berichte, son­dern kurze Ein­bli­cke in die eigene Lebens­ge­schichte. Oder län­gere — wie in Tunis‘ Fall. Erst als am Stra­ßen­rand bereits die Neu­köll­ner Döber­bu­den auf­tau­chen - nach einem fuß­ball­spiel­lan­gen Rede­schwall — wen­det er sich erst­mals an mich: „Wat­machst­ndu­ei­gent­lichso?“ Wor­auf­hin ich mei­nen ers­ten voll­stän­di­gen Satz sage: „Ich bin Journalist.“

Jour­na­list?“ Tunis wie­der­holt das Wort lang­sam. Mehr nicht. Und für einen kur­zen Moment herrscht tat­säch­lich Ruhe.

Zwischen Pracht und Platte

Weg!“, „Weg!“, „Weg!“. Maiks Zei­ge­fin­ger saust durch die Luft, wäh­rend wir in sei­nem Auto durch die Innen­stadt von Alten­burg fah­ren. „Auch weg!“, „Weg!“, „Und da stand auch mal ein Haus!“. Jetzt ist dort — nichts. Gäh­nende Leere. Im bes­ten Fall ein Park­platz. Im schlimms­ten Fall wild­wu­chern­des Gestrüpp.

Alten­burg, im östlichs­ten Zip­fel von Thü­rin­gen, pit­to­reske Alt­stadt, eine pracht­volle Schloss­an­lage im Zen­trum. An die 55.000 Ein­woh­ner leb­ten hier vor der Wende 1989. Heute sind es weni­ger als 35.000 — und das, obwohl in der Zwi­schen­zeit etli­che Nach­bar­orte ein­ge­mein­det wur­den. Grund ist zum einen der Gebur­ten­rück­gang und zum ande­ren die Abwan­de­rung: „Von mei­nem Abitur­jahr­gang leben noch drei in Alten­burg — inklu­sive mir“, sagt Maik, gebür­tig aus der Region und Nach­bar jener „ein­zi­gen WG der Stadt“, die mich über Couch­sur­fing auf­ge­nom­men hat. „Vor allem junge Leute zie­hen weg, sobald sie kön­nen. Weil sie hier keine Zukunft haben.“

Die Folge: Zahl­rei­che statt­li­che Häu­ser in bes­ter Innen­stadt­lage ste­hen leer, sind ver­fal­len — oder bereits abge­ris­sen. In Mün­chen wür­den sich Mak­ler auf diese Immo­bi­lien stür­zen wie Geier auf den Kada­ver. Hier hin­ge­gen über­stei­gen die Miet­preise kaum ein­mal fünf Euro pro Qua­drat­me­ter. Den­noch wird Alten­burg immer lee­rer, immer älter — und ist damit nicht alleine.

Zit­tau, eine tra­di­ti­ons­rei­che Stadt im Drei­län­der­eck Deutschland-Polen-Tschechien? Vor der Wende fast 40.000 Bewoh­ner, heute nur noch 22.000. Leere Häu­ser­zei­len, Indus­trie­rui­nen, Plat­ten­bau­ten in den Vor­or­ten. Cott­bus? Vor 20 Jah­ren eine 130.000-Einwohner-Stadt; heute: etwas weni­ger als 100.000 — Ein­ge­mein­dun­gen zum Trotz. Das Schema ist über­all gleich: Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung kam die Markt­wirt­schaft, die Indus­trie brach weg, damit die Arbeits­plätze — und vor allem die Jun­gen und gut Aus­ge­bil­de­ten nah­men reißaus.

So auch in Gör­litz, Deutsch­lands östlichs­ter Stadt: vor der Wende 75.000 Bewoh­ner, heute noch 55.000 — zahl­rei­che Ein­ge­mein­dun­gen auch hier. Dabei ist die Innen­stadt ein Schmuck­stück und gilt mit 4000 zumeist restau­rier­ten Bau­denk­mä­lern als das größte zusam­men­hän­gende Flä­chen­denk­mal Deutsch­lands. Selbst jetzt, im März, has­ten Tou­ris­ten­grup­pen den Stadt­füh­rern hin­ter­her und bestau­nen die archi­tek­to­ni­schen Juwele der ver­schie­de­nen Epo­chen. Nette Anek­dote am Rande: Die gigan­ti­schen Sanie­rungs­ar­bei­ten wur­den unter ande­rem von einem anony­men Gön­ner unter­stützt, der seit 1995 jedes Jahr eine Mil­lion Mark — spä­ter 511.500 Euro — in die Stadt­kasse spen­det. Ein­zige Bedin­gun­gen: Sein Name darf nie­mals an die Öffent­lich­keit gelangen.

Doch selbst in der male­ri­schen Innen­stadt trifft der Besu­cher immer wie­der auf leer ste­hende oder ver­fal­lene Häu­ser. Und dann gibt es da noch die andere Seite von Gör­litz: Nur zehn Geh­mi­mu­ten von der Alt­stadt beginnt der Orts­teil Königs­hu­fen — und mit ihm rie­sige Plat­ten­bau­an­la­gen. In die­sem tris­ten Ein­heits­grau wohnt der Groß­teil der Gör­lit­zer, von denen jeder Vierte (!) Hartz IV bezieht. Die Arbeits­lo­sen­quote: um die 20 Pro­zent. „Dort herr­schen oft erschre­ckende Zustände“, erzählt mein Couchsurfing-Gastgeber, der als Poli­zist häu­fig nach Königs­hu­fen aus­rü­cken muss. „Die Armut. Der Alko­hol. Und trotz­dem wol­len die meis­ten Men­schen nicht raus aus den Plattenbauten.“

Doch will ich hier kei­nes­falls das ein­sei­tige Bild vom tris­ten, chan­cen– und hoff­nung­lo­sen Osten zeich­nen. Im Gegen­teil: Ich zumin­dest habe auf mei­ner Reise zahl­rei­che Men­schen getrof­fen, die sich bewusst für die Region ent­schie­den haben, die sich ein­set­zen, die etwas bewe­gen wol­len. „Ich würde nie in den Süden zurück wol­len“, sagt etwa Tobias, ursprüng­lich aus Ulm, heute an der Gör­lit­zer Uni tätig. „Da ist alles schon so fer­tig, so fest­ge­fah­ren. Hier hin­ge­gen kann ich noch was bewegen.“

Und Tobias ist nicht allein: Da ist der Mutzbraten-König André Scha­kal­e­ski, der sich mit nim­mer­mü­dem Ein­satz ein klei­nes Unter­neh­men rund um seine Imbiss­wa­gen auf­ge­baut hat. Da ist Peter Bes­ser, der im Wirts­haus zum Alten Sack in Zit­tau die ober­lau­sit­zer Küche wie­der­be­lebt, Rad­tou­ren anbie­tet, Füh­run­gen orga­ni­siert. Da ist der Schau­spie­ler Heiko, der mit aller Kraft für das tra­di­ti­ons­rei­che Alten­bur­ger Thea­ter kämpft. Da ist René, der neben sei­nem 40-Stunden-Job bei der Uni Cott­bus eine eigene Firma betreibt und sich die Nächte mit Pro­gram­mie­ren um die Ohren schlägt. Und da sind meine Couchsurfing-Gastgeber aus Gör­litz, die ihre Kin­der in den Wald­kin­der­gar­ten schi­cken, sich für den Fahr­rad­club ADFC enga­gie­ren, vor­wie­gend Pro­dukte aus der Region kau­fen — und genauso gut nach Prenz­lauer Berg oder Haid­hau­sen pas­sen würden.

Und weil ich gerade beim Schub­la­den­den­ken bin: Nazis? Hab ich bis­her noch nir­gends zu Gesicht bekom­men — obwohl doch manch Medi­en­be­richt nahe­legt, dass die NPD-Parteibüros im Osten stets direkt neben dem Rat­haus ste­hen, aus allen Autos Deutsch­rock tönt und die Innen­städte fest in der Hand der Rech­ten sind. Wobei: Ich habe nun schon von meh­re­ren Per­so­nen ver­si­chert bekom­men, dass es den Sprin­ger­stie­fel tra­gen­den Glatzen-Nazi nicht mehr gibt. „Die sehen inzwi­schen aus wie ganz nor­male Stu­den­ten“, meint etwa Gabi, meine Couchsurfing-Gastgeberin in Cottbus.

Meine ein­zige Erfah­rung in die­ser Rich­tung war eine zehn­mi­nü­tige Anhalt­er­fahrt mit einem übel rie­chen­den, bull­dog­gen­ge­sich­ti­gen Mitt­drei­ßi­ger, der mich süd­lich von Cott­bus auf­ga­belte. Nach­dem er meine Rei­se­pläne mit einem „Inter­es­siert mich gar nicht“ abge­bü­gelt hatte, ver­suchte ich den Small Talk in Rich­tung Fuß­ball zu wen­den. Seine Reak­tion: „Weißt du, ich bin natio­nal ein­ge­stellt. In der Bun­des­liga spie­len mir zu viele Aus­län­der. Das ist keine Bun­des­liga mehr.“ Sel­ten habe ich ein Fahr­tende dring­li­cher her­bei­ge­sehnt — aber, wie gesagt: ein Einzelfall.

Eines hin­ge­gen war über­all augen­schein­lich — egal ob Alten­burg, Zit­tau oder Gör­litz: Es gibt kaum Aus­län­der hier; sogar in den Döner­lä­den ste­hen Deut­sche am Grill­spieß. So zählte die 55.000-Einwohner-Stadt Gör­litz im Jahr 2003 gerade ein­mal 1200 Aus­län­der, und fast die Hälfte davon stammt aus dem nahen Polen. Tür­ken? Ara­ber? Asia­ten? Süd­eu­ro­päer? Fehlanzeige!

Und noch ein letz­tes ent­geht dem Beob­ach­ter nicht: das hohe Alter der Bevöl­ke­rung. So braus­ten rei­hen­weise Rent­ner­wa­gen — Mann fährt, Frau dane­ben, beide weiß­haa­rig — an mei­nem aus­ge­streck­ten Dau­men vor­bei, als ich Gör­litz per Anhal­ter ver­las­sen wollte. Nicht umsonst haben Medien die Stadt Pen­si­o­no­po­lis getauft — auch weil allein bis 2007 mehr als 1000 Senio­ren aus dem Wes­ten dort­hin gezo­gen sind, um ihren Lebens­abend bei güns­ti­gen Lebens­hal­tungs­kos­ten zu genießen.

Der Osten: Alt? Leer? Ver­fal­len? Oder doch: Im Auf­bruch? Anpa­ckend? Hoff­nungs­froh? Da traue ich mir (noch) kein Urteil zu. Nur eines: Span­nend ist’s hier auf jeden Fall.

 

Hier noch ein paar Fotos aus Alten­burg, Gör­litz und Cottbus:

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Alten­burg: der Blick auf den wun­der­schön restau­rier­ten Markt­platz. Jedoch: Kommt man nachts hier­her, sieht man in kaum einem Ober­ge­schoss Licht — fast alle Woh­nun­gen ste­hen leer.

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Auch das ist Alten­burg: Hier stand frü­her ein Wohn­haus — inzwi­schen abge­ris­sen. Und das angren­zende Gebäude ist leer und verfallen.

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Alten­burg: Blick auf die gut erhal­tene Schloss­an­lage im Stadt­kern, die unter Kai­ser Fried­rich I. (Bar­ba­rossa) im 12. Jahr­hun­dert zur Kai­ser­pfalz aufstieg.

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Gör­litz: Wahr­zei­chen der Stadt ist die Pfarr­kir­che St. Peter und Paul mit der impo­san­ten Sonnen-Orgel im Innern. Sie ist nur eine von meh­re­ren sehens­wer­ten Kir­chen in der Innenstadt.

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Auch das ist Gör­litz: Läuft man von der pit­to­res­ken Innen­stadt einige Minu­ten in den Orts­teil Königs­hu­fen ist man als­bald von grau-tristen Plat­ten­bau­sied­lun­gen umgeben.

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Gör­litz: Blick auf den ehe­ma­li­gen Her­tie — wohl eines der schöns­ten Kauf­häu­ser Deutsch­lands. Der Haken: Der­zeit steht das Jugenstil­haus fast voll­stän­dig leer.

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Cott­bus: Im Uni-Viertel der Stadt taucht plötz­lich zwi­schen Plat­ten­bau­ten ein futu­ris­ti­sches Objekt auf — das Kom­mu­ni­ka­ti­ons– und Medi­en­zen­trum IKMZ. Es wurde von den Archi­tek­ten Her­zog & de Meu­ron ent­wor­fen, die auch hin­ter dem Vogel­nest in Peking und der Münch­ner Alli­anz Arena stehen.

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Auch das ist Cott­bus: Mit­ten in der Innen­stadt ragen plötz­lich mäch­tige Plat­ten­au­ten empor. Je wei­ter man sich von der City ent­fernt, desto häu­fi­ger wer­den die grauen Betonklötze.

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Cott­bus: Blick auf die eins­tige Tuch­fa­brik. Frü­her war die Stadt bekannt für ihre Tex­til­in­dus­trie; zudem gab es den Koh­le­bau. Doch mit der Wende brach die Indus­trie zusam­men und tau­sende Arbeits­plätze fie­len weg.

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In Cott­bus sind fast alle Stra­ßen­schil­der zwei­spra­chig — deutsch und sor­bisch. Denn in der Region leben noch etwa 60.000 Sor­ben, die in Deutsch­land als natio­nale Min­der­heit aner­kannt sind.

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