Kategorie: "Nordrhein-Westfalen"
Mai 23, 2012 - Nordrhein-Westfalen    Kein Kommentar

Leichenschmaus im Sauerbratenpalast

Heinz Lenz erzählt die Geschichte wie folgt: Bei ihm im Sau­er­bra­ten­pa­last habe das Tele­fon geklin­gelt. Am Appa­rat: der dama­lige Ober­bür­ger­meis­ter von Aachen. „Der wollte am Mitt­woch mit einem Kame­ra­team vor­bei­kom­men. Das war irgend­so­ein Film über die Stadt.“ Doch aus­ge­rech­net mitt­wochs ist Ruhe­tag im Sau­er­bra­ten­pa­last und so erwi­dert Lenz dem Rat­haus­chef rund­her­aus: „Dar­aus wird lei­der nichts. Suchen Sie sich bitte einen ande­ren Tag.“

Was der Wirt eigent­lich mit der Geschichte sagen will: Da hätte auch ein Tri­um­vi­rat aus Franz Becken­bauer, Heidi Klum und Hel­mut Schmidt daher­kom­men kön­nen: Im Sau­er­bra­ten­pa­last gel­ten eigene Gesetze. Und das für alle — unab­hän­gig von Namen, Alter oder sonst­was. Denn wie es in jeder Spei­se­karte in den „zehn Gebo­ten des Wir­tes“ heißt: „Du sollst dei­nem Wirt glau­ben! Du sollst dei­nem Wirt loben und preisen!“

Keine Frage, der Sau­er­bra­ten­pa­last ist anders als gewöhn­li­che Gast­stät­ten — und pflegt diese Ein­zig­ar­tig­keit. So gibt es bei­spiels­weise keine Reser­vie­run­gen. „Ent­we­der ist ein Tisch frei oder man war­tet an der Theke“, sagt Betrei­be­rin und Bedie­nung Else Lenz. „Des­halb soll­ten die Gäste Zeit mit­brin­gen, wenn sie zu uns kommen.“

Min­des­tens ebenso ver­pönt wie Reser­vie­run­gen ist in dem Aache­ner Kult­lo­kal alles, was mit dem Inter­net zu tun hat. Eine eigene Web­seite für den Sau­er­bra­ten­pa­last? „Bloß nicht!“ Else macht aus ihrer Abnei­gung kei­nen Hehl. „Ich hasse das Inter­net. Was die jun­gen Leute da machen, mit die­sem Face­book und so, das finde ich grau­sam.“ Dass es den­noch eine eigene Fan­seite für den Sau­er­bra­ten­pa­last im Netz gibt, lasse ich an die­ser Stelle uner­wähnt. Genauso wie die zig über­schwäng­li­chen Refe­ren­zen auf den diver­sen Bewertungsportalen.

Nun könnte sich der Sau­er­bra­ten­pa­last all diese Spleens kaum leis­ten, gäbe es dort nicht eines: schlicht her­vor­ra­gen­des Essen. In ers­ter Linie trifft das — Über­ra­schung! — auf das Aus­hän­ge­schild der Gast­stätte zu, den Sau­er­bra­ten. Zwar ste­hen auf der sehr über­sicht­li­chen Karte auch noch eine Hand­voll andere Gerichte. Aber letzt­lich geht es in neun­zig Pro­zent der Bestel­lun­gen nur um das Bei­werk zum Sau­er­bra­ten. Nudeln oder Pom­mes, par­don: Fri­tü­ren, wie es hier heißt. Dazu Rot­kohl, Apfel­kom­pott oder einen Salat. O-Ton Else: „‚n Salät­schen oder ‚n Kom­pött­schen dabeii?“

Mich selbst hat es in Aachen gleich an zwei Aben­den in den Sau­er­bra­ten­pa­last gezo­gen: zwei­mal Sau­er­bra­ten, zwei­mal haus­ge­machte Fri­tü­ren, zwei­mal diese herrlich-süßliche Soße — zwei­mal wollte ich Else ob des famo­sen Geschmacks auf der Stelle einen Hei­ats­an­trag machen.

Hab ich dann doch nicht — und statt­des­sen die­sen ebenso skur­ri­len wie wun­der­vol­len Ort in mei­ner wöchent­li­chen Rei­se­ko­lumne für den Münch­ner Mer­kur gepriesen.

(Lese­freund­li­cher gibt’s den Text wie immer auf der Merkur-Webseite. Und über ihr sons­ti­ges Tun infor­miert die Landkreis-Redaktion auf ihrer Facebook-Seite)

Von diabolisch bis geheim: Schmankerl aus unbekannten Landen

Auf mei­ner Reise geht es mir um drei Dinge. Ers­tens: Essen! Auf Platz zwei: Essen! Und eben­falls nicht unwich­tig, drit­tens: Essen!

Das gesagt, freue ich mich auch über Begeg­nun­gen mit net­ten Men­schen, über aben­teu­er­li­che Rei­se­ge­schich­ten wie jüngst im aus­weg­lo­sen Saar­land und nicht zuletzt dar­über, dass ich end­lich mehr von Deutsch­land sehe.

Denn meine Hei­mat habe ich bis­lang sträf­lich ver­nach­läs­sigt: Hier mal eine Woche Ber­lin, einige Tage Ham­burg, Kurz­trips in den Harz oder nach Regens­burg und ein paar Besu­che in Dres­den — das war’s dann auch fast. Ansons­ten ver­irrte ich mich kaum ein­mal nörd­lich des Weißwurst-Äquators — bis zu mei­ner kuli­na­ri­schen Reise.

So habe ich unlängst gleich drei Pre­mie­ren bin­nen zehn Tagen gefei­ert: erst­mals im Ruhr­ge­biet, erst­mals in Rheinland-Pfalz, erst­mals im Saar­land. Und in allen drei Fäl­len habe ich mir eines fest vor­ge­nom­men: wie­der­zu­kom­men. Denn Land und Leute (zuge­ge­ben: auch das Essen) tau­gen alle­mal zu mehr als nur einer Drei-Tages-Stippvisite.

Begin­nen wir mit dem Ruhr­pott, fünf Mil­lio­nen Men­schen auf engs­tem Raum, eine Hand­voll zusam­men­ge­wach­se­ner Groß­städte, die mehr oder min­der am Struk­tur­wan­del knab­bern, für Fuß­ball bren­nen und hoch ver­schul­det sind. Zugleich gibt es dort nicht erst seit der RUHR.2010 (Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas) eine leben­dige Kul­tur­szene, meh­rere alter­na­tive Stadt­vier­tel und junge Men­schen, die etwas bewe­gen wollen.

Ich selbst will dort in ers­ter Linie eines: Essen — und damit ist nicht die Stadt gemeint. Von mei­ner Jagd nach der bes­ten Cur­ry­wurst im Pott habe ich bereits aus­führ­lich berich­tet. Für­der­hin steht ein echt tra­di­tio­nel­les Gericht auf mei­nem Spei­se­plan: Pfef­fer­pott­hast. Die­ser vor allem in Dort­mund popu­läre Ein­topf besteht aus ebenso viel Rind­fleisch wie Zwie­beln, dazu reich­lich Pfef­fer, und wird mit Kar­tof­feln und Essig­gur­ken serviert.

Ein Töpf­chen Pfef­fer­pott­hast mit Essiggurken.

Einen schmack­haf­ten Pfef­fer­pott­hast ver­speise ich in der Gast­stätte Zum Alten Markt — also an jenem Platz, wo die Dort­mun­der BVB-Fans zuletzt so regel­mä­ßig zum Jubeln zusam­men­ka­men. An sol­chen schwarz-gelben Fei­er­ta­gen ist übri­gens weni­ger Pfef­fer­pott­hast gefragt, son­dern eine andere Spe­zia­li­tät des Hau­ses: Dort­mun­der Salz­ku­chen. Die­ses Bröt­chen in Bagel­form wird dick mit Mett, Schwar­te­ma­gen oder Käse belegt — und ins Loch kom­men eine Hand­voll rohe Zwie­beln. „Am Heim­spie­len ver­kau­fen wir davon 500 bis 600 Stück“, ver­si­chert Betrei­ber Frank Jülich. „Die schme­cken her­vor­ra­gend und pas­sen ein­fach ideal zum Bier.“

Treff­punkt vie­ler BVB-Fans vor Heim­spie­len: die Gast­stätte Zum Alten Markt.

Vom Land der Bier­trin­ker reise ich wei­ter ins Land der Wein­schme­cker — nach Plat­ten, ein 900-Einwohner-Dorf nahe Witt­lich in einem Sei­ten­tal der Mosel. Das Örtchen emp­foh­len hat mir eine alte Schul­freun­din (Danke Eva!), die dort im Urlaub auf den Teu­fels­bra­ten gesto­ßen ist. Dabei han­delt es sich um gegrill­ten Schwei­nen­a­cken, der zuvor in Mosel­wein und einem spe­zi­el­len Teu­fels­bra­ten­ge­würz ein­ge­legt wird.

Schwei­nen­a­cken in Mosel­wein, Zwie­beln und spe­zi­el­len Gewür­zen ein­ge­legt: Das ist der Plat­te­ner Teufelsbraten.

Einen Haken aber hat die Sache: Trotz inten­si­ver Web-Recherche kann ich kein Gast­haus in Plat­ten fin­den, das mir einen Teu­fels­bra­ten ser­vie­ren würde. In mei­ner Not wende ich mich an die Gemeinde und erhalte zwei Tage spä­ter einen Anruf von einem gewis­sen Herr Kuh­nen. Er könne da etwas für mich orga­ni­sie­ren, erzählt er zu mei­ner gro­ßen Freude. Es gebe eine Win­ze­rin im Ort, die mir sicher gerne einen Teu­fels­bra­ten vor­set­zen würde. Ich bedanke mich über­schwäng­lich, lege auf und werfe sogleich einen Blick auf die Home­page von Plat­ten. Dort stellt sich zu mei­ner Über­ra­schung her­aus: Mein Herr Kuh­nen ist nicht etwa ein Mit­ar­bei­ter der Gemeinde, son­dern ihr Bürgermeister.

Drei Tage spä­ter sitze ich mit dem Orts­ober­haupt und der Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger in deren uri­gen Wein­kel­ler, nippe an einem deli­ka­ten Dorn­fel­der und kaue genüss­lich am zwei­ten Stück Teu­fels­bra­ten. Der Mosel­wein ist noch deut­lich zu erschme­cken, ebenso Pfef­fer; doch die genaue Zusam­men­set­zung der Würz­mi­schung wol­len meine Gast­ge­ber nicht preisgeben.

Dafür erzählt Alfons Kuh­nen jene Sage, die den inzwi­schen ver­stor­be­nen Heinz Her­ges in den Acht­zi­ger­jah­ren zur Erfin­dung des Teu­fels­bra­tens inspi­rierte. Dem­nach gab es vor 200 Jah­ren einen Wirt mit Namen „Däwel“, bei dem die Plat­te­ner stets nach dem Got­tes­dienst ein­kehr­ten. Dar­aus ent­wi­ckelte sich der Aus­druck „Bei dä Dei­wel (Teu­fel)“ in Plat­ten. Aus­führ­li­cher hat das Her­ges selbst ein­mal dem SWR erzählt — hier geht’s zum Mit­schnitt (zur Ver­fü­gung gestellt von Alfons Kuhnen).

Brut­zeln extra für den Gast aus Mün­chen Plat­te­ner Teu­fels­bra­ten: Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger und Orts­bür­ger­meis­ter Alfons Kuhnen.

Doch so lecker Pfef­fer­pott­hast und Teu­fels­bra­ten waren — mit mei­nem Spei­se­plan im Saar­land kön­nen sie nicht mit­hal­ten. Dort gibt’s zunächst eben­falls Gegrill­tes, näm­lich den Schwenk­bra­ten — eine Art Iden­ti­täts­my­thos in der Region. „Der Rest der Welt grillt, doch der Saar­län­der schwenkt“, erklärt mir Klaus-Günter Koch, der in der Bau­ern­stube Saar­brü­cken seit mehr als 35 Jah­ren Schwei­nen­a­cken über dem Buchen­holz­feuer schaukelt.

Direkt aus dem Buchen­holz­rauch auf mei­nen Tel­ler: ein ori­gi­nal Saar­län­der Schwenkbraten.

Den Schwen­ker (der Grill) in der Bau­ern­stube hat der sym­pa­thi­sche 61-Jährige wie jeder echte Saar­län­der selbst gebaut — unter ande­rem aus dem Motor eines Beton­mi­schers. Pri­vat jedoch macht Koch einen gro­ßen Bogen um jedes Grill­feuer. „Ich stehe sechs Tage in der Woche sechs Stun­den lang im Fleisch­ge­ruch. Da esse ich daheim nicht auch noch Gegrill­tes, son­dern lie­ber vege­ta­risch.“ Und dann gibt mir Koch noch einen Satz mit auf den Weg, den mir — unge­lo­gen! — jeder Saar­län­der in ver­schwö­re­ri­schem Ton­fall zuflüs­tert: „Schwen­ker hat bei uns drei Bedeu­tun­gen. So heißt sowohl der Grill, als auch das Fleisch, als auch die Per­son am Feuer.“ Ergo: Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker. Noch was? Ach ja: Sehr, sehr lecker hat’s geschmeckt.

Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker: In die­sem Fall Klaus-Günter Koch von der Bau­ern­stube Saarbrücken.

Was mich zum zwei­ten Saarland-Gericht bringt: dem Dib­belab­bes. Bevor ich lange Lobes­hym­nen auf die­sen knusp­ri­gen Kar­tof­felt­raum halte (und dabei die Tas­ta­tur hier im Inter­net­café unge­büh­rend bespei­chele), erkläre ich lie­ber kurz und sach­lich, was sich hin­ter die­sem herr­li­chen Namen ver­birgt: geras­pelte rohe Kar­tof­feln mit reich­lich Lauch, Dörr­fleisch und Ei — in der Pfanne durch ste­tes Wen­den von allen Sei­ten knusp­rig gebraten.

Das beste Dib­belab­bes in Saar­brü­cken bringt nach land­läu­fi­ger Mei­nung die Gast­stätte La Bas­tille auf den Tisch — und genau dort werde ich äußerst freund­lich vom Ehe­paar Gro­lier emp­fan­gen. (Am Rande bemerkt: Diese immense Gast­freund­schaft habe ich im Saar­land vie­ler­orts ange­trof­fen, auch wenn mein letz­ter Arti­kel anders inter­pre­tiert wer­den könnte…) Die Pfäl­ze­rin und der Fran­zose betrei­ben das Restau­rant mit fran­zö­si­schem Flair seit 20 Jah­ren — und ebenso lange ist Dib­belab­bes das Aus­hän­ge­schild und meist­be­stellte Gericht.

Das „La Bas­tille“ gilt als Hei­mat des bes­ten Dib­belab­bes in Saarbrücken.

Gerne ver­ra­ten wir Ihnen unser Rezept“, sagt Vic­tor Gro­lier, klopft mir freund­schaft­lich auf die Schul­ter und grinst schel­misch. „Bis auf zwei Zuta­ten. Die blei­ben geheim. Das ist wie bei der Coca-Cola-Rezeptur.“

Doch Gro­lier hat nicht mit einem weit­ge­reis­ten Gour­met wie mir gerech­net, mit mei­nem fei­nen Gau­men, mit mei­ner Erfah­rung in Sachen regio­nale Spe­zia­li­tä­ten. Und so knab­bere ich behut­sam am ers­ten Bis­sen, lasse die brei­ige Masse lang­sam über meine Geschmacks­knos­pen glei­ten. Es folgt ein freu­di­ger Schrei der Ent­zü­ckung, noch ein Bis­sen, ein zufrie­de­ner Seuf­zer, zwei wei­tere Bis­sen, jetzt mit Apfel­mus, ist das lecker!, schnell noch drei Bis­sen, ein Schlück­chen vom Wein, lieb­lich!, noch ein paar Bis­sen… und ehe ich’s ver­sehe, ist der Tel­ler leer, ich satt, zufrie­den — und ohne jed­wege Ahnung, was die ver­schwie­ge­nen Zuta­ten sein könnten.

Doch sei’s drum, so muss das Rezept (siehe unten) eben ohne das Haus­ge­heim­nis aus­kom­men. Ohne­hin wollte ich in die­ser Geschichte eigent­lich weni­ger übers Essen, son­dern viel­mehr über die Reize dreier mir bis­lang unbe­kann­ten Ecken Deutsch­lands berich­ten. Doch wenn ich den Text jetzt über­fliege, dann habe ich diese Vor­gabe unge­fähr so folg­sam ein­ge­hal­ten wie der­einst Adam & Eva das Apfel­ver­bot. Daher noch dies: Ruhr­pott = span­nend, Mosel = idyl­lisch, Saar­brü­cken = lie­bens­wert. Mehr nicht, man soll ja Prio­ri­tä­ten set­zen — und wo meine lie­gen, habe ich bereits zu Beginn dargelegt.

Knusp­ri­ger Kar­tof­felt­raum aus dem Saar­land: Dibbelabbes.

Zum Nach­ko­chen (15): Dibbelabbes

Zuta­ten:

  • 2 Kilo Kar­tof­feln (mehlig)
  • 2 Stan­gen Lauch
  • 250 Gramm Dörrfleisch
  • 2 Eier
  • Salz, Pfef­fer, Muskat
  • But­ter­schmalz zum Anbraten

Zube­rei­tung:

  1. Kar­tof­feln schä­len und fein reiben
  2. Eier und Lauch in fei­nen Rin­gen zu den Kar­tof­feln geben
  3. Hälfte des Dörr­fleischs wür­feln, eben­falls zur Kar­tof­fel­masse geben und mit Salz, Pfef­fer, Mus­kat kräf­tig abschmecken
  4. Andere Hälfte des Dörr­fleischs in einer hei­ßen Pfanne mit But­ter­schmalz knusp­rig anbraten
  5. Kar­tof­fel­masse in die Pfanne geben und ca. 20–30 Minu­ten bra­ten. Wich­tig: Stän­dig umschich­ten, damit sich auf allen Sei­ten eine Kruste bildet

Ser­viert wird Dib­belab­bes mit Apfel­mus (oder mit Salat).

Guten Appe­tit!

Interviews im Dutzend (3): Der Stern am Currywurst-Himmel

Rai­mund Osten­dorp vor sei­nem Profi-Grill in Bochum-Wattenscheid.

Die Reise zum meist­por­trä­tier­ten Cur­ry­wurst­bra­ter führt aus­ge­rech­net nach Bochum-Wattenscheid — ein Vier­tel mit dem Charme eines Welt­kriegs­bun­kers. Dort betreibt Rai­mund Osten­dorp sei­nen Profi-Grill, brut­zelt Würste, frit­tiert Pom­mes und emp­fängt Jour­na­lis­ten. Von Ber­li­ner Zei­tung bis WDR, von Kabel1 bis zu der japa­ni­schen Zei­tung Kahoku Shimpō: Alle haben sie geschrie­ben über den frus­trier­ten Ster­ne­koch, der sein Glück in der Imbiss­bude fand. Eine ver­lo­ckende Story — und oben­drein erzählt der 43-Jährige sie ebenso gerne wie gekonnt.

Dass Osten­dorp schon vor 21 Jah­ren sei­nen Job im Düs­sel­dor­fer Sterne-Restaurant Schiff­chen an den Nagel gehängt hat; dass er dort Demi Chef de Par­tie war und nicht etwa bes­tern­ter Chef­koch — das ver­ste­cken Schrei­ber­linge gern im Neben­satz. So auch ich, denn eines steht außer Frage: Die Qua­li­tät von Osten­dorps Cur­ry­wurst, sei­nen haus­ge­mach­ten Soßen, von Pom­mes und Schnit­zel sucht ihres­glei­chen. Ein Dut­zend Fra­gen an den Profi-Griller — und Marketing-Profi.

 

Die Tür ist noch nicht zuge­fal­len, da hat mich Rai­mund Osten­dorp bereits erblickt. „Das muss der Jour­na­list sein!“, ruft er über die Theke. „Siehst schon aus wie so ein jun­ger Goe­the auf Rei­sen.“ Ist das ein Kom­pli­ment? Eine Belei­di­gung? Erst nach mei­nem Besuch werde ich wis­sen: Sol­cher­art Sprü­che hat der Inha­ber des Profi-Grills mehr auf Lager als am Tag Cur­ry­würste über sei­nen Tre­sen gehen. Und das sind nicht wenige. Der Ruf vom Ster­ne­koch in der Imbiss­bude lockt die Mas­sen an — vom Hart­zer bis zum Thyssen-Krupp-Manager. Auch jetzt ist der Laden rap­pel­voll; den­noch wird sich Osten­dorp fast eine Stunde Zeit neh­men für den Aushilfs-Goethe. Wohlan, so las­set ihn erklä­ren, was die Cur­ry­wurst im Inners­ten zusammenhält.

1. Wel­ches Gericht sollte jeder Imbiss auf der Karte haben?

Rai­mund Osten­dorp: Cur­ry­wurst, Schasch­lik, Fri­ka­delle, Schnitzel.

2. Was ver­mis­sen Sie aus Ihrer Zeit im „Schiffchen“?

Osten­dorp: Die medi­ter­rane Küche, fri­schen Fisch und Gerichte wie Kalbs­bries oder Gänsestopfleber.

3. Wie moti­vie­ren Sie sich Tag für Tag in Ihre Imbiss­bude zu kommen?

Osten­dorp: Das ist ganz ein­fach die Freude an mei­nen Pro­duk­ten — und an den Leu­ten, die hier­her kom­men. Nach 21 Jah­ren macht mir das immer noch so viel Spaß wie am ers­ten Tag. Ich kann gar nicht glau­ben, dass ich das schon so lange mache. Mir kommt’s eher vor wie fünf Jahre. Höchstens.

Wir ste­hen vor dem Profi-Grill, am wei­ßen Bis­tro­tisch, Autos don­nern vor­bei. Alle zwan­zig Sekun­den hebt Osten­dorp die rechte Hand. Erst jetzt wird mir klar: Er grüßt Auto­fah­rer. Ebenso Rad­fah­rer. Und alle Pas­san­ten in Ruf­weite. Zwei, drei Sätze übers Wet­ter, übers Vier­tel, übers Essen — der Mann ist im Schna­cken so ver­siert wie im Schnit­zel­bra­ten. Und in Inter­views — so locker wie er meine Fra­gen ver­speist. Ver­su­chen wir’s also mit einer neuen Tak­tik: provozieren.

4. Wie steht es um Ihren Traum, ein eige­nes Edel-Restaurant aufzumachen?

Osten­dorp: Daran denke ich an kei­nem ein­zi­gen Tag. Da würde ich noch nicht mal halb so viel Bestä­ti­gung und Aner­ken­nung bekom­men wie hier. Im Profi-Grill koche ich nicht für irgend­wel­che Restau­rant­kri­ti­ker, son­dern für meine Kun­den. Und die zei­gen, dass es ihnen schmeckt, indem sie immer wie­der­kom­men. Außer­dem sag ich: Lie­ber Ers­ter in der zwei­ten Liga als in der ers­ten Liga im Mittelfeld.

5. Essen Sie selbst noch in Ihrem Imbiss?

Osten­dorp: Natür­lich, und das mehr­mals in der Woche. Ich muss ja wis­sen, wie die Sachen schme­cken, die ich ver­kaufe. Außer­dem mische ich jeden Mor­gen die Soßen selbst, und die muss ich probieren.

6. Wie sieht der typi­sche Gast im Profi Grill aus?

Osten­dorp: Den typi­schen Gast gibt es nicht. Hier essen Stu­den­ten genauso wie Por­sche­fah­rer — da kom­men alle Schich­ten. Wir reprä­sen­tie­ren hier sozu­sa­gen das Ruhr­ge­biet. Warte, schreib das so: vom Vor­stands­vor­sit­zen­den bis zum Vaga­bund. Ja, das ist ein guter Satz. Nicht schlecht, was ich manch­mal für Spru­che raus­haue, oder?

Osten­dorp will mir gerade noch ein paar wei­ter Kost­pro­ben geben — doch da hält er plötz­lich inne. Mit offe­nem Mund blickt er einem Trak­tor hin­ter­her, der an uns vor­bei­tu­ckert. Vor Stau­nen ver­gisst Osten­dorp sogar die rechte Gruß­hand wie­der zu sen­ken. „Das war mein Nach­bar“, mur­melt er ver­dat­tert. „Hat der sich wirk­lich einen Tre­cker gekauft“. Jetzt schnell: Nut­zen wir die Ver­wir­rung zu die­ser Frage…

7. Als Besit­zer einer Imbiss­bude: Wird man reich oder glücklich?

Osten­dorp: Ich sag’s mal so: Man kann sein Glück selbst gestalten…

Ver­dammt! Das ist eine cle­vere Ant­wort. Keine Spur von Verwirrung.

Osten­dorp: … und den Laden hier habe ich vor 21 Jah­ren für 80.000 Mark gekauft. Damals lag die Miete bei 500 Mark, heute zahle ich 500 Euro.

Also doch reich. Oder nicht? Egal, weg von Glück und Geld, zurück zu wirk­lich wich­ti­gen Din­gen: dem Mythos Currywurst.

8. Warum lie­ben wir Deut­sche die Cur­ry­wurst so innig?

Osten­dorp: Lus­tig, dass Sie das fra­gen: Letzte Woche hat mich einer von der F.A.Z. ange­ru­fen, weil er ein paar Fra­gen zur Cur­ry­wurst hatte. Da ging’s um die­ses Wahl­pla­kat: ‚Cur­ry­wurst ist SPD‘…

Osten­dorp grinst, ich grinse, Osten­dorp lacht, ich lache, seine rechte Gruß­hand geht nach oben, er dreht sich um, ver­schwin­det im Laden, kommt raus, grüßt den nächs­ten und wen­det sich wie­der dem immer noch grin­sen­den Möchtegern-Goethe zu.

Osten­dorp: Wo waren wir? Ach ja, Cur­ry­wurst. Also: Die Cur­ry­wurst ist bei uns Kul­tur­gut, ein sym­pa­thi­sches Gericht, das sich jeder leis­ten kann. Die Cur­ry­wurst steht für Soli­da­ri­tät. Ja, sie ist ein soli­da­ri­sches Gericht.

9. Wie erkenne ich eine gute Currywurst?

Osten­dorp: Natür­lich am Geschmack. Und beim Bra­ten: Eine gute Cur­ry­wurst sollte auf dem Grill ihre Grund­form behal­ten und nicht runz­lig werden.

10. Warum wis­sen wir Deut­sche gutes Essen nicht zu schätzen?

Osten­dorp: Weil Deut­sche mehr Wert auf Äußer­lich­kei­ten legen, auf ein schnel­les Auto, auf schi­cke Kla­mot­ten. Was einer isst, sieht dage­gen kei­ner, weil das in der Regel drin­nen gemacht wird. Des­halb ist es den Deut­schen nicht so wichtig.

11. Wie oft kommt Ihr treu­es­ter Stammgast?

Osten­dorp: Einer kommt jeden Tag. Immer um elf Uhr. Der bestellt Fri­ka­del­len mit Soße und Pom­mes, trinkt drei Kaf­fee, zahlt 6,70 Euro und geht wie­der. Jeden Tag!

12. Wie erkenne ich eine gute Imbissbude?

Osten­dorp: Am Geruch. Wenn’s muf­fig und nach altem Fett riecht, ist das schlecht. Ich schaue mir auch immer die Spei­se­karte an: Je weni­ger Gerichte drauf ste­hen, desto besser.

„War’s das?“ — „Ja, das war’s.“ Osten­dorp ver­ab­schie­det sich hin­ter den Grill — und ich mich an einen der Tische. Goe­the hat aus­ge­dient, jetzt ist Lucul­lus am Zug. Fünf Minu­ten spä­ter ste­hen Cur­ry­wurst­pom­mes­majo vor mir. Auf einem Tel­ler, wohl gemerkt, dazu rich­ti­ges Besteck — nichts da mit Pappe und Piek­ser. Doch nur kurz grü­bele ich, wie viel Ster­ne­kü­che nun wirk­lich in die­ser Imbiss­bude steckt. Dann ist die Frage ebenso ver­ges­sen wie Osten­dorp, wie die drän­geln­den Men­schen um mich herum, wie meine Reise, wie mein Buch. Dann gibt es nur noch die Cur­ry­wurst und mich. Und Goe­the: Ver­weile Augen­blick, du bist so schön!

So sieht sie aus, die Ostendorp’sche Cur­ry­wurst — an der Seite von Pommes.

Zum Nach­ko­chen (13): Cur­ry­wurst à la Ostendorp

Zuta­ten:

  • 4 Brat­würste
  • eine Dose Tomaten
  • 200 Gramm Tomatenmark
  • 60 Gramm Bratenfond
  • 40 Gramm mit­tel­schar­fer Senf
  • 750 Mil­li­li­ter Wasser
  • 30 Gramm Zucker
  • 15 Gramm Salz
  • 1 Ess­löf­fel Currypulver
  • 1 Ess­löf­fel schar­fes Paprikapulver
  • 1 Tee­löf­fel Papri­ka­pul­ver edelsüß
  • eine Prise Muskatnuss
  • 50 Gramm Speisestärke

Zube­rei­tung

  1. Alles bis auf die Würste und die Spei­se­stärke zusam­men aufkochen
  2. Die Stärke mit etwas Was­ser ver­rüh­ren und damit die Sauce binden
  3. Die Würste mehr­mals leicht quer ein­schnei­den und in einer Pfanne bei mitt­le­rer Hitze für etwa fünf bis acht hell­braun braten
  4. Zum Ser­vie­ren in Schei­ben schnei­den, mit der Sauce über­gie­ßen und mit etwas Cur­ry­pul­ver bestreuen

(Das Rezept ver­öf­fent­li­che ich hier mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Rai­mund Osten­dorp, Inha­ber des Profi-Grills in Bochum-Wattenscheid.)

 

Des Grö­ne­mey­ers Wurst

Die Imbiss­bude und der Ster­ne­koch — so lau­tet die eine Cur­ry­wurst­saga, die in und um Bochum erzählt wird (siehe oben). Geschichte Num­mer zwei ist ebenso ein­gän­gig wie sim­pel: die Bude von Grönemeyer.

Zwar hat Her­bert Arthur Wiglev Cla­mor Grö­ne­meyer — so sein vol­ler Name — selbst nie einen Imbiss beses­sen, noch ist der in Bochum auf­ge­wach­sene Sän­ger ein beson­de­rer Fan der Cur­ry­wurst. Doch der Mythos hat es, dass Grö­ne­meyer einst mit sei­nen ehe­ma­li­gen Kol­le­gen am Bochu­mer Schau­spiel­haus Diet­her Krebs und Jür­gen Trie­bel an einem Imbiss auf seine Wurst war­tete, und das Trio in die­ser Zeit zu dem Song Cur­ry­wurst inspi­riert wurde.

Die betref­fende Bude steht direkt auf der Aus­geh­meile Ber­mu­da­drei­eck, ser­viert nach gän­gi­ger Mei­nung die beste Cur­ry­wurst Bochums, zieht angeb­lich mehr Tou­ris­ten an als alle ande­ren Sehens­wür­dig­kei­ten der Stadt und ist weit­hin bekannt unter dem Namen Dön­ninghaus — obwohl sie eigent­lich Brat­wurst­haus heißt (die Metz­ge­rei Dön­ninghaus lie­fert ledig­lich die Wurst).

Bei mei­nem Tref­fen mit der net­ten Inha­be­rin Lore Schoett­ler und ihrem Mann erfahre ich viel über die Geschichte der Imbiss­bude, den Fak­tor Grö­ne­meyer und die deut­sche Imbiss­kul­tur im All­ge­mei­nen. An die­ser Stelle nur meine drei Lieb­lings­sätze aus unse­rem Gespräch:

  • Das Grönemeyer-Lied ist für uns beste Wer­bung. Die Leute gehen schließ­lich nicht zu der Imbiss­bude im Ber­mu­da­drei­eck, son­dern zur Grönemeyer-Bude.
  • Ich finde das Currywurst-Lied von Grö­ne­meyer grau­sam. Das ist so was von pri­mi­tiv. Ein­fach schrecklich.
  • Ich selbst esse höchs­tens ein mal im Jahr Cur­ry­wurst. Mir ist das viel zu schwer und fettig.

Natür­lich habe ich auch im Brat­wurst­haus eine Cur­ry­wurst­pom­mes­majo geges­sen. Wie’s war? Lecker! Sehr lecker sogar. Bes­ser als beim Profi-Grill? Nein. Aber auch nicht schlech­ter. Anders. Das auf jeden Fall.

Und so nehme ich aus Bochum mit: zwei leckere Cur­ry­würste und zwei prima Geschich­ten. Denn wie sang schon Grö­ne­meyer: „Mit Pom­mes dabei/Ach, dann gebense gleich zwei-/mal Currywurst.“