Kategorie: "Franken"
Mrz 8, 2012 - Franken    3 Kommentare

On a Highway to Hell

Kle­ben gegen den Frust — nahe der Auto­bahn­auf­fahrt Scheßlitz

Nur mal ange­kom­men, Sie war­ten mit ihrem Auto auf der Links­ab­bie­ger­spur zur Auto­bahn an einer roten Ampel. Da stapft auf dem schma­len Mit­tel­strei­fen ein grell­grün geklei­de­ter Mann in ihre Rich­tung, winkt mit dem Arm. Ängst­lich öffnen Sie Ihr Fens­ter einen Spalt breit, bli­cken hin­aus — und in ein son­nen­ge­rö­te­tes Gesicht über dem sich die Sil­hou­ette eines mäch­ti­gen Ruck­sacks abzeich­net. Plötz­lich spricht das grüne Wesen zu Ihnen, Panik schwingt in sei­ner Stimme, ein Hauch von Beef Jerky weht durchs Fens­ter an ihre Nase. „Fah­ren Sie zufäl­lig nach Bay­reuth und kön­nen mich ein Stück­chen mitnehmen?“

Was wür­den Sie ant­wor­ten? Hier einige Mög­lich­kei­ten, die wie obige Szene auf einer wah­ren Bege­ben­heit beruhen:

  • Das ist ein Fir­men­auto. Ich darf nie­man­den mitnehmen.“
  • Ich drehe hier nur um.“
  • Ver­schwinde!“
  • Ich nehme nie Anhal­ter mit.“
  • Wir machen mit dem Wagen nur eine Probefahrt.“
  • und mein Favo­rit: „Ent­schul­di­gung, aber wir haben gerade ein Pro­blem: Mei­ner Toch­ter ist übel und sie bricht“ (auf dem Rück­sitz kau­erte tat­säch­lich eine blei­che Göre)

Aber wie konnte es über­haupt so weit kom­men, dass ich auf dem Mit­tel­strei­fen einer Schnell­straße nahe Bam­berg ver­ängs­tigte Auto­fah­rer direkt anspre­che? Hatte Anhalter-Experte Ralf Platsch­kow­ski nicht vor mei­ner Reise im Inter­view pro­phe­zeit: „Du wirst auf dei­ner Route kei­ner­lei Pro­bleme haben und immer schnell mit­ge­nom­men werden.“ 

Allein Ralf hatte nicht mit zwei Din­gen gerechnet:

  1. die A70 von Bam­berg nach Bay­reuth — die wahr­schein­lich am wenigs­ten befah­rene Auto­bahn des Planeten
  2. meine Dumm­heit

Rück­blende: In aller Frühe bre­che ich in Bam­berg auf, fahre mit dem Bus an den Stadt­rand und finde einen geeig­ne­ten Anhal­ter­platz an einer Bus­hal­te­stelle wenige hun­dert Meter vor der Auto­bahn­auf­fahrt. Da werde ich in null­kom­ma­nichts in Bay­reuth sein, dann wei­ter nach Hof und über Gera nach Alten­burg, dem Ziel mei­ner Etappe - denke ich.

Vier Stun­den, eine Packung Beef Jerky und 850 Autos spä­ter ist die Zuver­sicht einer Mischung aus Wut und Panik gewi­chen. Zwar haben ein Dut­zend Autos ange­hal­ten, doch kein ein­zi­ger Fah­rer wollte Rich­tung Bay­reuth. Aus Frust steige ich in den nächst­bes­ten Wagen, der neben mir stoppt — obwohl der junge Mann ankün­digt, bereits an der nächs­ten Aus­fahrt die Auto­bahn zu ver­las­sen. Diese Ent­schei­dung wird sich als etwa so cle­ver erwei­sen, wie einen Föhn mit in die Bade­wanne zu nehmen.

Denn die Aus­fahrt mün­det direkt in eine Schnell­straße; weit und breit ist kein Platz für Anhal­ter, sodass ich in mei­ner Ver­zweif­lung auf den Mit­tel­strei­fen Posi­tion ein­nehme und von dort die Abbie­ger direkt durchs Fens­ter anspre­che — ohne Erfolg (siehe oben). Erst um 13.15 Uhr — fünf Stun­den nach mei­nem Auf­bruch — erbarmt sich ein Fah­rer und nimmt mich mit. Aller­dings wie­der nur eine Aus­fahrt — nach Scheßlitz.

Um es kurz zu machen: Nach knapp elf Stun­den, sie­ben Lifts und einer wei­te­ren Packung Ner­ven­nah­rung (Trolli’s bunte Milch­kühe — sehr emp­feh­lens­wert!) errei­che ich völ­lig ent­kräf­tet und reich­lich son­nen­ver­brannt mein Ziel: das thü­rin­ge­ri­sche Alten­burg. Nie, nie, nie wie­der werde ich mich an irgend­eine Straße stel­len und den Dau­men schwen­ken, schwöre ich mir. Eher wer­den Chris­tian Wulff ver­nünf­tig und der TSV 1860 Meister…

Heute, zwei Tage spä­ter, sieht die Rei­se­welt schon wie­der ganz anders aus. Drei Dinge haben meine auf­ge­wühlte Seele nach­hal­tig befriedet:

  • in Alten­burg habe ich Unter­schlupf gefun­den bei einer immens sym­pa­thi­schen WG, die mich noch am Abend mit for­mi­da­blen Spa­ghetti Bolo­gnese sowie einem Glas Rot­wein begrüß­ten. Über­haupt die­ses Couch­sur­fing — ihm werde ich bald einen län­ge­ren Arti­kel widmen
  • in Schmölln habe ich vom Mutz­bra­ten­kö­nig beim Mutz­bra­ten­es­sen so eini­ges über den Mutz­bra­ten­krieg erfah­ren — auch dies wird sich noch in einer Geschichte niederschlagen
  • zudem hat sich Alten­burg — zuge­ge­ben etwas über­ra­schend — als äußerst inter­es­san­ter, net­ter und span­nen­der Ort erwie­sen, sodass ich dem Zufall danke, der mich dort­hin geführt hat

An die­ser Stelle endet mein Bericht — schließ­lich muss ich nun meine Wei­ter­reise am mor­gi­gen Frei­tag pla­nen. Dann geht es von Alten­burg nach Gör­litz, unmit­tel­bar an der pol­ni­schen Grenze. Wie ich dort­hin komme? Na, wie wohl — per Anhalter!

Mrz 7, 2012 - Franken, Rezepte    2 Kommentare

Zum Nachkochen (1): Bamberger Zwiebel

Bamberger Zwiebel

Bam­ber­ger Zwie­bel im Scheiner’s am Dom.

Zwie­beln und Hack­fleisch gehö­ren zusam­men wie Bud Spen­cer und Terence Hill — und tre­ten im Gegen­satz zu den zwei Haud­raufs in viel­fäl­ti­gen Varia­tio­nen auf. Etwa bei der Bam­ber­ger Zwie­bel — ein tra­di­tio­nel­les Gericht die­ser Stadt, das heute nur noch in weni­gen Gast­hö­fen zu bekom­men ist.

Eines davon ist das Scheiner’s am Dom, wo ich nicht nur eine her­vor­ra­gende Bam­ber­ger Zwie­bel essen, son­dern auch einen Blick in die Küche wer­fen durfte. Mit freund­li­cher Erlaub­nis von Ste­fan — er kocht zusam­men mit Flo­rian im Scheiner’s — teile ich hier sein Rezept.

Übri­gens: Die Zwie­beln für Bam­ber­ger Zwie­beln kom­men heute nicht mehr aus Bam­berg, weil die dor­ti­gen Knol­len schlicht zu klein sind. Statt­des­sen schwört Ste­fan auf oran­gen­große Zwie­beln aus Spanien.

Zuta­ten für 4 Personen

  • 4 große Gemüsezwiebeln
  • ca. 300 Gramm Hack­fleisch gemischt
  • Salz, Pfef­fer, Eier, Majo­ran, Senf
  • Kar­tof­fel­brei
  • Bauch­speck­schei­ben (Bacon)

Zube­rei­tung

  1. Hack­fleisch mit Ei ver­men­gen und würzen
  2. Zwie­beln schä­len, oben und unten jeweils eine Scheibe abschnei­den und dann ent­we­der mit dem Löf­fel (für Unge­übte leich­ter) oder mit dem Mes­ser aus­höh­len. Dabei darf die Zwie­bel nicht platzen
  3. Zwie­beln mit Hack­fleisch füllen
  4. Zwie­beln auf ein tie­fes Blech in Gemü­se­fond legen, sodass die Zwie­beln unge­fähr bis zur Hälfte in der Flüs­sig­keit liegen
  5. Etwa eine Stunde bei 160 Grad in den Back­ofen. Wich­tig: Die Zwie­beln immer wie­der mit Fond übergießen

Ser­vie­ren

  • Zwie­beln auf Kar­tof­fel­brei ser­vie­ren, dazu die in der Pfanne ange­bra­te­nen Speckscheiben
  • Dar­über kommt als Soße der Gemü­se­fond aus dem Blech, den man wahl­weise mit Mehl, Gewür­zen oder Dun­kel­bier abschmeckt

Guten Appe­tit!

Mrz 5, 2012 - Franken    6 Kommentare

Ein Grand Mangeur lernt Demut

Zwi­schen 13.52 Uhr am Don­ners­tag­mit­tag und Frei­tag­abend um 17.28 Uhr habe ich exakt dies hier geges­sen: einen Apfel, eine Banane und eine Hand­voll lust­lose Löf­fel Gemü­se­pfanne. Wie konnte das passieren?

Des Rät­sels Lösung besteht aus mick­ri­gen sechs Sil­ben: Frän­ki­sches Schäufele.

Ganz nüch­tern betrach­tet, han­delt es sich dabei um ein Stück Schwei­ne­schul­ter, mit Kno­chen gebra­ten und ser­viert, oben­auf eine kra­chende Kruste. Das klingt schon vor­züg­lich und schmeckt doch viel lecke­rer — zumin­dest, wenn man wie ich in der Schäu­fe­le­wärt­s­chaft (kein Tipp­feh­ler!) zu Nürn­berg speist.

Dort saß ich gemein­sam mit Hol­ger Mees­mann, Prä­si­dent der Freunde des Frän­ki­schen Schäu­fe­les — einem Ver­ein, der als Stamm­tisch­runde begon­nen hat und inzwi­schen die Wärt­s­chaft betreibt, einen Schäu­fe­le­füh­rer her­aus­ge­ge­ben und sich ums Mar­ke­ting die­ser regio­na­len Spe­zia­li­tät red­lich ver­dient gemacht hat.

Die ganze Welt isst Wie­ner Schnit­zel, aber unser Frän­ki­sches Schäu­fele kennt  außer­halb des Schäu­fe­le­lan­des (ca. von Coburg bis Wei­ßen­burg) kaum jemand. Das wol­len wir ändern“, sagt Mees­mann und grinst. Zu ernst will „Don Schäu­fele“ die ganze Sache aber nicht neh­men. „Wir machen das mit einem Augen­zwin­kern — weil’s Spaß macht.“

Nach Mees­manns kur­zer Ein­lei­tung — erst Kruste ver­spei­sen, dann das soge­nannte Pfaf­fen­stück unterm Kno­chen, dann der Rest — kaue ich mich durch eine Unend­lich­keit des fleisch­ge­wor­de­nen Genus­ses. Neben dem Schäu­fele thront ein pam­pel­mu­sen­gro­ßer, 220 Gramm schwe­rer Kar­tof­fel­knö­del… par­don: Kar­tof­fel­k­loß, wie mich Mees­mann mehr­fach kor­ri­giert. Und dar­auf und drum­herum: reich­lich Soße.

Erst nach einer Vier­tel­stunde Dau­er­schlem­men hebe ich erst­mals den Blick vom Tel­ler — und sehe über­le­bens­große, sich im Matsch sulende Fer­kel an der Wand. Sind das bereits Hal­lu­zi­na­tio­nen als Sym­ptom des tücki­schen Fleisch-Komas, das nach einem Über­maß an Tier­kon­sum droht?

Nein, viel­mehr gehö­ren die Fer­kel­fo­tos ebenso zur stil­ge­rech­ten Ein­rich­tung der Schäu­fe­le­wärt­s­chaft wie die Reser­vie­rungs­ta­feln in Schwei­ne­form und das Plas­tik­schwein in der Ecke. Gab es da nie Anfein­dun­gen von Vege­ta­ri­ern oder Tier­schüt­zern? „Ein­mal hat uns eine Frau auf unse­rer Home­page beschimpft“, erin­nert sich Mees­mann. Ach ja, und ein jun­ges Mäd­chen habe es gege­ben, das beim Anblick der Fer­kel­fo­tos ihr Schäu­fele zunächst ver­wei­gerte. „Doch dann hat die Mut­ter das Kind ein­fach auf die andere Tisch­seite, mit dem Rücken zum Bild gesetzt“, erzählt Mees­mann und lacht. „Dann war die Sache gegessen.“

Eine Anek­dote, die ich gerne mit einem Lächeln quit­tie­ren würde — allein mei­nen Wan­gen­kno­chen fehlt die Kraft. Fast das gesamte Schäu­fele hat zusam­men mit dem XXL-Kloß sei­nen Weg in mei­nen Magen gefun­den — und plus­tert sich dort auf wie ein Hahn bei der Balz.

Wenig spä­ter wälze ich mich hin­aus auf die Straße — um gefühlte 2.000 Kilo­ka­lo­rien und zwei Erkennt­nisse rei­cher. Ers­tens, das Frän­ki­sche Schäu­fele ist ein wah­rer Gau­men­schmaus, der eine grö­ßere Popu­la­ri­tät außer­halb der Region ver­die­nen würde. Und zwei­tens: Mein Magen braucht Trai­ning, will er die wei­te­ren Her­aus­for­de­run­gen auf die­ser Reise meis­tern. Viel Training.

 

Hier einige Ein­drü­cke von mei­nem Besuch der Schäufelewärtschaft

01

Schon von wei­tem begrüßt das grin­sende Schwein alle Gäste der Nürn­ber­ger Schäu­fe­le­wärt­s­chaft — rich­tig gele­sen: gut frän­kisch „Wärt­s­chaft“. Doch eigent­lich könn­ten sich die Macher das Schild spa­ren. Denn: Im Umkreis von meh­re­ren Häu­ser­blocks weht ein fei­ner, aber durch­drin­gen­der Geruch von gebra­te­nem Schwein und Bra­ten­soße durch die Gassen.

02

Das Inte­ri­eur der Schäu­fe­le­wärt­s­chaft ist rus­ti­kal aber gemüt­lich. Um einen wuch­ti­gen Stein­tre­sen rei­hen sich Holz­ti­sche, eine durch­ge­hende Bank erstreckt sich über den gesam­ten Raum. Nicht zu ver­ges­sen: rot-weiß karierte Tisch­de­cken und eine Deko, die von einem Motiv domi­niert wird…

03

… näm­lich dem Schwein. Das reicht von Reser­vie­rungs­ta­feln in Schwei­ne­form über das Plas­tik­schwein in der Ecke bis hin zu den ess­tisch­gro­ßen Fotos jener süßen Schweine, die wenig spä­ter in gebra­te­ner Form vor den Gäs­ten stehen.

04

Und das sieht dann so aus: ein ori­gi­nal Frän­ki­sches Schäu­fele. Das sind rund 350 Gramm Fleisch aus der Schwei­ne­schul­ter in reich­lich Soße, ser­viert mit einem pam­pel­mu­sen­gro­ßen, 220 Gramm schwe­ren Kar­tof­fel­knö­del… halt: Kar­tof­fel­k­loß, wie der Franke den Ober­bay­ern gerne korrigiert.

05

Die Schäu­fe­le­wärt­s­chaft ist übri­gens kein nor­ma­les Lokal, son­dern wird betrie­ben von den Freun­den des Frän­ki­schen Schäu­fe­les — einem Ver­ein, der es sich zur Auf­gabe gemacht hat, seine Leib­speise auch über die Gren­zen des „Schäu­fe­le­lan­des“ (etwa zwi­schen Coburg und Wei­ßen­burg) hin­aus zur Bekannt­heit zu verhelfen.

06

Bei mei­nem Besuch hatte ich die Ehre mit dem Prä­si­den­ten der Schäu­fe­le­freunde zu spei­sen, Hol­ger Mees­mann alias Don Schäu­fele. Auch wenn er betont, dass der Ver­ein „das ganze mit einem Augen­zwin­kern“ betreibt, so ist es schon beein­dru­ckend, was eine Gruppe Fleisch­lieb­ha­ber da auf die Beine gestellt hat — von der eige­nen Wärt­s­chaft bis hin zum Schäu­fe­le­füh­rer, einem Büch­lein „mit sorg­fäl­tig erges­se­nen Erkennt­nis­sen“ rund um das frän­ki­sche Natio­nal­ge­richt (na gut: neben der Bratwurst).

07

Nicht ver­zich­ten wollte ich natür­lich auf einen Abste­cher in die hei­lige Halle der Schäu­fe­le­wärt­s­chaft, wo die geheim­nis­um­wo­bene Köst­lich­keit in müh­se­li­ger Akri­bie kre­denzt wird. Oder ganz pro­fan: die Küche.

08

Dort berei­tet der Koch nach einer jahr­tau­sen­de­al­ten Tra­di­tion (oder so ähnlich) pro Woche um die 500 Frän­ki­sche Schäu­fele zu. In den ers­ten zwei Jah­ren nach ihrer Eröff­nung 2006 schrieb die Schäu­fe­le­wärt­s­chaft noch rote Zah­len; inzwi­schen jedoch strö­men sogar unter der Woche die Stamm­gäste ins Lokal — und am Wochen­ende besteht ohne Reser­vie­rung keine Aus­sicht auf ein Knusperschweinchen.

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So lie­gen sie dann Seit an Seit, die Schäu­fele. Ver­kauft wer­den sie mit Kloß und Soß um 7,90 Euro oder als halbe Por­tion (6,20€) — „für Blei­stift­spit­zer und Bürohengste“.

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Bleibt abschlie­ßend nur noch der Schlacht­ruf (im Wort­sinn?) der Schäu­fe­le­freunde: Sau, Sau, Hurra!

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Mrz 2, 2012 - Franken    1 Kommentar

Weil’s in Nürnberg Wurst ist

Auffahrt zur A9

Adieu Mün­chen. Hier habe ich mich im Dau­er­dau­men­schwen­ken geübt.

Die Trag­weite mei­nes Fehl­griffs wird mir erst bewusst, als ich die Hälfte schon her­un­ter­ge­würgt habe von die­sem fleisch­far­be­nen Etwas, das mir die Bäckers­frau als Breze ver­kauft hat. Welch Faux­pas! Diese Möchtergern-Brezen, die schmeckt wie ein in Salz­was­ser auf­ge­weich­ter Sty­ro­por­klum­pen, und ein Becher mit bit­te­rer, brau­ner Plörre — sie sind tat­säch­lich das erste Essen auf mei­ner Reise! Mei­ner kuli­na­ri­schen Reise wohl­ge­merkt, auf der ich den Lecke­reien mei­nes Hei­mat­lan­des nach­spü­ren will. Und jetzt das: zum Auf­takt eine Lab­ber­b­reze in der Back­stube Hexen­bäck im Vor­raum eines Norma-Supermarktes im grau­tris­ten Erlangen-Tennenlohe!

Hätte ich Hun­ger und Kaf­fee­lust doch nur etwas zügeln kön­nen, denke ich eine Stunde spä­ter über sechs vom Buchen­holz­feuer gegrill­ten Rost­brat­würs­ten neben herr­lich aro­ma­ti­schem Sau­er­kraut im tra­di­tio­nel­len Brat­wurst­häusle am Nürn­ber­ger Haupt­markt. Jedoch: Ohne mei­nen Abste­cher im Hexen­bäck säße ich jetzt nicht hier — und müsste meine Brat­würste außer­dem selbst bezahlen.

Doch der Reihe nach.

Don­ners­tag­mor­gen, halb zehn, Auto­bahn­auf­fahrt zur A9 nahe der Stu­den­ten­stadt im Münch­ner Nor­den. In den letz­ten ein­ein­halb Stun­den sind hand­ge­zählte 74 VW, 23 Audi, 34 Mer­ce­des und — wir sind schließ­lich in Bay­ern — 64 BMW sowie rund 175 wei­tere Las­ter und Autos an mei­nem aus­ge­streck­ten Dau­men vor­bei­ge­bret­tert, ohne den Anhal­ter in sei­ner leuch­tend­grü­nen Jacke auch nur eines Bli­ckes zu würdigen.

Als ich mei­nen Frust gerade mit etwas Beef Jerky besänf­ti­gen will, stoppt plötz­lich ein win­zi­ger roter Ford — auf der Rück­bank bis unters Dach mit Kof­fern, Taschen und Tüten voll­ge­stopft. Aus der Bei­fah­rer­tür kommt ein pech­schwar­zer Haar­schopf zum Vor­schein, hin­ter­her das Gesicht eines jun­gen Man­nes. „Herr Lan­gen?“, rade­brecht er lachend. „Nein, Stäbler, du Witz­bold“, will ich ant­wor­ten, ver­kneife es mir — und dann fällt der Gro­schen. „Ah, Erlan­gen! Gerne, ich will nach Nürn­berg, und das ist ja gleich um die Ecke.“

Zwan­zig Minu­ten und eine kraft­rau­bende Umräum­ak­tion spä­ter sitze ich ein­ge­zwängt auf der Rück­bank, vorne Asif, um die 40, gescho­rene Haare, mäch­ti­ger Rau­sche­bart, dane­ben Haris, deut­lich jün­ger und schüch­ter­ner, schwarze Haare, Mit­tel­schei­tel; beide stu­dierte Infor­ma­ti­ker, beide aus Pakis­tan, beide Moslems.

Aus­führ­lich beschreibe ich Asif und Haris meine Rei­se­pläne. „Aha, eine Art Aus­zeit“, sagt Asif, „das habe ich auch Haris emp­foh­len. Dass er wie ich vier Monate nach Pakis­tan geht, dort in Moscheen lebt und sich mit sei­ner Reli­gion beschäf­tigt.“ An die­ser Stelle würde ich gerne etwas ande­res schrei­ben, aber: Prompt beginnt es in mei­nen Kopf zu rat­tern — Pakis­tan, Islam, Koran­schu­len, Aus­bil­dungs­la­ger, Al-Kaida, Isla­mis­ten, Terror…

Nicht was du denkst“, sagt Asif und blickt mich durch den Rück­spie­gel aus sei­nen Ted­dy­bär­au­gen lachend an. „Wir sind Pazi­fis­ten. Jeder soll so leben, wie er es für rich­tig hält.“ Und dann gibt er mir noch sein Lebens­motto mit auf den Weg: „Ein klu­ger Mann hat mir ein­mal gesagt: Tritt den Men­schen mit Liebe in dei­nem Her­zen ent­ge­gen, und du bekommst Liebe zurück. Trägst du aber Hass im Her­zen, dann ern­test du auch Hass.“

Die Fahrt ver­geht wie im Flug; wir spre­chen über Gott und die Welt — und das im Wort­sinn. In Erlan­gen ver­ab­schiede ich mich von den bei­den und stehe — nach mei­nem ver­ges­sens­wür­di­gen Stopp im Hexen­bäck — als­bald erneut am Stra­ßen­rand. Dies­mal hält gleich der zweite Wagen, ein etwa 75-jähriger Rent­ner. „Nürn­berg? Rein mit dir!“

War Asif ein wort­ge­wand­ter und rede­freu­di­ger Gesprächs­part­ner, ist Herr K. genau das Gegen­teil — ein Schwei­ge­part­ner. Mein Ver­such, ihn über Nürn­ber­ger Rost­brat­würste in einen Dia­log zu locken, schei­tert kläg­lich. Statt­des­sen wid­met sich Herr K. sei­nen Neben­fah­rern auf der Straße: „Pass halt auf, Du Depp!“, „Ja, was willst Du denn!“, „Komm halt rüber!“

Umso erstaun­ter bin ich, als Herr K. in der Innen­stadt plötz­lich knurrt: „Ich parke jetzt auf dem Park­platz, und dann gehen wir Brat­würste essen.“ Es ist keine Frage, son­dern ein Befehl. Doch weil ich mir für meine Reise vor­ge­nom­men habe, das Wort Nein so sel­ten wie mög­lich zu gebrau­chen, sit­zen wir eine halbe Stunde spä­ter im Brat­wurst­häusle und kauen auf wahr­lich her­vor­ra­gen­den Exem­pla­ren die­ser Nürn­ber­ger Spe­zia­li­tät. Ich starte noch ein paar halb­her­zige Gesprächs­an­schie­ber, doch außer eini­gen Sät­zen und Andeu­tun­gen zu sei­nem Leben ist Herrn K. nicht viel zu entlocken.

Als es ans Zah­len geht, stellt er klar: „Ich bezahle.“ Wie es sich für einen ech­ten Grant­ler gehört, lie­fert sich Herr K. noch einen kur­zen Dis­put mit dem Kell­ner („Sie neh­men keine Kre­dit­kar­ten? Frech­heit! Sagen Sie das Ihrem Chef!“) und begleicht dann die Rech­nung in bar — ohne einen Cent Trinkgeld.

Drau­ßen vor der Tür, Herr K. zün­det sich eine Dun­hill an, nippt an sei­nem Bier, wen­det sich mir zu. „So. Sie sind jetzt ent­las­sen.“ Wie­der ein Befehl. Meine Dan­kes­worte und guten Wün­sche nimmt er so regungs­los ent­ge­gen wie zuvor den Wet­ter­be­richt im Radio. Ich schul­tere mei­nen Ruck­sack und stapfe in Rich­tung Touristen-Information. Ein letz­tes Mal drehe ich mich um, zum Brat­wurst­häusle, zu Herrn K., hebe die Hand zum Abschied — und da erscheint plötz­lich der Anflug eines Lächelns auf sei­nem Gesicht.

Oder zumin­dest bilde ich mir das ein.

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Das Brat­wurst­häusle im Her­zen Nürnbergs