Mai 18, 2012 - Niedersachsen    3 Kommentare

Beim Künstlertreff gibt’s Wurstebrot

Die unver­gess­li­chen Schla­ger­bar­den Cliff & Rexo­nah fan­den einst ihr ganz gro­ßes Glück in Osna­brück. Ganz so weit würde ich in mei­nem Fall nicht gehen — doch immer­hin habe ich in der nie­der­säch­si­schen Frie­dens­stadt der­art inter­es­sante Men­schen getrof­fen, dass ich dar­über in die­sem Blog ähnlich pene­trant berich­tet habe wie das Cliff & Rexonah’sche Gedu­del heute anmu­tet - ohne den vor­he­ri­gen Genuss von reich­lich Rauschmitteln.

Ein kur­zer Rückblick:

  • In Osna­brück traf ich den Jour­na­list Daniel Hop­kins, der als Extreme-Couch-Hopper in 80 Tagen auf 80 Cou­ches um die Welt gereist ist. Hier geht’s zu mei­nem Inter­view mit Daniel.
  • Daniel wie­derum hat über mei­nen Besuch in sei­nem Blog bei Stern.de berich­tet — unter dem schö­nen Titel „Des Couch­sur­fers Stopsel“
  • Und zuletzt hat Daniel auch noch für die Neue Osna­brü­cker Zei­tung eine Geschichte über meine Essens­reise geschrie­ben (mit klei­ner Bilderstrecke)

Als wäre all das noch nicht genug, habe ich nun auch meine wöchent­li­che Rei­se­ko­lumne beim Münch­ner Mer­kur den Osna­brü­cker Bekannt­schaf­ten gewid­met. Lese­freund­li­cher gibt’s den Text wie immer auf der Merkur-Homepage. Mehr Infor­ma­tio­nen zur Landkreis-Redaktion fin­det ihr auf deren Facebook-Seite.

 

Mai 16, 2012 - Hessen    Kein Kommentar

Occupy Grüne Soße

Kurz vor Mit­ter­nacht fällt die Ent­schei­dung — und die Sie­ger auf die Knie, von den Gefüh­len danie­der gedrückt. Oli­ver Weiß und Franco Somma vom Restau­rant „Gol­de­ner Apfel“ hei­ßen die Grüne-Soße-Champions 2012, gekürt vom Publi­kum beim Grüne Soße Fes­ti­val - jener ein­wö­chi­gen kul­tu­rel­len und kuli­na­ri­schen Extra­va­ganza, die sich allein um das Frank­fur­ter Natio­nal­ge­richt dreht.

Am Ende des vier­stün­di­gen Fina­les lie­gen sich die Gewin­ner in den Armen; die von Grüne Soße, Frei­bier und Frei­wein berausch­ten Gäste schun­keln im Takt, und auf der Bühne sin­gen Frank­fur­ter Künst­ler zur Melo­die von „Hey Jude“: Naaa, naa, naa, na-na-na-naa, na-na-na-naa, Grie Soß. (Erklä­rung für Nicht-Hessen: Grie Soß = Grüne Soße)

Ich könnte viele Worte ver­lie­ren über die­sen ebenso bizar­ren wie beein­dru­cken­den Abend. Statt­des­sen jedoch zeige ich lie­ber ein paar Bil­der — und mische diese mit mei­nen Auf­nah­men von einer ande­ren Ver­an­stal­tung, gerade ein­mal 500 Meter Luft­li­nie vom Fes­ti­val­ge­lände ent­fernt: das Lager von Occupy Frank­furt. Mit­ten im Her­zen des Ban­ken­vier­tels unter der sym­bolkräf­ti­gen Euro-Skulptur cam­pie­ren näm­lich immer noch ein paar Hart­ge­sot­tene, um die Machen­schaf­ten der Finanz­welt anzu­pran­gern und für eine gerech­tere Gesell­schaft zu protestieren.

In die­sem Sinne eine Foto­stre­cke unter dem Motto: Occupy Grüne Soße

1GSAussen

Am Roß­markt im Her­zen der Stadt steigt 2012 zum fünf­ten Mal das Grüne Soße Fes­ti­val. Eine Woche lang dreht sich dort alles um das Frank­fur­ter Natio­nal­ge­richt, das tra­di­tio­nell aus sie­ben Kräu­tern gemischt wird: Bor­retsch, Ker­bel, Kresse, Peter­si­lie, Pim­pi­nelle, Sau­er­amp­fer und Schnittlauch.

2_CampTotal

Nur etwa 500 Meter ent­fernt cam­pie­ren seit rund acht Mona­ten Anhän­ger der welt­wei­ten Occupy-Initiative. Ihre Zahl hat sich seit dem Höhe­punkt der Bewe­gung vor etwa einem hal­ben Jahr deut­lich redu­ziert, doch noch immer hal­ten rund 50 bis 60 Zelte die Stellung.

3_Bissenich

Tags­über kön­nen die Besu­cher auf dem Festival-Markt natür­lich diverse Grüne Soßen pro­bie­ren. Und lasst euch durch den däm­li­chen Gesichts­aus­druck nicht täu­schen: Rich­tig zube­rei­tet und haus­ge­macht schmeckt die kalte Kräu­ter­tunke auf Kar­tof­feln mit Ei hervorragend.

4_Stundenplan

So ein Occupy-Aktivist hat einen stren­gen Stun­den­plan: Tag für Tag sind Ver­an­stal­tun­gen — vom Arbeits­kreis Respekt bis zur wöchent­li­chen Voll­ver­samm­lung. Was gerade ansteht, ent­nimmt der Akti­vist dem Schwar­zen Brett am Camp-Eingang.

5_GSshow

Die Abend­ver­an­stal­tun­gen beim Grüne Soße Fes­ti­val sind dann eine Mischung aus Koch­wett­be­werb, Kaba­rett und Kon­zert. An die 500 Zuschauer fasst das Zelt; für 50 Euro das Ticket kön­nen sie die Show ver­fol­gen, die Grü­nen Soßen diver­ser Frank­fur­ter Köche ver­kos­ten — und bei kos­ten­freiem Bier und Wein dem Alko­hol kräf­tig zusagen.

6_Dalai_Spruch

Im Occupy-Camp gibt es auch ein Infor­ma­ti­ons­zelt, das bei unse­rem Besuch lei­der unbe­setzt war. Dafür fin­det der Suchende dort reich­lich weise Rat­schläge — etwa das Para­do­xon des Dalai Lamas.

7_7glaeser

Sie­ben Grüne Soßen.

8_Spruch

Zufäl­lig kom­men wir im Occupy-Camp mit einem Akti­vis­ten ins Gespräch, der das Lager nach meh­re­ren Mona­ten ent­täuscht ver­lässt. Sein Vor­wurf: „Wir haben es auf dem Höhe­punkt der media­len Auf­merk­sam­keit nicht geschafft, uns auf ein gemein­sa­mes Mini­mal­ziel zu eini­gen.“ Jetzt sei die Luft raus, die Zahl der ech­ten Akti­vis­ten geschrumpft und das Camp zu 80 Pro­zent von Obdach­lo­sen bewohnt, so seine Kri­tik. Eine Mini­mal­for­de­rung habe ich zwi­schen Blu­men­kü­beln entdeckt.

9_GlaeserKart

Zu den sie­ben Grü­nen Soßen wer­den tra­di­tio­nell Kar­tof­feln und hart­ge­kochte Eier gereicht. Doch wehe man fragt nach Salz — so wie es ein nai­ver Gast aus Mün­chen tat, der hier unge­nannt blei­ben soll. „Haben wir nicht“, faucht die sonst zucker­süße Bedie­nung. „Das würde den Geschmack der Final-Soßen verfälschen.“

10_Euro

Aug in Aug mit dem Feind: Die Occupy-Aktivisten haben ihr Camp unmit­tel­bar neben der Euro-Skulptur auf­ge­schla­gen, mit­ten im Her­zen des Frank­fur­ter Bankenviertels.

11_Rezept

Von den Fina­lis­ten wollte mir — ver­ständ­li­cher­weise — kei­ner sein Grüne-Soße-Rezept ver­ra­ten. Doch dank inves­ti­ga­ti­ver Recher­che bin ich doch noch an eines gekommen…

12_Zelt

Dem rich­ti­gen Rezept sind auch die Occupy-Aktivisten auf der Spur — jedoch nicht für schnöde Kräu­ter­soße, son­dern für eine bes­sere Welt. Denn auch wenn ein gemein­sa­mes Ziel fehlt, sind sich dort alle Akti­vis­ten einig: So wie es aktu­ell läuft, darf es nicht weitergehen.

Am Roßmarkt im Herzen der Stadt steigt 2012 zum fünften Mal das Grüne Soße Festival. Eine Woche lang dreht sich dort alles um das Frankfurter Nationalgericht, das traditionell aus sieben Kräutern gemischt wird:  Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch.Nur etwa 500 Meter entfernt campieren seit rund acht Monaten Anhänger der weltweiten Occupy-Initiative. Ihre Zahl hat sich seit dem Höhepunkt der Bewegung vor etwa einem halben Jahr deutlich reduziert, doch noch immer halten rund 50 bis 60 Zelte die Stellung.Tagsüber können die Besucher auf dem Festival-Markt natürlich diverse Grüne Soßen probieren. Und lasst euch durch den dämlichen Gesichtsausdruck nicht täuschen: Richtig zubereitet und hausgemacht schmeckt die kalte Kräutertunke auf Kartoffeln mit Ei hervorragend.So ein Occupy-Aktivist hat einen strengen Stundenplan: Tag für Tag sind Veranstaltungen - vom Arbeitskreis Respekt bis zur wöchentlichen Vollversammlung. Was gerade ansteht, entnimmt der Aktivist dem Schwarzen Brett am Camp-Eingang.Die Abendveranstaltungen beim Grüne Soße Festival sind dann eine Mischung aus Kochwettbewerb, Kabarett und Konzert. An die 500 Zuschauer fasst das Zelt; für 50 Euro das Ticket können sie die Show verfolgen, die Grünen Soßen diverser Frankfurter Köche verkosten - und bei kostenfreiem Bier und Wein dem Alkohol kräftig zusagen.Im Occupy-Camp gibt es auch ein Informationszelt, das bei unserem Besuch leider unbesetzt war. Dafür findet der Suchende dort reichlich weise Ratschläge - etwa das Paradoxon des Dalai Lamas.Sieben Grüne Soßen.Zufällig kommen wir im Occupy-Camp mit einem Aktivisten ins Gespräch, der das Lager nach mehreren Monaten enttäuscht verlässt. Sein Vorwurf: "Wir haben es auf dem Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit nicht geschafft, uns auf ein gemeinsames Minimalziel zu einigen." Jetzt sei die Luft raus, die Zahl der echten Aktivisten geschrumpft und das Camp zu 80 Prozent von Obdachlosen bewohnt, so seine Kritik. Eine Minimalforderung habe ich zwischen Blumenkübeln entdeckt.Zu den sieben Grünen Soßen werden traditionell Kartoffeln und hartgekochte Eier gereicht. Doch wehe man fragt nach Salz - so wie es ein naiver Gast aus München tat, der hier ungenannt bleiben soll. "Haben wir nicht", faucht die sonst zuckersüße Bedienung. "Das würde den Geschmack der Final-Soßen verfälschen."Aug in Aug mit dem Feind: Die Occupy-Aktivisten haben ihr Camp unmittelbar neben der Euro-Skulptur aufgeschlagen, mitten im Herzen des Frankfurter Bankenviertels.Von den Finalisten wollte mir - verständlicherweise - keiner sein Grüne-Soße-Rezept verraten. Doch dank investigativer Recherche bin ich doch noch an eines gekommen...Dem richtigen Rezept sind auch die Occupy-Aktivisten auf der Spur - jedoch nicht für schnöde Kräutersoße, sondern für eine bessere Welt. Denn auch wenn ein gemeinsames Ziel fehlt, sind sich dort alle Aktivisten einig: So wie es aktuell läuft, darf es nicht weitergehen.

Von diabolisch bis geheim: Schmankerl aus unbekannten Landen

Auf mei­ner Reise geht es mir um drei Dinge. Ers­tens: Essen! Auf Platz zwei: Essen! Und eben­falls nicht unwich­tig, drit­tens: Essen!

Das gesagt, freue ich mich auch über Begeg­nun­gen mit net­ten Men­schen, über aben­teu­er­li­che Rei­se­ge­schich­ten wie jüngst im aus­weg­lo­sen Saar­land und nicht zuletzt dar­über, dass ich end­lich mehr von Deutsch­land sehe.

Denn meine Hei­mat habe ich bis­lang sträf­lich ver­nach­läs­sigt: Hier mal eine Woche Ber­lin, einige Tage Ham­burg, Kurz­trips in den Harz oder nach Regens­burg und ein paar Besu­che in Dres­den — das war’s dann auch fast. Ansons­ten ver­irrte ich mich kaum ein­mal nörd­lich des Weißwurst-Äquators — bis zu mei­ner kuli­na­ri­schen Reise.

So habe ich unlängst gleich drei Pre­mie­ren bin­nen zehn Tagen gefei­ert: erst­mals im Ruhr­ge­biet, erst­mals in Rheinland-Pfalz, erst­mals im Saar­land. Und in allen drei Fäl­len habe ich mir eines fest vor­ge­nom­men: wie­der­zu­kom­men. Denn Land und Leute (zuge­ge­ben: auch das Essen) tau­gen alle­mal zu mehr als nur einer Drei-Tages-Stippvisite.

Begin­nen wir mit dem Ruhr­pott, fünf Mil­lio­nen Men­schen auf engs­tem Raum, eine Hand­voll zusam­men­ge­wach­se­ner Groß­städte, die mehr oder min­der am Struk­tur­wan­del knab­bern, für Fuß­ball bren­nen und hoch ver­schul­det sind. Zugleich gibt es dort nicht erst seit der RUHR.2010 (Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas) eine leben­dige Kul­tur­szene, meh­rere alter­na­tive Stadt­vier­tel und junge Men­schen, die etwas bewe­gen wollen.

Ich selbst will dort in ers­ter Linie eines: Essen — und damit ist nicht die Stadt gemeint. Von mei­ner Jagd nach der bes­ten Cur­ry­wurst im Pott habe ich bereits aus­führ­lich berich­tet. Für­der­hin steht ein echt tra­di­tio­nel­les Gericht auf mei­nem Spei­se­plan: Pfef­fer­pott­hast. Die­ser vor allem in Dort­mund popu­läre Ein­topf besteht aus ebenso viel Rind­fleisch wie Zwie­beln, dazu reich­lich Pfef­fer, und wird mit Kar­tof­feln und Essig­gur­ken serviert.

Ein Töpf­chen Pfef­fer­pott­hast mit Essiggurken.

Einen schmack­haf­ten Pfef­fer­pott­hast ver­speise ich in der Gast­stätte Zum Alten Markt — also an jenem Platz, wo die Dort­mun­der BVB-Fans zuletzt so regel­mä­ßig zum Jubeln zusam­men­ka­men. An sol­chen schwarz-gelben Fei­er­ta­gen ist übri­gens weni­ger Pfef­fer­pott­hast gefragt, son­dern eine andere Spe­zia­li­tät des Hau­ses: Dort­mun­der Salz­ku­chen. Die­ses Bröt­chen in Bagel­form wird dick mit Mett, Schwar­te­ma­gen oder Käse belegt — und ins Loch kom­men eine Hand­voll rohe Zwie­beln. „Am Heim­spie­len ver­kau­fen wir davon 500 bis 600 Stück“, ver­si­chert Betrei­ber Frank Jülich. „Die schme­cken her­vor­ra­gend und pas­sen ein­fach ideal zum Bier.“

Treff­punkt vie­ler BVB-Fans vor Heim­spie­len: die Gast­stätte Zum Alten Markt.

Vom Land der Bier­trin­ker reise ich wei­ter ins Land der Wein­schme­cker — nach Plat­ten, ein 900-Einwohner-Dorf nahe Witt­lich in einem Sei­ten­tal der Mosel. Das Örtchen emp­foh­len hat mir eine alte Schul­freun­din (Danke Eva!), die dort im Urlaub auf den Teu­fels­bra­ten gesto­ßen ist. Dabei han­delt es sich um gegrill­ten Schwei­nen­a­cken, der zuvor in Mosel­wein und einem spe­zi­el­len Teu­fels­bra­ten­ge­würz ein­ge­legt wird.

Schwei­nen­a­cken in Mosel­wein, Zwie­beln und spe­zi­el­len Gewür­zen ein­ge­legt: Das ist der Plat­te­ner Teufelsbraten.

Einen Haken aber hat die Sache: Trotz inten­si­ver Web-Recherche kann ich kein Gast­haus in Plat­ten fin­den, das mir einen Teu­fels­bra­ten ser­vie­ren würde. In mei­ner Not wende ich mich an die Gemeinde und erhalte zwei Tage spä­ter einen Anruf von einem gewis­sen Herr Kuh­nen. Er könne da etwas für mich orga­ni­sie­ren, erzählt er zu mei­ner gro­ßen Freude. Es gebe eine Win­ze­rin im Ort, die mir sicher gerne einen Teu­fels­bra­ten vor­set­zen würde. Ich bedanke mich über­schwäng­lich, lege auf und werfe sogleich einen Blick auf die Home­page von Plat­ten. Dort stellt sich zu mei­ner Über­ra­schung her­aus: Mein Herr Kuh­nen ist nicht etwa ein Mit­ar­bei­ter der Gemeinde, son­dern ihr Bürgermeister.

Drei Tage spä­ter sitze ich mit dem Orts­ober­haupt und der Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger in deren uri­gen Wein­kel­ler, nippe an einem deli­ka­ten Dorn­fel­der und kaue genüss­lich am zwei­ten Stück Teu­fels­bra­ten. Der Mosel­wein ist noch deut­lich zu erschme­cken, ebenso Pfef­fer; doch die genaue Zusam­men­set­zung der Würz­mi­schung wol­len meine Gast­ge­ber nicht preisgeben.

Dafür erzählt Alfons Kuh­nen jene Sage, die den inzwi­schen ver­stor­be­nen Heinz Her­ges in den Acht­zi­ger­jah­ren zur Erfin­dung des Teu­fels­bra­tens inspi­rierte. Dem­nach gab es vor 200 Jah­ren einen Wirt mit Namen „Däwel“, bei dem die Plat­te­ner stets nach dem Got­tes­dienst ein­kehr­ten. Dar­aus ent­wi­ckelte sich der Aus­druck „Bei dä Dei­wel (Teu­fel)“ in Plat­ten. Aus­führ­li­cher hat das Her­ges selbst ein­mal dem SWR erzählt — hier geht’s zum Mit­schnitt (zur Ver­fü­gung gestellt von Alfons Kuhnen).

Brut­zeln extra für den Gast aus Mün­chen Plat­te­ner Teu­fels­bra­ten: Win­ze­rin Luzia Böl­in­ger und Orts­bür­ger­meis­ter Alfons Kuhnen.

Doch so lecker Pfef­fer­pott­hast und Teu­fels­bra­ten waren — mit mei­nem Spei­se­plan im Saar­land kön­nen sie nicht mit­hal­ten. Dort gibt’s zunächst eben­falls Gegrill­tes, näm­lich den Schwenk­bra­ten — eine Art Iden­ti­täts­my­thos in der Region. „Der Rest der Welt grillt, doch der Saar­län­der schwenkt“, erklärt mir Klaus-Günter Koch, der in der Bau­ern­stube Saar­brü­cken seit mehr als 35 Jah­ren Schwei­nen­a­cken über dem Buchen­holz­feuer schaukelt.

Direkt aus dem Buchen­holz­rauch auf mei­nen Tel­ler: ein ori­gi­nal Saar­län­der Schwenkbraten.

Den Schwen­ker (der Grill) in der Bau­ern­stube hat der sym­pa­thi­sche 61-Jährige wie jeder echte Saar­län­der selbst gebaut — unter ande­rem aus dem Motor eines Beton­mi­schers. Pri­vat jedoch macht Koch einen gro­ßen Bogen um jedes Grill­feuer. „Ich stehe sechs Tage in der Woche sechs Stun­den lang im Fleisch­ge­ruch. Da esse ich daheim nicht auch noch Gegrill­tes, son­dern lie­ber vege­ta­risch.“ Und dann gibt mir Koch noch einen Satz mit auf den Weg, den mir — unge­lo­gen! — jeder Saar­län­der in ver­schwö­re­ri­schem Ton­fall zuflüs­tert: „Schwen­ker hat bei uns drei Bedeu­tun­gen. So heißt sowohl der Grill, als auch das Fleisch, als auch die Per­son am Feuer.“ Ergo: Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker. Noch was? Ach ja: Sehr, sehr lecker hat’s geschmeckt.

Der Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker schwenkt den Schwen­ker: In die­sem Fall Klaus-Günter Koch von der Bau­ern­stube Saarbrücken.

Was mich zum zwei­ten Saarland-Gericht bringt: dem Dib­belab­bes. Bevor ich lange Lobes­hym­nen auf die­sen knusp­ri­gen Kar­tof­felt­raum halte (und dabei die Tas­ta­tur hier im Inter­net­café unge­büh­rend bespei­chele), erkläre ich lie­ber kurz und sach­lich, was sich hin­ter die­sem herr­li­chen Namen ver­birgt: geras­pelte rohe Kar­tof­feln mit reich­lich Lauch, Dörr­fleisch und Ei — in der Pfanne durch ste­tes Wen­den von allen Sei­ten knusp­rig gebraten.

Das beste Dib­belab­bes in Saar­brü­cken bringt nach land­läu­fi­ger Mei­nung die Gast­stätte La Bas­tille auf den Tisch — und genau dort werde ich äußerst freund­lich vom Ehe­paar Gro­lier emp­fan­gen. (Am Rande bemerkt: Diese immense Gast­freund­schaft habe ich im Saar­land vie­ler­orts ange­trof­fen, auch wenn mein letz­ter Arti­kel anders inter­pre­tiert wer­den könnte…) Die Pfäl­ze­rin und der Fran­zose betrei­ben das Restau­rant mit fran­zö­si­schem Flair seit 20 Jah­ren — und ebenso lange ist Dib­belab­bes das Aus­hän­ge­schild und meist­be­stellte Gericht.

Das „La Bas­tille“ gilt als Hei­mat des bes­ten Dib­belab­bes in Saarbrücken.

Gerne ver­ra­ten wir Ihnen unser Rezept“, sagt Vic­tor Gro­lier, klopft mir freund­schaft­lich auf die Schul­ter und grinst schel­misch. „Bis auf zwei Zuta­ten. Die blei­ben geheim. Das ist wie bei der Coca-Cola-Rezeptur.“

Doch Gro­lier hat nicht mit einem weit­ge­reis­ten Gour­met wie mir gerech­net, mit mei­nem fei­nen Gau­men, mit mei­ner Erfah­rung in Sachen regio­nale Spe­zia­li­tä­ten. Und so knab­bere ich behut­sam am ers­ten Bis­sen, lasse die brei­ige Masse lang­sam über meine Geschmacks­knos­pen glei­ten. Es folgt ein freu­di­ger Schrei der Ent­zü­ckung, noch ein Bis­sen, ein zufrie­de­ner Seuf­zer, zwei wei­tere Bis­sen, jetzt mit Apfel­mus, ist das lecker!, schnell noch drei Bis­sen, ein Schlück­chen vom Wein, lieb­lich!, noch ein paar Bis­sen… und ehe ich’s ver­sehe, ist der Tel­ler leer, ich satt, zufrie­den — und ohne jed­wege Ahnung, was die ver­schwie­ge­nen Zuta­ten sein könnten.

Doch sei’s drum, so muss das Rezept (siehe unten) eben ohne das Haus­ge­heim­nis aus­kom­men. Ohne­hin wollte ich in die­ser Geschichte eigent­lich weni­ger übers Essen, son­dern viel­mehr über die Reize dreier mir bis­lang unbe­kann­ten Ecken Deutsch­lands berich­ten. Doch wenn ich den Text jetzt über­fliege, dann habe ich diese Vor­gabe unge­fähr so folg­sam ein­ge­hal­ten wie der­einst Adam & Eva das Apfel­ver­bot. Daher noch dies: Ruhr­pott = span­nend, Mosel = idyl­lisch, Saar­brü­cken = lie­bens­wert. Mehr nicht, man soll ja Prio­ri­tä­ten set­zen — und wo meine lie­gen, habe ich bereits zu Beginn dargelegt.

Knusp­ri­ger Kar­tof­felt­raum aus dem Saar­land: Dibbelabbes.

Zum Nach­ko­chen (15): Dibbelabbes

Zuta­ten:

  • 2 Kilo Kar­tof­feln (mehlig)
  • 2 Stan­gen Lauch
  • 250 Gramm Dörrfleisch
  • 2 Eier
  • Salz, Pfef­fer, Muskat
  • But­ter­schmalz zum Anbraten

Zube­rei­tung:

  1. Kar­tof­feln schä­len und fein reiben
  2. Eier und Lauch in fei­nen Rin­gen zu den Kar­tof­feln geben
  3. Hälfte des Dörr­fleischs wür­feln, eben­falls zur Kar­tof­fel­masse geben und mit Salz, Pfef­fer, Mus­kat kräf­tig abschmecken
  4. Andere Hälfte des Dörr­fleischs in einer hei­ßen Pfanne mit But­ter­schmalz knusp­rig anbraten
  5. Kar­tof­fel­masse in die Pfanne geben und ca. 20–30 Minu­ten bra­ten. Wich­tig: Stän­dig umschich­ten, damit sich auf allen Sei­ten eine Kruste bildet

Ser­viert wird Dib­belab­bes mit Apfel­mus (oder mit Salat).

Guten Appe­tit!

Mai 11, 2012 - Hessen, Reiseleben, Saarland    12 Kommentare

Dummheit tut weh

Nette Auto­fah­rer. Das wäre heute hilf­reich gewe­sen — ers­tens. Zwei­tens: etwas weni­ger Dumm­heit auf mei­ner Seite. Drit­tens eben­falls nicht zur Hand, obgleich drin­gend nötig: eine Son­nen­creme. Vier­tens: weni­ger Dumm­heit, fünf­tens: das rich­tige Gepäck und schließ­lich sechs­tens: weni­ger Dummheit.

Da jedoch die­ses halbe Dut­zend mir am heu­ti­gen Tag so schmerz­lich abgeht wie einem rei­sen­den Bay­ern eine ordent­li­che Bre­zen — daher also sitze ich jetzt ent­kräf­tet, ver­brannt und frus­triert in einer Bäcke­rei in Kai­sers­lau­tern und warte auf meine Mit­fahr­ge­le­gen­heit nach Frank­furt. Mit­fahr­ge­le­gen­heit? Ja, denn nach gut sie­ben Stun­den und mage­ren 36 Kilo­me­tern habe ich mei­nen  Anhal­ter­dau­men für heute in den Fei­er­abend geschickt.

Dabei ver­lange ich kei­nes­wegs Unmög­li­ches von ihm, als mein Anhal­ter­tag heute um neun Uhr in Saar­brü­cken star­tet. Das Ziel: Frank­furt — laut Google Maps gerade ein­mal ein 184 Kilo­me­ter lan­ger Kat­zen­sprung. Im Geiste sehe ich mich schon um die Mit­tags­zeit in Hes­sen, wäh­rend ich den ers­ten Autos gut gelaunt mei­nen Dau­men entgegenstrecke. 

600 vor­bei­don­nernde Fahr­zeuge und zwei Stun­den spä­ter ist meine Laune rezi­prok pro­por­tio­nal zur Außen­tem­pe­ra­tur gefal­len. Will hei­ßen: Wäh­rend mein Gemüts­zu­stand im Per­ma­frost bib­bert, treibt mir die bren­nende Sonne Schweiß­per­len auf die Stirn. Son­nen­creme? Ja, das wäre jetzt nicht schlecht. Ebenso wie eine kurze Hose. Statt­des­sen habe ich dicke Socken und die lange Unter­buxe im Ruck­sack, der oben­drein von aller­lei Nutz­lo­sem beschwert wird — doch dazu spä­ter mehr.

Denn zunächst naht Ret­tung in Gestalt einer net­ten Rus­sin, die mir einen Lift nach Neunkirchen/Saar anbie­tet. Einen flüch­ti­gen Blick auf die Karte gewor­fen: Ja, das liegt irgendwo im Nord­os­ten von Saar­brü­cken, ten­den­zi­ell Rich­tung Frank­furt, also hopps eingestiegen.

Erst in Neun­kir­chen — 20 Minu­ten und eine nette Unter­hal­tung spä­ter — stu­diere ich die Karte genauer und muss ent­de­cken: Statt wie erhofft an der A6 Rich­tung Kai­sers­lau­tern stehe ich an der A8. Bedeu­tet: Erst über das nahe Kreuz käme ich auf die gewünschte Auto­bahn. Doch damit nicht genug: Auch die Auf­fahrt in Neun­kir­chen erweist sich für Anhal­ter als so prak­tisch wie eine Blei­weste als Schwimmhilfe. 

Und so brüte ich erst eine halbe Stunde ver­geb­lich in der Sonne — kein ein­zi­ges Auto hält. Dann ver­su­che ich mein Glück an der nahen Tank­stelle mit direk­tem Anspre­chen — doch nie­mand fährt in meine Rich­tung (oder will einen ver­schwitz­ten und inzwi­schen wohl auch müf­feln­den Tram­per in sei­nem Wagen). Ent­nervt stelle ich mich schließ­lich an die Land­straße und hoffe über die­sen Umweg schnel­ler auf die A6 zu gelangen.

Dies­mal habe ich zum Glück einen Schat­ten­platz, doch inzwi­schen sind die Tem­pe­ra­tu­ren der­art geklet­tert, dass mir den­noch Schweiß­bä­che den Rücken hin­un­ter­rin­nen. Wohl auch, weil erneut ein paar Hun­dert Auto­fah­rer mit regungs­lo­sem Gesicht an mei­nem Dau­men vor­bei­bret­tern. Was ist nur mit den Saar­län­dern los, die ich bis­her als so herz­lich und hilfs­be­reit ken­nen­ge­lernt habe?

Dann end­lich stoppt ein Wagen. Und auch wenn ich nur zwei Hand­voll Saar­län­der kenne, wage ich zu behaup­ten: In Sachen Ver­rückt­heit gehört die­ser etwa 45-jährige Mann zur abso­lu­ten Elite des Lan­des. Gerade ein­mal acht Minu­ten sitze ich sei­nem Auto, doch das ist genug für ihn, um zunächst drei geschmack­lose Witze über Homo­se­xu­elle zu rei­ßen. Und dann einen Schwank aus sei­nem Lie­bes­le­ben zu erzäh­len, wobei es irgend­wie um Gum­mi­dil­dos, drei Nym­pho­ma­nin­nen, seine Spiel­sucht und Poli­zei­raz­zien geht. Ein Glück habe ich so meine Pro­bleme mit dem saar­län­di­schen Akzent, sodass mir der grö­ßere Zusam­men­hang des wir­ren Gefa­sels erspart bleibt. Und so nicke ich nur mono­ton, wäh­rend er von Fot­zen, Schwän­zen und Oral­sex schwa­dro­niert — in einem Ton, als berichte er vom jüngs­ten Familienausflug.

So, hier musst du raus!“, sagt’s, schubst mich bei­nahe vom Bei­fah­rer­sitz und braust davon. Erst der Blick aufs Handy ver­rät mir: Ich bin in Lim­bach, immer noch im Saar­land, immer­hin aber nahe der Auf­fahrt zur A6. Und so schul­tere ich mei­nen Ruck­sack und stapfe durch den Ort. Ach ja, habe ich erwähnt, dass es 35 Grad im Schat­ten hat? Und dass ein 20-Kilo-Rucksack auf dem Rücken die gefühlte Tem­pe­ra­tur locker noch ein­mal um fünf­zehn Grad erhöht?

An einer Kreu­zung recke ich erneut mei­nen Dau­men in die Luft — und bin fast über­rascht, dass es dies­mal nur 15 Minu­ten dau­ert, ehe ein jun­ger Bur­sche anhält. „Zur Auto­bahn­auf­fahrt? Ja, da kann ich dich hin­brin­gen.“ Erleich­tert sacke ich in den Bei­fah­rer­sitz und ver­su­che das üble Bren­nen in Gesicht und Nacken zu igno­rie­ren. Sollte die­ser grau­en­volle Tag doch noch ein gutes Ende fin­den? (Du, lie­ber und auf­merk­sa­mer Leser, kennst die Ant­wort bereits aus der Ein­gangs­se­quenz: Nein!)

Direkt an der Auto­bahn­auf­fahrt lässt mich der Junge unter einer Brü­cke aus­stei­gen. „Da hast du sogar Schat­ten“, sagt er zum Abschied. Ich nicke erleich­tert, winke ihm nach, drehe mich um, bli­cke auf das Auto­bahn­schild — und lasse im nächs­ten Moment einen Wut­schrei los, als hätte mir ein Arzt eröff­net, dass ich all­er­gisch gegen Scho­ko­lade sei. Denn: Ich stehe nicht etwa an der A6, son­dern wie­der an der A8! Heißt: In den letz­ten drei Stun­den habe ich einen gro­ßen Bogen ums Auto­bahn­kreuz gezo­gen, nur um jetzt erneut an der fal­schen Auto­bahn zu ste­hen. Und pas­send dazu bret­tern die Autos mit 70 Stun­den­ki­lo­me­tern auf die Auf­fahrt zu — Anhal­ter­chance gleich null.

Als ich ein wei­te­res Mal den Ruck­sack schul­tere, ist mir nach lau­tem, aus­gie­bi­gem Flu­chen zumute — allein mir fehlt die Kraft. Das War­ten, die Sonne, der Irre, der Durst und die Dumm­heit: Sie haben mich der­art aus­ge­zehrt, dass ich nur stumm wei­ter stapfe, wei­ter schwitze, wei­ter leide. Da taucht in der Ferne eine Bus­hal­te­stelle auf; eine halbe Stunde spä­ter stehe ich am Bahn­hof von Hom­burg. Vor sie­ben Stun­den bin ich in Saar­brü­cken auf­ge­bro­chen — und noch immer im klei­nen Saarland. 

Ein letz­tes Mal wider­stehe ich dem ver­lo­cken­den Schnell­zug nach Kai­sers­lau­tern und schleppe mei­nen Ruck­sack und mich 20 Minu­ten lang zur Orts­aus­fahrt­straße. Von hier — so ver­heißt es die Karte — soll­ten die Chan­cen groß sein, einen Lift auf die A6 zu bekom­men. Denke ich. Doch das Den­ken ist (an die­sem Tag) nicht meine Stärke. Tat­säch­lich ent­puppt sich die Straße als zwei­spu­ri­ges Mons­trum — weit und breit keine Hal­te­bucht, weit und breit kein Schatten. 

Dafür bin ich kom­plett durch­ge­schwitzt, hum­mer­rot und erle­digt, als ich 45 Minu­ten spä­ter im Zug sitze. In Kai­sers­lau­tern ange­kom­men, krame ich meine Stra­ßen­karte noch nicht mal aus dem Ruck­sack. Statt­des­sen greife ich zum Handy und arran­giere eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit nach Frankfurt. 

Die Zeit bis zur Abfahrt über­brü­cke ich in einer Bäcke­rei am Bahn­hof. Dort schütte ich Was­ser um Was­ser in mich hin­ein und tippe diese Zei­len. Und auch wenn ihr’s nicht glau­ben wer­det: Gerade als ich mir Gedan­ken um das pas­sende Ende die­ser Geschichte mache, ertönt im Radio ein Lied von Xavier Nai­doo: „Die­ser Weg wird kein leich­ter sein.“ 

Mai 10, 2012 - Niedersachsen, Rezepte    1 Kommentar

Im Land der sonderbaren Ostfriesen

Das Otto-Huus in Emden ehrt den wohl bekann­tes­ten Ost­frie­sen: Otto Waalkes.

Ich kenne nahezu jeden Witz, könnte vie­les Wort für Wort mit­spre­chen, sogar die Satz­me­lo­die habe ich über die Jahre nicht ver­ges­sen. Kurzum: Es ist erschre­ckend. Sehr sogar. Und ein Stück weit pein­lich. Dass ich so etwas in mei­ner Jugend tat­säch­lich lus­tig fand!

Eine Mischung aus Fas­zi­na­tion und Scham steigt in mir auf, wäh­rend ich alleine in die­sem Mini-Kino sitze und gebannt ver­folge, was da über die Lein­wand fla­ckert: Otto Waal­kes, in Schleife, eine Best-of-DVD mit Auf­trit­ten aus ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahr­zehn­ten. Otto spielt fla­che Sket­che, Otto reißt nive­auf­reie Kalauer, Otto träl­lert grau­en­volle Lied­chen — und die Zuschauer schüt­teln sich vor lachen. So wie ich mich damals schüt­telte, als ich Otto Anfang der Neun­zi­ger­jahre für den lus­tigs­ten Men­schen der Welt hielt. Und „Otto — Der Außer­frie­si­sche“ für ein Werk voll­en­de­ter Filmkunst.

Inzwi­schen hat sich das glück­li­cher­weise geän­dert — und doch kann ich bei mei­nem Besuch in Emden das Otto-Huus nicht ein­fach unbe­se­hen links lie­gen las­sen. Ein gan­zes Museum nur für Otto Waal­kes? Hatte der Fah­rer, der mich in Olden­burg auf­ge­ga­belt hat, etwa doch Recht mit sei­ner War­nung: „Du willst nach Ost­fries­land? Da musst du auf­pas­sen. Die Leute dort sind komisch!“

Nach vier Tagen Ost­fries­land habe ich mir ein eige­nes Bild von die­sem Land­strich und den Men­schen dort gemacht — und bin um zwei Erkennt­nisse rei­cher. Ers­tens: Das Otto-Huus ver­dient den Namen Museum nicht wirk­lich; viel­mehr ist es ein Sou­ve­nir­shop, dem ein Raum mit Requi­si­ten aus diver­sen Otto-Filmen sowie das ange­spro­chene Mini-Kino ange­glie­dert ist. Und zwei­tens: Ost­frie­sen sind tat­säch­lich son­der­bar — und das in zwei­er­lei Hinsicht.

Wel­che Eigen­ar­ten das sind, steht in mei­ner jüngs­ten Reise-Kolumne für den Münch­ner  Mer­kur. Lese­freund­li­cher gibt es den Arti­kel auf der Merkur-Webseite (oder auf das unten ste­hende Bild kli­cken). Auch dies­mal will ich nicht ver­säu­men, in die­sem Zusam­men­hang auf die Facebook-Seite der Landkreis-Redaktion hinzuweisen.

Zum Nach­ko­chen (14): Mehl­pütt mit Vanil­le­soße

Und weil’s so lecker war, hier noch das Rezept für Mehl­pütt, das ich hier mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung von Ines Kor­des vom Kul­tur­café Emden im Pel­zer­haus ver­öf­fent­li­che.

a) Mehl­pütt

Zuta­ten:

  • 30 Gramm Hefe
  • 1 Tee­löf­fel Zucker
  • 4 Ess­löf­fel Milch
  • 800 Gramm Mehl
  • 3 Eier
  • 05, Liter Milch
  • 1 Eßlöf­fel Schmalz (oder Butter)
  • 1 Prise Salz

Zube­rei­tung:

  1. Hefe mit Zucker und lau­war­mer Milch verrühren
  2. Mehl in eine Schüs­sel geben und lau­warme Milch, Eier, Schmalz (But­ter), Salz und Hefe vermengen
  3. Tüch­tig kneten
  4. Teig auf ein bemehl­tes Tuch legen und abde­cken (Teig sollte ca 1 Stunde aufgehen)
  5. Teig mit einem Tuch lose unter einen Topf­de­ckel bin­den und über dem Was­ser­dampf etwa 45 Minu­ten garen las­sen (Wich­tig: Der Pütt darf nicht im Was­ser hängen!)

(Rezept aus dem Ost­frie­si­schem Koch­buch von Anne­lene von der Haar)

b) Vanil­le­soße

Zuta­ten:

  • 1 Liter Milch
  • 125 Gramm Zucker
  • 1Vanillescote
  • 4 Eigelb
  • 20 Gramm Speisestärke

Zube­rei­tung:

  1. Spei­se­stärke mit etwas Milch anrühren
  2. Eigelb dazu geben und bei­des gut mit­ein­an­der vermengen
  3. Vanil­le­schote aus­krat­zen und alles mit der Milch und dem Zucker zum Kochen bringen
  4. Speisestärke/Eigelbmasse dazu­ge­ben und noch ein­mal auf­ko­chen lassen

(Rezept Ines Kordes)

Guten Appe­tit!

Ebenso süß wie lecker: Mehl­pütt mit Vanil­le­soße und Birnen.

Ines Kor­des, Küchen­che­fin im Kul­tur­café Emden, kocht Mehl­pütt. Die­ser Hefe­kloß wird im Was­ser­dampf gegart und ist ein tra­di­tio­nel­les ost­frie­si­sches Gericht.

Die Lei­te­rin des Tee­mu­se­ums in Leer, Celia Hübl, wiegt Tee­blät­ter ab. Neben ihr steht die Menge an Tee, die ein Ost­friese durch­schnitt­lich im Jahr trinkt: genug für 300 Liter.

Interviews im Dutzend (3): Der Stern am Currywurst-Himmel

Rai­mund Osten­dorp vor sei­nem Profi-Grill in Bochum-Wattenscheid.

Die Reise zum meist­por­trä­tier­ten Cur­ry­wurst­bra­ter führt aus­ge­rech­net nach Bochum-Wattenscheid — ein Vier­tel mit dem Charme eines Welt­kriegs­bun­kers. Dort betreibt Rai­mund Osten­dorp sei­nen Profi-Grill, brut­zelt Würste, frit­tiert Pom­mes und emp­fängt Jour­na­lis­ten. Von Ber­li­ner Zei­tung bis WDR, von Kabel1 bis zu der japa­ni­schen Zei­tung Kahoku Shimpō: Alle haben sie geschrie­ben über den frus­trier­ten Ster­ne­koch, der sein Glück in der Imbiss­bude fand. Eine ver­lo­ckende Story — und oben­drein erzählt der 43-Jährige sie ebenso gerne wie gekonnt.

Dass Osten­dorp schon vor 21 Jah­ren sei­nen Job im Düs­sel­dor­fer Sterne-Restaurant Schiff­chen an den Nagel gehängt hat; dass er dort Demi Chef de Par­tie war und nicht etwa bes­tern­ter Chef­koch — das ver­ste­cken Schrei­ber­linge gern im Neben­satz. So auch ich, denn eines steht außer Frage: Die Qua­li­tät von Osten­dorps Cur­ry­wurst, sei­nen haus­ge­mach­ten Soßen, von Pom­mes und Schnit­zel sucht ihres­glei­chen. Ein Dut­zend Fra­gen an den Profi-Griller — und Marketing-Profi.

 

Die Tür ist noch nicht zuge­fal­len, da hat mich Rai­mund Osten­dorp bereits erblickt. „Das muss der Jour­na­list sein!“, ruft er über die Theke. „Siehst schon aus wie so ein jun­ger Goe­the auf Rei­sen.“ Ist das ein Kom­pli­ment? Eine Belei­di­gung? Erst nach mei­nem Besuch werde ich wis­sen: Sol­cher­art Sprü­che hat der Inha­ber des Profi-Grills mehr auf Lager als am Tag Cur­ry­würste über sei­nen Tre­sen gehen. Und das sind nicht wenige. Der Ruf vom Ster­ne­koch in der Imbiss­bude lockt die Mas­sen an — vom Hart­zer bis zum Thyssen-Krupp-Manager. Auch jetzt ist der Laden rap­pel­voll; den­noch wird sich Osten­dorp fast eine Stunde Zeit neh­men für den Aushilfs-Goethe. Wohlan, so las­set ihn erklä­ren, was die Cur­ry­wurst im Inners­ten zusammenhält.

1. Wel­ches Gericht sollte jeder Imbiss auf der Karte haben?

Rai­mund Osten­dorp: Cur­ry­wurst, Schasch­lik, Fri­ka­delle, Schnitzel.

2. Was ver­mis­sen Sie aus Ihrer Zeit im „Schiffchen“?

Osten­dorp: Die medi­ter­rane Küche, fri­schen Fisch und Gerichte wie Kalbs­bries oder Gänsestopfleber.

3. Wie moti­vie­ren Sie sich Tag für Tag in Ihre Imbiss­bude zu kommen?

Osten­dorp: Das ist ganz ein­fach die Freude an mei­nen Pro­duk­ten — und an den Leu­ten, die hier­her kom­men. Nach 21 Jah­ren macht mir das immer noch so viel Spaß wie am ers­ten Tag. Ich kann gar nicht glau­ben, dass ich das schon so lange mache. Mir kommt’s eher vor wie fünf Jahre. Höchstens.

Wir ste­hen vor dem Profi-Grill, am wei­ßen Bis­tro­tisch, Autos don­nern vor­bei. Alle zwan­zig Sekun­den hebt Osten­dorp die rechte Hand. Erst jetzt wird mir klar: Er grüßt Auto­fah­rer. Ebenso Rad­fah­rer. Und alle Pas­san­ten in Ruf­weite. Zwei, drei Sätze übers Wet­ter, übers Vier­tel, übers Essen — der Mann ist im Schna­cken so ver­siert wie im Schnit­zel­bra­ten. Und in Inter­views — so locker wie er meine Fra­gen ver­speist. Ver­su­chen wir’s also mit einer neuen Tak­tik: provozieren.

4. Wie steht es um Ihren Traum, ein eige­nes Edel-Restaurant aufzumachen?

Osten­dorp: Daran denke ich an kei­nem ein­zi­gen Tag. Da würde ich noch nicht mal halb so viel Bestä­ti­gung und Aner­ken­nung bekom­men wie hier. Im Profi-Grill koche ich nicht für irgend­wel­che Restau­rant­kri­ti­ker, son­dern für meine Kun­den. Und die zei­gen, dass es ihnen schmeckt, indem sie immer wie­der­kom­men. Außer­dem sag ich: Lie­ber Ers­ter in der zwei­ten Liga als in der ers­ten Liga im Mittelfeld.

5. Essen Sie selbst noch in Ihrem Imbiss?

Osten­dorp: Natür­lich, und das mehr­mals in der Woche. Ich muss ja wis­sen, wie die Sachen schme­cken, die ich ver­kaufe. Außer­dem mische ich jeden Mor­gen die Soßen selbst, und die muss ich probieren.

6. Wie sieht der typi­sche Gast im Profi Grill aus?

Osten­dorp: Den typi­schen Gast gibt es nicht. Hier essen Stu­den­ten genauso wie Por­sche­fah­rer — da kom­men alle Schich­ten. Wir reprä­sen­tie­ren hier sozu­sa­gen das Ruhr­ge­biet. Warte, schreib das so: vom Vor­stands­vor­sit­zen­den bis zum Vaga­bund. Ja, das ist ein guter Satz. Nicht schlecht, was ich manch­mal für Spru­che raus­haue, oder?

Osten­dorp will mir gerade noch ein paar wei­ter Kost­pro­ben geben — doch da hält er plötz­lich inne. Mit offe­nem Mund blickt er einem Trak­tor hin­ter­her, der an uns vor­bei­tu­ckert. Vor Stau­nen ver­gisst Osten­dorp sogar die rechte Gruß­hand wie­der zu sen­ken. „Das war mein Nach­bar“, mur­melt er ver­dat­tert. „Hat der sich wirk­lich einen Tre­cker gekauft“. Jetzt schnell: Nut­zen wir die Ver­wir­rung zu die­ser Frage…

7. Als Besit­zer einer Imbiss­bude: Wird man reich oder glücklich?

Osten­dorp: Ich sag’s mal so: Man kann sein Glück selbst gestalten…

Ver­dammt! Das ist eine cle­vere Ant­wort. Keine Spur von Verwirrung.

Osten­dorp: … und den Laden hier habe ich vor 21 Jah­ren für 80.000 Mark gekauft. Damals lag die Miete bei 500 Mark, heute zahle ich 500 Euro.

Also doch reich. Oder nicht? Egal, weg von Glück und Geld, zurück zu wirk­lich wich­ti­gen Din­gen: dem Mythos Currywurst.

8. Warum lie­ben wir Deut­sche die Cur­ry­wurst so innig?

Osten­dorp: Lus­tig, dass Sie das fra­gen: Letzte Woche hat mich einer von der F.A.Z. ange­ru­fen, weil er ein paar Fra­gen zur Cur­ry­wurst hatte. Da ging’s um die­ses Wahl­pla­kat: ‚Cur­ry­wurst ist SPD‘…

Osten­dorp grinst, ich grinse, Osten­dorp lacht, ich lache, seine rechte Gruß­hand geht nach oben, er dreht sich um, ver­schwin­det im Laden, kommt raus, grüßt den nächs­ten und wen­det sich wie­der dem immer noch grin­sen­den Möchtegern-Goethe zu.

Osten­dorp: Wo waren wir? Ach ja, Cur­ry­wurst. Also: Die Cur­ry­wurst ist bei uns Kul­tur­gut, ein sym­pa­thi­sches Gericht, das sich jeder leis­ten kann. Die Cur­ry­wurst steht für Soli­da­ri­tät. Ja, sie ist ein soli­da­ri­sches Gericht.

9. Wie erkenne ich eine gute Currywurst?

Osten­dorp: Natür­lich am Geschmack. Und beim Bra­ten: Eine gute Cur­ry­wurst sollte auf dem Grill ihre Grund­form behal­ten und nicht runz­lig werden.

10. Warum wis­sen wir Deut­sche gutes Essen nicht zu schätzen?

Osten­dorp: Weil Deut­sche mehr Wert auf Äußer­lich­kei­ten legen, auf ein schnel­les Auto, auf schi­cke Kla­mot­ten. Was einer isst, sieht dage­gen kei­ner, weil das in der Regel drin­nen gemacht wird. Des­halb ist es den Deut­schen nicht so wichtig.

11. Wie oft kommt Ihr treu­es­ter Stammgast?

Osten­dorp: Einer kommt jeden Tag. Immer um elf Uhr. Der bestellt Fri­ka­del­len mit Soße und Pom­mes, trinkt drei Kaf­fee, zahlt 6,70 Euro und geht wie­der. Jeden Tag!

12. Wie erkenne ich eine gute Imbissbude?

Osten­dorp: Am Geruch. Wenn’s muf­fig und nach altem Fett riecht, ist das schlecht. Ich schaue mir auch immer die Spei­se­karte an: Je weni­ger Gerichte drauf ste­hen, desto besser.

„War’s das?“ — „Ja, das war’s.“ Osten­dorp ver­ab­schie­det sich hin­ter den Grill — und ich mich an einen der Tische. Goe­the hat aus­ge­dient, jetzt ist Lucul­lus am Zug. Fünf Minu­ten spä­ter ste­hen Cur­ry­wurst­pom­mes­majo vor mir. Auf einem Tel­ler, wohl gemerkt, dazu rich­ti­ges Besteck — nichts da mit Pappe und Piek­ser. Doch nur kurz grü­bele ich, wie viel Ster­ne­kü­che nun wirk­lich in die­ser Imbiss­bude steckt. Dann ist die Frage ebenso ver­ges­sen wie Osten­dorp, wie die drän­geln­den Men­schen um mich herum, wie meine Reise, wie mein Buch. Dann gibt es nur noch die Cur­ry­wurst und mich. Und Goe­the: Ver­weile Augen­blick, du bist so schön!

So sieht sie aus, die Ostendorp’sche Cur­ry­wurst — an der Seite von Pommes.

Zum Nach­ko­chen (13): Cur­ry­wurst à la Ostendorp

Zuta­ten:

  • 4 Brat­würste
  • eine Dose Tomaten
  • 200 Gramm Tomatenmark
  • 60 Gramm Bratenfond
  • 40 Gramm mit­tel­schar­fer Senf
  • 750 Mil­li­li­ter Wasser
  • 30 Gramm Zucker
  • 15 Gramm Salz
  • 1 Ess­löf­fel Currypulver
  • 1 Ess­löf­fel schar­fes Paprikapulver
  • 1 Tee­löf­fel Papri­ka­pul­ver edelsüß
  • eine Prise Muskatnuss
  • 50 Gramm Speisestärke

Zube­rei­tung

  1. Alles bis auf die Würste und die Spei­se­stärke zusam­men aufkochen
  2. Die Stärke mit etwas Was­ser ver­rüh­ren und damit die Sauce binden
  3. Die Würste mehr­mals leicht quer ein­schnei­den und in einer Pfanne bei mitt­le­rer Hitze für etwa fünf bis acht hell­braun braten
  4. Zum Ser­vie­ren in Schei­ben schnei­den, mit der Sauce über­gie­ßen und mit etwas Cur­ry­pul­ver bestreuen

(Das Rezept ver­öf­fent­li­che ich hier mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Rai­mund Osten­dorp, Inha­ber des Profi-Grills in Bochum-Wattenscheid.)

 

Des Grö­ne­mey­ers Wurst

Die Imbiss­bude und der Ster­ne­koch — so lau­tet die eine Cur­ry­wurst­saga, die in und um Bochum erzählt wird (siehe oben). Geschichte Num­mer zwei ist ebenso ein­gän­gig wie sim­pel: die Bude von Grönemeyer.

Zwar hat Her­bert Arthur Wiglev Cla­mor Grö­ne­meyer — so sein vol­ler Name — selbst nie einen Imbiss beses­sen, noch ist der in Bochum auf­ge­wach­sene Sän­ger ein beson­de­rer Fan der Cur­ry­wurst. Doch der Mythos hat es, dass Grö­ne­meyer einst mit sei­nen ehe­ma­li­gen Kol­le­gen am Bochu­mer Schau­spiel­haus Diet­her Krebs und Jür­gen Trie­bel an einem Imbiss auf seine Wurst war­tete, und das Trio in die­ser Zeit zu dem Song Cur­ry­wurst inspi­riert wurde.

Die betref­fende Bude steht direkt auf der Aus­geh­meile Ber­mu­da­drei­eck, ser­viert nach gän­gi­ger Mei­nung die beste Cur­ry­wurst Bochums, zieht angeb­lich mehr Tou­ris­ten an als alle ande­ren Sehens­wür­dig­kei­ten der Stadt und ist weit­hin bekannt unter dem Namen Dön­ninghaus — obwohl sie eigent­lich Brat­wurst­haus heißt (die Metz­ge­rei Dön­ninghaus lie­fert ledig­lich die Wurst).

Bei mei­nem Tref­fen mit der net­ten Inha­be­rin Lore Schoett­ler und ihrem Mann erfahre ich viel über die Geschichte der Imbiss­bude, den Fak­tor Grö­ne­meyer und die deut­sche Imbiss­kul­tur im All­ge­mei­nen. An die­ser Stelle nur meine drei Lieb­lings­sätze aus unse­rem Gespräch:

  • Das Grönemeyer-Lied ist für uns beste Wer­bung. Die Leute gehen schließ­lich nicht zu der Imbiss­bude im Ber­mu­da­drei­eck, son­dern zur Grönemeyer-Bude.
  • Ich finde das Currywurst-Lied von Grö­ne­meyer grau­sam. Das ist so was von pri­mi­tiv. Ein­fach schrecklich.
  • Ich selbst esse höchs­tens ein mal im Jahr Cur­ry­wurst. Mir ist das viel zu schwer und fettig.

Natür­lich habe ich auch im Brat­wurst­haus eine Cur­ry­wurst­pom­mes­majo geges­sen. Wie’s war? Lecker! Sehr lecker sogar. Bes­ser als beim Profi-Grill? Nein. Aber auch nicht schlech­ter. Anders. Das auf jeden Fall.

Und so nehme ich aus Bochum mit: zwei leckere Cur­ry­würste und zwei prima Geschich­ten. Denn wie sang schon Grö­ne­meyer: „Mit Pom­mes dabei/Ach, dann gebense gleich zwei-/mal Currywurst.“

 

Interviews im Dutzend (2): Extreme-Couch-Hopper

Daniel berich­tet vom Strand der Pazi­fik­in­sel Raro­tonga. Im Vor­der­grund rechts: das schlech­teste Bier der Welt.

Nutzt Couch­sur­fing und spart Geld!“ Es ist die­ser Satz aus dem Mund eines TV-Moderators, der die unglaub­li­che Geschichte des Daniel Hop­kins‘ ins Rol­len bringt. Die Aus­sage steht im kras­sen Wider­spruch zum Leit­ge­dan­ken des welt­wei­ten Netz­werks — und das will der Jour­na­list aus Osna­brück bewei­sen. Seine Idee: eine Reise um die Welt in 80 Tagen — auf 80 Couches.

Hop­kins holt die Flug­ge­sell­schaft Star Alli­ance ins Boot, bekommt die Flüge bezahlt, berich­tet in Stern-Blog und Neuer Osna­brü­cker Zei­tung. In 80 Tagen reist er durch 34 Städte, 21 Län­der und 5 Kon­ti­nente, ver­bringt 80 Sofa­nächte bei Couch­sur­fern aus aller Welt. So einer hat viel zu erzäh­len — über den Geschmack von leben­den Maden, ekel­er­re­gen­des Bier in der Süd­see und einen ver­füh­re­ri­schen Geburtstag.

Eine Gar­ten­laube in Osna­brück, der Brun­nen plät­schert, die Vögel zwit­schern, es däm­mert. Plopp, Daniel Hop­kins öffnet sich ein Bier. Plopp, noch eines für mich. Beck’s — die­ses Gün­ther Jauch unter den deut­schen Bieren.

Auf dem Holz­tisch steht ein Dut­zend wei­te­rer Fla­schen, dane­ben stiert der Hirsch vom Jägermeister-Etikett. Schnell also, bevor’s aus­ar­tet, ein Dutzend-Interview mit einem Dut­zend­sassa: Daniel Hop­kins, 34, Jour­na­list, PR-Manager, Social-Media-Experte, Vater, Osna­brü­cker, Rei­sen­der. Und „Extreme-Couch-Hopper“ — so steht’s auf sei­ner Web­seite.

1. Es ist 22 Uhr, ich bin auf Rei­sen und habe keine Ahnung, wo ich schla­fen soll. Ein Tipp vom Experten?

Daniel Hop­kins: Ich würde in die nächste Bar gehen und mit den Men­schen ins Gespräch kom­men. Du brauchst natür­lich eine gute Geschichte, aber wenn du die hast, dann wird irgend­wann einer sagen: Ach weißt du was, du kommst jetzt ein­fach mit zu mir.

2. Wo auf der Welt gibt es das schlech­teste Bier?

Hop­kins: Auf der Pazi­fik­in­sel Raro­tonga, ganz klar. Das war so abge­stan­den, dass es beim Öffnen nicht mal geploppt hat. Und geschmack­lich hatte das mit Bier über­haupt nichts zu tun.

3. Und das beste Bier?

Hop­kins: Also das Osna­brü­cker Pils ist schon sehr süf­fig und wirk­lich gut…

Puh, das glaubt er doch selbst nicht. Das welt­beste Bier aus Osna­brück? Und warum gibt’s dann hier Beck’s? Egal, Daniel Hop­kins ist gut drauf. Ein gebo­re­ner Erzäh­ler in Erzähllaune.

4. Das ekligste Essen auf dei­ner Reise?

Hop­kins: Das waren lebende Maden in Hong­kong. Ich wollte zu einer Halloween-Party in so einen Edel-Club, doch der Ein­tritt war sünd­haft teuer, umge­rech­net mehr als hun­dert Euro. Also habe ich dem Tür­ste­her vor­ge­schla­gen, dass ich zehn lebende Maden esse, wenn er mich für die Hälfte rein­lässt — und er hat Ja gesagt. Um ehr­lich zu sein: Die haben gar nicht so übel geschmeckt.

5. Wel­cher Ort dei­ner Reise war die größte Enttäuschung?

Hop­kins: Dakar im Sene­gal. Da bin ich von einer Gruppe Män­nern der­art bedrängt wor­den, dass ich laut um Hilfe schreien musste. Doch kaum war die Poli­zei weg, bin ich schon wie­der von denen ver­folgt worden.

6. Wel­cher Ort hat dich posi­tiv überrascht?

Hop­kins: Bra­si­lien. Da habe ich mich in die Stadt Rio de Janeiro ver­liebt — und in eine Frau. Sie war auch der Grund, warum ich nach mei­ner Reise für acht Monate nach Bra­si­lien gegan­gen bin.

Daniel Hop­kins hält inne, blickt einen Moment in die Däm­me­rung — und in die Ver­gan­gen­heit. Dann ein Seuf­zer, Plopp, neues Bier, tie­fer Beck’s-Schluck. Auch die Jägermeister-Gläser sind inzwi­schen nicht mehr unbe­nutzt. Daniel Hop­kins lehnt sich im Gar­ten­stuhl zurück, grinst. Wären da nicht die grauen Sträh­nen, er würde glatt als Stu­dent durch­ge­hen. Sieht so der moderne Glo­be­trot­ter aus? Ein Phi­leas Fogg 2.0? Zeit für Vorurteile.

7. Wel­ches Kli­schee hat sich auf dei­ner Reise bestätigt?

Hop­kins: Was man den Ame­ri­ka­nern immer nach­sagt: dass sie keine Ahnung haben, was außer­halb der USA pas­siert. Über­nach­tet habe ich dort bei zwei Stu­den­tin­nen. In deren Küche stand eine Mikro­welle nur mit zwei Knöp­fen — „Fleisch“ und „Pop­corn“. Das fand ich ziem­lich lus­tig, doch mein Lachen haben die Mäd­chen so inter­pre­tiert, dass wir in Deutsch­land ein der­ar­ti­ges High-Tech-Gerät gar nicht ken­nen. Also haben sie ange­fan­gen, mir zu erklä­ren, was man einer Mikro­welle alles Fan­tas­ti­sches anstel­len kann. Und das Beste war: Das Gerät stammte von Bosch, also von einer deut­schen Firma!

8. Und wel­ches Län­der­kli­schee lag kom­plett daneben?

Hop­kins: Das vom Über­wa­chungs­staat China. Ich hatte bereits bei der Visa-Anmeldung ange­ge­ben, dass ich Jour­na­list bin, und außer­dem Lap­top, Kamera und ande­res Equip­ment dabei. Des­halb habe ich damit gerech­net, dass ich an der Grenze stun­den­lang gefilzt werde. Doch aus­ge­rech­net China war das ein­zige Land, wo mein Hand­ge­päck über­haupt nicht kon­trol­liert wurde.

9. Gab es Erleb­nisse, bei denen du dich nicht getraust hast, sie in dei­nem Blog zu veröffentlichen?

Hop­kins: Ja, die gab es. Meh­rere sogar. Ich erzähle mal diese Geschichte: In Aus­tra­lien bin ich bei einer 40-jährigen Mut­ter und ihrem 20-jährigen Sohn unter­ge­kom­men. Es war mein 32. Geburts­tag und irgend­wann nach ein paar Bier sagt die Frau plötz­lich: Jetzt ist es Zeit für dein Geburts­tags­ge­schenk — und geht mir an die Wäsche. Den Rest der Geschichte lasse ich hier mal offen…

Zuge­ge­ben, ich hatte auf eine andere Geschichte gehofft, die Daniel Hop­kins zuvor im grö­ße­ren Kreis erzählt hat — nach der ers­ten Jäger­meis­ter­runde. Mit einem Hund und… ach egal: Das mit der Geburts­tags­über­ra­schung ist auch gut. Sex sells, sagt man doch so.

10. In einem Satz: Die Lehre dei­ner Reise?

Hop­kins: Die Welt ist gut, man wird fast über­all mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Und man sollte nicht immer das Schlechte in allem sehen.

Waren das jetzt nicht zwei Sätze? Sogar drei? Aber was soll’s: Daniel Hop­kins im Erzäh­len zu brem­sen ist so ein­fach wie in der Mon­go­lei ein ordent­li­ches Weiß­bier auf­zu­trei­ben. Aber warum auch? Die­ser Mann ist wie das ZDF-Auslandjournal, nur in lus­tig. Kom­men wir also — Plopp!, Plopp! — zum Schlussspurt.

11. Der her­un­ter­ge­kom­menste Schlaf­platz dei­ner Reise?

Hop­kins: Das war in Dar-es-Salaam in Tan­sa­nia. Da habe ich in einer klei­nen Hütte über­nach­tet mit einem Loch im Boden als Toi­lette. Außer­dem haben mich die ganze Nacht Mos­ki­tos gequält, sodass ich fast kein Auge zube­kom­men habe.

12. Was bliebe dies­mal daheim, wenn du noch ein­mal auf 80 Cou­ches durch die Welt rei­sen würdest?

Hop­kins: Mein Smart­phone! Das hat sich in Afrika irgend­wie auto­ma­tisch ins Inter­net ein­ge­wählt. Am Ende des Monats kam dann eine Rech­nung über 1200 Euro. Da wäre ein stink­nor­ma­les Handy bes­ser gewesen…

Er lacht! 1200 Euro in den Sand gesetzt — und er lacht. Herr­lich! Das neh­men wir als Schluss­satz, auch wenn an die­sem Abend in der Gar­ten­laube noch gefühlte vier Dut­zend Geschich­ten fol­gen wer­den — und genug Beck’s, um als Aus­rede zu gel­ten für die ein oder andere Unge­nau­ig­keit in die­sem Inter­view, für die ich mich an die­ser Stelle schon ein­mal entschuldige…

Immer auf der Suche nach einer Couch — mag sie auch noch so unkom­for­ta­bel sein.

Stär­kung auf der Reise: Daniel Hop­kins isst Vet­koek auf einem Markt in Johannesburg.

Ein Couch­sur­fer auf Abwe­gen: In Dubai näch­tigt Daniel Hop­kins im 39. Stock des luxu­riö­sen Juwel Tower.

In Bra­si­lien ver­liebt sich Daniel Hop­kins dop­pelt: in Rio de Janeiro und in Rita — der Grund, warum er danach für acht Monate nach Süd­ame­rika zurückkehrt.

Mai 3, 2012 - Schleswig-Holstein    4 Kommentare

Schnüsch ist kein Schweinebraten

Heißt es nun kor­rek­ter­weise Schnusch, Schnüsch oder gar Schnüüsch? Bei die­ser Frage gehen die Mei­nun­gen in der Region Angeln in Schleswig-Holstein aus­ein­an­der. Doch sicher ist: Die­ser Gemüse-Milch-Eintopf schmeckt vor­züg­lich und braucht sich trotz (oder wegen) sei­ner Fleisch­ar­mut vor kei­nem ande­ren Gericht auf mei­nem Spei­se­plan verstecken.

Über meine lange Suche nach Schnüsch habe ich bereits in mei­nem Blog berich­tet, wenig spä­ter folgte das Rezept. Das vege­ta­ri­sche Tri­um­vi­rat kom­plet­tiert nun meine wöchent­li­che Kolumne im Münch­ner Mer­kur, die sich eben­falls mit Schnüsch-Schnusch-Schnüüsch beschäftigt.

Lese­freund­li­cher gibt’s den Arti­kel auf der Merkur-Webseite; die dor­tige Landkreis-Redaktion berich­tet außer­dem regel­mä­ßig auf ihrer eige­nen Facebook-Seite.

Mai 1, 2012 - Reiseleben    7 Kommentare

Eine Halbzeit in 17 Bildern

So pünkt­lich ich die erste Hälfte mei­ner Reise hin­ter mich gebracht habe — exakt am 15. April, also nach 46 der ange­peil­ten 92 Tage, war ich in Schles­wig, dem nörd­lichs­ten Punkt mei­ner Route. So unpünkt­lich folgt nun eine kleine Zwi­schen­bi­lanz in Bil­dern — zwei Wochen nach dem Halbzeitpfiff.

Obwohl Bilanz eigent­lich das fal­sche Wort ist: Viel­mehr han­delt es sich bei fol­gen­den Fotos um Bemer­kens­wer­tes, Bedenk­li­ches und Kurio­ses, das mir auf mei­ner Reise vor die Linse gelau­fen ist — abge­se­hen von den  Sehens­wür­dig­kei­ten, Men­schen und vor allem Gerich­ten, um die es sonst an die­ser Stelle geht.

Ein Rück­blick in 17 Fotos:

1nurnberg

Zünf­tige Madl und ker­nige Bur­schen sucht man im tra­di­tio­nel­len Brat­wurst­häusle in Nürn­berg ver­ge­bens. Dort ste­hen Asia­ten am Grill und brut­zeln die bekann­tes­ten Würste der Stadt.

2altenburg

Um nicht fal­sche Kli­schees zu bedie­nen: Die­ses arg ram­po­nierte Gefährt in Alten­burg war nahezu der ein­zige Trabbi, der mir im Osten über den Weg gefah­ren ist.

3cottbus

Cott­bus ist die größte zwei­spra­chige Stadt der Bun­des­re­pu­blik. Nahezu alle Stra­ßen­na­men sind sowohl auf Deutsch als auch auf Sor­bisch angeschrieben.

4berlin

Wir Bay­ern haben der Welt Bre­zen, Bier und Lothar Mat­thäus geschenkt. Doch man­ches hät­ten wir bes­ser für uns behal­ten — etwa eine Köst­lich­keit namens Leber­käse. So jedoch musste ich im Ber­li­ner Bahn­hof Fried­richs­straße die­sen Imbiss ent­de­cken, des­sen rosa-labbrige Fleisch­stü­cke kaum mehr etwas mit dem lecke­ren Ori­gi­nal zu tun haben.

5berlin

Ach ja, auch einen „Spätzle Express“ gibt’s in der Haupt­stadt der kuli­na­ri­schen Irrun­gen. Ein Glück habe ich mich in Ber­lin auf Döner­bu­den beschränkt… (siehe: http://deutschland-isst.info/2012/03/20/drei-tage-doner-en-masse/)

6magdeburg+

Mag­de­burg ist die Otto-Stadt: Zum einen wegen Otto dem Gro­ßen (912−973), der dort über­all Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Zum ande­ren wegen Otto von Gueri­cke, laut Wiki­pe­dia „Poli­ti­ker, Jurist, Natur­wis­sen­schaft­ler, Phy­si­ker, Tier­arzt, Erfin­der und auch Bür­ger­meis­ter“. Sein wohl wich­tigs­ter Ver­dienst ist die Begrün­dung der Vaku­um­tech­nik, die er mit einem spek­ta­ku­lä­ren Ver­such mit zwei Halb­ku­geln der Öffent­lich­keit demons­trierte. Daran erin­nert die­ses Bildnis.

7schwerin

In Schwe­rin droht dem Thea­ter ein radi­ka­ler Spar­kurs. Dage­gen wehrt sich die Stadt: Einen Tag vor mei­nem Besuch gin­gen 3000 Men­schen auf die Straße — angeb­lich die größte Demons­tra­tion, die es dort je gege­ben hat.

8schwerin

Fast schon phi­lo­so­phisch — gese­hen auf dem Mede­we­ge­hof in Schwerin.

9luebeck

Ihr merkt: Wir sind bei den Lebens­weis­hei­ten ange­langt. Diese hier aus Lübeck gefällt mir allein schon wegen ihrer Simplizität.

10luebeck

Ein­mal ins Fege­feuer, bitte.“ Auch das gibt’s in Lübeck.

11kiel

Blick auf den Strand von Laboe an der Kie­ler Förde. Im Hin­ter­grund schip­pert ein Last­kahn vorbei.

12eckernfoerde

In der Räu­che­rei Reh­behn & Kruse in Eckern­förde wer­den die Kie­ler Sprot­ten ein­zeln auf­ge­spießt, ehe es in die Räu­cher­kam­mer geht.

13schleswig

Alle reden über die Pira­ten — dabei gibt es schon eine hydro­phile Par­tei: Die Mari­time Union Deutsch­land wirbt um Stim­men bei der Land­tags­wahl in Schleswig-Holstein.

14flensburg

Fuck the Recht­schrei­bung! — in Flensburg.

15stpauli

Im Ham­bur­ger Sün­den­pfuhl von St. Pauli steht in unmit­tel­ba­rer Nähe zur Ree­per­bahn ein Klos­ter. Darin leben tat­säch­lich noch eine Hand­voll Non­nen, deren Leit­spruch wohl im Kon­text der unmit­tel­ba­ren Umge­bung zu sehen ist.

16.stpauli

Eben­falls in St. Pauli: die Pfand­kiste. Eine kluge Idee, getreu dem Motto die­ses außer­ge­wöhn­lich span­nen­den Vier­tels: do it your­self. Will hei­ßen: Wenn dir etwas in dei­ner Umge­bung nicht passt, dann jam­mere nicht, son­dern ändere es. Selbst.

17stpüauli

Und ein letz­tes Foto aus St. Pauli: die Ree­per­bahn. Der ein­zig mir bekannte Ort, wo die Ampeln für Fuß­gän­ger deut­lich grö­ßer sind als jene für Autos. Hin­ter­grund sind die Mas­sen von Be– bis Voll­trun­ke­nen, die hier am Wochen­ende dem Alko­hol­kon­sum frönen.

Zünftige Madl und kernige Burschen sucht man im traditionellen Bratwursthäusle in Nürnberg vergebens. Dort stehen Asiaten am Grill und brutzeln die bekanntesten Würste der Stadt.Um nicht falsche Klischees zu bedienen: Dieses arg ramponierte Gefährt in Altenburg war nahezu der einzige Trabbi, der mir im Osten über den Weg gefahren ist.Cottbus ist die größte zweisprachige Stadt der Bundesrepublik. Nahezu alle Straßennamen sind sowohl auf Deutsch als auch auf Sorbisch angeschrieben.Wir Bayern haben der Welt Brezen, Bier und Lothar Matthäus geschenkt. Doch manches hätten wir besser für uns behalten - etwa eine Köstlichkeit namens Leberkäse. So jedoch musste ich im Berliner Bahnhof Friedrichsstraße diesen Imbiss entdecken, dessen rosa-labbrige Fleischstücke kaum mehr etwas mit dem leckeren Original zu tun haben.Ach ja, auch einen "Spätzle Express" gibt's in der Hauptstadt der kulinarischen Irrungen. Ein Glück habe ich mich in Berlin auf Dönerbuden beschränkt... (siehe: http://deutschland-isst.info/2012/03/20/drei-tage-doner-en-masse/)Magdeburg ist die Otto-Stadt: Zum einen wegen Otto dem Großen (912-973), der dort überall Spuren hinterlassen hat. Zum anderen wegen Otto von Guericke, laut Wikipedia "Politiker, Jurist, Naturwissenschaftler, Physiker, Tierarzt, Erfinder und auch Bürgermeister". Sein wohl wichtigster Verdienst ist die Begründung der Vakuumtechnik, die er mit einem spektakulären Versuch mit zwei Halbkugeln der Öffentlichkeit demonstrierte. Daran erinnert dieses Bildnis.In Schwerin droht dem Theater ein radikaler Sparkurs. Dagegen wehrt sich die Stadt: Einen Tag vor meinem Besuch gingen 3000 Menschen auf die Straße - angeblich die größte Demonstration, die es dort je gegeben hat.Fast schon philosophisch - gesehen auf dem Medewegehof in Schwerin.Ihr merkt: Wir sind bei den Lebensweisheiten angelangt. Diese hier aus Lübeck gefällt mir allein schon wegen ihrer Simplizität."Einmal ins Fegefeuer, bitte." Auch das gibt's in Lübeck.Blick auf den Strand von Laboe an der Kieler Förde. Im Hintergrund schippert ein Lastkahn vorbei.In der Räucherei Rehbehn & Kruse in Eckernförde werden die Kieler Sprotten einzeln aufgespießt, ehe es in die Räucherkammer geht.Alle reden über die Piraten - dabei gibt es schon eine hydrophile Partei: Die Maritime Union Deutschland wirbt um Stimmen bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein.Fuck the Rechtschreibung! - in Flensburg.Im Hamburger Sündenpfuhl von St. Pauli steht in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn ein Kloster. Darin leben tatsächlich noch eine Handvoll Nonnen, deren Leitspruch wohl im Kontext der unmittelbaren Umgebung zu sehen ist.Ebenfalls in St. Pauli: die Pfandkiste. Eine kluge Idee, getreu dem Motto dieses außergewöhnlich spannenden Viertels: do it yourself. Will heißen: Wenn dir etwas in deiner Umgebung nicht passt, dann jammere nicht, sondern ändere es. Selbst.Und ein letztes Foto aus St. Pauli: die Reeperbahn. Der einzig mir bekannte Ort, wo die Ampeln für Fußgänger deutlich größer sind als jene für Autos. Hintergrund sind die Massen von Be- bis Volltrunkenen, die hier am Wochenende dem Alkoholkonsum frönen.
Apr 28, 2012 - Bremen, Rezepte    Kein Kommentar

Der doppelte Pinkel

Im gar­ten­ei­ge­nen Ofen räu­chert mein Couchsurfing-Gastgeber Tors­ten Forel­len und Lachs.

Die Zeit für Kohl und Pin­kel ist vor­bei; spä­tes­tens Ende März kommt die­ses Win­ter­ge­richt in Nord­deutsch­land letzt­mals auf die Tel­ler. Eigent­lich. Und so dürfte an die­ser Stelle auch kein Rezept für Kohl und Pin­kel ste­hen. Eigent­lich. Tat­säch­lich aber kann ich gleich mit zwei Rezep­ten für das Tra­di­ti­ons­ge­richt auf­war­ten. Warum? Hierzu ein Erklä­rungs­ver­such in zwei Akten.

Rezept Num­mer eins ist die klas­si­sche Zube­rei­tung für Kohl und Pin­kel — und pas­sen­der­weise komme ich daran auf klas­si­schem Wege. Denn wie so oft auf mei­ner Reise frage ich vor mei­nem Besuch in Bre­men bei Lokal­zei­tung, regio­na­lem TV-Sender und Tou­ris­mus­büro an, ob sie nicht einen geeig­ne­ten Gesprächs­part­ner für mich wüss­ten. Der Tipp kommt dies­mal von Radio Bre­men: Hen­ning Lühr, im Haupt­be­ruf Staats­rat für Finan­zen in der Han­se­stadt, ist lei­den­schaft­li­cher Hob­by­koch und hat sogar ein Buch über Kohl und Pin­kel veröffentlicht.

Drei Tage spä­ter emp­fängt mich Lühr in sei­ner schnie­ken Alt­bau­woh­nung in der Bre­mer Innen­stadt. Soeben hat er im Weser­sta­dion mit anse­hen müs­sen, wie eine B-Elf des FC Bay­ern seine Bre­mer 2:1 besiegt hat — den­noch tritt er dem Gast aus Mün­chen aus­ge­spro­chen freund­lich gegen­über. Fast eine Stunde plau­dern wir über Kohl und Pin­kel, die Tra­di­tion der Kohl-und-Pinkel-Fahrten sowie sein Buch, das nicht nur reich­lich Infor­ma­tio­nen rund um Grün­kohl ent­hält, son­dern auch 50 Rezepte aus 27 Län­dern. Dar­un­ter natür­lich auch die Bre­mer Vari­ante, wo der Grün­kohl wegen sei­ner Farbe Braun­kohl heißt. Ach ja, für alle Süd­deut­schen: Pin­kel ist übri­gens eine geräu­cherte Grütz­wurst, also Bauch­speck vom Schwein mit Hafer­grütze, Zwie­beln und Gewür­zen im Darm — das hätte ich schon frü­her erwäh­nen sollen.

Doch kom­men wir zu Geschichte und Rezept Num­mer zwei — jenen Kohl & Pin­kel, den ich trotz mei­nes zu spä­ten Besuchs noch selbst pro­bie­ren darf.

Wie bis­lang fast immer auf mei­ner Deutsch­land­tour komme ich auch in Bre­men bei Couch­sur­fern unter. Über die Vor­teile die­ser Art des Rei­sens habe ich in mei­nem Blog aus­gie­big berich­tet. Doch Kers­tin und Tors­ten Peters, meine Gast­ge­ber in Bre­men, sind sogar für Couchsurfing-Maßstäbe außer­ge­wöhn­lich gast­freund­lich. So habe ich nach mei­ner Ankunft kaum den Ruck­sack abge­streift, da steht auch schon ein damp­fen­der Topf mit Grün­kohl auf dem Tisch, dane­ben eine mäch­tige Platte mit getürm­ten Kas­s­ler, Pin­kel– und Kohl­würs­ten sowie Kar­tof­feln. „Kers­tin hat tat­säch­lich noch alle Zuta­ten bekom­men“, sagt der gelernte Koch Tors­ten, des­sen Liebe zum Essen es mit der mei­ni­gen auf­neh­men kann. „Das ist Kohl und Pin­kel auf Peters’sche Art.“

Seine letz­ten Worte gehen in mei­nen ani­ma­li­schen Lau­ten der Begeis­te­rung unter. Oder zumin­dest wür­den sie das, hätte nicht ein was­ser­fall­ar­ti­ger Spei­chel­fluss mir das Spre­chen unmög­lich gemacht. Aus­ge­zehrt von der Reise schau­fele ich Fleisch, Würste, Kar­tof­feln und Kohl in mei­nen Mund, spüle es mit einem Bre­mer Hermelinger-Bier hin­un­ter und fühle mich im sieb­ten Kalo­ri­en­him­mel. Ver­weile Geschmack, du bist so schön!

Doch es kommt noch bes­ser: Nach die­sem Fest­mahl fol­gen drei herr­lich ent­spannte Tage in dem idyl­li­schen Schre­ber­gar­ten­häus­chen im Bre­mer Wes­ten. Tors­ten räu­chert Forel­len und Lachs im eige­nen Ofen, Freunde kom­men vor­bei, und wir sit­zen bis abends im Gar­ten zusam­men. Tags dar­auf schwinge ich den Koch­löf­fel und setzte mei­nen Gast­ge­bern eine Hähn­chen­pfanne mit Cous­cous vor. Zuvor führt mich Tors­ten durch die Bre­mer Alt­stadt und zeigt mir eine Reihe von Sehens­wür­dig­kei­ten — von Dom bis Stadt­mu­si­kan­ten, vom alten Gän­ge­vier­tel Schnoor bis zur präch­ti­gen Böttcherstraße.

Doch so beein­dru­ckend diese Tou­ris­ten­at­trak­tio­nen auch sind — für mich wird Bre­men immer etwas ande­res blei­ben: der Gedanke an das Häus­chen im Grü­nen, an den Abend am Lager­feuer mit einem küh­len Her­me­lin­ger in der Hand, an die gren­zen­lose Gast­freund­schaft von Kers­tin und Tors­ten — und natür­lich an Kohl & Pin­kel auf Peters’sche Art.

 

Zum Nach­ko­chen (11): Bre­mer Braun­kohl mit Pinkel

(Das Rezept stammt aus dem Buch Inter­na­tio­na­les Grün­kohl Koch­buch von Hen­ning Lühr und Jan Jan­ning. Ich ver­öf­fent­li­che es hier mit der freund­li­chen Geneh­mi­gung von Hen­ning Lühr)

Zuta­ten:

  • 3 Kilo Braun­kohl (0,5 Kilo ist der Richt­wert für gute Esser)
  • 1 Kilo Kartoffeln
  • 40 Gramm Schweineschmalz
  • 6 Kohl­würste
  • 7 Pin­kel­würste
  • 800 Gramm Schweinespeck
  • 800 Gramm Kassler
  • 40 Gramm Hafergrütze
  • 5 Zwie­beln
  • 2 Zehen Knoblauch
  • Salz, Pfef­fer, Piment

Zube­rei­tung:

  1. Kohl put­zen, waschen, abtrop­fen lassen
  2. Schwei­ne­schmalz in gro­ßem Topf erhit­zen. Zwie­beln hacken und im Schmalz dünsten
  3. Etwas Was­ser beige­ben. Braun­kohl in vier Etap­pen hin­zu­ge­ben und einkochen
  4. Hafer­grütze im hei­ßen Was­ser auf­quel­len las­sen und dem Braun­kohl zuge­ben. Eine Pin­kel­wurst ent­häu­ten und mit dem Kohl garen
  5. Schwei­nes­peck in Topf geben, und Braun­kohl rund zwei Stun­den bei mitt­le­rer Hitze köcheln
  6. Eine Mes­ser­spitze Piment sowie zwei aus­ge­drückte Knob­lauch­ze­hen zugeben
  7. Etwa eine Stunde vor dem Ser­vie­ren Würste und Kas­s­ler auf den Kohl legen und bei geschlos­se­nem Topf garen
  8. Kar­tof­feln wahl­weise als Brat­kar­tof­feln mit Speck und Zwie­beln, Koch­kar­tof­feln oder kara­mel­li­sierte (Brat-)Kartoffeln zube­rei­ten und zum def­ti­gen Koh­les­sen servieren.

Guten Appe­tit!

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Das „Inter­na­tio­nale Grün­kohl Koch­buch“ umfasst 50 Rezepte aus 27 Ländern

 

Zum Nach­ko­chen (12): Kohl und Pin­kel auf Peters’sche Art

(Tors­ten: „Das Rich­tige, wenn es schnell und ein­fach gehen soll — und es kei­nen fri­schen Grün­kohl gibt“)

Zuta­ten:

  • Grie­ben­schmalz
  • Zwie­beln
  • Grün­kohl aus dem Glas (vor­ge­gart, nicht küchenfertig)
  • Kas­s­ler­na­cken
  • Pin­kel­würste
  • Kohl­würste
  • Geräu­cher­ter Schweinebauch
  • Pfef­fer, Piment
  • Kar­tof­feln

Zube­rei­tung:

  1. Zwie­beln mit Grie­ben­schmalz in einem Topf gla­sig schwitzen
  2. Kohl aus dem Glas mit dem Kohl­was­ser hinzugeben
  3. Kas­s­ler, Würste und Schwei­ne­bauch auf den Kohl legen, sodass alles im Kohl­was­ser liegt
  4. Bei mitt­le­rer Hitze zwei Stun­den köcheln lassen
  5. Fleisch aus dem Topf neh­men und auf einer Platte anrich­ten; zwei Pin­kel ent­häu­ten und unter den Kohl rühren
  6. Mit Pfef­fer und Piment abschmecken
  7. Kohl mit dem Fleisch und Salz­kar­tof­feln servieren

Guten Appe­tit!

Kohl und Pin­kel nach Peters’scher Art.