Kategorie: "Bremen"
Apr 28, 2012 - Bremen, Rezepte    Kein Kommentar

Der doppelte Pinkel

Im gar­ten­ei­ge­nen Ofen räu­chert mein Couchsurfing-Gastgeber Tors­ten Forel­len und Lachs.

Die Zeit für Kohl und Pin­kel ist vor­bei; spä­tes­tens Ende März kommt die­ses Win­ter­ge­richt in Nord­deutsch­land letzt­mals auf die Tel­ler. Eigent­lich. Und so dürfte an die­ser Stelle auch kein Rezept für Kohl und Pin­kel ste­hen. Eigent­lich. Tat­säch­lich aber kann ich gleich mit zwei Rezep­ten für das Tra­di­ti­ons­ge­richt auf­war­ten. Warum? Hierzu ein Erklä­rungs­ver­such in zwei Akten.

Rezept Num­mer eins ist die klas­si­sche Zube­rei­tung für Kohl und Pin­kel — und pas­sen­der­weise komme ich daran auf klas­si­schem Wege. Denn wie so oft auf mei­ner Reise frage ich vor mei­nem Besuch in Bre­men bei Lokal­zei­tung, regio­na­lem TV-Sender und Tou­ris­mus­büro an, ob sie nicht einen geeig­ne­ten Gesprächs­part­ner für mich wüss­ten. Der Tipp kommt dies­mal von Radio Bre­men: Hen­ning Lühr, im Haupt­be­ruf Staats­rat für Finan­zen in der Han­se­stadt, ist lei­den­schaft­li­cher Hob­by­koch und hat sogar ein Buch über Kohl und Pin­kel veröffentlicht.

Drei Tage spä­ter emp­fängt mich Lühr in sei­ner schnie­ken Alt­bau­woh­nung in der Bre­mer Innen­stadt. Soeben hat er im Weser­sta­dion mit anse­hen müs­sen, wie eine B-Elf des FC Bay­ern seine Bre­mer 2:1 besiegt hat — den­noch tritt er dem Gast aus Mün­chen aus­ge­spro­chen freund­lich gegen­über. Fast eine Stunde plau­dern wir über Kohl und Pin­kel, die Tra­di­tion der Kohl-und-Pinkel-Fahrten sowie sein Buch, das nicht nur reich­lich Infor­ma­tio­nen rund um Grün­kohl ent­hält, son­dern auch 50 Rezepte aus 27 Län­dern. Dar­un­ter natür­lich auch die Bre­mer Vari­ante, wo der Grün­kohl wegen sei­ner Farbe Braun­kohl heißt. Ach ja, für alle Süd­deut­schen: Pin­kel ist übri­gens eine geräu­cherte Grütz­wurst, also Bauch­speck vom Schwein mit Hafer­grütze, Zwie­beln und Gewür­zen im Darm — das hätte ich schon frü­her erwäh­nen sollen.

Doch kom­men wir zu Geschichte und Rezept Num­mer zwei — jenen Kohl & Pin­kel, den ich trotz mei­nes zu spä­ten Besuchs noch selbst pro­bie­ren darf.

Wie bis­lang fast immer auf mei­ner Deutsch­land­tour komme ich auch in Bre­men bei Couch­sur­fern unter. Über die Vor­teile die­ser Art des Rei­sens habe ich in mei­nem Blog aus­gie­big berich­tet. Doch Kers­tin und Tors­ten Peters, meine Gast­ge­ber in Bre­men, sind sogar für Couchsurfing-Maßstäbe außer­ge­wöhn­lich gast­freund­lich. So habe ich nach mei­ner Ankunft kaum den Ruck­sack abge­streift, da steht auch schon ein damp­fen­der Topf mit Grün­kohl auf dem Tisch, dane­ben eine mäch­tige Platte mit getürm­ten Kas­s­ler, Pin­kel– und Kohl­würs­ten sowie Kar­tof­feln. „Kers­tin hat tat­säch­lich noch alle Zuta­ten bekom­men“, sagt der gelernte Koch Tors­ten, des­sen Liebe zum Essen es mit der mei­ni­gen auf­neh­men kann. „Das ist Kohl und Pin­kel auf Peters’sche Art.“

Seine letz­ten Worte gehen in mei­nen ani­ma­li­schen Lau­ten der Begeis­te­rung unter. Oder zumin­dest wür­den sie das, hätte nicht ein was­ser­fall­ar­ti­ger Spei­chel­fluss mir das Spre­chen unmög­lich gemacht. Aus­ge­zehrt von der Reise schau­fele ich Fleisch, Würste, Kar­tof­feln und Kohl in mei­nen Mund, spüle es mit einem Bre­mer Hermelinger-Bier hin­un­ter und fühle mich im sieb­ten Kalo­ri­en­him­mel. Ver­weile Geschmack, du bist so schön!

Doch es kommt noch bes­ser: Nach die­sem Fest­mahl fol­gen drei herr­lich ent­spannte Tage in dem idyl­li­schen Schre­ber­gar­ten­häus­chen im Bre­mer Wes­ten. Tors­ten räu­chert Forel­len und Lachs im eige­nen Ofen, Freunde kom­men vor­bei, und wir sit­zen bis abends im Gar­ten zusam­men. Tags dar­auf schwinge ich den Koch­löf­fel und setzte mei­nen Gast­ge­bern eine Hähn­chen­pfanne mit Cous­cous vor. Zuvor führt mich Tors­ten durch die Bre­mer Alt­stadt und zeigt mir eine Reihe von Sehens­wür­dig­kei­ten — von Dom bis Stadt­mu­si­kan­ten, vom alten Gän­ge­vier­tel Schnoor bis zur präch­ti­gen Böttcherstraße.

Doch so beein­dru­ckend diese Tou­ris­ten­at­trak­tio­nen auch sind — für mich wird Bre­men immer etwas ande­res blei­ben: der Gedanke an das Häus­chen im Grü­nen, an den Abend am Lager­feuer mit einem küh­len Her­me­lin­ger in der Hand, an die gren­zen­lose Gast­freund­schaft von Kers­tin und Tors­ten — und natür­lich an Kohl & Pin­kel auf Peters’sche Art.

 

Zum Nach­ko­chen (11): Bre­mer Braun­kohl mit Pinkel

(Das Rezept stammt aus dem Buch Inter­na­tio­na­les Grün­kohl Koch­buch von Hen­ning Lühr und Jan Jan­ning. Ich ver­öf­fent­li­che es hier mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung von Hen­ning Lühr)

Zuta­ten:

  • 3 Kilo Braun­kohl (0,5 Kilo ist der Richt­wert für gute Esser)
  • 1 Kilo Kartoffeln
  • 40 Gramm Schweineschmalz
  • 6 Kohl­würste
  • 7 Pin­kel­würste
  • 800 Gramm Schweinespeck
  • 800 Gramm Kassler
  • 40 Gramm Hafergrütze
  • 5 Zwie­beln
  • 2 Zehen Knoblauch
  • Salz, Pfef­fer, Piment

Zube­rei­tung:

  1. Kohl put­zen, waschen, abtrop­fen lassen
  2. Schwei­ne­schmalz in gro­ßem Topf erhit­zen. Zwie­beln hacken und im Schmalz dünsten
  3. Etwas Was­ser beige­ben. Braun­kohl in vier Etap­pen hin­zu­ge­ben und einkochen
  4. Hafer­grütze im hei­ßen Was­ser auf­quel­len las­sen und dem Braun­kohl zuge­ben. Eine Pin­kel­wurst ent­häu­ten und mit dem Kohl garen
  5. Schwei­nes­peck in Topf geben, und Braun­kohl rund zwei Stun­den bei mitt­le­rer Hitze köcheln
  6. Eine Mes­ser­spitze Piment sowie zwei aus­ge­drückte Knob­lauch­ze­hen zugeben
  7. Etwa eine Stunde vor dem Ser­vie­ren Würste und Kas­s­ler auf den Kohl legen und bei geschlos­se­nem Topf garen
  8. Kar­tof­feln wahl­weise als Brat­kar­tof­feln mit Speck und Zwie­beln, Koch­kar­tof­feln oder kara­mel­li­sierte (Brat-)Kartoffeln zube­rei­ten und zum def­ti­gen Koh­les­sen servieren.

Guten Appe­tit!

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Das „Inter­na­tio­nale Grün­kohl Koch­buch“ umfasst 50 Rezepte aus 27 Ländern

 

Zum Nach­ko­chen (12): Kohl und Pin­kel auf Peters’sche Art

(Tors­ten: „Das Rich­tige, wenn es schnell und ein­fach gehen soll — und es kei­nen fri­schen Grün­kohl gibt“)

Zuta­ten:

  • Grie­ben­schmalz
  • Zwie­beln
  • Grün­kohl aus dem Glas (vor­ge­gart, nicht küchenfertig)
  • Kas­s­ler­na­cken
  • Pin­kel­würste
  • Kohl­würste
  • Geräu­cher­ter Schweinebauch
  • Pfef­fer, Piment
  • Kar­tof­feln

Zube­rei­tung:

  1. Zwie­beln mit Grie­ben­schmalz in einem Topf gla­sig schwitzen
  2. Kohl aus dem Glas mit dem Kohl­was­ser hinzugeben
  3. Kas­s­ler, Würste und Schwei­ne­bauch auf den Kohl legen, sodass alles im Kohl­was­ser liegt
  4. Bei mitt­le­rer Hitze zwei Stun­den köcheln lassen
  5. Fleisch aus dem Topf neh­men und auf einer Platte anrich­ten; zwei Pin­kel ent­häu­ten und unter den Kohl rühren
  6. Mit Pfef­fer und Piment abschmecken
  7. Kohl mit dem Fleisch und Salz­kar­tof­feln servieren

Guten Appe­tit!

Kohl und Pin­kel nach Peters’scher Art.