Kategorie: "Hessen"
Mai 31, 2012 - Hessen    Kein Kommentar

Über sieben Kräuter musst du gehen

Bor­retsch, Ker­bel, Kresse, Peter­si­lie, Pim­pi­nelle, Sau­er­amp­fer und Schnitt­lauch. Ich habe extra noch ein­mal bei Wiki­pe­dia nach­ge­schaut: Das sind die sie­ben Kräu­ter, die tra­di­tio­nell in die Frank­fur­ter Grüne Soße kom­men. Und denen mei­nes Wis­sens kei­ner­lei berau­schende Wir­kung nach­ge­sagt wird.

So suche ich wei­ter nach einer Erklä­rung für die über­bor­dende Stim­mung beim gro­ßen Finale des Grüne-Soße-Festivals in Frank­furt — eine an sich schon reich­lich skur­rile Ver­an­stal­tung. Irgendwo zwi­schen Okto­ber­fest und Musi­kan­ten­stadl — mit einer Prise LSD. Und damit genau das Rich­tige für meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Merkur.

Mehr Fotos vom Grüne-Soße-Festival gibt’s übri­gens auf der Facebook-Seite von Deutschland-isst — und zwar ver­mengt mit Auf­nah­men von einer wei­te­ren durch­aus eigen­wil­li­gen Frank­fur­ter Ver­bin­dung. Titel der Bil­der­stre­cke: Occupy Grüne Soße.

(Und wer den fol­gen­den Arti­kel tat­säch­lich in vol­ler Länge lesen will: Erst auf das Foto kli­cken, um zum Arti­kel zu gelan­gen — und dann erneut dar­auf kli­cken, um ihn zu vergrößern.)

Mai 16, 2012 - Hessen    Kein Kommentar

Occupy Grüne Soße

Kurz vor Mit­ter­nacht fällt die Ent­schei­dung — und die Sie­ger auf die Knie, von den Gefüh­len danie­der gedrückt. Oli­ver Weiß und Franco Somma vom Restau­rant „Gol­de­ner Apfel“ hei­ßen die Grüne-Soße-Champions 2012, gekürt vom Publi­kum beim Grüne Soße Fes­ti­val - jener ein­wö­chi­gen kul­tu­rel­len und kuli­na­ri­schen Extra­va­ganza, die sich allein um das Frank­fur­ter Natio­nal­ge­richt dreht.

Am Ende des vier­stün­di­gen Fina­les lie­gen sich die Gewin­ner in den Armen; die von Grüne Soße, Frei­bier und Frei­wein berausch­ten Gäste schun­keln im Takt, und auf der Bühne sin­gen Frank­fur­ter Künst­ler zur Melo­die von „Hey Jude“: Naaa, naa, naa, na-na-na-naa, na-na-na-naa, Grie Soß. (Erklä­rung für Nicht-Hessen: Grie Soß = Grüne Soße)

Ich könnte viele Worte ver­lie­ren über die­sen ebenso bizar­ren wie beein­dru­cken­den Abend. Statt­des­sen jedoch zeige ich lie­ber ein paar Bil­der — und mische diese mit mei­nen Auf­nah­men von einer ande­ren Ver­an­stal­tung, gerade ein­mal 500 Meter Luft­li­nie vom Fes­ti­val­ge­lände ent­fernt: das Lager von Occupy Frank­furt. Mit­ten im Her­zen des Ban­ken­vier­tels unter der sym­bolkräf­ti­gen Euro-Skulptur cam­pie­ren näm­lich immer noch ein paar Hart­ge­sot­tene, um die Machen­schaf­ten der Finanz­welt anzu­pran­gern und für eine gerech­tere Gesell­schaft zu protestieren.

In die­sem Sinne eine Foto­stre­cke unter dem Motto: Occupy Grüne Soße

1GSAussen

Am Roß­markt im Her­zen der Stadt steigt 2012 zum fünf­ten Mal das Grüne Soße Fes­ti­val. Eine Woche lang dreht sich dort alles um das Frank­fur­ter Natio­nal­ge­richt, das tra­di­tio­nell aus sie­ben Kräu­tern gemischt wird: Bor­retsch, Ker­bel, Kresse, Peter­si­lie, Pim­pi­nelle, Sau­er­amp­fer und Schnittlauch.

2_CampTotal

Nur etwa 500 Meter ent­fernt cam­pie­ren seit rund acht Mona­ten Anhän­ger der welt­wei­ten Occupy-Initiative. Ihre Zahl hat sich seit dem Höhe­punkt der Bewe­gung vor etwa einem hal­ben Jahr deut­lich redu­ziert, doch noch immer hal­ten rund 50 bis 60 Zelte die Stellung.

3_Bissenich

Tags­über kön­nen die Besu­cher auf dem Festival-Markt natür­lich diverse Grüne Soßen pro­bie­ren. Und lasst euch durch den däm­li­chen Gesichts­aus­druck nicht täu­schen: Rich­tig zube­rei­tet und haus­ge­macht schmeckt die kalte Kräu­ter­tunke auf Kar­tof­feln mit Ei hervorragend.

4_Stundenplan

So ein Occupy-Aktivist hat einen stren­gen Stun­den­plan: Tag für Tag sind Ver­an­stal­tun­gen — vom Arbeits­kreis Respekt bis zur wöchent­li­chen Voll­ver­samm­lung. Was gerade ansteht, ent­nimmt der Akti­vist dem Schwar­zen Brett am Camp-Eingang.

5_GSshow

Die Abend­ver­an­stal­tun­gen beim Grüne Soße Fes­ti­val sind dann eine Mischung aus Koch­wett­be­werb, Kaba­rett und Kon­zert. An die 500 Zuschauer fasst das Zelt; für 50 Euro das Ticket kön­nen sie die Show ver­fol­gen, die Grü­nen Soßen diver­ser Frank­fur­ter Köche ver­kos­ten — und bei kos­ten­freiem Bier und Wein dem Alko­hol kräf­tig zusagen.

6_Dalai_Spruch

Im Occupy-Camp gibt es auch ein Infor­ma­ti­ons­zelt, das bei unse­rem Besuch lei­der unbe­setzt war. Dafür fin­det der Suchende dort reich­lich weise Rat­schläge — etwa das Para­do­xon des Dalai Lamas.

7_7glaeser

Sie­ben Grüne Soßen.

8_Spruch

Zufäl­lig kom­men wir im Occupy-Camp mit einem Akti­vis­ten ins Gespräch, der das Lager nach meh­re­ren Mona­ten ent­täuscht ver­lässt. Sein Vor­wurf: „Wir haben es auf dem Höhe­punkt der media­len Auf­merk­sam­keit nicht geschafft, uns auf ein gemein­sa­mes Mini­mal­ziel zu eini­gen.“ Jetzt sei die Luft raus, die Zahl der ech­ten Akti­vis­ten geschrumpft und das Camp zu 80 Pro­zent von Obdach­lo­sen bewohnt, so seine Kri­tik. Eine Mini­mal­for­de­rung habe ich zwi­schen Blu­men­kü­beln entdeckt.

9_GlaeserKart

Zu den sie­ben Grü­nen Soßen wer­den tra­di­tio­nell Kar­tof­feln und hart­ge­kochte Eier gereicht. Doch wehe man fragt nach Salz — so wie es ein nai­ver Gast aus Mün­chen tat, der hier unge­nannt blei­ben soll. „Haben wir nicht“, faucht die sonst zucker­süße Bedie­nung. „Das würde den Geschmack der Final-Soßen verfälschen.“

10_Euro

Aug in Aug mit dem Feind: Die Occupy-Aktivisten haben ihr Camp unmit­tel­bar neben der Euro-Skulptur auf­ge­schla­gen, mit­ten im Her­zen des Frank­fur­ter Bankenviertels.

11_Rezept

Von den Fina­lis­ten wollte mir — ver­ständ­li­cher­weise — kei­ner sein Grüne-Soße-Rezept ver­ra­ten. Doch dank inves­ti­ga­ti­ver Recher­che bin ich doch noch an eines gekommen…

12_Zelt

Dem rich­ti­gen Rezept sind auch die Occupy-Aktivisten auf der Spur — jedoch nicht für schnöde Kräu­ter­soße, son­dern für eine bes­sere Welt. Denn auch wenn ein gemein­sa­mes Ziel fehlt, sind sich dort alle Akti­vis­ten einig: So wie es aktu­ell läuft, darf es nicht weitergehen.

Am Roßmarkt im Herzen der Stadt steigt 2012 zum fünften Mal das Grüne Soße Festival. Eine Woche lang dreht sich dort alles um das Frankfurter Nationalgericht, das traditionell aus sieben Kräutern gemischt wird:  Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch.Nur etwa 500 Meter entfernt campieren seit rund acht Monaten Anhänger der weltweiten Occupy-Initiative. Ihre Zahl hat sich seit dem Höhepunkt der Bewegung vor etwa einem halben Jahr deutlich reduziert, doch noch immer halten rund 50 bis 60 Zelte die Stellung.Tagsüber können die Besucher auf dem Festival-Markt natürlich diverse Grüne Soßen probieren. Und lasst euch durch den dämlichen Gesichtsausdruck nicht täuschen: Richtig zubereitet und hausgemacht schmeckt die kalte Kräutertunke auf Kartoffeln mit Ei hervorragend.So ein Occupy-Aktivist hat einen strengen Stundenplan: Tag für Tag sind Veranstaltungen - vom Arbeitskreis Respekt bis zur wöchentlichen Vollversammlung. Was gerade ansteht, entnimmt der Aktivist dem Schwarzen Brett am Camp-Eingang.Die Abendveranstaltungen beim Grüne Soße Festival sind dann eine Mischung aus Kochwettbewerb, Kabarett und Konzert. An die 500 Zuschauer fasst das Zelt; für 50 Euro das Ticket können sie die Show verfolgen, die Grünen Soßen diverser Frankfurter Köche verkosten - und bei kostenfreiem Bier und Wein dem Alkohol kräftig zusagen.Im Occupy-Camp gibt es auch ein Informationszelt, das bei unserem Besuch leider unbesetzt war. Dafür findet der Suchende dort reichlich weise Ratschläge - etwa das Paradoxon des Dalai Lamas.Sieben Grüne Soßen.Zufällig kommen wir im Occupy-Camp mit einem Aktivisten ins Gespräch, der das Lager nach mehreren Monaten enttäuscht verlässt. Sein Vorwurf: "Wir haben es auf dem Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit nicht geschafft, uns auf ein gemeinsames Minimalziel zu einigen." Jetzt sei die Luft raus, die Zahl der echten Aktivisten geschrumpft und das Camp zu 80 Prozent von Obdachlosen bewohnt, so seine Kritik. Eine Minimalforderung habe ich zwischen Blumenkübeln entdeckt.Zu den sieben Grünen Soßen werden traditionell Kartoffeln und hartgekochte Eier gereicht. Doch wehe man fragt nach Salz - so wie es ein naiver Gast aus München tat, der hier ungenannt bleiben soll. "Haben wir nicht", faucht die sonst zuckersüße Bedienung. "Das würde den Geschmack der Final-Soßen verfälschen."Aug in Aug mit dem Feind: Die Occupy-Aktivisten haben ihr Camp unmittelbar neben der Euro-Skulptur aufgeschlagen, mitten im Herzen des Frankfurter Bankenviertels.Von den Finalisten wollte mir - verständlicherweise - keiner sein Grüne-Soße-Rezept verraten. Doch dank investigativer Recherche bin ich doch noch an eines gekommen...Dem richtigen Rezept sind auch die Occupy-Aktivisten auf der Spur - jedoch nicht für schnöde Kräutersoße, sondern für eine bessere Welt. Denn auch wenn ein gemeinsames Ziel fehlt, sind sich dort alle Aktivisten einig: So wie es aktuell läuft, darf es nicht weitergehen.
Mai 11, 2012 - Hessen, Reiseleben, Saarland    12 Kommentare

Dummheit tut weh

Nette Auto­fah­rer. Das wäre heute hilf­reich gewe­sen — ers­tens. Zwei­tens: etwas weni­ger Dumm­heit auf mei­ner Seite. Drit­tens eben­falls nicht zur Hand, obgleich drin­gend nötig: eine Son­nen­creme. Vier­tens: weni­ger Dumm­heit, fünf­tens: das rich­tige Gepäck und schließ­lich sechs­tens: weni­ger Dummheit.

Da jedoch die­ses halbe Dut­zend mir am heu­ti­gen Tag so schmerz­lich abgeht wie einem rei­sen­den Bay­ern eine ordent­li­che Bre­zen — daher also sitze ich jetzt ent­kräf­tet, ver­brannt und frus­triert in einer Bäcke­rei in Kai­sers­lau­tern und warte auf meine Mit­fahr­ge­le­gen­heit nach Frank­furt. Mit­fahr­ge­le­gen­heit? Ja, denn nach gut sie­ben Stun­den und mage­ren 36 Kilo­me­tern habe ich mei­nen  Anhal­ter­dau­men für heute in den Fei­er­abend geschickt.

Dabei ver­lange ich kei­nes­wegs Unmög­li­ches von ihm, als mein Anhal­ter­tag heute um neun Uhr in Saar­brü­cken star­tet. Das Ziel: Frank­furt — laut Google Maps gerade ein­mal ein 184 Kilo­me­ter lan­ger Kat­zen­sprung. Im Geiste sehe ich mich schon um die Mit­tags­zeit in Hes­sen, wäh­rend ich den ers­ten Autos gut gelaunt mei­nen Dau­men entgegenstrecke. 

600 vor­bei­don­nernde Fahr­zeuge und zwei Stun­den spä­ter ist meine Laune rezi­prok pro­por­tio­nal zur Außen­tem­pe­ra­tur gefal­len. Will hei­ßen: Wäh­rend mein Gemüts­zu­stand im Per­ma­frost bib­bert, treibt mir die bren­nende Sonne Schweiß­per­len auf die Stirn. Son­nen­creme? Ja, das wäre jetzt nicht schlecht. Ebenso wie eine kurze Hose. Statt­des­sen habe ich dicke Socken und die lange Unter­buxe im Ruck­sack, der oben­drein von aller­lei Nutz­lo­sem beschwert wird — doch dazu spä­ter mehr.

Denn zunächst naht Ret­tung in Gestalt einer net­ten Rus­sin, die mir einen Lift nach Neunkirchen/Saar anbie­tet. Einen flüch­ti­gen Blick auf die Karte gewor­fen: Ja, das liegt irgendwo im Nord­os­ten von Saar­brü­cken, ten­den­zi­ell Rich­tung Frank­furt, also hopps eingestiegen.

Erst in Neun­kir­chen — 20 Minu­ten und eine nette Unter­hal­tung spä­ter — stu­diere ich die Karte genauer und muss ent­de­cken: Statt wie erhofft an der A6 Rich­tung Kai­sers­lau­tern stehe ich an der A8. Bedeu­tet: Erst über das nahe Kreuz käme ich auf die gewünschte Auto­bahn. Doch damit nicht genug: Auch die Auf­fahrt in Neun­kir­chen erweist sich für Anhal­ter als so prak­tisch wie eine Blei­weste als Schwimmhilfe. 

Und so brüte ich erst eine halbe Stunde ver­geb­lich in der Sonne — kein ein­zi­ges Auto hält. Dann ver­su­che ich mein Glück an der nahen Tank­stelle mit direk­tem Anspre­chen — doch nie­mand fährt in meine Rich­tung (oder will einen ver­schwitz­ten und inzwi­schen wohl auch müf­feln­den Tram­per in sei­nem Wagen). Ent­nervt stelle ich mich schließ­lich an die Land­straße und hoffe über die­sen Umweg schnel­ler auf die A6 zu gelangen.

Dies­mal habe ich zum Glück einen Schat­ten­platz, doch inzwi­schen sind die Tem­pe­ra­tu­ren der­art geklet­tert, dass mir den­noch Schweiß­bä­che den Rücken hin­un­ter­rin­nen. Wohl auch, weil erneut ein paar Hun­dert Auto­fah­rer mit regungs­lo­sem Gesicht an mei­nem Dau­men vor­bei­bret­tern. Was ist nur mit den Saar­län­dern los, die ich bis­her als so herz­lich und hilfs­be­reit ken­nen­ge­lernt habe?

Dann end­lich stoppt ein Wagen. Und auch wenn ich nur zwei Hand­voll Saar­län­der kenne, wage ich zu behaup­ten: In Sachen Ver­rückt­heit gehört die­ser etwa 45-jährige Mann zur abso­lu­ten Elite des Lan­des. Gerade ein­mal acht Minu­ten sitze ich sei­nem Auto, doch das ist genug für ihn, um zunächst drei geschmack­lose Witze über Homo­se­xu­elle zu rei­ßen. Und dann einen Schwank aus sei­nem Lie­bes­le­ben zu erzäh­len, wobei es irgend­wie um Gum­mi­dil­dos, drei Nym­pho­ma­nin­nen, seine Spiel­sucht und Poli­zei­raz­zien geht. Ein Glück habe ich so meine Pro­bleme mit dem saar­län­di­schen Akzent, sodass mir der grö­ßere Zusam­men­hang des wir­ren Gefa­sels erspart bleibt. Und so nicke ich nur mono­ton, wäh­rend er von Fot­zen, Schwän­zen und Oral­sex schwa­dro­niert — in einem Ton, als berichte er vom jüngs­ten Familienausflug.

So, hier musst du raus!“, sagt’s, schubst mich bei­nahe vom Bei­fah­rer­sitz und braust davon. Erst der Blick aufs Handy ver­rät mir: Ich bin in Lim­bach, immer noch im Saar­land, immer­hin aber nahe der Auf­fahrt zur A6. Und so schul­tere ich mei­nen Ruck­sack und stapfe durch den Ort. Ach ja, habe ich erwähnt, dass es 35 Grad im Schat­ten hat? Und dass ein 20-Kilo-Rucksack auf dem Rücken die gefühlte Tem­pe­ra­tur locker noch ein­mal um fünf­zehn Grad erhöht?

An einer Kreu­zung recke ich erneut mei­nen Dau­men in die Luft — und bin fast über­rascht, dass es dies­mal nur 15 Minu­ten dau­ert, ehe ein jun­ger Bur­sche anhält. „Zur Auto­bahn­auf­fahrt? Ja, da kann ich dich hin­brin­gen.“ Erleich­tert sacke ich in den Bei­fah­rer­sitz und ver­su­che das üble Bren­nen in Gesicht und Nacken zu igno­rie­ren. Sollte die­ser grau­en­volle Tag doch noch ein gutes Ende fin­den? (Du, lie­ber und auf­merk­sa­mer Leser, kennst die Ant­wort bereits aus der Ein­gangs­se­quenz: Nein!)

Direkt an der Auto­bahn­auf­fahrt lässt mich der Junge unter einer Brü­cke aus­stei­gen. „Da hast du sogar Schat­ten“, sagt er zum Abschied. Ich nicke erleich­tert, winke ihm nach, drehe mich um, bli­cke auf das Auto­bahn­schild — und lasse im nächs­ten Moment einen Wut­schrei los, als hätte mir ein Arzt eröff­net, dass ich all­er­gisch gegen Scho­ko­lade sei. Denn: Ich stehe nicht etwa an der A6, son­dern wie­der an der A8! Heißt: In den letz­ten drei Stun­den habe ich einen gro­ßen Bogen ums Auto­bahn­kreuz gezo­gen, nur um jetzt erneut an der fal­schen Auto­bahn zu ste­hen. Und pas­send dazu bret­tern die Autos mit 70 Stun­den­ki­lo­me­tern auf die Auf­fahrt zu — Anhal­ter­chance gleich null.

Als ich ein wei­te­res Mal den Ruck­sack schul­tere, ist mir nach lau­tem, aus­gie­bi­gem Flu­chen zumute — allein mir fehlt die Kraft. Das War­ten, die Sonne, der Irre, der Durst und die Dumm­heit: Sie haben mich der­art aus­ge­zehrt, dass ich nur stumm wei­ter stapfe, wei­ter schwitze, wei­ter leide. Da taucht in der Ferne eine Bus­hal­te­stelle auf; eine halbe Stunde spä­ter stehe ich am Bahn­hof von Hom­burg. Vor sie­ben Stun­den bin ich in Saar­brü­cken auf­ge­bro­chen — und noch immer im klei­nen Saarland. 

Ein letz­tes Mal wider­stehe ich dem ver­lo­cken­den Schnell­zug nach Kai­sers­lau­tern und schleppe mei­nen Ruck­sack und mich 20 Minu­ten lang zur Orts­aus­fahrt­straße. Von hier — so ver­heißt es die Karte — soll­ten die Chan­cen groß sein, einen Lift auf die A6 zu bekom­men. Denke ich. Doch das Den­ken ist (an die­sem Tag) nicht meine Stärke. Tat­säch­lich ent­puppt sich die Straße als zwei­spu­ri­ges Mons­trum — weit und breit keine Hal­te­bucht, weit und breit kein Schatten. 

Dafür bin ich kom­plett durch­ge­schwitzt, hum­mer­rot und erle­digt, als ich 45 Minu­ten spä­ter im Zug sitze. In Kai­sers­lau­tern ange­kom­men, krame ich meine Stra­ßen­karte noch nicht mal aus dem Ruck­sack. Statt­des­sen greife ich zum Handy und arran­giere eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit nach Frankfurt. 

Die Zeit bis zur Abfahrt über­brü­cke ich in einer Bäcke­rei am Bahn­hof. Dort schütte ich Was­ser um Was­ser in mich hin­ein und tippe diese Zei­len. Und auch wenn ihr’s nicht glau­ben wer­det: Gerade als ich mir Gedan­ken um das pas­sende Ende die­ser Geschichte mache, ertönt im Radio ein Lied von Xavier Nai­doo: „Die­ser Weg wird kein leich­ter sein.“