Kategorie: "Thüringen"
Mrz 22, 2012 - Thüringen    2 Kommentare

Aus dem Leben des Mutzbraten-Königs

Nen­nen Sie ein typisch deut­sches Gericht?“ Käme diese Frage bei „Fami­li­en­du­ell“ (gibt’s das noch?), dürfte die Ant­wort Eis­bein ganz oben auf­tau­chen — und das, obwohl Spa­ghetti, Reis­pfanne oder Pizza den Klas­si­ker längst aus der Esstisch-Bundesliga ver­drängt haben. Ich selbst habe noch kein ein­zi­ges Eis­bein ver­speist, doch das wird sich heute Abend ändern: In Mag­de­burg, wo Eis­bein Bötel heißt und mit Lehm (Erbs­brei) und Stroh (Kraut) ser­viert wird, besu­che ich die Bötel­stube und gehe dem Schwein auf die Knochen.

Von mei­nen Ein­drü­cken werde ich als­bald berich­ten, doch zuvor bli­cke ich zurück nach Schmölln in Thü­rin­gen. Dort gibt es mit dem Mutz­bra­ten so unge­fähr den Gegen­pol zum Eis­bein — außer­halb der Region kaum bekannt, dafür aber umso schmack­haf­ter. Und als wäre das noch nicht genug, durfte ich den Mutz­bra­ten auch noch im Besein des Mutzbraten-Königs genie­ßen, dem ich dar­auf­hin meine sams­täg­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur gewid­met habe.

Lese­freund­li­cher steht der Text wie immer auf der Merkur-Webseite; zudem hat die Landkreis-Redaktion auch eine eigene Facebook-Seite.

Zwischen Pracht und Platte

Weg!“, „Weg!“, „Weg!“. Maiks Zei­ge­fin­ger saust durch die Luft, wäh­rend wir in sei­nem Auto durch die Innen­stadt von Alten­burg fah­ren. „Auch weg!“, „Weg!“, „Und da stand auch mal ein Haus!“. Jetzt ist dort — nichts. Gäh­nende Leere. Im bes­ten Fall ein Park­platz. Im schlimms­ten Fall wild­wu­chern­des Gestrüpp.

Alten­burg, im östlichs­ten Zip­fel von Thü­rin­gen, pit­to­reske Alt­stadt, eine pracht­volle Schloss­an­lage im Zen­trum. An die 55.000 Ein­woh­ner leb­ten hier vor der Wende 1989. Heute sind es weni­ger als 35.000 — und das, obwohl in der Zwi­schen­zeit etli­che Nach­bar­orte ein­ge­mein­det wur­den. Grund ist zum einen der Gebur­ten­rück­gang und zum ande­ren die Abwan­de­rung: „Von mei­nem Abitur­jahr­gang leben noch drei in Alten­burg — inklu­sive mir“, sagt Maik, gebür­tig aus der Region und Nach­bar jener „ein­zi­gen WG der Stadt“, die mich über Couch­sur­fing auf­ge­nom­men hat. „Vor allem junge Leute zie­hen weg, sobald sie kön­nen. Weil sie hier keine Zukunft haben.“

Die Folge: Zahl­rei­che statt­li­che Häu­ser in bes­ter Innen­stadt­lage ste­hen leer, sind ver­fal­len — oder bereits abge­ris­sen. In Mün­chen wür­den sich Mak­ler auf diese Immo­bi­lien stür­zen wie Geier auf den Kada­ver. Hier hin­ge­gen über­stei­gen die Miet­preise kaum ein­mal fünf Euro pro Qua­drat­me­ter. Den­noch wird Alten­burg immer lee­rer, immer älter — und ist damit nicht alleine.

Zit­tau, eine tra­di­ti­ons­rei­che Stadt im Drei­län­der­eck Deutschland-Polen-Tschechien? Vor der Wende fast 40.000 Bewoh­ner, heute nur noch 22.000. Leere Häu­ser­zei­len, Indus­trie­rui­nen, Plat­ten­bau­ten in den Vor­or­ten. Cott­bus? Vor 20 Jah­ren eine 130.000-Einwohner-Stadt; heute: etwas weni­ger als 100.000 — Ein­ge­mein­dun­gen zum Trotz. Das Schema ist über­all gleich: Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung kam die Markt­wirt­schaft, die Indus­trie brach weg, damit die Arbeits­plätze — und vor allem die Jun­gen und gut Aus­ge­bil­de­ten nah­men reißaus.

So auch in Gör­litz, Deutsch­lands östlichs­ter Stadt: vor der Wende 75.000 Bewoh­ner, heute noch 55.000 — zahl­rei­che Ein­ge­mein­dun­gen auch hier. Dabei ist die Innen­stadt ein Schmuck­stück und gilt mit 4000 zumeist restau­rier­ten Bau­denk­mä­lern als das größte zusam­men­hän­gende Flä­chen­denk­mal Deutsch­lands. Selbst jetzt, im März, has­ten Tou­ris­ten­grup­pen den Stadt­füh­rern hin­ter­her und bestau­nen die archi­tek­to­ni­schen Juwele der ver­schie­de­nen Epo­chen. Nette Anek­dote am Rande: Die gigan­ti­schen Sanie­rungs­ar­bei­ten wur­den unter ande­rem von einem anony­men Gön­ner unter­stützt, der seit 1995 jedes Jahr eine Mil­lion Mark — spä­ter 511.500 Euro — in die Stadt­kasse spen­det. Ein­zige Bedin­gun­gen: Sein Name darf nie­mals an die Öffent­lich­keit gelangen.

Doch selbst in der male­ri­schen Innen­stadt trifft der Besu­cher immer wie­der auf leer ste­hende oder ver­fal­lene Häu­ser. Und dann gibt es da noch die andere Seite von Gör­litz: Nur zehn Geh­mi­mu­ten von der Alt­stadt beginnt der Orts­teil Königs­hu­fen — und mit ihm rie­sige Plat­ten­bau­an­la­gen. In die­sem tris­ten Ein­heits­grau wohnt der Groß­teil der Gör­lit­zer, von denen jeder Vierte (!) Hartz IV bezieht. Die Arbeits­lo­sen­quote: um die 20 Pro­zent. „Dort herr­schen oft erschre­ckende Zustände“, erzählt mein Couchsurfing-Gastgeber, der als Poli­zist häu­fig nach Königs­hu­fen aus­rü­cken muss. „Die Armut. Der Alko­hol. Und trotz­dem wol­len die meis­ten Men­schen nicht raus aus den Plattenbauten.“

Doch will ich hier kei­nes­falls das ein­sei­tige Bild vom tris­ten, chan­cen– und hoff­nung­lo­sen Osten zeich­nen. Im Gegen­teil: Ich zumin­dest habe auf mei­ner Reise zahl­rei­che Men­schen getrof­fen, die sich bewusst für die Region ent­schie­den haben, die sich ein­set­zen, die etwas bewe­gen wol­len. „Ich würde nie in den Süden zurück wol­len“, sagt etwa Tobias, ursprüng­lich aus Ulm, heute an der Gör­lit­zer Uni tätig. „Da ist alles schon so fer­tig, so fest­ge­fah­ren. Hier hin­ge­gen kann ich noch was bewegen.“

Und Tobias ist nicht allein: Da ist der Mutzbraten-König André Scha­kal­e­ski, der sich mit nim­mer­mü­dem Ein­satz ein klei­nes Unter­neh­men rund um seine Imbiss­wa­gen auf­ge­baut hat. Da ist Peter Bes­ser, der im Wirts­haus zum Alten Sack in Zit­tau die ober­lau­sit­zer Küche wie­der­be­lebt, Rad­tou­ren anbie­tet, Füh­run­gen orga­ni­siert. Da ist der Schau­spie­ler Heiko, der mit aller Kraft für das tra­di­ti­ons­rei­che Alten­bur­ger Thea­ter kämpft. Da ist René, der neben sei­nem 40-Stunden-Job bei der Uni Cott­bus eine eigene Firma betreibt und sich die Nächte mit Pro­gram­mie­ren um die Ohren schlägt. Und da sind meine Couchsurfing-Gastgeber aus Gör­litz, die ihre Kin­der in den Wald­kin­der­gar­ten schi­cken, sich für den Fahr­rad­club ADFC enga­gie­ren, vor­wie­gend Pro­dukte aus der Region kau­fen — und genauso gut nach Prenz­lauer Berg oder Haid­hau­sen pas­sen würden.

Und weil ich gerade beim Schub­la­den­den­ken bin: Nazis? Hab ich bis­her noch nir­gends zu Gesicht bekom­men — obwohl doch manch Medi­en­be­richt nahe­legt, dass die NPD-Parteibüros im Osten stets direkt neben dem Rat­haus ste­hen, aus allen Autos Deutsch­rock tönt und die Innen­städte fest in der Hand der Rech­ten sind. Wobei: Ich habe nun schon von meh­re­ren Per­so­nen ver­si­chert bekom­men, dass es den Sprin­ger­stie­fel tra­gen­den Glatzen-Nazi nicht mehr gibt. „Die sehen inzwi­schen aus wie ganz nor­male Stu­den­ten“, meint etwa Gabi, meine Couchsurfing-Gastgeberin in Cottbus.

Meine ein­zige Erfah­rung in die­ser Rich­tung war eine zehn­mi­nü­tige Anhalt­er­fahrt mit einem übel rie­chen­den, bull­dog­gen­ge­sich­ti­gen Mitt­drei­ßi­ger, der mich süd­lich von Cott­bus auf­ga­belte. Nach­dem er meine Rei­se­pläne mit einem „Inter­es­siert mich gar nicht“ abge­bü­gelt hatte, ver­suchte ich den Small Talk in Rich­tung Fuß­ball zu wen­den. Seine Reak­tion: „Weißt du, ich bin natio­nal ein­ge­stellt. In der Bun­des­liga spie­len mir zu viele Aus­län­der. Das ist keine Bun­des­liga mehr.“ Sel­ten habe ich ein Fahr­tende dring­li­cher her­bei­ge­sehnt — aber, wie gesagt: ein Einzelfall.

Eines hin­ge­gen war über­all augen­schein­lich — egal ob Alten­burg, Zit­tau oder Gör­litz: Es gibt kaum Aus­län­der hier; sogar in den Döner­lä­den ste­hen Deut­sche am Grill­spieß. So zählte die 55.000-Einwohner-Stadt Gör­litz im Jahr 2003 gerade ein­mal 1200 Aus­län­der, und fast die Hälfte davon stammt aus dem nahen Polen. Tür­ken? Ara­ber? Asia­ten? Süd­eu­ro­päer? Fehlanzeige!

Und noch ein letz­tes ent­geht dem Beob­ach­ter nicht: das hohe Alter der Bevöl­ke­rung. So braus­ten rei­hen­weise Rent­ner­wa­gen — Mann fährt, Frau dane­ben, beide weiß­haa­rig — an mei­nem aus­ge­streck­ten Dau­men vor­bei, als ich Gör­litz per Anhal­ter ver­las­sen wollte. Nicht umsonst haben Medien die Stadt Pen­si­o­no­po­lis getauft — auch weil allein bis 2007 mehr als 1000 Senio­ren aus dem Wes­ten dort­hin gezo­gen sind, um ihren Lebens­abend bei güns­ti­gen Lebens­hal­tungs­kos­ten zu genießen.

Der Osten: Alt? Leer? Ver­fal­len? Oder doch: Im Auf­bruch? Anpa­ckend? Hoff­nungs­froh? Da traue ich mir (noch) kein Urteil zu. Nur eines: Span­nend ist’s hier auf jeden Fall.

 

Hier noch ein paar Fotos aus Alten­burg, Gör­litz und Cottbus:

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Alten­burg: der Blick auf den wun­der­schön restau­rier­ten Markt­platz. Jedoch: Kommt man nachts hier­her, sieht man in kaum einem Ober­ge­schoss Licht — fast alle Woh­nun­gen ste­hen leer.

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Auch das ist Alten­burg: Hier stand frü­her ein Wohn­haus — inzwi­schen abge­ris­sen. Und das angren­zende Gebäude ist leer und verfallen.

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Alten­burg: Blick auf die gut erhal­tene Schloss­an­lage im Stadt­kern, die unter Kai­ser Fried­rich I. (Bar­ba­rossa) im 12. Jahr­hun­dert zur Kai­ser­pfalz aufstieg.

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Gör­litz: Wahr­zei­chen der Stadt ist die Pfarr­kir­che St. Peter und Paul mit der impo­san­ten Sonnen-Orgel im Innern. Sie ist nur eine von meh­re­ren sehens­wer­ten Kir­chen in der Innenstadt.

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Auch das ist Gör­litz: Läuft man von der pit­to­res­ken Innen­stadt einige Minu­ten in den Orts­teil Königs­hu­fen ist man als­bald von grau-tristen Plat­ten­bau­sied­lun­gen umgeben.

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Gör­litz: Blick auf den ehe­ma­li­gen Her­tie — wohl eines der schöns­ten Kauf­häu­ser Deutsch­lands. Der Haken: Der­zeit steht das Jugenstil­haus fast voll­stän­dig leer.

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Cott­bus: Im Uni-Viertel der Stadt taucht plötz­lich zwi­schen Plat­ten­bau­ten ein futu­ris­ti­sches Objekt auf — das Kom­mu­ni­ka­ti­ons– und Medi­en­zen­trum IKMZ. Es wurde von den Archi­tek­ten Her­zog & de Meu­ron ent­wor­fen, die auch hin­ter dem Vogel­nest in Peking und der Münch­ner Alli­anz Arena stehen.

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Auch das ist Cott­bus: Mit­ten in der Innen­stadt ragen plötz­lich mäch­tige Plat­ten­au­ten empor. Je wei­ter man sich von der City ent­fernt, desto häu­fi­ger wer­den die grauen Betonklötze.

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Cott­bus: Blick auf die eins­tige Tuch­fa­brik. Frü­her war die Stadt bekannt für ihre Tex­til­in­dus­trie; zudem gab es den Koh­le­bau. Doch mit der Wende brach die Indus­trie zusam­men und tau­sende Arbeits­plätze fie­len weg.

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In Cott­bus sind fast alle Stra­ßen­schil­der zwei­spra­chig — deutsch und sor­bisch. Denn in der Region leben noch etwa 60.000 Sor­ben, die in Deutsch­land als natio­nale Min­der­heit aner­kannt sind.

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Mrz 12, 2012 - Rezepte, Thüringen    9 Kommentare

Zum Nachkochen (2): Huckelkuchen

Ori­gi­nal Alten­bur­ger Huckelkuchen.

Weil’s so wenig braucht, weil’s so schnell geht, und weil’s so lecker schmeckt — hier das Rezept für einen ori­gi­nal Alten­bur­ger (Ost­thü­rin­gen) Huckelkuchen.

Der Brauch ver­langt es übri­gens, dass Braut­paare in der Hoch­zeits­nacht einen sol­chen Huckel­ku­chen im Bett mit der Faust zer­trüm­mern — und anhand der Bruch­teile lässt sich dann auf die Zahl der zu erwar­ten­den Kin­der schließen.

Zuta­ten

  • 6 Eigelb
  • 6 Ess­löf­fel Öl
  • 6 Ess­löf­fel Mehl
  • 6 Ess­löf­fel hoch­pro­zen­ti­ger Schnaps (Rum/Korn)
  • 1 Prise Backpulver
  • But­ter
  • Puder­zu­cker

Zube­rei­tung

  1. Eigelb, Öl, Mehl, Rum und Back­pul­ver zu einem Teig ver­men­gen und flach ausrollen
  2. Back­ofen auf 270 Grad (oder mög­lichst heiß) vorheizen
  3. Blech mit Teig für 5 Minu­ten in den Ofen — nun sollte der Alko­hol Wel­len schla­gend, daher die „Huckel“ im Kuchen
  4. Hei­ßen Kuchen groß­zü­gig mit But­ter bestrei­chen und danach noch groß­zü­gi­ger mit Puder­zu­cker bestreuen

Guten Appe­tit