Kategorie: "Interview"

Interviews im Dutzend (4): Die Maultaschen-Erna

Frédé­ric Bier­brauer (links) und und Flo­rian Romer sind Erna & Co.

Die Idee kommt nahezu jedem Schwa­ben irgend­wann im Leben — spä­tes­tens nach dem drit­ten Glas Trol­lin­ger: Warum nicht einen Imbiss mit regio­na­len Gerich­ten auf­ma­chen? So eine Art McDonald’s mit Cheese­spätzle und McMaul­ta­sche. In der Regel blei­ben der­lei Pläne Hirn­ge­spinste, die spä­tes­tens am nächs­ten Mor­gen ihren Platz im trol­lin­ger­schwe­ren Schwa­ben­kopf wie­der räu­men müs­sen — nicht so bei Frédé­ric Bier­brauer und Flo­rian Romer.

Die bei­den Freunde aus Stutt­gart ver­zich­ten nach dem BWL-Studium auf lukra­tive Jobs in der Indus­trie. Statt­des­sen tüf­teln sie neun Monate an der per­fek­ten Maul­ta­sche, fei­len am Busi­ness­plan für ihren Imbiss­wa­gen und eröff­nen im März 2011 schließ­lich Erna & Co. — „hand­ge­machte schwä­bi­sche Küche in einem fri­schen, moder­nen und mobi­len Ambi­ente“, wie es auf der Web­seite heißt. Im Inter­view erzählt Frédé­ric von gro­ßen Zie­len, der Bench­mark Mama, und was Imbiss­be­trei­ber von McDonald’s ler­nen können.

 

Ein Park­platz im Her­zen von Stutt­gart, die Mit­tags­sonne strahlt mit dem schnie­ken, rot-weißen Imbiss­wa­gen um die Wette. Strah­lend ist auch das Lächeln von Frédé­ric Bier­brauer bei der Begrü­ßung. Im Hin­ter­grund schau­felt Kol­lege Flo­rian Romer Kar­tof­fel­sa­lat, brut­zelt Maul­ta­schen, kleckst Soße — und, na klar, strahlt.

Keine Frage, die bei­den Jungs kom­men im Imbiss so gut rüber wie Flo­rian Sil­be­rei­sen bei der Gene­ra­tion Sil­ber­haar. Und nicht nur sie: Von den Pro­dukt­fo­tos in Hoch­glanz bis zum auf­wän­di­gen Pro­spekt, von den modisch geschnit­te­nen Ver­käu­fers­hirts bis zum SLS-Menü (Spätzle, Lin­sen, Sai­ten­würstle) — alles an Erna & Co. wirkt so akri­bisch durch­dacht, als stünde den Jung­un­ter­neh­mern das Apple-Marketingteam zur Seite. Doch ein Jour­na­list darf sich von all dem nicht beein­dru­cken las­sen. Daher nun zwölf knall­harte Fra­gen an die Maul­ta­schen­meis­ter und Spätzlespezialisten.

1. Wie schmeckt die per­fekte Maultasche?

Frédé­ric: Nach wirk­li­chem Fleisch — und nicht nur nach Brät. Außer­dem sollte man die ein­zel­nen Zuta­ten in der Fül­lung schme­cken und erken­nen. Das darf keine unde­fi­nier­bare Ein­heits­masse sein.

2. Warum hei­ßen Spätzle, Lin­sen und Sai­ten­würstle bei euch SLS-Menü und nicht Spätzle, Lin­sen und Saitenwürstle?

Frédé­ric: Ers­tens soll es unsere Kun­den zum Schmun­zeln brin­gen. Zwei­tens ist die For­mu­lie­rung ein­gän­gig, sodass sich die Leute beim nächs­ten Besuch daran erin­nern. Und drit­tens beschleu­nigt es die Bestel­lung, wenn man ein­fach nur ein SLS ordert. Obwohl: Erst letz­tens hat­ten wir eine Dame, die das ein biss­chen durch­ein­an­der gebracht hat. Die hat näm­lich LSD bestellt…

3. Wieso rackert man bis zu 14 Stun­den am Tag im Imbiss statt halb so lange in Büro vom Daim­ler — wofür es aber dop­pelt so viel Geld geben würde?

Frédé­ric: Weil wir hier unsere Vision ver­wirk­li­chen kön­nen. Und als Moti­va­tion dient uns der Aus­blick auf das, was noch kom­men wird. Schließ­lich wol­len wir bald unse­ren ers­ten Erna-Laden eröff­nen, und das Kon­zept dann als Fran­chise auf ganz Deutsch­land, viel­leicht sogar auf die ganze Welt aus­wei­ten. Der Wagen in Stutt­gart ist unser Ver­suchs­bal­lon: Wenn wir es hier bei den kri­ti­schen Schwa­ben schaf­fen, dann schaf­fen wir es über­all. Und momen­tan sieht es gut aus. Außer­dem muss ich eines ehr­lich sagen: Nur Flo hatte nach dem Stu­dium ein Ange­bot von Daim­ler — ich nicht. Für ihn war es also viel schwe­rer, sich für Erna & Co. zu entscheiden.

Die letz­ten Sätze sei­nes Kom­pa­gnons hat Flo­rian nicht mit­be­kom­men. Er wer­kelt im Imbiss, berei­tet sich auf den mit­ta­g­li­chen Ansturm vor. Ihm zur Seite steht die Freun­din von Frédé­ric, der wie­derum läs­sig am Wagen lehnt und meine Fra­gen beant­wor­tet. Ein rich­ti­ges klei­nes Fami­li­en­un­ter­neh­men. Sym­pa­thisch. Sehr sogar. Doch Moment­chen: Lasse ich mich gerade um den Fin­ger wickeln von die­sem höf­li­chen, elo­quen­ten, jun­gen Herrn, bei dem sogar die Prise Grö­ßen­wahn lie­bens­wert daher­kommt? Wo ist der knall­harte Jour­na­list in mir?

4. Wie of isst Du selbst Erna-Essen?

Frédé­ric: Jeden Tag — allein schon wegen der Qualitätskontrolle.

5. Das schönste Lob von einem Kunden?

Frédé­ric: Das fal­len mir zwei Dinge ein. Zum einen, wenn es heißt: Bei euch schmeckt’s wie bei Mut­tern. Denn die Mut­ter ist in der schwä­bi­schen Küche der Benchmark.

Bench­mark, schwä­bisch und Mut­ter in einem Satz! Ich liebe den Jungen!

Frédé­ric: Zum ande­ren ist ein gro­ßer schwä­bi­scher Maul­ta­schen­fa­bri­kant auf uns zuge­kom­men und hat vor­ge­schla­gen, dass wir künf­tig seine Maul­ta­schen ver­kau­fen. Das war auch eine Art von Lob — aber wir haben natür­lich abge­lehnt und blei­ben bei unse­rer eige­nen Maultasche.

6. Was kann jeder Imbiss­be­sit­zer von McDonald’s lernen?

Frédé­ric: Stan­dar­di­sierte Pro­zesse. Da ist alles exakt vor­ge­ge­ben — von der Zeit, wie lange die Pom­mes in der Frit­teuse hän­gen, bis zur Menge des Ketch­ups auf dem Cheeseburger.

7. Und was sollte man nicht so machen wie McDonald’s?

Frédé­ric: Das ist schwer zu sagen. Da fällt mir spon­tan gar nichts ein… Hey Flo! Was macht McDonald’s falsch? Gibt’s da was?

Flo­rian Romer beugt sich zu uns nach drau­ßen, legt die Schöpf­kelle aus der Hand und seine Stirn in Falten.

Flo­rian: Puh, schwie­rig. Bei der Qua­li­tät kann man eigent­lich nichts sagen, denn da ach­tet McDonald’s sehr drauf. Viel­leicht bei der Her­stel­lung: Die könnte etwas weni­ger indus­tri­ell sein und etwas mehr Liebe zum Pro­dukt ver­tra­gen. Aber mehr fällt mir auch nicht ein.

8. Wie erkenne ich einen guten Imbiss auf den ers­ten Blick?

Frédé­ric: An der Sau­ber­keit. Und auch die Ver­käu­fer soll­ten gepflegt sein. Das ist das Wich­tigste. In mei­ner Stamm-Currywurstbude habe ich ein­mal eine Kaker­lake über den Tre­sen krab­beln sehen. Danach bin ich da nie wie­der hin.

9. Apro­pos: Wann nehmt ihr end­lich die Cur­ry­wurst ins Sor­ti­ment auf?

Frédé­ric: Nie! Auch wenn wir das am Anfang oft von Kun­den gefragt wur­den. Aber das würde nicht zu Erna pas­sen. Wir machen schwä­bi­sches Essen!

Herr­lich! So ein Satz — und das von zwei poly­glot­ten BWL-Absolventen, die in Bang­kok, Nizza und New York stu­diert haben, deren Geschäfts­idee in Kanada gebo­ren wurde, die eine Imbiss­bude 2.0 mit eige­nem Blog und 1500 Facebook-Fans betrei­ben. Kein Wun­der, dass hier im Maul­ta­schen­dampf bereits zig Repor­ter vor mir stan­den — von ZDF bis SWR, von Stutt­gar­ter Zei­tung bis Essen & Trin­ken. Ob die wohl auch pro­bie­ren durf­ten? Wie das duftet…

Frédé­ric: Flo, mach doch mal einen Pro­bier­tel­ler für Patrik.

Kann der sogar Gedan­ken lesen? Bes­ser schnell meine rest­li­chen Fra­gen raus­feu­ern, bevor’s um meine Objek­ti­vi­tät ganz gesche­hen ist.

10. Wer von euch zwei ist der bes­sere Koch?

Frédé­ric: Ganz ehr­lich: Wir sind beide keine guten Köche. Aber wir kön­nen sagen, was gut schmeckt und was ankommt. Vor der Eröff­nung von Erna & Co. haben wir mona­te­lang an den Rezep­ten gefeilt, Freunde zum Test­es­sen ein­ge­la­den und nahezu alle Metz­ge­reien in Stutt­gart abge­klap­pert. Denn am Ende ent­schei­det immer die Qua­li­tät des Essens — das hat uns auch der Stutt­gar­ter Ster­ne­koch Mar­tin Öxle bestä­tigt, dem wir unsere Imbiss-Idee vor­ge­stellt haben.

11. Warum setzt ihr für die Zukunft auf Läden und nicht auf wei­tere Imbisswägen?

Frédé­ric: Weil wir dafür keine Mit­ar­bei­ter fin­den wür­den. In unse­ren Imbiss­wa­gen muss man so viel Zeit und Ener­gie ste­cken — das macht kein Ange­stell­ter. Im Laden hin­ge­gen ist man immer am glei­chen Ort, kann Sachen lagern und bes­ser pla­nen. Das ist für uns die Zukunft… Ah, da kommt ja dein Essen.

Eine Frage zu früh ste­hen plötz­lich zwei damp­fende Plas­tik­schüs­seln vor mir: Spätzle, Lin­sen, Sai­ten in der einen — Maul­ta­sche, Fleisch­küchle, Kar­tof­fel­sa­lat in der ande­ren. Ob Frédé­ric die Spei­chel­fä­den auf­fal­len, die von mei­nen Mund­win­keln trop­fen? Egal, bloß noch eine Frage. Irgendeine!

12. Wieso der Name Erna & Co.?

Frédé­ric: Ja, das fra­gen immer alle…

Mir egal, ich habe Hun­ger! Und wie das duf­tet! Meine Nase, meine Augen, mein Gau­men und mein Magen schi­cken quasi im Chor einen Hil­fe­schrei in Rich­tung Gehirn: ISS! JETZT! SOFORT!

Frédé­ric: Erna ist ein sym­pa­thi­scher Name, der für die schwä­bi­sche Küche ste­hen soll — und das „& Co.“ für unser moder­nes Betriebs­kon­zept. Unter dem Namen kann sich fast jeder etwas vor­stel­len, der Name bleibt im Kopf und außer­dem kann man ihn über­all auf der Welt ohne Pro­bleme aussprechen.

Ich geb’s zu: Die letzte Ant­wort habe ich mir im Nach­hin­ein zusam­men­ge­reimt. Denn sobald mich Hun­ger über­kommt und Essen im Blick­feld auf­taucht, schal­tet mein Gehirn auto­ma­tisch auf Stand-by-Modus. Kaum hat Frédé­ric den Satz been­det — oder wollte er nur Luft holen? — greife ich zur Gabel und ver­drü­cke den Inhalt der bei­den Schüs­seln bis zur letz­ten Linse — unter­bro­chen von gele­gent­li­chen Lustgrunzern.

Erst als ich die Gabel zur Seite lege, wacht mein Gehirn all­mäh­lich aus sei­ner Lethar­gie auf. Und für einen lich­ten Augen­blick sehe ich mich selbst, wie ich satt und strah­lend vor dem rot-weißen Imbiss­wa­gen stehe — gekom­men als knall­har­ter Jour­na­list, geblie­ben als but­ter­wei­cher Erna-Fan.

Der Imbiss­wa­gen von Erna & Co. fährt jede Woche fünf ver­schie­dene Stand­orte in Stutt­gart an.

Mit auf­wän­di­gen Hoch­glanz­fo­tos wer­den die unter­schied­li­chen Spei­sen vorgestellt.

Das mit Abstand meist­ver­kaufte Gericht bei Erna & Co. sind die hand­ge­mach­ten Maultaschen.

Essens­lieb­ha­ber unter sich: Deutschland-isst trifft Erna & Co.

Interviews im Dutzend (3): Der Stern am Currywurst-Himmel

Rai­mund Osten­dorp vor sei­nem Profi-Grill in Bochum-Wattenscheid.

Die Reise zum meist­por­trä­tier­ten Cur­ry­wurst­bra­ter führt aus­ge­rech­net nach Bochum-Wattenscheid — ein Vier­tel mit dem Charme eines Welt­kriegs­bun­kers. Dort betreibt Rai­mund Osten­dorp sei­nen Profi-Grill, brut­zelt Würste, frit­tiert Pom­mes und emp­fängt Jour­na­lis­ten. Von Ber­li­ner Zei­tung bis WDR, von Kabel1 bis zu der japa­ni­schen Zei­tung Kahoku Shimpō: Alle haben sie geschrie­ben über den frus­trier­ten Ster­ne­koch, der sein Glück in der Imbiss­bude fand. Eine ver­lo­ckende Story — und oben­drein erzählt der 43-Jährige sie ebenso gerne wie gekonnt.

Dass Osten­dorp schon vor 21 Jah­ren sei­nen Job im Düs­sel­dor­fer Sterne-Restaurant Schiff­chen an den Nagel gehängt hat; dass er dort Demi Chef de Par­tie war und nicht etwa bes­tern­ter Chef­koch — das ver­ste­cken Schrei­ber­linge gern im Neben­satz. So auch ich, denn eines steht außer Frage: Die Qua­li­tät von Osten­dorps Cur­ry­wurst, sei­nen haus­ge­mach­ten Soßen, von Pom­mes und Schnit­zel sucht ihres­glei­chen. Ein Dut­zend Fra­gen an den Profi-Griller — und Marketing-Profi.

 

Die Tür ist noch nicht zuge­fal­len, da hat mich Rai­mund Osten­dorp bereits erblickt. „Das muss der Jour­na­list sein!“, ruft er über die Theke. „Siehst schon aus wie so ein jun­ger Goe­the auf Rei­sen.“ Ist das ein Kom­pli­ment? Eine Belei­di­gung? Erst nach mei­nem Besuch werde ich wis­sen: Sol­cher­art Sprü­che hat der Inha­ber des Profi-Grills mehr auf Lager als am Tag Cur­ry­würste über sei­nen Tre­sen gehen. Und das sind nicht wenige. Der Ruf vom Ster­ne­koch in der Imbiss­bude lockt die Mas­sen an — vom Hart­zer bis zum Thyssen-Krupp-Manager. Auch jetzt ist der Laden rap­pel­voll; den­noch wird sich Osten­dorp fast eine Stunde Zeit neh­men für den Aushilfs-Goethe. Wohlan, so las­set ihn erklä­ren, was die Cur­ry­wurst im Inners­ten zusammenhält.

1. Wel­ches Gericht sollte jeder Imbiss auf der Karte haben?

Rai­mund Osten­dorp: Cur­ry­wurst, Schasch­lik, Fri­ka­delle, Schnitzel.

2. Was ver­mis­sen Sie aus Ihrer Zeit im „Schiffchen“?

Osten­dorp: Die medi­ter­rane Küche, fri­schen Fisch und Gerichte wie Kalbs­bries oder Gänsestopfleber.

3. Wie moti­vie­ren Sie sich Tag für Tag in Ihre Imbiss­bude zu kommen?

Osten­dorp: Das ist ganz ein­fach die Freude an mei­nen Pro­duk­ten — und an den Leu­ten, die hier­her kom­men. Nach 21 Jah­ren macht mir das immer noch so viel Spaß wie am ers­ten Tag. Ich kann gar nicht glau­ben, dass ich das schon so lange mache. Mir kommt’s eher vor wie fünf Jahre. Höchstens.

Wir ste­hen vor dem Profi-Grill, am wei­ßen Bis­tro­tisch, Autos don­nern vor­bei. Alle zwan­zig Sekun­den hebt Osten­dorp die rechte Hand. Erst jetzt wird mir klar: Er grüßt Auto­fah­rer. Ebenso Rad­fah­rer. Und alle Pas­san­ten in Ruf­weite. Zwei, drei Sätze übers Wet­ter, übers Vier­tel, übers Essen — der Mann ist im Schna­cken so ver­siert wie im Schnit­zel­bra­ten. Und in Inter­views — so locker wie er meine Fra­gen ver­speist. Ver­su­chen wir’s also mit einer neuen Tak­tik: provozieren.

4. Wie steht es um Ihren Traum, ein eige­nes Edel-Restaurant aufzumachen?

Osten­dorp: Daran denke ich an kei­nem ein­zi­gen Tag. Da würde ich noch nicht mal halb so viel Bestä­ti­gung und Aner­ken­nung bekom­men wie hier. Im Profi-Grill koche ich nicht für irgend­wel­che Restau­rant­kri­ti­ker, son­dern für meine Kun­den. Und die zei­gen, dass es ihnen schmeckt, indem sie immer wie­der­kom­men. Außer­dem sag ich: Lie­ber Ers­ter in der zwei­ten Liga als in der ers­ten Liga im Mittelfeld.

5. Essen Sie selbst noch in Ihrem Imbiss?

Osten­dorp: Natür­lich, und das mehr­mals in der Woche. Ich muss ja wis­sen, wie die Sachen schme­cken, die ich ver­kaufe. Außer­dem mische ich jeden Mor­gen die Soßen selbst, und die muss ich probieren.

6. Wie sieht der typi­sche Gast im Profi Grill aus?

Osten­dorp: Den typi­schen Gast gibt es nicht. Hier essen Stu­den­ten genauso wie Por­sche­fah­rer — da kom­men alle Schich­ten. Wir reprä­sen­tie­ren hier sozu­sa­gen das Ruhr­ge­biet. Warte, schreib das so: vom Vor­stands­vor­sit­zen­den bis zum Vaga­bund. Ja, das ist ein guter Satz. Nicht schlecht, was ich manch­mal für Spru­che raus­haue, oder?

Osten­dorp will mir gerade noch ein paar wei­ter Kost­pro­ben geben — doch da hält er plötz­lich inne. Mit offe­nem Mund blickt er einem Trak­tor hin­ter­her, der an uns vor­bei­tu­ckert. Vor Stau­nen ver­gisst Osten­dorp sogar die rechte Gruß­hand wie­der zu sen­ken. „Das war mein Nach­bar“, mur­melt er ver­dat­tert. „Hat der sich wirk­lich einen Tre­cker gekauft“. Jetzt schnell: Nut­zen wir die Ver­wir­rung zu die­ser Frage…

7. Als Besit­zer einer Imbiss­bude: Wird man reich oder glücklich?

Osten­dorp: Ich sag’s mal so: Man kann sein Glück selbst gestalten…

Ver­dammt! Das ist eine cle­vere Ant­wort. Keine Spur von Verwirrung.

Osten­dorp: … und den Laden hier habe ich vor 21 Jah­ren für 80.000 Mark gekauft. Damals lag die Miete bei 500 Mark, heute zahle ich 500 Euro.

Also doch reich. Oder nicht? Egal, weg von Glück und Geld, zurück zu wirk­lich wich­ti­gen Din­gen: dem Mythos Currywurst.

8. Warum lie­ben wir Deut­sche die Cur­ry­wurst so innig?

Osten­dorp: Lus­tig, dass Sie das fra­gen: Letzte Woche hat mich einer von der F.A.Z. ange­ru­fen, weil er ein paar Fra­gen zur Cur­ry­wurst hatte. Da ging’s um die­ses Wahl­pla­kat: ‚Cur­ry­wurst ist SPD‘…

Osten­dorp grinst, ich grinse, Osten­dorp lacht, ich lache, seine rechte Gruß­hand geht nach oben, er dreht sich um, ver­schwin­det im Laden, kommt raus, grüßt den nächs­ten und wen­det sich wie­der dem immer noch grin­sen­den Möchtegern-Goethe zu.

Osten­dorp: Wo waren wir? Ach ja, Cur­ry­wurst. Also: Die Cur­ry­wurst ist bei uns Kul­tur­gut, ein sym­pa­thi­sches Gericht, das sich jeder leis­ten kann. Die Cur­ry­wurst steht für Soli­da­ri­tät. Ja, sie ist ein soli­da­ri­sches Gericht.

9. Wie erkenne ich eine gute Currywurst?

Osten­dorp: Natür­lich am Geschmack. Und beim Bra­ten: Eine gute Cur­ry­wurst sollte auf dem Grill ihre Grund­form behal­ten und nicht runz­lig werden.

10. Warum wis­sen wir Deut­sche gutes Essen nicht zu schätzen?

Osten­dorp: Weil Deut­sche mehr Wert auf Äußer­lich­kei­ten legen, auf ein schnel­les Auto, auf schi­cke Kla­mot­ten. Was einer isst, sieht dage­gen kei­ner, weil das in der Regel drin­nen gemacht wird. Des­halb ist es den Deut­schen nicht so wichtig.

11. Wie oft kommt Ihr treu­es­ter Stammgast?

Osten­dorp: Einer kommt jeden Tag. Immer um elf Uhr. Der bestellt Fri­ka­del­len mit Soße und Pom­mes, trinkt drei Kaf­fee, zahlt 6,70 Euro und geht wie­der. Jeden Tag!

12. Wie erkenne ich eine gute Imbissbude?

Osten­dorp: Am Geruch. Wenn’s muf­fig und nach altem Fett riecht, ist das schlecht. Ich schaue mir auch immer die Spei­se­karte an: Je weni­ger Gerichte drauf ste­hen, desto besser.

„War’s das?“ — „Ja, das war’s.“ Osten­dorp ver­ab­schie­det sich hin­ter den Grill — und ich mich an einen der Tische. Goe­the hat aus­ge­dient, jetzt ist Lucul­lus am Zug. Fünf Minu­ten spä­ter ste­hen Cur­ry­wurst­pom­mes­majo vor mir. Auf einem Tel­ler, wohl gemerkt, dazu rich­ti­ges Besteck — nichts da mit Pappe und Piek­ser. Doch nur kurz grü­bele ich, wie viel Ster­ne­kü­che nun wirk­lich in die­ser Imbiss­bude steckt. Dann ist die Frage ebenso ver­ges­sen wie Osten­dorp, wie die drän­geln­den Men­schen um mich herum, wie meine Reise, wie mein Buch. Dann gibt es nur noch die Cur­ry­wurst und mich. Und Goe­the: Ver­weile Augen­blick, du bist so schön!

So sieht sie aus, die Ostendorp’sche Cur­ry­wurst — an der Seite von Pommes.

Zum Nach­ko­chen (13): Cur­ry­wurst à la Ostendorp

Zuta­ten:

  • 4 Brat­würste
  • eine Dose Tomaten
  • 200 Gramm Tomatenmark
  • 60 Gramm Bratenfond
  • 40 Gramm mit­tel­schar­fer Senf
  • 750 Mil­li­li­ter Wasser
  • 30 Gramm Zucker
  • 15 Gramm Salz
  • 1 Ess­löf­fel Currypulver
  • 1 Ess­löf­fel schar­fes Paprikapulver
  • 1 Tee­löf­fel Papri­ka­pul­ver edelsüß
  • eine Prise Muskatnuss
  • 50 Gramm Speisestärke

Zube­rei­tung

  1. Alles bis auf die Würste und die Spei­se­stärke zusam­men aufkochen
  2. Die Stärke mit etwas Was­ser ver­rüh­ren und damit die Sauce binden
  3. Die Würste mehr­mals leicht quer ein­schnei­den und in einer Pfanne bei mitt­le­rer Hitze für etwa fünf bis acht hell­braun braten
  4. Zum Ser­vie­ren in Schei­ben schnei­den, mit der Sauce über­gie­ßen und mit etwas Cur­ry­pul­ver bestreuen

(Das Rezept ver­öf­fent­li­che ich hier mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Rai­mund Osten­dorp, Inha­ber des Profi-Grills in Bochum-Wattenscheid.)

 

Des Grö­ne­mey­ers Wurst

Die Imbiss­bude und der Ster­ne­koch — so lau­tet die eine Cur­ry­wurst­saga, die in und um Bochum erzählt wird (siehe oben). Geschichte Num­mer zwei ist ebenso ein­gän­gig wie sim­pel: die Bude von Grönemeyer.

Zwar hat Her­bert Arthur Wiglev Cla­mor Grö­ne­meyer — so sein vol­ler Name — selbst nie einen Imbiss beses­sen, noch ist der in Bochum auf­ge­wach­sene Sän­ger ein beson­de­rer Fan der Cur­ry­wurst. Doch der Mythos hat es, dass Grö­ne­meyer einst mit sei­nen ehe­ma­li­gen Kol­le­gen am Bochu­mer Schau­spiel­haus Diet­her Krebs und Jür­gen Trie­bel an einem Imbiss auf seine Wurst war­tete, und das Trio in die­ser Zeit zu dem Song Cur­ry­wurst inspi­riert wurde.

Die betref­fende Bude steht direkt auf der Aus­geh­meile Ber­mu­da­drei­eck, ser­viert nach gän­gi­ger Mei­nung die beste Cur­ry­wurst Bochums, zieht angeb­lich mehr Tou­ris­ten an als alle ande­ren Sehens­wür­dig­kei­ten der Stadt und ist weit­hin bekannt unter dem Namen Dön­ninghaus — obwohl sie eigent­lich Brat­wurst­haus heißt (die Metz­ge­rei Dön­ninghaus lie­fert ledig­lich die Wurst).

Bei mei­nem Tref­fen mit der net­ten Inha­be­rin Lore Schoett­ler und ihrem Mann erfahre ich viel über die Geschichte der Imbiss­bude, den Fak­tor Grö­ne­meyer und die deut­sche Imbiss­kul­tur im All­ge­mei­nen. An die­ser Stelle nur meine drei Lieb­lings­sätze aus unse­rem Gespräch:

  • Das Grönemeyer-Lied ist für uns beste Wer­bung. Die Leute gehen schließ­lich nicht zu der Imbiss­bude im Ber­mu­da­drei­eck, son­dern zur Grönemeyer-Bude.
  • Ich finde das Currywurst-Lied von Grö­ne­meyer grau­sam. Das ist so was von pri­mi­tiv. Ein­fach schrecklich.
  • Ich selbst esse höchs­tens ein mal im Jahr Cur­ry­wurst. Mir ist das viel zu schwer und fettig.

Natür­lich habe ich auch im Brat­wurst­haus eine Cur­ry­wurst­pom­mes­majo geges­sen. Wie’s war? Lecker! Sehr lecker sogar. Bes­ser als beim Profi-Grill? Nein. Aber auch nicht schlech­ter. Anders. Das auf jeden Fall.

Und so nehme ich aus Bochum mit: zwei leckere Cur­ry­würste und zwei prima Geschich­ten. Denn wie sang schon Grö­ne­meyer: „Mit Pom­mes dabei/Ach, dann gebense gleich zwei-/mal Currywurst.“

 

Interviews im Dutzend (2): Extreme-Couch-Hopper

Daniel berich­tet vom Strand der Pazi­fik­in­sel Raro­tonga. Im Vor­der­grund rechts: das schlech­teste Bier der Welt.

Nutzt Couch­sur­fing und spart Geld!“ Es ist die­ser Satz aus dem Mund eines TV-Moderators, der die unglaub­li­che Geschichte des Daniel Hop­kins‘ ins Rol­len bringt. Die Aus­sage steht im kras­sen Wider­spruch zum Leit­ge­dan­ken des welt­wei­ten Netz­werks — und das will der Jour­na­list aus Osna­brück bewei­sen. Seine Idee: eine Reise um die Welt in 80 Tagen — auf 80 Couches.

Hop­kins holt die Flug­ge­sell­schaft Star Alli­ance ins Boot, bekommt die Flüge bezahlt, berich­tet in Stern-Blog und Neuer Osna­brü­cker Zei­tung. In 80 Tagen reist er durch 34 Städte, 21 Län­der und 5 Kon­ti­nente, ver­bringt 80 Sofa­nächte bei Couch­sur­fern aus aller Welt. So einer hat viel zu erzäh­len — über den Geschmack von leben­den Maden, ekel­er­re­gen­des Bier in der Süd­see und einen ver­füh­re­ri­schen Geburtstag.

Eine Gar­ten­laube in Osna­brück, der Brun­nen plät­schert, die Vögel zwit­schern, es däm­mert. Plopp, Daniel Hop­kins öffnet sich ein Bier. Plopp, noch eines für mich. Beck’s — die­ses Gün­ther Jauch unter den deut­schen Bieren.

Auf dem Holz­tisch steht ein Dut­zend wei­te­rer Fla­schen, dane­ben stiert der Hirsch vom Jägermeister-Etikett. Schnell also, bevor’s aus­ar­tet, ein Dutzend-Interview mit einem Dut­zend­sassa: Daniel Hop­kins, 34, Jour­na­list, PR-Manager, Social-Media-Experte, Vater, Osna­brü­cker, Rei­sen­der. Und „Extreme-Couch-Hopper“ — so steht’s auf sei­ner Web­seite.

1. Es ist 22 Uhr, ich bin auf Rei­sen und habe keine Ahnung, wo ich schla­fen soll. Ein Tipp vom Experten?

Daniel Hop­kins: Ich würde in die nächste Bar gehen und mit den Men­schen ins Gespräch kom­men. Du brauchst natür­lich eine gute Geschichte, aber wenn du die hast, dann wird irgend­wann einer sagen: Ach weißt du was, du kommst jetzt ein­fach mit zu mir.

2. Wo auf der Welt gibt es das schlech­teste Bier?

Hop­kins: Auf der Pazi­fik­in­sel Raro­tonga, ganz klar. Das war so abge­stan­den, dass es beim Öffnen nicht mal geploppt hat. Und geschmack­lich hatte das mit Bier über­haupt nichts zu tun.

3. Und das beste Bier?

Hop­kins: Also das Osna­brü­cker Pils ist schon sehr süf­fig und wirk­lich gut…

Puh, das glaubt er doch selbst nicht. Das welt­beste Bier aus Osna­brück? Und warum gibt’s dann hier Beck’s? Egal, Daniel Hop­kins ist gut drauf. Ein gebo­re­ner Erzäh­ler in Erzähllaune.

4. Das ekligste Essen auf dei­ner Reise?

Hop­kins: Das waren lebende Maden in Hong­kong. Ich wollte zu einer Halloween-Party in so einen Edel-Club, doch der Ein­tritt war sünd­haft teuer, umge­rech­net mehr als hun­dert Euro. Also habe ich dem Tür­ste­her vor­ge­schla­gen, dass ich zehn lebende Maden esse, wenn er mich für die Hälfte rein­lässt — und er hat Ja gesagt. Um ehr­lich zu sein: Die haben gar nicht so übel geschmeckt.

5. Wel­cher Ort dei­ner Reise war die größte Enttäuschung?

Hop­kins: Dakar im Sene­gal. Da bin ich von einer Gruppe Män­nern der­art bedrängt wor­den, dass ich laut um Hilfe schreien musste. Doch kaum war die Poli­zei weg, bin ich schon wie­der von denen ver­folgt worden.

6. Wel­cher Ort hat dich posi­tiv überrascht?

Hop­kins: Bra­si­lien. Da habe ich mich in die Stadt Rio de Janeiro ver­liebt — und in eine Frau. Sie war auch der Grund, warum ich nach mei­ner Reise für acht Monate nach Bra­si­lien gegan­gen bin.

Daniel Hop­kins hält inne, blickt einen Moment in die Däm­me­rung — und in die Ver­gan­gen­heit. Dann ein Seuf­zer, Plopp, neues Bier, tie­fer Beck’s-Schluck. Auch die Jägermeister-Gläser sind inzwi­schen nicht mehr unbe­nutzt. Daniel Hop­kins lehnt sich im Gar­ten­stuhl zurück, grinst. Wären da nicht die grauen Sträh­nen, er würde glatt als Stu­dent durch­ge­hen. Sieht so der moderne Glo­be­trot­ter aus? Ein Phi­leas Fogg 2.0? Zeit für Vorurteile.

7. Wel­ches Kli­schee hat sich auf dei­ner Reise bestätigt?

Hop­kins: Was man den Ame­ri­ka­nern immer nach­sagt: dass sie keine Ahnung haben, was außer­halb der USA pas­siert. Über­nach­tet habe ich dort bei zwei Stu­den­tin­nen. In deren Küche stand eine Mikro­welle nur mit zwei Knöp­fen — „Fleisch“ und „Pop­corn“. Das fand ich ziem­lich lus­tig, doch mein Lachen haben die Mäd­chen so inter­pre­tiert, dass wir in Deutsch­land ein der­ar­ti­ges High-Tech-Gerät gar nicht ken­nen. Also haben sie ange­fan­gen, mir zu erklä­ren, was man einer Mikro­welle alles Fan­tas­ti­sches anstel­len kann. Und das Beste war: Das Gerät stammte von Bosch, also von einer deut­schen Firma!

8. Und wel­ches Län­der­kli­schee lag kom­plett daneben?

Hop­kins: Das vom Über­wa­chungs­staat China. Ich hatte bereits bei der Visa-Anmeldung ange­ge­ben, dass ich Jour­na­list bin, und außer­dem Lap­top, Kamera und ande­res Equip­ment dabei. Des­halb habe ich damit gerech­net, dass ich an der Grenze stun­den­lang gefilzt werde. Doch aus­ge­rech­net China war das ein­zige Land, wo mein Hand­ge­päck über­haupt nicht kon­trol­liert wurde.

9. Gab es Erleb­nisse, bei denen du dich nicht getraust hast, sie in dei­nem Blog zu veröffentlichen?

Hop­kins: Ja, die gab es. Meh­rere sogar. Ich erzähle mal diese Geschichte: In Aus­tra­lien bin ich bei einer 40-jährigen Mut­ter und ihrem 20-jährigen Sohn unter­ge­kom­men. Es war mein 32. Geburts­tag und irgend­wann nach ein paar Bier sagt die Frau plötz­lich: Jetzt ist es Zeit für dein Geburts­tags­ge­schenk — und geht mir an die Wäsche. Den Rest der Geschichte lasse ich hier mal offen…

Zuge­ge­ben, ich hatte auf eine andere Geschichte gehofft, die Daniel Hop­kins zuvor im grö­ße­ren Kreis erzählt hat — nach der ers­ten Jäger­meis­ter­runde. Mit einem Hund und… ach egal: Das mit der Geburts­tags­über­ra­schung ist auch gut. Sex sells, sagt man doch so.

10. In einem Satz: Die Lehre dei­ner Reise?

Hop­kins: Die Welt ist gut, man wird fast über­all mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Und man sollte nicht immer das Schlechte in allem sehen.

Waren das jetzt nicht zwei Sätze? Sogar drei? Aber was soll’s: Daniel Hop­kins im Erzäh­len zu brem­sen ist so ein­fach wie in der Mon­go­lei ein ordent­li­ches Weiß­bier auf­zu­trei­ben. Aber warum auch? Die­ser Mann ist wie das ZDF-Auslandjournal, nur in lus­tig. Kom­men wir also — Plopp!, Plopp! — zum Schlussspurt.

11. Der her­un­ter­ge­kom­menste Schlaf­platz dei­ner Reise?

Hop­kins: Das war in Dar-es-Salaam in Tan­sa­nia. Da habe ich in einer klei­nen Hütte über­nach­tet mit einem Loch im Boden als Toi­lette. Außer­dem haben mich die ganze Nacht Mos­ki­tos gequält, sodass ich fast kein Auge zube­kom­men habe.

12. Was bliebe dies­mal daheim, wenn du noch ein­mal auf 80 Cou­ches durch die Welt rei­sen würdest?

Hop­kins: Mein Smart­phone! Das hat sich in Afrika irgend­wie auto­ma­tisch ins Inter­net ein­ge­wählt. Am Ende des Monats kam dann eine Rech­nung über 1200 Euro. Da wäre ein stink­nor­ma­les Handy bes­ser gewesen…

Er lacht! 1200 Euro in den Sand gesetzt — und er lacht. Herr­lich! Das neh­men wir als Schluss­satz, auch wenn an die­sem Abend in der Gar­ten­laube noch gefühlte vier Dut­zend Geschich­ten fol­gen wer­den — und genug Beck’s, um als Aus­rede zu gel­ten für die ein oder andere Unge­nau­ig­keit in die­sem Inter­view, für die ich mich an die­ser Stelle schon ein­mal entschuldige…

Immer auf der Suche nach einer Couch — mag sie auch noch so unkom­for­ta­bel sein.

Stär­kung auf der Reise: Daniel Hop­kins isst Vet­koek auf einem Markt in Johannesburg.

Ein Couch­sur­fer auf Abwe­gen: In Dubai näch­tigt Daniel Hop­kins im 39. Stock des luxu­riö­sen Juwel Tower.

In Bra­si­lien ver­liebt sich Daniel Hop­kins dop­pelt: in Rio de Janeiro und in Rita — der Grund, warum er danach für acht Monate nach Süd­ame­rika zurückkehrt.

Apr 25, 2012 - Hamburg, Interview    Kein Kommentar

Interviews im Dutzend (1): Eppendorfer Grillstation

In der Eppen­dor­fer Grill­sta­tion wird die TV-Serie „Ditt­sche“ gedreht.

Auf den ers­ten Blick ist es ein ganz nor­ma­ler Imbiss. Viel­leicht etwas sau­be­rer als die Otto-Normal-Bude in Ham­burg, viel­leicht etwas bes­ser besucht. Doch dann betritt ein jun­ger Mann im Bade­man­tel den Raum, pos­tiert sich an der Bar, ordert ein Bier, setzt an, „Das perlt!“ — und der kichernde Kol­lege hält mit der Kamera drauf.

Will­kom­men in der Eppen­dor­fer Grill­sta­tion. Will­kom­men in dem Ham­bur­ger Imbiss, der an knapp zwei Dut­zend Sonn­ta­gen im Jahr als Kulisse dient für die TV-Sendung „Ditt­sche“ mit Olli Dittrich. Seit 2005 betreibt Oli­ver Kam­me­rer die Grill­sta­tion; ebenso lange dabei ist sein Freund und Kol­lege Mar­kus Ex. Mit ihm habe ich mich unter­hal­ten über die deut­sche Imbiss­kul­tur, den Fak­tor Ditt­sche und allzu pein­li­che Fans.

Frei­tag­mit­tag, kurz nach 14 Uhr. Der ganz große Andrang ist vor­über, doch noch immer tröp­feln die Hung­ri­gen in die Eppen­dor­fer Grill­sta­tion und ordern Würste, Frit­tier­tes, Rot­wei­ßes — exakt von jener Stelle, wo an Dreh­ta­gen „Ditt­sche“ seine Comedy-Späßchen treibt. Mar­kus Ex ist allein, eilt von der Kam­mer in die Küche, lupft Frit­ten aus der Frit­teuse, nimmt Bestel­lun­gen ent­ge­gen, zer­sä­belt Würste, kas­siert, scherzt mit den Stamm­gäs­ten — und beant­wor­tet neben­bei die Fra­gen des hin­ter­he­rei­len­den Repor­ters. Los geht’s — ein Dutzend-Interview im Frittendunst.

1. Wel­ches Gericht sollte jeder deut­sche Imbiss auf der Karte haben?

Mar­kus Ex: Curry-Pommes.

2. Wel­ches Gericht auf eurer Karte wird am meis­ten unterschätzt?

Ex: Das Bau­er­nome­lette mit Kar­tof­feln, Speck und Zwiebeln.

Schon bei Frage zwei kommt  Ex ins Grü­beln, blickt ver­stoh­len auf die Spei­se­karte über den Frit­teu­sen. Aber dem Lachen nach zu urtei­len macht es ihm Spaß. Oder sind Imbiss­bu­den­ver­käu­fer qua Beruf Frohnaturen?

3. Ist „Ditt­sche“ für euch Fluch oder Segen?

Jetzt grinst Ex, nein er lacht. Und über­legt. Klar ist: Diese Ant­wort wird nur die halbe Wahr­heit sein.

Ex: Eher Segen, würde ich sagen. Ja: Segen, auf jeden Fall. „Ditt­sche“ ist für uns als kos­ten­lose Wer­bung unbe­zahl­bar. Aber natür­lich dür­fen wir uns dar­auf nicht aus­ru­hen, denn irgend­wann wird es die Sen­dung nicht mehr geben.

4. Wie häu­fig sehen Sie sich „Ditt­sche“ im Fern­se­hen an?

Ex: Am Anfang habe ich das häu­fi­ger geschaut. Aber inzwi­schen fast gar nicht mehr.

5. Wie häu­fig essen Sie selbst hier?

Ex: Schon ab und zu. Ich habe hin­ter der Theke meis­tens was ste­hen, und dann nasche ich davon. Ein paar Pom­mes oder so.

6. Wie oft kom­men Ihre treu­es­ten Stamm­kun­den in die Grillstation?

Ex: Da hin­ten sit­zen Ingrid und Rolf. Die sind jeden Tag da. Rolf beginnt mit Kakao oder Spezi und geht dann zum Bier über — Hols­ten Edel. Ingrid trinkt Weißwein.

Blick in die Ecke. Das ist also Rolf, der in etli­chen Zei­tungs­ar­ti­keln zur Grill­sta­tion als Prot­ago­nist her­hal­ten muss. Nach dem Motto: Hier ist ein ech­ter Stamm­gast — im Gegen­satz zu den „Dittsche“-Touris. Ingrid winkt uns zu, ordert noch einen Wein. Spä­ter wer­den wir uns über Mün­chen und den Eng­li­schen Gar­ten unter­hal­ten. Sehr nett. Doch zurück hin­ter die Theke…

7. Wel­ches Getränk gehört hier in die Eppen­dor­fer Grillstation?

Ex: Da sag ich mal fritz-kola.

Ähem, und… Bier?

8. Was war das Pein­lichste, was ein „Dittsche“-Tourist hier ange­stellt hat?

Ex: Ein­mal war ein Mann bei uns. Der hat sei­ner Toch­ter einen Bade­man­tel ange­zo­gen, dann musste sie hier rein­kom­men und ein Bier bestel­len. Und er hat das Ganze mit der Kamera gefilmt! Vor allem der Toch­ter war das ziem­lich peinlich…

Ach herr­lich, was eine Geschichte! So etwas lässt das Jour­na­lis­ten­herz höher schlagen.

… aber das ist wirk­lich die Aus­nahme. 99 Pro­zent unse­rer Gäste — auch der „Dittsche“-Fans — sind nett und freundlich.

Klar, das musste er jetzt sagen. Hätte ich an sei­ner Stelle auch getan…

9. Wie erkenne ich eine gute Imbiss­bude auf den ers­ten Blick?

Ex: Man sagt ja: So wie es auf der Toi­lette aus­sieht, so sieht es auch im Rest der Bude aus — und bis zu einem gewis­sen Grad stimmt das auch. Sau­ber­keit ist sehr wich­tig für den ers­ten Ein­druck. Wenn Oli und ich als Pommes-Tester für Kabel1 unter­wegs sind, schauen wir außer­dem immer in die Frit­teuse. Das Fett muss regel­mä­ßig gewech­selt wer­den. Als Grund­re­gel gilt: Man sollte durch das Fett den Boden der Frit­teuse erkennen.

Pein­lich, pein­lich, das mit den Pommes-Testern bei Kabel 1 ist mir völ­lig neu. Hätte ich wis­sen müs­sen! Zum Glück ist er dar­auf zu spre­chen gekom­men — und das gar nicht prot­zig, son­dern zurück­hal­tend, in einem Halb­satz. Sehr sympathisch.

10. Wel­ches Gericht schmeckt in der Grill­sta­tion beson­ders gut?

Ex: Da nehme ich unser Grill-Hähnchen. Das ist ja auch so etwas wie unser Aus­hän­ge­schild. Das pro­bie­ren Sie nach­her auch! Ein gutes Grill-Hähnchen muss gold­gelb und knusp­rig sein. Und natür­lich frisch!

11. Was bestellt Olli Dittrich immer, wenn er hier isst?

Ex: Per­sön­lich habe ich Olli Dittrich nie ken­nen­ge­lernt. Aber ein Mal war er hier, und da hat er einen Hal­ven Hahn gegessen.

12. Macht eine Imbiss­bude glück­lich oder reich?

Ex: Eher glück­lich. Das Arbei­ten hier macht Spaß. Natür­lich ist es nicht mein abso­lu­ter Traum-Job. Aber man hat viel zu tun, und es gibt Stamm­gäste, die schon seit Ewig­kei­ten kom­men, und mit denen man sich über alles und jedes unter­hält. Für die ist man fast schon ein biss­chen Psychologe.

Na, das ist doch ein schö­nes und ehr­li­ches Schluss­wort. Ich schließe mei­nen Block und will zum prak­ti­schen Teil mei­nes Besuchs über­ge­hen — sprich: das Hähn­chen -, da steht plötz­lich eine alte Frau am Tre­sen. „Mar­kus, ich wollte nur kurz sagen, dass es uns bei­den ges­tern her­vor­ra­gend geschmeckt hat.“ Sie nickt nach drau­ßen, wo ein älte­rer Herr auf einem Rol­la­tor lehnt und winkt. Spä­ter wird mir Mar­kus Ex erzäh­len, dass die bei­den über 90 sind und trotz­dem noch mehr­mals die Woche zum Essen in die Grill­sta­tion kommen.

Welch Finale! Die alte Frau und die Pom­mes­bude: Das klingt fast schon nach Fern­seh­stoff. So hätte das nicht mal „Ditt­sche“ hinbekommen.

Markus Ex arbeitet seit 2005 in der Grill-Station.

Mar­kus Ex arbei­tet seit 2005 in der Grillstation.