Kategorie: "Rheinland-Pfalz"
Jun 5, 2012 - Rheinland-Pfalz    2 Kommentare

Saumagen macht den Kohl nicht fett

Über das Wir­ken von Hel­mut Kohl in der deut­schen Geschichte lässt sich durch­aus strei­ten. Eines aber kann man ihm nicht abspre­chen, ja muss rück­bli­ckend sogar als his­to­ri­sche Errun­gen­schaft bewer­tet wer­den. Nein, nicht die Wie­der­ver­ei­ni­gung. Son­dern viel­mehr: Hel­mut Kohls Ver­dienste um den Pfäl­zer Saumagen. Quasi im Allein­gang ver­half der Alt-Kanzler dem Tra­di­ti­ons­ge­richt aus sei­ner Hei­mat zu einem fes­ten Platz auf der kuli­na­ri­schen Welt­bühne. Das hat es vor­her und nach­her nie wie­der gegeben.

So stand auch für meine kuli­na­ri­sche Deutsch­land­tour außer Frage: Der Pfäl­zer Sau­ma­gen muss auf den Spei­se­plan. Und wer könnte mich bes­ser mit die­sem Gericht ver­traut machen als der Stamm-Metzger von Hel­mut Kohl, der sei­nen Sau­ma­gen stets ins nahe Ludwigshafen-Oggersheim gelie­fert hat? Der Besuch bei Klaus Ham­bel barg dabei gleich zwei­er­lei Über­ra­schun­gen. Zum einen in punkto Sau­ma­gen: Der schmeckt näm­lich ganz und gar nicht so, wie es sein scheuß­li­cher Namen ver­heißt, son­dern wie eine Art Leber­käse — nur inten­si­ver, flei­schi­ger, wür­zi­ger, kurzum: leckerer. Zum ande­ren ist auch Klaus Ham­bel, sei­nes Zei­chens wohl der bekann­teste Metz­ger der Repu­blik, erfreu­lich unprä­ten­tiös. Außer­dem sym­pa­thisch und ein sehr ange­neh­mer Gesprächspartner.

Die Ein­drü­cke von mei­nem Besuch in der Metz­ge­rei in Wachen­heim habe ich bereits in einem Blog-Artikel (samt Bil­der­stre­cke) wie­der­ge­ge­ben. Nun steckt der Sau­ma­gen auch in mei­ner jüngs­ten Rei­se­ko­lumne für den Münch­ner Mer­kur. Lese­freund­li­cher gibt’s den Text auf der Web­seite des Mer­kur. Und wie stets bei die­ser Gele­gen­heit will ich zudem auf die Facebook-Seite der Landkreis-Redaktion verweisen.

Mai 21, 2012 - Rheinland-Pfalz    1 Kommentar

Ein Kohl für alle Fälle

Hier muss ihm also immer das Was­ser im Mund zusam­men­ge­lau­fen sein, dem Hel­mut Kohl. Das Kanz­ler­was­ser sozu­sa­gen. Hier im Neon­licht, inmit­ten von Steaks, Salami und Schwei­ne­bauch, umwabert von einer Wolke aus Wurst­ge­ruch. So denke ich — bis Klaus Ham­bel mir meine Illu­sio­nen raubt: „Hel­mut Kohl ist selbst nie in den Laden gekom­men“, stellt der Metz­ger aus dem Pfäl­zer Örtchen Wachen­heim an der Wein­straße klar. „Der hat immer in der Limou­sine gewar­tet und sei­nen Chauf­feur rein­ge­schickt, den Ecki Seeber.“

Nun lässt sich über Hel­mut Kohl vie­les erzäh­len — durch­aus auch Kri­ti­sches. Doch ein Meis­ter­stück des Lothar Mat­thäus der deut­schen Poli­tik steht außer Frage, ja muss rück­bli­ckend sogar als his­to­risch bewer­tet wer­den: Hel­mut Kohl hat quasi im Allein­gang den Pfäl­zer Sau­ma­gen aus den Glossa­ren der Oma-Kochbücher auf die kuli­na­ri­sche Welt­bühne gehievt. Kein Staats­ban­kett ohne das Pfäl­zer Natio­nal­ge­richt; und wann immer Gorbi, Mag­gie & Co. im Dei­des­hei­mer Hof abstie­gen, um mit dem Kanz­ler die Wel­t­en­läufte zu len­ken, musste zur Stär­kung ein Sau­ma­gen von Ster­ne­koch Man­fred Schwarz bereit stehen.

Wer sich damals ein wenig geschickt ange­stellt hat, konnte im Fahr­was­ser von Hel­mut Kohl sehr viel pro­fi­tie­ren“, sagt Klaus Ham­bel — und macht kei­nen Hehl dar­aus, dass seine Metz­ge­rei zu die­ser Gruppe gehört. „Wir müs­sen Hel­mut Kohl ewig dank­bar dafür sein, was er für den Sau­ma­gen getan. Das war als Wer­bung unbe­zahl­bar.“ Vor allem für einen wie Ham­bel, der sei­nen Sau­ma­gen nicht nur an zahl­rei­che Gas­tro­no­men lie­fert, son­dern jah­re­lang auch direkt an das Hause Kohl.

Dabei hat Ham­bel den Sau­ma­gen gar nicht im Ange­bot, als er 1985 die Metz­ge­rei von Vater Wal­ter über­nimmt. Erst als der Kohl-Boom ein­setzt und die Nach­frage nach des Kanz­lers Leib­ge­richt steigt, nimmt er das Pfäl­zer Natio­nal­ge­richt ins Sor­ti­ment auf. „Anfangs habe ich den Sau­ma­gen bei einem ande­ren Metz­ger gekauft“, erzählt Ham­bel. Doch als er eines Tages 200 Mark für sechs Sau­mä­gen hin­blät­tert, fasst er einen Ent­schluss: „Da war für mich klar, dass ich das bes­ser selbst mache.“

Eine Ent­schei­dung mit Fol­gen, denn heute fer­tigt Ham­bel in sei­ner Metz­ge­rei den wohl bekann­tes­ten Sau­ma­gen der Repu­blik. Und mehr als das: Immer auf der Suche nach neuen Krea­tio­nen hat der Metz­ger sein Ange­bot kon­ti­nu­ier­lich erwei­tert — um Sau­ma­gen mit Kas­ta­nien, mit Schafs­käse oder mit Pfif­fer­lin­gen. Dazu gibt es die belieb­ten Saumagen-Maultaschen sowie ganz neu: Sau­ma­gen im Blät­ter­teig. Und sai­so­nale Ange­bote — von Sau­ma­gen mit Spar­gel über Sau­ma­gen mit Fei­gen und Port­wein bis hin zu Sau­ma­gen mit Äpfel, Pflau­men und Rum im Winter.

Ver­kaufs­ren­ner bleibt aber der klas­si­sche Sau­ma­gen, von dem Ham­bel bis zu 1,5 Ton­nen pro Woche pro­du­ziert, ver­kauft und nach ganz Deutsch­land aus­lie­fert. Und manch­mal sogar dar­über hin­aus:  So hängt im Vor­raum der Metz­ge­rei eine Welt­karte mit all jenen Orten, an denen der Hambel’sche Sau­ma­gen im Men­schen­ma­gen gelan­det ist.

Beson­ders gerne erzählt der Metz­ger dabei die Geschichte aus dem Jahr 1996, als Deutsch­land bei der Uno-Vollversammlung in New York ein Pfäl­zer Abend­es­sen aus­rich­ten sollte. „Und bei Hel­mut Kohl durfte es kein Ban­kett ohne Sau­ma­gen geben.“ Also wurde die  Spe­zia­li­tät aus den Hause Ham­bel nach Ame­rika geflo­gen — mit den Flug­zeu­gen der Bundesluftwaffe.

Zuletzt noch ein­mal Kohl und ein ver­brei­te­ter Irr­tum, der wohl auch durch die Phä­no­me­no­lo­gie des Ex-Kanzler begüns­tigt wird. Denn ein Dick­ma­cher sei der Sau­ma­gen nicht, betont Ham­bel. „Wir las­sen unse­ren Sau­ma­gen zwei­mal im Jahr che­misch unter­su­chen, und der Fett­an­teil liegt dabei immer unter fünf Prozent.“

Hier noch einige Bild von mei­nem Besuch in der Metz­ge­rei Hambel:

1_MetzgereiAussen

Im 4700-Seelen-Ort Wachen­heim ver­steckt in einer Straße namens Hin­ter­gasse liegt eine der bekann­tes­ten Metz­ge­reien der Repu­blik: Von dort hat Klaus Ham­bel jah­re­lang das Haus von Ex-Kanzler Hel­mut Kohl im nahen Ludwigshafen-Oggershein mit Pfäl­zer Sau­ma­gen beliefert.

2_SchuldAussen

Wenig Pro­dukte, aber die qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig: Nach die­ser Maxime stellt die Metz­ge­rei gerade ein­mal sechs Wurst­wa­ren selbst her: Leber– und Blut­wurst, Schwar­ten­ma­gen, Leber­knö­del, Brat­wurst und — natür­lich — Saumagen.

3_Weltkarte

Von Wachen­heim in die ganze Welt: Auf einer Karte im Vor­raum der Metz­ge­rei sind all jene Orte gekenn­zeich­net, wo der Hambel’sche Sau­ma­gen bereits im Men­schen­ma­gen gelan­det ist.

7_FreitagShow-NEU

Immer frei­tags wird der Sau­ma­gen in der Metz­ge­rei gefer­tigt. Dann dür­fen sogar Tou­ris­ten kom­men, Klaus Ham­bel beim Stop­fen über die Schul­ter bli­cken und her­nach bei einem Glas Sekt eine Scheibe verkosten.

4_SaumagenTopf

Lei­der fiel mein Besuch auf einen Diens­tag. Doch eigens für den Gast aus Mün­chen ließ Ham­bel einen Sau­ma­gen auf­fah­ren. Die­ser wird bei 72 Grad rund drei bis vier Stun­den lang gekocht und danach in Schei­ben geschnit­ten. Sie kön­nen ent­we­der direkt ver­speist oder — und das ist mein Favo­rit — in der Pfanne ange­bra­ten werden.

5_Hambel

Wer übri­gens selbst mal stop­fen will: erst Darm– und Spei­se­röh­ren­öff­nung zubin­den, dann mit­tels einer drit­ten, künst­li­chen Öffnung den Magen umstül­pen und stopfen.

6_SaumagenNah-NEU

Die klas­si­sche Fül­lung eines Sau­ma­gens besteht ausz je einem Drit­tel Kar­tof­feln, Brät und Fleisch — im Falle der Metz­ge­rei Ham­bel Schwei­ne­nuss. Dazu kom­men Salz, Pfef­fer, Majo­ran, Mus­kat, Kori­an­der und Nelke.

8_Maultaschen

Vor sechs Jah­ren hat Klaus Ham­bel die Saumagen-Maultasche erfun­den. „Gerade den Jün­ge­ren gefällt das, weil man den Sau­ma­gen hier nicht so sieht.“ Inzwi­schen ist die Sau­ta­sche ein Ren­ner: Bis zu 100 Kilo stel­len Ham­bel und sein Team in der Woche her.

9_Maultasche2

Frisch aus dem Was­ser­bad durfte ich eine Saumagen-Maultasche pro­bie­ren. Und ich muss ehr­lich sagen: Lecker war’s. Lei­der schon aus­ver­kauft war hin­ge­gen Ham­bels jüngste Krea­tion: Sau­ma­gen im Blätterteig.

Im 4700-Seelen-Ort Wachenheim versteckt in einer Straße namens Hintergasse liegt eine der bekanntesten Metzgereien der Republik: Von dort hat Klaus Hambel jahrelang das Haus von Ex-Kanzler Helmut Kohl im nahen Ludwigshafen-Oggershein mit Pfälzer Saumagen beliefert.Wenig Produkte, aber die qualitativ hochwertig: Nach dieser Maxime stellt die Metzgerei gerade einmal sechs Wurstwaren selbst her: Leber- und Blutwurst, Schwartenmagen, Leberknödel, Bratwurst und - natürlich - Saumagen.Von Wachenheim in die ganze Welt: Auf einer Karte im Vorraum der Metzgerei sind all jene Orte gekennzeichnet, wo der Hambel'sche Saumagen bereits im Menschenmagen gelandet ist.Immer freitags wird der Saumagen in der Metzgerei gefertigt. Dann dürfen sogar Touristen kommen, Klaus Hambel beim Stopfen über die Schulter blicken und hernach bei einem Glas Sekt eine Scheibe verkosten.Leider fiel mein Besuch auf einen Dienstag. Doch eigens für den Gast aus München ließ Hambel einen Saumagen auffahren. Dieser wird bei 72 Grad rund drei bis vier Stunden lang gekocht und danach in Scheiben geschnitten. Sie können entweder direkt verspeist oder - und das ist mein Favorit - in der Pfanne angebraten werden.Wer übrigens selbst mal stopfen will: erst Darm- und Speiseröhrenöffnung zubinden, dann mittels einer dritten, künstlichen Öffnung den Magen umstülpen und stopfen.Die klassische Füllung eines Saumagens besteht ausz je einem Drittel Kartoffeln, Brät und Fleisch - im Falle der Metzgerei Hambel Schweinenuss. Dazu kommen Salz, Pfeffer, Majoran, Muskat, Koriander und Nelke.Vor sechs Jahren hat Klaus Hambel die Saumagen-Maultasche erfunden. "Gerade den Jüngeren gefällt das, weil man den Saumagen hier nicht so sieht." Inzwischen ist die Sautasche ein Renner: Bis zu 100 Kilo stellen Hambel und sein Team in der Woche her.Frisch aus dem Wasserbad durfte ich eine Saumagen-Maultasche probieren. Und ich muss ehrlich sagen: Lecker war's. Leider schon ausverkauft war hingegen Hambels jüngste Kreation: Saumagen im Blätterteig.

Von diabolisch bis geheim: Schmankerl aus unbekannten Landen

Auf mei­ner Reise geht es mir um drei Dinge. Ers­tens: Essen! Auf Platz zwei: Essen! Und eben­falls nicht unwich­tig, drit­tens: Essen!

Das gesagt, freue ich mich auch über Begeg­nun­gen mit net­ten Men­schen, über aben­teu­er­li­che Rei­se­ge­schich­ten wie jüngst im aus­weg­lo­sen Saar­land und nicht zuletzt dar­über, dass ich end­lich mehr von Deutsch­land sehe.

Denn meine Hei­mat habe ich bis­lang sträf­lich ver­nach­läs­sigt: Hier mal eine Woche Ber­lin, einige Tage Ham­burg, Kurz­trips in den Harz oder nach Regens­burg und ein paar Besu­che in Dres­den — das war’s dann auch fast. Ansons­ten ver­irrte ich mich kaum ein­mal nörd­lich des Weißwurst-Äquators — bis zu mei­ner kuli­na­ri­schen Reise.

So habe ich unlängst gleich drei Pre­mie­ren bin­nen zehn Tagen gefei­ert: erst­mals im Ruhr­ge­biet, erst­mals in Rheinland-Pfalz, erst­mals im Saar­land. Und in allen drei Fäl­len habe ich mir eines fest vor­ge­nom­men: wie­der­zu­kom­men. Denn Land und Leute (zuge­ge­ben: auch das Essen) tau­gen alle­mal zu mehr als nur einer Drei-Tages-Stippvisite.

Begin­nen wir mit dem Ruhr­pott, fünf Mil­lio­nen Men­schen auf engs­tem Raum, eine Hand­voll zusam­men­ge­wach­se­ner Groß­städte, die mehr oder min­der am Struk­tur­wan­del knab­bern, für Fuß­ball bren­nen und hoch ver­schul­det sind. Zugleich gibt es dort nicht erst seit der RUHR.2010 (Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas) eine leben­dige Kul­tur­szene, meh­rere alter­na­tive Stadt­vier­tel und junge Men­schen, die etwas bewe­gen wollen.

Ich selbst will dort in ers­ter Linie eines: Essen — und damit ist nicht die Stadt gemeint. Von mei­ner Jagd nach der bes­ten Cur­ry­wurst im Pott habe ich bereits aus­führ­lich berich­tet. Für­der­hin steht ein echt tra­di­tio­nel­les Gericht auf mei­nem Spei­se­plan: Pfef­fer­pott­hast. Die­ser vor allem in Dort­mund popu­läre Ein­topf besteht aus ebenso viel Rind­fleisch wie Zwie­beln, dazu reich­lich Pfef­fer, und wird mit Kar­tof­feln und Essig­gur­ken serviert.

Ein Töpf­chen Pfef­fer­pott­hast mit Essiggurken.

Einen schmack­haf­ten Pfef­fer­pott­hast ver­speise ich in der Gast­stätte Zum Alten Markt — also an jenem Platz, wo die Dort­mun­der BVB-Fans zuletzt so regel­mä­ßig zum Jubeln zusam­men­ka­men. An sol­chen schwarz-gelben Fei­er­ta­gen ist übri­gens weni­ger Pfef­fer­pott­hast gefragt, son­dern eine andere Spe­zia­li­tät des Hau­ses: Dort­mun­der Salz­ku­chen. Die­ses Bröt­chen in Bagel­form wird dick mit Mett, Schwar­te­ma­gen oder Käse belegt — und ins Loch kom­men eine Hand­voll rohe Zwie­beln. „Am Heim­spie­len ver­kau­fen wir davon 500 bis 600 Stück“, ver­si­chert Betrei­ber Frank Jülich. „Die schme­cken her­vor­ra­gend und pas­sen ein­fach ideal zum Bier.“

Treff­punkt vie­ler BVB-Fans vor Heim­spie­len: die Gast­stätte Zum Alten Markt.

Vom Land der Bier­trin­ker reise ich wei­ter ins Land der Wein­schme­cker — nach Plat­ten, ein 900-Einwohner-Dorf nahe Witt­lich in einem Sei­ten­tal der Mosel. Das Örtchen emp­foh­len hat mir eine alte Schul­freun­din (Danke Eva!), die dort im Urlaub auf den Teu­fels­bra­ten gesto­ßen ist. Dabei han­delt es sich um gegrill­ten Schwei­nen­a­cken, der zuvor in Mosel­wein und einem spe­zi­el­len Teu­fels­bra­ten­ge­würz ein­ge­legt wird.

Schwei­nen­a­cken in Mosel­wein, Zwie­beln und spe­zi­el­len Gewür­zen ein­ge­legt: Das ist der Plat­te­ner Teufelsbraten.

Einen Haken aber hat die Sache: Trotz inten­si­ver Web-Recherche kann ich kein Gast­haus in Plat­ten fin­den, das mir einen Teu­fels­bra­ten ser­vie­ren würde. In mei­ner Not wende ich mich an die Gemeinde und erhalte zwei Tage spä­ter einen Anruf von einem gewis­sen Herr Kuh­nen. Er könne da etwas für mich orga­ni­sie­ren, erzählt er zu mei­ner gro­ßen Freude. Es gebe eine Win­ze­rin im Ort, die mir sicher gerne einen Teu­fels­bra­ten vor­set­zen würde. Ich bedanke mich über­schwäng­lich, lege auf und werfe sogleich einen Blick auf die Home­page von Plat­ten. Dort stellt sich zu mei­ner Über­ra­schung her­aus: Mein Herr Kuh­nen ist nicht etwa ein Mit­ar­bei­ter der Gemeinde, son­dern ihr Bürgermeister.

Drei Tage spä­ter sitze ich mit dem Orts­ober­haupt und der Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger in deren uri­gen Wein­kel­ler, nippe an einem deli­ka­ten Dorn­fel­der und kaue genüss­lich am zwei­ten Stück Teu­fels­bra­ten. Der Mosel­wein ist noch deut­lich zu erschme­cken, ebenso Pfef­fer; doch die genaue Zusam­men­set­zung der Würz­mi­schung wol­len meine Gast­ge­ber nicht preisgeben.

Dafür erzählt Alfons Kuh­nen jene Sage, die den inzwi­schen ver­stor­be­nen Heinz Her­ges in den Acht­zi­ger­jah­ren zur Erfin­dung des Teu­fels­bra­tens inspi­rierte. Dem­nach gab es vor 200 Jah­ren einen Wirt mit Namen „Däwel“, bei dem die Plat­te­ner stets nach dem Got­tes­dienst ein­kehr­ten. Dar­aus ent­wi­ckelte sich der Aus­druck „Bei dä Dei­wel (Teu­fel)“ in Plat­ten. Aus­führ­li­cher hat das Her­ges selbst ein­mal dem SWR erzählt — hier geht’s zum Mit­schnitt (zur Ver­fü­gung gestellt von Alfons Kuhnen).

Brut­zeln extra für den Gast aus Mün­chen Plat­te­ner Teu­fels­bra­ten: Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger und Orts­bür­ger­meis­ter Alfons Kuhnen.

Doch so lecker Pfef­fer­pott­hast und Teu­fels­bra­ten waren — mit mei­nem Spei­se­plan im Saar­land kön­nen sie nicht mit­hal­ten. Dort gibt’s zunächst eben­falls Gegrill­tes, näm­lich den Schwenk­bra­ten — eine Art Iden­ti­täts­my­thos in der Region. „Der Rest der Welt grillt, doch der Saar­län­der schwenkt“, erklärt mir Klaus-Günter Koch, der in der Bau­ern­stube Saar­brü­cken seit mehr als 35 Jah­ren Schwei­nen­a­cken über dem Buchen­holz­feuer schaukelt.

Direkt aus dem Buchen­holz­rauch auf mei­nen Tel­ler: ein ori­gi­nal Saar­län­der Schwenkbraten.

Den Schwen­ker (der Grill) in der Bau­ern­stube hat der sym­pa­thi­sche 61-Jährige wie jeder echte Saar­län­der selbst gebaut — unter ande­rem aus dem Motor eines Beton­mi­schers. Pri­vat jedoch macht Koch einen gro­ßen Bogen um jedes Grill­feuer. „Ich stehe sechs Tage in der Woche sechs Stun­den lang im Fleisch­ge­ruch. Da esse ich daheim nicht auch noch Gegrill­tes, son­dern lie­ber vege­ta­risch.“ Und dann gibt mir Koch noch einen Satz mit auf den Weg, den mir — unge­lo­gen! — jeder Saar­län­der in ver­schwö­re­ri­schem Ton­fall zuflüs­tert: „Schwen­ker hat bei uns drei Bedeu­tun­gen. So heißt sowohl der Grill, als auch das Fleisch, als auch die Per­son am Feuer.“ Ergo: Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker. Noch was? Ach ja: Sehr, sehr lecker hat’s geschmeckt.

Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker: In die­sem Fall Klaus-Günter Koch von der Bau­ern­stube Saarbrücken.

Was mich zum zwei­ten Saarland-Gericht bringt: dem Dib­belab­bes. Bevor ich lange Lobes­hym­nen auf die­sen knusp­ri­gen Kar­tof­felt­raum halte (und dabei die Tas­ta­tur hier im Inter­net­café unge­büh­rend bespei­chele), erkläre ich lie­ber kurz und sach­lich, was sich hin­ter die­sem herr­li­chen Namen ver­birgt: geras­pelte rohe Kar­tof­feln mit reich­lich Lauch, Dörr­fleisch und Ei — in der Pfanne durch ste­tes Wen­den von allen Sei­ten knusp­rig gebraten.

Das beste Dib­belab­bes in Saar­brü­cken bringt nach land­läu­fi­ger Mei­nung die Gast­stätte La Bas­tille auf den Tisch — und genau dort werde ich äußerst freund­lich vom Ehe­paar Gro­lier emp­fan­gen. (Am Rande bemerkt: Diese immense Gast­freund­schaft habe ich im Saar­land vie­ler­orts ange­trof­fen, auch wenn mein letz­ter Arti­kel anders inter­pre­tiert wer­den könnte…) Die Pfäl­ze­rin und der Fran­zose betrei­ben das Restau­rant mit fran­zö­si­schem Flair seit 20 Jah­ren — und ebenso lange ist Dib­belab­bes das Aus­hän­ge­schild und meist­be­stellte Gericht.

Das „La Bas­tille“ gilt als Hei­mat des bes­ten Dib­belab­bes in Saarbrücken.

Gerne ver­ra­ten wir Ihnen unser Rezept“, sagt Vic­tor Gro­lier, klopft mir freund­schaft­lich auf die Schul­ter und grinst schel­misch. „Bis auf zwei Zuta­ten. Die blei­ben geheim. Das ist wie bei der Coca-Cola-Rezeptur.“

Doch Gro­lier hat nicht mit einem weit­ge­reis­ten Gour­met wie mir gerech­net, mit mei­nem fei­nen Gau­men, mit mei­ner Erfah­rung in Sachen regio­nale Spe­zia­li­tä­ten. Und so knab­bere ich behut­sam am ers­ten Bis­sen, lasse die brei­ige Masse lang­sam über meine Geschmacks­knos­pen glei­ten. Es folgt ein freu­di­ger Schrei der Ent­zü­ckung, noch ein Bis­sen, ein zufrie­de­ner Seuf­zer, zwei wei­tere Bis­sen, jetzt mit Apfel­mus, ist das lecker!, schnell noch drei Bis­sen, ein Schlück­chen vom Wein, lieb­lich!, noch ein paar Bis­sen… und ehe ich’s ver­sehe, ist der Tel­ler leer, ich satt, zufrie­den — und ohne jed­wege Ahnung, was die ver­schwie­ge­nen Zuta­ten sein könnten.

Doch sei’s drum, so muss das Rezept (siehe unten) eben ohne das Haus­ge­heim­nis aus­kom­men. Ohne­hin wollte ich in die­ser Geschichte eigent­lich weni­ger übers Essen, son­dern viel­mehr über die Reize dreier mir bis­lang unbe­kann­ten Ecken Deutsch­lands berich­ten. Doch wenn ich den Text jetzt über­fliege, dann habe ich diese Vor­gabe unge­fähr so folg­sam ein­ge­hal­ten wie der­einst Adam & Eva das Apfel­ver­bot. Daher noch dies: Ruhr­pott = span­nend, Mosel = idyl­lisch, Saar­brü­cken = lie­bens­wert. Mehr nicht, man soll ja Prio­ri­tä­ten set­zen — und wo meine lie­gen, habe ich bereits zu Beginn dargelegt.

Knusp­ri­ger Kar­tof­felt­raum aus dem Saar­land: Dibbelabbes.

Zum Nach­ko­chen (15): Dibbelabbes

Zuta­ten:

  • 2 Kilo Kar­tof­feln (mehlig)
  • 2 Stan­gen Lauch
  • 250 Gramm Dörrfleisch
  • 2 Eier
  • Salz, Pfef­fer, Muskat
  • But­ter­schmalz zum Anbraten

Zube­rei­tung:

  1. Kar­tof­feln schä­len und fein reiben
  2. Eier und Lauch in fei­nen Rin­gen zu den Kar­tof­feln geben
  3. Hälfte des Dörr­fleischs wür­feln, eben­falls zur Kar­tof­fel­masse geben und mit Salz, Pfef­fer, Mus­kat kräf­tig abschmecken
  4. Andere Hälfte des Dörr­fleischs in einer hei­ßen Pfanne mit But­ter­schmalz knusp­rig anbraten
  5. Kar­tof­fel­masse in die Pfanne geben und ca. 20–30 Minu­ten bra­ten. Wich­tig: Stän­dig umschich­ten, damit sich auf allen Sei­ten eine Kruste bildet

Ser­viert wird Dib­belab­bes mit Apfel­mus (oder mit Salat).

Guten Appe­tit!